Hier baut die Demokratie

 Bundestagswahlen, Currywurst, Frau und Mann, Habeck  Kommentare deaktiviert für Hier baut die Demokratie
Nov. 162008
 

15112008021.jpg Unser Bild zeigt einen Eindruck von unserem heutigen Besuch bei LOXX am Alex. Alles wird dort winzig klein nachgebaut – sogar der Bundestag. Natürlich waren wir Männer unter uns. Frauen erdulden meist nur Modelleisenbahnen, wir genießen sie. Ebenso wie die Currywurst samt Pom-Mes, wie man hierzulande zweisilbig sagt. Das gönnen wir uns, Mütter!

Noch bleibt ein Rest von gestern zu klären.

Oft, so auch gestern, wird von Lagerwahlkampf gesprochen. Was ist das? Nun, in der Demokratie kann man von einem Lagermodell oder von einem Wettbewerbsmodell ausgehen. Meist ordnen sich die Lager nach klaren Zugehörigkeiten. Das eine Lager versucht dem anderen etwas wegzuschnappen, versucht, das andere Lager kleinzureden und wegzudrängen.  Oben gegen unten, links gegen rechts, konservativ gegen progressiv, bürgerlich gegen proletarisch oder gegen adlig usw. Die Lager stehen einander gegenüber, jeder weiß, wo er steht, im Wahlkampf gräbt man sich in Positionen ein, die man gegenüber dem Gegner zu behaupten versucht. Ein klarer Lagerwahlkampf war es, was Roland Koch letztes Mal in Hessen versuchte: „Linksblock stoppen!“

Ganz anders dagegen das, was ich gerne Wettbewerbswahlkampf nenen möchte. Hier ist alles nicht so eindeutig. Zu gewinnen gilt es die Zustimmung einer vielfältigen, in sich mannigfach gegliederten, schwer überschaubaren Bevölkerung. Programmatische Aussagen sind schwierig, da die Wettbewerber selbst in ständiger Weiterentwicklung sind. Wandel herrscht vor. Lagergrenzen zerfasern, es gibt Überläufer zuhauf, Marketender und Marktschreier eilen hin und her, bieten Versatzstücke feil, die sie aus früheren Lagern aufgelesen haben: Eine eher wirtschaftsliberale Kanzlerin plädiert für strenge Marktaufsicht, ein Linker kämpft für ein unternehmerfreundliches Umfeld, eine Grüne möchte mehr Elektro-Autos, ein CDU-Mann setzt sich aufs Fahrrad. Man versucht den Gegner nicht zu schlagen, sondern man versucht die Wähler zu überzeugen, indem man besser dasteht als der Gegner.

Das Wichtigste: In so einem Wettbewerbswahlkampf verändern sich die Parteien selbst. Sie trainieren sozusagen für die Regierungsarbeit. Sie laufen sich warm, denn sie kennen das Volk, dieses unbekannte Wesen, nur unzureichend. Die Wähler schreiben sozusagen ihre Forderungen in das Wahlprogramm hinein. Und dieses Wahlprogramm liegt zu Beginn des Wahlkampfes noch nicht fertig vor. Es ist ein fortlaufendes Beschäftigungsprogramm. Arbeitstherapie für kranke Parteien gewissermaßen.

„Klingt gut, aber gibt es so etwas“, fragt ihr mich?  Ich meine: ja. Obama hat dies im wesentlichen so gemacht. Aber auch Brandt schaffte dies 1972 einigermaßen. Es war der erste Wahlkampf, an den ich noch persönliche Erinnerungen habe.

Welche Form ist besser? Es gibt keine allgemeine Regel! Wenn alles von vorneherein eindeutig ist, wenn gut und böse feststeht, sollte man auf den Lagerwahlkampf setzen.

In Zeiten beschleunigten Wandels, in denen sich das Neue erst abzeichnet, rate ich in jedem Fall zum Wettbewerbswahlkampf. In einem solchen spielen Persönlichkeiten und kommunikative Darstellung eine wichtigere Rolle als die festen Inhalte. Gefragt ist eine gute Beziehung zwischen Wählern und Kandidaten, die Kandidaten müssen es schaffen, als Ansprechpartner und Projektionsfläche für unbestimmte Erwartungen angenommen zu werden.

