Werden wir allmählich kulturelle Neandertaler?

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März 062010
 

Beim Warten auf das Flugzeug las ich vorgestern das Buch „Die Frau mit dem roten Tuch“. Es geht um das Wiederfinden, entfaltet im E-Mail-Austausch zweier Liebender. Ich zitiere aus einer E-mail der schreibenden Frau, Solrun:

„Wir leben heute nur in einer durch und durch materialistischen Kultur, die den Kontakt mit dem Geistigen fast vollständig abgeschnitten hat – vom Jenseitigen ganz zu schweigen. Aber lies Shakespeare, lies die isländischen Sagas, wirf noch einmal einen Blick in die Bibel oder Homer. Oder hör dir an, was die verschiedensten Kulturen von ihren Schamanen und Ahnen erzählen.“

Nun, als Deutscher und als Kreuzberger würde ich der Aufstellung der wiederzulesenden Werke natürlich noch Goethe und den Koran hinzufügen. Aber im Kern hat Solruns Klage vieles für sich: Wir drohen uns abzuschneiden von wichtigen Strömen der europäischen Überlieferung. Wird es uns mit Kant, Goethe und Heine so ergehen wie den Griechen, die ihre Tragödien vollständig einbüßten mitsamt der Sprache – so dass wir Spätlinge heute mit größter Mühe daran arbeiten, sie wieder zu verstehen?

In der Düsseldorfer Neanderkirche entdeckte ich diese Gedenkplatte für  den Dichter Joachim Neander (1650-1680):

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Mir schießen seine Verse aus seinem Lied „Der Lobende“ durch den Sinn:

„Lobe den Herren, der deinen Stand sichtbar gesegnet,
Der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet“

Wer versteht so eine Sprache heute noch? Die Menschen, die den Koran studieren, ganz sicher! Man lese nur etwa Sure 2, 212: „Und Gott beschert den Lebensunterhalt, wem Er will, ohne zu rechnen.“

Aber die anderen?

Nebenbei: Das Neandertal, nach dem der Neandertaler benannt ist, heißt nach dem Dichter Joachim Neander so. Er ging oft in diese schaurige Einsamkeit und gab sich dort seinen Empfindungen hin.

Lesehinweis:
Jostein Gaarder: Die Frau mit dem Tuch. Roman. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Carl Hanser Verlag, München 2010, hier S. 36

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März 062010
 

Interessante Berichte bringen heute einige Zeitungen über eine Lesung, die die am Ende der DDR auflagenstärkste Tageszeitung  junge welt veranstaltet hat. Ehemalige Offiziere der Staatssicherheit durften ihre recht eigentümliche Version der Dinge darstellen. In Treuen fest! Weniger unbehelligt lief der Abend für einige Zuhörer ab. Das berichtet der Berliner Kurier heute auf S. 9:

Berliner Kurier – Vera Lengsfeld von Alt-Kadern attackiert
Die unfeinen Stasi-Herren und ihre Knechte. Wieder einmal haben sie ihr wahres Gesicht gezeigt: Auf einer Veranstaltung bepöbelten sie die Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld und drohten ihr Gewalt an.

Ich meine: Wer pöbelt und rumschreit, hat etwas zu verbergen. Einschüchterungen, Gewaltandrohungen, zersetzende Gerüchte – das schaffen die alten, die ewigjungen Stasi-Diener weiterhin mühelos. Man sollte sie dabei behelligen – durch ruhige Worte, durch Aufklärung. So wie dies etwa Vera Lengsfeld macht.

Gut auch, dass sie sagt: „Ich war nie ein Opfer – ich war im Widerstand!“ Keine Selbstviktimisierung – wie dies heute so viele machen. Das gefällt mir.

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Lerne und arbeite!

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März 052010
 

03032010.jpg „Wer nicht einsieht, dass er selbst verantwortlich ist für sein Fortkommen, muss gehen. Das ist hart, muss aber sein, weil Nachlässigkeit ansteckend ist.“

Ein strenges Ethos der Pflichterfüllung vertritt glaubwürdig der Leiter des „Bildungswerks“ in Kreuzberg.  Sein Name: Nihat Sorgeç. Darüber berichtete Regina Mönch gestern in der FAZ auf S. 8. Unbedingt lesenswert! Ich las den Artikel beim Landeanflug auf Berlin-Tegel zur Einstimmung auf meine nette Stadt.

