Beim Checken der ersten e-mails am Morgen … Morgenglocken

 Freude  Kommentare deaktiviert für Beim Checken der ersten e-mails am Morgen … Morgenglocken
Okt. 042014
 

Schafe7424

 

 

 

 

 

 

Hi followers, hi bloggers, ich  sitze am geöffneten Kammerfenster und lese die News im Internet: Krieg, Hetze, Niedertracht, Lüge, Verleumdung, Drohungen, Angst um das Geld, Gier, starrende Verehrung des Geldes,  – dieses Zeugs beherrscht gerade heute die digitale Bühne. Free stuff!, könnte man sagen.

Gerade, während ich die E-mails zu checken anfange,  läuten die Kreuzberger Morgenglocken durch das offene Fenster. Und eine erste Mail erreicht mich aus Franken.

Ich höre heraus:

Ängste dich, quäle
dich nicht länger, meine Seele.
Freu dich, schon sind da und dorten
Morgenglocken wach geworden.

Die eine Kirche, die Christuskirche läutet auf g‘, die andere, St. Bonifatius, läutet auf e‘. Welche Kirche ist die wahre? Welche trifft den richtigen Ton? Anhand der Klangprobe mit meiner unhörbar leise angezupften Geige ergibt sich: die evangelische Kirche läutet heute tatsächlich auf dem eingestrichenen g, die katholische eine kleine Terz darunter  auf dem eingestrichenen e. Welche Kirche ist also die wahre Kirche? Welche Klangquelle trifft den richtigen Ton? St. Bonifatius, die Christus-Kirche – oder doch die unhörbar gezupfte Geige in der Kammer des Kreuzberger armen Hansels?

Der Zusammenklang der Christuskirche, der Bonifatiuskirche und der Hanselgeige ergibt ein fast unlösbares Rätsel: drei in einem. Nur eine – Kirche g, Kirche e, Geige des Hansels – kann doch recht haben!

Die Lösung des Rätsels lautet:

Diesen Dreiklang dir zu deuten
weise gern ich dir den Sinn:
Fühlst du nicht an diesem Läuten,
Dass ich drei in einem bin.

 

Die Botschaft ist klar: g und e, das ergibt zusammen mit dem h der Hansel-Geige das Wort: „Geh!“ Mit der Geige zusammen ergeben sich drei Wörter: : „Steh auf, geh!“ Du bist frei. Lass dich nicht niederwerfen. Oder drei Wörter in einem Wort: „Geh, spiel, sing!“

Und jetzt werden die Glocken schon schwächer. Und der Tag beginnt. Er hat die geschlossenen Lider geöffnet. Und es geht.

Das uns zugesandte Foto zeigt fränkische Schafe auf grüner Au im Oktober 2014.

 Posted by at 08:50

Terzo Mondo: Mageds Klang der Farben

 Einladungen, Europäische Galerie, Freude  Kommentare deaktiviert für Terzo Mondo: Mageds Klang der Farben
Sep. 082014
 

Starke, kräftige Farben verwendet Maged Houmsi, der Maler, dessen Ausstellung im Terzo Mondo in der Grolmannstraße ich am vergangenen Freitag zur Eröffnung besuchte.

Unter seinen Bildern entspringt sofort der Quell des Gesprächs.  Ich spreche bekannte und unbekannte Menschen an. Überall ergibt sich ein lockeres Geplauder, aber auch tiefe, in den Brunnen der Seele tauchende Gespräche.

Mohamed Majdeddin Houmsi, 1962 in Syrien/Aleppo geboren, lebt seit 1980 in Berlin. Seine Ausstellung im Terzo Mondo läuft bis 31.10.2014.

Jeder, der dort hingeht, kann diesen Sprung in die Freiheit, ausgelöst durch den Klang der Farben, erleben!

via Klang der Farben – Mohamed Majdeddin Houmsi – Terzo Mondo – Taverne • Galerie • Bühne.

 Posted by at 22:11

Joy comes, grief goes: Aus dem Kupferstichkabinett der englischen Sprache

 Freude, Gedächtniskultur, Kupferstichkabinett  Kommentare deaktiviert für Joy comes, grief goes: Aus dem Kupferstichkabinett der englischen Sprache
Sep. 022014
 

Joy comes, grief goes, we know not how. Eine Weisheit, die ich heut gleich zwei Mal, fast anlasslos, im Gespräch mit Freunden anbrachte!

Eine sehr tiefsinnige Bemerkung, die James Russell Lowell in seiner Vision of Sir Launfal gewissermaßen fein in die Kupferplatte der englischen Sprache eingraviert! Ich werde sie alsogleich ins eigene Kupferstichkabinett meines geistigen „Oxford Pocket Book of Quotations“ einsticheln.