Der Wähler muss beim Wettbewerbswahlkampf das Gefühl haben: „Na endlich, dieser Kandidatin möchte ich etwas von mir erzählen! Die wird meine Anliegen weitertragen. Klasse, das gefällt mir, der geb ich meine Stimme!“

Im Lagerwahlkampf sollte sich hingegen das Gefühl einstellen: „Na endlich, da ist jemand, der uns endlich erzählt, wo es langgehen soll! Klasse, das gefällt mir, der geb ich meine Stimme.“

Habt ihr noch Zeit? Dann empfehle ich euch Thukydides, Der peloponnesische Krieg. Das unerreichbare Muster und Vorbild zum Studium des Lager- und Blockdenkens. Innerhalb weniger Jahrzehnte schafften es eigentlich verwandte Stadtstaaten, sich durch ein Lagerdenken reinsten Wassers gegenseitig  in den Abgrund zu stürzen, so dass Hellas leichte Beute eines auswärtigen Aggressors werden konnte.

Thukydides schreibt: „Wer immer schimpfte und mit nichts zufrieden war, galt für glaubwürdig, wer aber widersprach, für verdächtig. Wenn einer mit einem hinterhältigen Schachzug Erfolg hatte, wurde er als klug angesehen, und es war ein Zeichen noch größerer Klugheit, einen Angriff rechtzeitig zu durchschauen.“

Lagerwahlkämpfer aller Parteien, lest Thukydides! Das Zitat heute übrigens abgedruckt auf S. 2 der Süddeutschen Zeitung in einem höchst lesenwswerten Artikel von Stefan Rebenich.

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Müssen immer die Frauen alles ausmisten?

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Okt. 212008
 

Sind Frauen besser im gemeinsamen Handeln, im guten Kommunizieren? Aber schlechter als wir Männer im Erringen von Macht, im Festklammern an Macht?  So fragten wir gestern in diesem Blog. Ich sage: Schaut euch um in den Familien, in den Parteien! Gerade die Boulevard-Presse spielt sehr gerne mit solchen Stereotypen. Hat die Boulevard-Presse da immer unrecht? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, wir Männer können von den Frauen einiges abkucken. Frauen sind ja so gutmütig, sie lassen meist bereitwillig abschreiben. In der Schule wie in der Politik. Wie in den besten Familien.  Heute lesen wir so im Berliner Kurier:

Saustall CDU

Jetzt sollen ihn zwei Frauen ausmisten

Eine Quereinsteigerin und zwei Rebellen wollen die quälenden Intrigen in der […] CDU ersticken und die Union fit fürs Superwahljahr 2009 machen.

[…]  neue Hoffnungsträgerin des zerstrittenen Landesverbandes. Als Nachfolgerin des glücklosen Landeschefs […] soll die bisherige Vizechefin ihre Partei aus dem Jammertal holen. […]

E-Mail-Affäre, endlose Personalquerelen, Intrigen: „Die Partei ist seit Jahren gespalten“ […]  „Statt Sachfragen wurden nur noch Personalfragen diskutiert.“

Die alte Herrenriege hat ausgedient, auch der gescheiterte Generalsekretär […] dankt ab. Dafür […] zwei CDU-Rebellen an ihre Seite […] beide kurz vor den Kommunalwahlen schonungslos attackiert, ihm Führungsschwäche vorgeworfen und einen radikalen Neuanfang eingefordert. Der Mut wird belohnt, nun dürfen sie mit anpacken. „Wir müssen jetzt nach vorne schauen“ […]  Landtags- und Bundestagswahl – ein knappes Jahr bleibt, die ramponierte CDU flott zu machen.

 

Saustall CDU – Berlin – Berliner Kurier

Ihr seht: Wenn man die Namen (die Namen der männlichen Politiker interessieren hier nicht, da dies ein beleidigungsfreies Blog ist) weglässt, erkennt man ein Grundmuster: Die Männer allein können es einfach nicht. Die Frauen müssen den Augiasstall ausmisten. Ich glaube, so ein Grundmuster ist durchaus in unserer Wahrnehmung angelegt. Ich glaube grundsätzlich, dass Parteien, in denen ein „weiblicher“ und „männlicher“ Führungsstil im harmonischen Ausgleich stehen, letztlich glücklicher sind als reine Männerbündnisse.

Reine Frauenpartei? Kann es so etwas geben? Theoretisch ja. Ich vermute aber, dass die meisten Frauen einfach weniger an politischer Macht als Selbstzweck interessiert sind und dass deshalb kein ausreichendes Interesse an einer reinen Frauenpartei bestehen würde.

Interessant ist jedenfalls, dass die derzeit mitgliederstärkste deutsche Partei unter Führung einer Frau steht. Das halte ich für keinen Zufall.