Fördermaßnahmen, Projekte und Integrationsprogramme – sie kosten Bund und Länder im Jahr zweieinhalb Milliarden Euro, dazu kommen noch die Kosten der Kommunen für gescheiterte Schulkarrieren, abgebrochene Ausbildungsgänge.  Die vielen Lebensläufe, die nicht aus der Sozialhilfe herausführen, dürften nicht am mangelnden Geld scheitern, sondern am Fehlen dessen, was Nihat Sorgeç seinen Schützlingen NACH ihrer normalen Schulzeit erst mühsam beibringen muss: Pünktlichkeit, Sprachkenntnisse, Geduld, Sorgfalt, Gehorsam vor der Autorität des Lehrers.

Das stimmt in der Tat überein mit meinen eigenen Beobachtungen: an diesen drei oder vier Voraussetzungen fehlt es häufig. Wenn alle Schüler diese Grundtugenden von zuhause mitbrächten – ergänzt um Höflichkeit –  dann könnten wir ganz anders loslegen. Wir – die neuen Deutschen. Wir könnten uns vermutlich einen großen Teil der endlosen schulpolitischen Dauerdiskussionen sparen. Wir könnten uns die zweite Lehrkraft im Klassenzimmer sparen, die auf die Schüler aufpassen soll.

Nihat Sorgeç selbst hat es vorgemacht: arbeitete in der Türkei von früh bis spät, kam mit 15 Jahren nach Deutschland ohne ein Wort Deutsch, lernte Deutsch durch Lesen von Büchern, schaffte den Hauptschulabschluss. Arbeitete und lernte von früh bis spät. Ein Vorbild, dem kaum jemand das Wasser reichen kann.

Lerne und arbeite!

Unser Bild zeigt eine Düsseldorfer Filiale der İŞBANK und das Restaurant Da Bruno. Dort aß ich vorgestern vortrefflich zu Mittag: Tagessuppe und dann Fisch vom Grill, dazu eine Apfelschorle.

Briefe an die Herausgeber – Politik – FAZ.NET

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März 052010
 

04032010007.jpg  „Arbeiten, arbeiten, an Gewohnheiten rütteln … “ – im Flieger zurück von Düsseldorf nach Berlin las ich gestern die Paris Match, vor allem natürlich das Exklusiv-Interview mit dem russischen Präsidenten Medwedew, S. 56-63. Als Mittel gegen die von ihm selbst offen angeprangerten Missstände in Russland – wirtschaftlicher Rückstand, jahrhundertelang eingewurzelte Korruption, blinde Autoritätshörigkeit – empfiehlt er Anstrengung und Fleiß, daneben die Abkehr von verfestigten schlechten Gewohnheiten. Beachtlich! Zumal er die Probleme im Kaukasus, die Menschenrechtsfragen nicht als Negativpropaganda des Westens beiseitewischt, sondern offen einräumt: „Mais ces problèmes existent vraiment, il faut s’en occuper.“

Exclusif. Dmitri Medvedev nous reçoit dans sa datcha – Exclusif. Dmitri Medvedev président de la Russie reçoit Paris Match – ParisMatch.com

Hervorzuheben ferner: Der russische Präsident sucht ausdrücklich die kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen Frankreich und Russland, betont das Verbindende: „Les Champs-Elysées, les lumières, les petits restos, l’atmosphère … c’est une grande émotion!“

Neben die alten Tugenden Fleiß, Verantwortung, kritisches Hinterfragen von Traditionen rückt er also die Besinnung auf gemeinsame europäische Kultur. Und auch auf das Christentum, diesmal in orthodoxer Variante. Man studiere die Bilder genau! Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass dieses Interview sehr genau durchgesehen wurde, dass jedes Bild auf Stimmigkeit und Aussagekraft überprüft wurde. Es wäre reizvoll, die russischen Herrscherporträts, die wir am 06.01.2009 in diesem Blog vorstellten (darunter Katharina II.), mit dieser Bilderstrecke in der Paris Match Nr. 3171 zu vergleichen!

„Viele Russen sehnen sich nach der Sowjetzeit zurück, nach der staatsversorgten Daseinsform, ohne Zukunftsangst. Teilen Sie dieses Gefühl?“ So die Frage an Medwedew.

Die Antwort Medwedews  halte ich für ein Musterbeispiel von politischer Klugheit. Man bedenke, dass ihm die Veteranenverbände gerade jetzt heftige Vorwürfe machen, weil er Stalin als einen Verbrecher bezeichnet hat! Was konnte er also auf dieses heikle Frage antworten?

