In den Morgenzeitungen herrscht helle Aufregung: Die Berliner Verkehrsbetriebe BVG sind in einen unbefristeten Ausstand getreten. Die Not ist riesig: „Jetzt muss ich eine halbe Stunde zu meinem Arbeitsplatz gehen, und eine halbe Stunde zurück. Dadurch habe ich 1 Stunde mehr Arbeit am Tag“, klagt eine Postmitarbeiterin. „Jetzt müssen die Schüler auch mal eine kurze Strecke zu Fuß gehen oder aufs Rad umsteigen“, äußert sich ungerührt, ja geradezu erbarmungslos die Sekretärin einer Spandauer Oberschule. O Jammer, o Schrecken! Doch – es herrscht nicht nur Weltuntergangsstimmung. So schreibt die Berliner Zeitung heute:
Aber es gibt auch Streikgewinner. „Die Nachfrage nach Pkw ist definitiv gestiegen“, freut sich Sebastian Grochowski von der Autovermietung Rent-a-Car. „Der BVG-Streik ist für uns eine Chance, den Berlinern zu zeigen, dass wir da sind, wenn wir gebraucht werden“, sagt Bernd Dörendahl, Vorsitzender der Innung des Berliner Taxigewerbes. Der ADAC ruft seine Mitglieder dazu auf, Fahrgemeinschaften zu bilden. Der Senat müsse für die Dauer des Streiks die Parkraumbewirtschaftung aussetzen. Allerdings gibt es morgen keine Knöllchen: Dann streiken auch die Ordnungsämter Berlins.
Vortrefflich – in diesem Chaos gibt es also auch einen Hoffnungsschimmer. Wenig gesprochen wird bisher vom Rad. Vielleicht weil es heute endlich einmal schneit? Ja, der Märzenschnee treibt gerade jetzt in dicken Flocken gegen die Fenster unserer Kreuzberger Wohnung. Oder weil es sich noch nicht herumgesprochen hat, dass man das Fahrrad wirklich das ganze Jahr hindurch nutzen kann und folglich jederzeit einsatzbereit halten sollte? Ich freue mich schon auf meine Tour heute – wie üblich dauert sie nur wenige Kilometer, von Kreuzberg in das Stadtviertel Tiergarten – ich könnte eigentlich auch zu Fuß gehen. Aber das würde ja eine halbe Stunde dauern. Das sei ferne von mir! Wie so viele in unserer hektischen Metropole bin ich auf die schnellste, effizienteste und sicherste Beförderung angewiesen. Ich bin auch nicht besser als die anderen. Und deshalb setze ich weiterhin voll auf das Rad.
Für alle Fälle habe ich sogar noch ein älteres, nicht so schnelles Ersatzrad im Keller. Streikopfer, meldet euch – ich verleihe es tageweise. Unentgeltlich, zum Zeichen des mitmenschlichen Erbarmens mit den unschuldigen Leidtragenden des Streiks.
Wie heißt es doch: „Der BVG-Streik ist für uns eine Chance, den Berlinern zu zeigen, dass wir da sind, wenn wir gebraucht werden.“ Wenn Fahrräder reden könnten!
In aller Frühe brachen wir gestern zur Aufführung der Zauberflöte auf. Eine Freundin hatte uns in eine Berliner Grundschule eingeladen, für die sie arbeitet. Vor 110 Kindern der Klassen 1 und 2 produzieren wir Mozarts Zauberflöte in der Fassung für Marionettentheater. Etwa 20 Kinder spielen begeistert als wilde Tiere mit, die durch die Zauberflöte gezähmt werden und artig tanzen, die anderen sind zahme Katzen, die den Vorhang für die Königin der Nacht öffnen. Dramaturgie, Regie, Textfassung, Sopran, Dompteuse: Ira Potapenko, unsere Prinzipalin in der Kunst wie echten Leben. Was für ein Gefühl, vor einer dichtgedrängten Aula den Kindern das Blaue vom Himmel herunterzuerzählen! Und ich darf mich sogar als Dirigent der von einer CD eingespielten Ouvertüre betätigen. Damit erzielen wir die größten Lacher bei dieser Aufführung. Mozarts Werk bleibt fesselnd, eine Handlung, die bei aller Verworrenheit eben doch einen guten Ausgang verheißt. Danach fühlte ich mich erledigt wie nach jedem anderen öffentlichen Auftreten auch, aber eben auch stolz und froh: „Wir haben es geschafft“!