Joy Comes, we know not how. Die Freude kommt unverhofft, unverdient, sie „überkommt“ einen. Sie ist unerklärbar. Sie läutet kräftig, unüberhörbar, dauernd, hell bimmelnd, und ohne Vorankündigung – wie das Geläut der Christus-Erlöser-Kathedrale an der Ostoschenka in Moskau, das mich am Sonntag dem 10. August anrief. Ein helles, fröhliches, ein lachendes Läuten! Kurz, von oben herabfallend – es ist der Freude schöner Götterfunke, den Dante Alighieri im Paradiso in italienischer Sprache hört, die immensa gioia, die Friedrich Schiller in seiner Hymne „An die Freude“ in deutscher Sprache besingt.

Grief goes, we know not how. Die Trauer hingegen lastet schwer, sie, die Trauer, grief,  ist grievous, sagt der Engländer. Sie ist erklärbar. Trauer hat fast stets einen Anlass, einen Quell: den Tod eines nahen Menschen, den Verlust von etwas, was man lange besessen hat, das Nicht-Erreichen oder das Verlieren von etwas sicher Geglaubtem.   „Das wird nie vorbeigehen, das überlebe ich nicht. Mein Leben hat doch ohne den Verstorbenen, ohne diesen großartigen Menschen, keinen Sinn mehr“, denkt die abgrundtief Trauernde. Wenn sie dies dann auch ausspricht, hat sie schon den ersten Schritt zur Überwindung des Abgrunds getan. Lösende Tränen, tröstende Umarmungen  mögen hinzukommen. Und irgendwann wird die Trauer nachlassen. Dann verschwindet sie, wird verwandelt in Erinnerung. „Und von all dem Trauern schwebt ein Erinnern nur noch um das ungewisse Herz“, so mag es dann scheinen. Und schließlich denken wir: „Die Trauer ist gegangen. Ich weiß, dass ich eigentlich endlos trauern wollte. Und jetzt? Ich bin froh und dankbar, dass wir diesen großartigen Menschen erleben durften.“

Die ist der Schritt zur Heilung, zur Lösung von der Trauer.

 Posted by at 18:29

Oh gioia: Freude, der Götterfunke, das Weltenlächeln

 Dante, Das Gute, Donna moderna, Freude, Katharina, Magdeburg  Kommentare deaktiviert für Oh gioia: Freude, der Götterfunke, das Weltenlächeln
Aug. 302014
 

Aus dem fernen New Hampshire, einem der 13 Gründerstaaten der USA, erreichte uns vor einigen TagenHl. Katharina 2014-01-03 10.28.03 hier in Kreuzberg eine Leserzuschrift zum Lächeln des Bamberger Engels. Dort in den USA wird offenbar das alte, das lächelnde, das glaubende Europa geschätzt, gewürdigt und geliebt!

 

 

 

 

 

 

 

 

Lest selbst:

Ciò ch’io vedeva mi sembiava un riso
de l’universo; per che mia ebbrezza
intrava per l’udire e per lo viso. 6

Oh gioia! oh ineffabile allegrezza!
oh vita intègra d’amore e di pace!
oh sanza brama sicura ricchezza! 9

Dante, aus dessen Paradiso unser Leser mitten im amerikanischen New Hampshire zitiert, schildert eine strahlende, von innen herausbrechende Freude. Der Leser schreibt:

„Das Lächeln des Bamberger Engels ist von unglaublicher Kraft, Ausdruck überbordender Freude.“

Der Bamberger lachende Engel entstand wohl etwa zur selben Zeit wie die Divina Commedia Dantes, und auch zur selben Zeit wie die Statue der Hl. Katharina von Alexandrien im Magdeburger Dom. Doch ist der Gesichtsausdruck Katharinas verhaltener, ruhiger, gefasster, dennoch nicht weniger sprechend als das selige Aufscheinen des Weltenlachens im Bamberger Engel.

Carl Streckfuß übersetzte diese Stelle (La Divina Commedia, Paradiso, Canto XXVII, Verse 4-9) mit folgenden Worten:

Ein Lächeln schien zu sein des Weltenalles,
Das, was ich sah, drum zog die Trunkenheit
Durch Aug’ und Ohr im Reiz des Blicks und Schalles.

O Lust! O unnennbare Seligkeit!
O friedenreiches, lieberfülltes Leben!
O sichrer Reichtum sonder Wunsch und Neid!

Wir danken Dante, danken dem einsamen Leser in New Hampshire für die Zuschrift, danken den unbekannten Bildhauern des 13. oder 14. Jahrhunderts von Bamberg und Magdeburg, danken dem vorzüglichen Übersetzer Carl Streckfuß – und wir beschließen diesen durchsonnten Nachsommertag mit einem überbordenden Lächeln ins Weltall hinein.

 Posted by at 21:43

Spring, wenn du dich traust!