Urteilt selbst! Ich meine, die Antwort Medwedews ließe sich sogar auf deutsch-deutsche Befindlichkeiten übertragen. Deshalb sei die Antwort hier widergegeben:

„Ja, das ist normal. Ich bin in der UDSSR geboren und aufgewachsen. Das sind meine Kindheitserinnerungen. Doch gilt es hier Gefühl und Vernunft einzubeziehen. Die damalige Gesellschaft, ihre Grundsätze, ihr Funktionieren sind weit entfernt von dem, was ich für erstrebenswert halte. Sicherlich, es gab gute Seiten. Aber grundsätzlich möchte ich mich nicht in einem solchen Zusammenhang wiederfinden.“

Unser Bild zeigt die Rheinpromenade in Düsseldorf, mit Blickrichtung auf das von Heinrich Heine so gelobte Frankreich.

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März 052010
 

Ein wahrer Schwall an Absichtsbekundungen gehört unvermeidlich zu den Begleiterscheinungen jedes großen, jedes überragenden Themas. Und eins dieser großen, vielleicht sogar DAS überragende Thema ist die Frage der Selbstreproduktion einer Gesellschaft. Wie schaffen wir Zukunft? Wie kehren wir das bereits jetzt stattfindende Auseinanderfallen der nachwachsenden Generation in ein Zusammenwachsen um?

Einer der sachkundigsten Soziologen zu diesem Thema ist der 1949 in Beirut geborene, im Libanon aufgewachsene Ralph Ghadban. Am 26.02.2008 hielt er in Essen einen Vortrag zur Frage: „Sind die Libanon-Flüchtlinge noch zu integrieren?“  Hier ist er nachzulesen:

die-libanon-fluchtlinge2.pdf (application/pdf-Objekt)

Ghadban zieht nach einer sehr genauen Analyse der Herkunftstraditionen eine schonungslose Bilanz: Enge Stammesverhältnisse und ein sektiererisches Islamverständnis führen nach seiner Einschätzung zu einer „kompakten Solidarität“, die ihrerseits wiederum das Entstehen krimineller Netze begünstigt.

Was ist zu tun?

„Jede Investition in die Sozialarbeit rentiert sich langfristig.“ Der Vf. schlägt gezielte Repression der in dieser Gruppe exorbitant hohen Kriminalität, auch durch Abschiebung, enge Kooperation verschiedener Behörden, aber auch „Zwangsintegration“ vor.

„Man muss die Gruppe zwingen, arbeiten zu gehen und bei mangelnder Bereitschaft die Sozialhilfe kürzen. Das ist inzwischen möglich, wird aber nicht konsequent umgesetzt.“

Letzte Forderung: Die Ganztagsschule. Eine Stärkung der Schule gegenüber den Familien hält Ghadban für unerlässlich. Zu diesem Zweck empfiehlt er nachdrücklich die Ganztagsschule.

Der Vortrag Ghadbans stimmt mich sehr nachdenklich.  Die einzelnen Feststellungen kann ich selbstverständlich nicht nachprüfen. Aber ihre Erklärungskraft ist erheblich. Ich kenne keine Analyse, die ihm widerspräche.

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März 052010
 

04032010006.jpg Unser gestern aufgenommenes Bild zeigt einen Fluss, eine Brücke, einen Turm. Leben ist Aufbruch. Leben ist ein „Über-den-Fluss-Gehen“. Leben ist ständiger Wandel! Wo kein Wandel stattfindet, zieht Muff und Schimmel ein.

Die Sozialwohnungen an der Schöneberger Straße in Kreuzberg sind der späte Musterfall eines Berliner Sozialghettos, vergleichbar der bundesweit bekannten, klassischen Schöneberger Pallassiedlung. Auch wenn’s bei uns in Kreuzberg-West viel hübscher und IBA-würdiger zugeht. Das ergeben meine Gespräche mit Nachbarn, Freunden, Bekannten immer wieder. Hier haben sich extrem abgeschlossene Milieus gebildet, aus denen ein Ausstieg oder Aufstieg kaum möglich ist.