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Hassübung

 Frau und Mann, Haß, Person  Kommentare deaktiviert für Hassübung
März 282008
 

„Wie machst du das?“, fragte heute vormittag ein Vereinskamerad beim Pilates-Training im Fitnessstudio die Trainerin Julia, als diese ihren wohlgeformten Oberkörper wie in einem Scharnier bewegt auf den gestreckten Knien ablegte. „Das ist meine absolute Hassübung. Ich schaffe das einfach nicht.“ Ich schalte mich ein: „Mein Tipp: Werde als Frau geboren … die sind einfach gelenkiger!“ Julia stimmt zu, verweist auf ihr tägliches, jahrelanges Training als Turnerin und Tänzerin. Mir gehen noch ein paar Gedanken im Kopf herum, über die ich nachher auch mit dem Klagenden spreche. Warum „Hass-Übung“? Warum hassen wir das, was wir nicht schaffen, was sich uns entzieht? „Warum soll ich mein Spielzeug aufräumen – ich HASSE das!“ So reden schon die Kinder in der Kita heute. Das habe ich selbst öfters gehört. Sehr oft, sehr schnell sind gerade junge Menschen heute mit diesem Wort Hass zur Stelle. Ein weiteres Beispiel – diesmal von einem anderen Kaliber! Ich entnehme es der Tagesspiegel-Rezension des aktuellen Dokumentarfilms „Deutschstunde“, der den Deutschunterricht in einem Kreuzberger Gymnasium beschreibt:

Aber das Sprachproblem allein ist es ja nicht. Fatima etwa spricht ausgezeichnet Deutsch und hat inzwischen ihr Abitur in der Tasche. Sie ist eine Hauptprotagonistin im Film. Sie lebt für ihren Glauben und besucht Hamas-Solidaritätskundgebungen. An ihrer radikalen Einstellung lässt Fatima zumindest keinen Zweifel. „Ich habe einen Hass entwickelt“, sagt sie in dem Film und meint damit vor allem den Hass auf die USA.

Wie kann man mit solchen Arten des Hasses umgehen? Im leichter zu lösenden Falle der Pilates-Hass-Übung erreichten wir heute in der Nachbesprechung der Trainingsstunde folgende Antwort: „Betrachte doch deinen Körper mit seinen Schwächen nicht als deinen Feind, den es zu besiegen oder zu hassen gilt. Hass ist keine Antwort. Fordere nicht alles auf einmal, nimm dir weniger vor, gehe an die Grenzen deiner Beweglichkeit, aber quäle dich nicht.“

Ich würde ergänzen: Hass ist zwar manchmal eine verständliche Reaktion, aber keine weiterführende Antwort. Er dient niemandem. Hass darf zwischen Personen – aber auch in der Person selbst – nicht das letzte Wort sein. Beim politisch oder ideologisch motivierten Hass wird die Bewältigung schwieriger. Wahrscheinlich um so schwieriger, je weiter entfernt oder unbekannter der Gegenstand des Hasses ist. Da es dann keine Möglichkeiten der direkten Erfahrung mit dem Gehassten gibt, fehlt die Korrekturmöglichkeit.

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Feb. 132008
 

… bringt heute einige hübsche Einsichten und Auskünfte zutage: über eine gute Ehe, über den Zwiespalt von öffentlich und privat – eine gelungene Fortführung unseres Zitats aus der Autobiographie der Rossanda (wir berichteten vor zwei Tagen). Wir lesen das Interview einer italienisch-französischen Sängerin aus dem aktuellen Express, in dem sie über ihren Ehemann berichtet:

Il ne correspond pas à l’image que vous aviez de lui avant de le connaître?
Je ne me faisais pas vraiment une idée précise de lui en tant qu’homme. Je pressentais simplement une forme de courage et d’énergie. J’ai découvert sa souplesse d’esprit, qui vient peut-être du fait qu’il est sûr de son identité, de ses valeurs. C’est pourquoi il est capable de changer d’avis. Moins on sait qui on est, plus on est dogmatique et sectaire. (Hervorhebung durch dieses Blog).

„Ich habe herausgefunden, dass er innerlich weich ist, wahrscheinlich, weil er sich über seine Identität, über seine Werte im klaren ist. Deshalb hat er die Fähigkeit, seine Meinung zu ändern. Je weniger man weiß, wer man ist, desto dogmatischer und sektiererischer ist man„.

Ich finde, das ist trefflich gesagt – nein – es ist gesungen!

 Posted by at 22:16