Eine komplette Umstrukturierung der Mieterschaft ist das Beste, was diesen Menschen selbst, diesem Fanny-Hensel-Kiez und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern geschen kann. Manche sollten wegziehen, manche sollten zuziehen, vorzugsweise selbstverdienende Menschen ohne Arabisch-, aber mit guten Deutschkenntnissen. Das hat nichts mit „Vertreibung“ zu tun. Das Wort Vertreibung ist in diesem Zusammenhang grotesker Unfug. Jeder, der die Zuzugsgeschichte der Menschen im Fanny-Hensel-Quartier kennt, wird beim Wort „Vertreibung“ nur den Kopf schütteln können.

Alle sollten dann dahin ziehen, wo für sie etwas Neues erkennbar ist. Durch eigene Arbeit, durch eigene Anstrengungen sollen sich die Menschen etwas aufbauen. In welcher Gegend? In Berlin? In Beirut, in Düsseldorf? In welchem Land? Das sollen sie selbst entscheiden! Da, wo sie sich am wohlsten fühlen, da, wo sie durch eigene Anstrengungen etwas beisteuern können zum Glück ihrer Kinder, zu ihrem eigenen Glück.

Natürlich: Wieder drücken allerlei selbsternannte Interessenvertreter die Tränendrüsen, sprechen von sozialer Kälte, von „Unsozialem Wohnungsbau“. So ein Artikel in der Jungen Welt vom 01.03.2010. So auch der Artikel auf S. 8 im neuesten MieterMagazin des Berliner Mietervereins, dessen Mitglied ich bin.

Die Berichte der Journalisten zeugen wieder und wieder von einer gewissen Unbekanntschaft mit der Lage vor Ort. Ich kann mir das nur so erklären, dass sie keine direkten Kontakte zu Betroffenen aufgebaut haben, etwa weil die Journalisten keine Arabischkenntnisse haben und deshalb nicht an die richtigen Informationen herankommen.

Hier ergeht nun mein Ruf an die Stadtentwicklungssenatorin: Frau Junge-Reyer, bleiben Sie hart! Sie tun durch Härte den vermeintlich „vertriebenen“ Menschen etwas Gutes.

01.03.2010: Seht, wo ihr bleibt (Tageszeitung junge Welt)
Zwar lassen die von der Koalition 2007 verabschiedeten »Verwaltungsvorschriften über die Gewährung von Mietausgleich und Umzugskostenhilfe für vom Wegfall der Anschlußförderung betroffene Mieter im Sozialen Wohnungsbau« so etwas zu. Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) lehnt die Unterstützung mit Verweis auf den »entspannten Wohnungsmarkt« jedoch kategorisch ab. Lediglich Umzugshilfen in Ausnahmefällen kämen nach Einzelfallprüfung in Betracht. Der Berliner Mieterverein sieht angesichts der Rechtslage für die überwiegend sozial schwachen Familien keine Alternative zum Auszug.

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„Ich kenne deine Leber“

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März 042010
 

In Kreuzberg-West sind in den letzten Monaten viele kleine Läden gestorben – darunter auch der des türkischen Gemüsehändlers um die Ecke, mit dem ich ab und zu türkische und deutsche Sprichwörter austauschte.

Beispiel: „Ich kenne deine Leber“ – was bedeutet dieses türkische Sprichwort? Antwort: „Ich kenne dich in- und auswendig.“

An die Stelle der kleinen Läden sind die großen Supermärkte getreten. Dort kann man mit dem Auto bequeme Großeinkäufe erledigen, nachdem man mit dem Auto das Kind in die Kita oder in die Grundschule gebracht hat. Platz zum Parken ist reichlich geschaffen worden.

Die deutsche Rechtschreibung sollte jeder Schulabgänger wie seine Leber kennen. Was sagt ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, zu den Satzzeichen in folgendem amtlichem Text?

Hinweis: Sowohl nach der alten wie nach der neuen Rechtschreibung enthält die Abstimmungsfrage des Bürgerentscheides in Lichtenberg zwei, gelinde gesagt, auffällige Satzzeichen.

Zwei Mal Nein in einem Satz – Berliner Zeitung
„Stimmen Sie für das Ersuchen an das Bezirksamt, in Abänderung der bisherigen Beschlusslage, das eingeleitete Verfahren zur Aufstellung des Bebauungsplans 11-43 nicht fortzuführen, durch welches die Ansiedlung eines Globus-SB-Warenhauses an der Landsberger Allee 360/362 verhindert wird.“

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März 032010
 

Diesen Satz sprach der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet bei seiner Berliner Lesung kürzlich aus. Er hatte mich schon beim ersten Lesen des Buches stark berührt. Warum? Das öffentliche Eingeständnis von eigenen schweren, fortgesetzten Fehlern ist der Nährboden für die Besserung, die Heilung eines politischen Übels.

Dies galt natürlich besonders für die Neugründung des Jahres 1949, die Bundesrepublik Deutschland. Es gilt auch für den Neuansatz in der Integrationspolitik, die „dritte deutsche Einheit“, wie das Laschet nennt.

„SIE HABEN SICH VERSÜNDIGT.“ Solche Sätze hört man immer wieder, wenn über die Berliner Landespolitik gestritten wird. Sie gefallen mir nicht. Ich meine vielmehr: Man sollte jede Gelegenheit nutzen, mit den Berliner Politikerinnen und Politikern zu sprechen, die noch in den 80-er Jahren des vorigen Jahrhunderts ihr goldenes Handwerk erlernt haben. Oft geraten sie dabei ins Schwärmen über vergangene Erfolge. „Ja, das waren noch Zeiten!“ Man kannte sich quer durch alle Parteien, man zankte sich nach außen hin, man haute sich in die Pfanne und trank miteinander.

Das ABC der Verteilungspolitik konnte man nirgendwie so gut erlernen wie in der alten West-Berliner Politik.

Was aussteht, ist ein umfassender Rechenschaftsbericht, ein öffentliches Eingeständnis eigener Fehler derjenigen Politiker, die schon damals mitgemischt haben und die damals ihr Handwerk lernten. Die zahlreichen Skandale – Garski, Antes usw. – lenken davon ab, dass die Skandale nur in einem solchen vom Verteilungsdenken geprägten Politikverständnis möglich waren. Verteilt wird dabei stets das Geld anderer. Die Folgen sind heute noch zu besichtigen.

Der Tagesspiegel bringt heute eine inoffizielle Zählung: Welche Partei führt das Skandalregister an?  Recht langweilig. Wichtiger wäre, dass die Berliner Politiker, die damals bereits mitmischten und ihr Verteilungs-Handwerk erlernten, den Mut eines Armin Laschet aufbrächten.

Nur so wird es zu einem echten Neuansatz in der Berliner Landespolitik kommen können: mit neuen Menschen, einem neuen Politikverständnis,  neuen Themen, neuem Schwung.

Bei den Bauskandalen führt die SPD knapp
die alte Geschichte von Geld gegen Auftrag, Gier und Genehmigung, west-berlinische Dekadenz, anderswo Klüngel geheißen.

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März 032010
 

Und wieder ein schlechtes Schulzeugnis für uns. Ich sehe voraus: Der schwarze Peter dafür, dass die Hälfte der Schüler nicht genug lesen, schreiben und rechnen kann, wird der Politik, der jeweils regierenden Koalition, den Lehrern – irgend jemand anderem, nur nicht den Schülern und den Eltern zugeschoben werden.

Ich meine: So einfach ist es nicht! Die Hauptursachen für mangelhaften Schulerfolg erblicke ich – in mangelndem Lernwillen bei den einzelnen Schülern, in zu starken Zerstreuungsangeboten, in zu viel Geld, in zu wenig Strenge oder geradezu Unbekümmertheit bei uns Eltern. Die Schüler dürfen auf den Tischen tanzen.

Ich bin kein Wissenschaftler. Ich schau mir die Menschen an. Die Familien stehen für Erfolg oder Misserfolg vor allem in der Verantwortung, nicht der Staat.

Regierungsreport: „Mangelhaft“ für deutsche Schulabgänger – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Wirtschaft
„Nach wie vor erreicht eine große Zahl junger Menschen weder den Schulabschluss noch eine vollqualifizierende Ausbildung“, heißt es in dem Bericht. Die deutsche Wirtschaft werde aber wegen der geburtenschwachen Schulabgängerjahrgänge „schon bald jeden jungen Menschen brauchen“. Die Regierung fordert deshalb sowohl von den Unternehmen als auch von der Bildungspolitik der Länder, sich verstärkt dieser Gruppe anzunehmen – „schon aus Eigeninteresse für die eigene Fachkräftesicherung“.

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„Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen …“

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März 032010
 

Gute erste Ansätze zu stärkerer Bürgerbeteiligung bei außergewöhnlichen Lagen:

Schmutz – Stadtreinigung startet mit Frühjahrsputz in Berlin – Berlin Aktuell – Berliner Morgenpost
Wer nicht mehr so lange warten will, bis die BSR auch vor der eigenen Haustür kehrt, kann selbst tätig werden: Die BSR stellt Besen zur Verfügung und bittet Anlieger, die selbst fegen wollen, darum, das Streugut aufzuhäufen. Das erleichtere das Aufsammeln in den Außenbezirken ab dem 26. März.

Ich sehe dies ringsum: Die Leute greifen selbst zum Besen, zur Schippe. Ich selbst lege auch mit Hand an. Gemeinsam läuft’s. Der Schmutz verschwindet schneller, wenn viele Hände mithelfen. Die BSR-Jungs tun, was sie können!

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Gehört die Türkei zu Europas Kultur?

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März 022010
 

„Eis ten polin“ – von dieser griechischen Kurzformel leitet sich der moderne Name des heutigen Istanbul her – einer grandiosen Geburtsstätte dessen, was heute das ganze Europa ausmacht. Man könnte diese Stadt eigentlich metaphorisch als „eis ten Europan“ benennen, denn sie steht genau an der Grenze zwischen dem östlichen und dem westlichen Europa. Als Byzantion (Byzanz) gegründet, wurde sie im 4. Jh. n. Chr. in Konstantinopel umbenannt. Von da aus empfingen die östlichen Völker das Evangelium in griechischer Sprache – darunter alle ostslawischen Völker. Kleinasien war im 1. Jahrhundert eine der Gründungsstätten des Christentums. Die Türkei birgt den Mutterboden für die europäische Leitreligion.

Die Osmanen bevorzugten die griechische Stadtbezeichnung Konstantiye oder auch Istanbul. Auf diese und andere Zusammenhänge machte kürzlich der studierte Historiker Christan Dettmering auf dem berühmten Glashaus-Stammtisch aufmerksam.  Ohnehin sprachen große Teile der türkischen Macht- und Verwaltungselite Griechisch – ja die meisten sprachen nicht nur die damalige Weltsprache Griechisch, sondern waren selbst Griechen. Und noch bei der Gründung der modernen Türkei waren 30% der Bevölkerung Christen, ganz überwiegend Griechen und Armenier.

Ich halte die Türkei für einen Mittler- und Brückenstaat, der kulturell gesehen teilweise zum östlichen Europa gehört, wie etwa auch Griechenland, Bulgarien, Bosnien-Herzegowina, zu einem Teil aber auch zur Gemeinschaft des islamischen Kulturkreises, der vom Maghreb bis nach Indonesien reicht.

Kulturell gesehen gehört also Kleinasien, die heutige Türkei, zum östlichen Teil Europas wie etwa Griechenland und Bulgarien.  Auch wenn die 1982 verhängte, noch heute geltende Verfassung von der „ewigen unteilbaren Existenz des türkischen Volkes“ ausgeht, tun wir Europäer gut daran, die Türken nicht vor den Kopf zu stoßen: Die Osmanen mischten in der europäischen Geschichte kräftig mit,  sie waren ein Teil von ihr, ja über mehrere Jahrhunderte hinweg beherrschten sie weite Teile des östlichen Europa, darunter den ganzen Balkan. Und sie stellten sich bewusst als Nachfolger des antiken Ostrom dar. Die bosnischen Muslime sind eine seit Jahrhunderten bestehende „autochthone“ islamische Gemeinde – mitten in Europa.

Und die Nachfolger der Osmanen, das sind die Jungtürken. Sie haben einen an europäischen Staatsmodellen ausgerichteten Überbau geschaffen. Ihr Vorbild waren die damaligen, autoritär geführten Nationalstaaten des westlichen Europa, also etwa Frankreich oder auch Deutschland.

Vor jeder Überheblichkeit gegenüber „Ostrom“, also Istambul oder auch Moskau, sollten wir Spätlinge uns hüten. Vielleicht hilft dabei ein Besuch der folgenden Ausstellung:

Byzanz – Die Supermacht, die Europa vor den Arabern rettete – Kultur – Berliner Morgenpost
Byzanz, so der überwältigende Tenor, war eine Großmacht mit einer Zivilisation, der das abendländische Mittelalter das Wasser nicht reichen konnte. Ein Staat, der, rechnet man nur von der definitiven Reichsteilung nach dem Tod von Theodosius dem Großen 395 bis zum ersten Fall 1204, länger Bestand hatte, als die Neuzeit währt. Vor allem aber hätte das Abendland ohne den oströmischen Schutzschirm kaum die Chance gehabt, einmal zur Geburtstätte von Renaissance, Aufklärung und Weltherrschaft zu werden.

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Wach auf und streck dich, Europa!

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März 022010
 

Europe’s Errors – TIME
I am not exaggerating when I say Europe’s obsession with restructuring its internal arrangements is akin to rearranging the deck chairs of a sinking Titanic.

Im Flieger von Berlin nach Düsseldorf las ich genüsslich die aktuelle TIME, March 8, 2010, etwa über die Vorzüge des Barfußlaufens, S. 40, oder über die Vorzüge des häuslichen Unterrichts, S. 37. Letzteres, also Schulverweigerung, führt allerdings in Deutschland zu Stigmatisierung, Geldbußen und Sorgerechtsentzug. Die Auflage von TIME: 5,8 Millionen Exemplare. Was hier steht, hat Wirkung!

Im Sinkflug befindet sich der Kontinent Europa. Insonderheit die EU. Ein Haufen von selbstverliebten zankenden Schrebergärtnern, die nichts gebacken kriegen. Dies behauptet Kishore Mahbubani auf S. 20. Lesenswerte Gardinenpredigt! Europa verfehlt seine Stärken, es ist blind gegenüber den globalen Herausforderungen. Europa steht sich selbst im Weg, weil die EU im wesentlichen allzu oft als bloße Umverteilung von Ressourcen hin- und hergerissen wird.

Ich wage nicht, Herrn Mahbubani zu widersprechen – zumal er ausdrücklich seine Sicht als „Außensicht“ ausweist.Der Kontinent Europa ist noch nicht zu sich selbst gelangt – und die EU leistet zu wenig dafür, dass dies so werde. Selbstbezüglichkeit herrscht vor.

Ein kleiner Beleg aus meiner europäischen Innensicht: Wenn deutsche Christen von „Ökumene“ sprechen, weisen sie stolz darauf hin, dass Protestanten und Katholiken einander nicht mehr die Schädel einschlagen.  Die europäische Kirchenspaltung sei deshalb praktisch (wenn auch nicht dogmatisch) überwunden.

Was ist dran? Hier wage ich – immerhin! – zu widersprechen. Ein winziger Beleg: Die Katholiken und die Protestanten in Deutschland haben es immer noch nicht geschafft, die entscheidende, die viel tiefer liegende Kirchenspaltung ins Auge zu fassen, zu benennen, geschweige denn sie zu überwinden. Ich meine das Schisma von 1054, als West- und Ostkirche sich trennten. Seither ist Europa kulturell tief gespalten, und zwar bis zum heutigen Tag. Kleinasien, also die heutige Türkei, Bulgarien, Russland, Teile von Ukraine, Griechenland – diese und andere Länder zählen seit damals zum Osten. Sie sind für uns – das andere Europa (von uns aus gesehen). Wir sind für sie – auch für die Türkei: das andere Europa (von ihnen aus gesehen).

Dass dies in den deutschen Kirchen und auch in der CDU Deutschlands nicht gesehen und gesagt wird, erstaunt mich immer wieder. Ich meine: Es muss deutlich gesagt und oft wiederholt werden. Ich habe größte Mühe, den Sachverhalt meinen russisch-orthodoxen Familienangehörigen gegenüber zu rechtfertigen. Ehrlich gesagt: ich unternehme keine Versuche dazu.

Eine christliche Ökumene, die so tut, als sei sie ohne die mittlerweile überall in Europa lebenden „östlichen“, orthodoxen Christen vollständig, greift ins Leere.

Dies ist nur einer der vielen Belege dafür, dass wir Europäer endlich in die Gänge kommen müssen – nicht nur politisch, sondern auch kulturell. Dazu gehört, dass die Politik und die Menschen sich in den gesamten Strom der europäischen Geschichte stellen und nicht einen Teil abspalten.

Europa must get its act together! Wake up, get to your feet, reach out!

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Die neuen Deutschen (2)

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März 022010
 

Na, ich hab schon mal ein kleines feines Blog angelegt zu dem Thema

„Die neuen Deutschen“.

Einen echten Themen-Blog? Mal kucken, ob da mitdiskutiert wird:

Wer ist der erste Besucher? Wer wirft den ersten Stein, oder besser: das erste Steinchen, das erste Kommentärchen?

Die neuen Deutschen

http://dieneuendeutschen.wordpress.com

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