 Freude, Gemeinschaft im Wort, Kinder, Russisches, Sprachenvielfalt  Kommentare deaktiviert für Spring, wenn du dich traust!
Aug. 162014
 

2014-08-13 17.06.24

Bezaubernde Augenblicke, herrliche Gespräche zwischen Jung und Alt, zwischen Russen, Ukrainern und Deutschen konnte ich wieder bei meinem letzten Aufenthalt am Fluss Moskwa in Russland erleben, der soeben zu Ende gegangen ist! Als unerschöpfliche Quelle von Kontakten und Überraschungen erweist sich wieder einmal die Tarzanka am Fluß  bei uns in Nikolina Gora. Die Kinder springen voller Wonne, voller Selbstvertrauen in den Fluss, einige klettern mit unfassbarer Behendigkeit die Stämme hoch, um das Seil mal höher, mal tiefer zu legen, je nachdem, wer gerade springt, schaukelt oder schwingt!

„Können Sie eigentlich auch springen?“, fragt mich die achtjährige Natascha. Und ihr Blick sagt: „Spring, wenn du dich traust!“  „Ja!“, erwidere ich. Aber meine Springversuche sind viel zu zaghaft, sie rufen eher Belustigung als Bewunderung hervor. Sei’s drum. Für eine Ausbildung zum echten Tarzan bin ich etwas zu alt.

Die Zukunft an der Tarzanka und an allen anderen Orten gehört  den Kindern aus Russland, Ukraine, Deutschland – aus allen europäischen Ländern, ja aus allen Ländern der Welt überhaupt. Vielleicht ist dies eine Botschaft, die ich mit nachhause bringe: Wir Erwachsenen haben kaum eine wichtigere, kaum eine schönere Aufgabe, als den Kindern ein sicheres, geborgenes Hineinwachsen in die Freiheit des Springens zu ermöglichen.

Umgekehrt versuche ich in der Datscha zu punkten beim kleinen Tima, der im Alter von 6 Jahren bereits erste Fremdsprachenkenntnisse erworben hat. Unsere Konversation läuft schon ganz gut, doch bei den Abschiedsgrüßen, die wir auf Russisch, Deutsch und Polnisch austauschen, sieht er mich plötzlich forschend, unverwandten Blicks an und stellt auf Russisch die Frage: „Können Sie eigentlich auch Englisch?!“

Ich war in der Zwickmühle. Was sollte ich antworten? Würden meine Englischkenntnisse ausreichen, um ihm das Wasser zu reichen? Ich gehe das Wagnis ein und sage: да! Und jetzt kommt der ultimative Test für mich!

Tima sagt in hellem, klarstem Englisch zu mir:  „Goodbye!“

Und stellt euch vor: Ich wusste die Antwort darauf. Ich war nicht überfordert! Das also wenigstens konnte ich.

 Posted by at 22:10

Der Lichtgesang des lachenden Engels

 Freude, Liebe  Kommentare deaktiviert für Der Lichtgesang des lachenden Engels
Aug. 042014
 

Beim Betrachten mir zugesandter Post fällt mir heute der Lachende Engel aus dem Ostchor des Bamberger Doms in die Hände. Mir ist, als wollte hier der Engel in ein Zwiegespräch mit einem unbestimmten Gegenüber eintreten.

Wer mochte dieses Gegenüber des Engels sein – ein noch zu findendes Du, ein anderes Ich, ein anderes Dich – ein Dichter?

Am ehesten hat wohl Eduard Mörike den unvergleichlichen Schmelz, den bannenden Reiz solcher Begegnungen mit einem engelartigen Wesen eingefangen:

Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt,
Mich stumm an deinem heilgen Wert vergnüge,
Dann hör‘ ich recht die leisen Atemzüge
Des Engels, welcher sich in dir verhüllt,

Und ein erstaunt, ein fragend Lächeln quillt
Auf meinem Mund, ob mich kein Traum betrüge,
Daß nun in dir, zu ewiger Genüge,
Mein kühnster Wunsch, mein einziger, sich erfüllt?

Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn,
Ich höre aus der Gottheit nächt’ger Ferne
Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen.

Betäubt kehr ich den Blick nach oben hin,
Zum Himmel auf – da lächeln alle Sterne;
Ich kniee, ihrem Lichtgesang zu lauschen.

Quelle:
Eduard Mörike: An die Geliebte. In: Eduard Mörike. Werke. Herausgegeben von Hannsludwig Geiger. Deutsche Buch-Gemeinschaft. Berlin, Darmstadt, Wien 1961, S. 110-111

 Posted by at 21:39

Freuden eines Frühschwimmers: gute Nachrichten!

 Freude, Friedrichshain-Kreuzberg  Kommentare deaktiviert für Freuden eines Frühschwimmers: gute Nachrichten!
Juli 242014
 

Eine gute Nachricht zuerst: es gibt jetzt wieder den ermäßigten Eintrittspreis für unerschrockene Frühschwimmer am Kreuzberger Prinzenbad. Eine gute Stunde Aufenthalt im Prinzenbad vor neun Uhr kostet statt € 5,50 nur € 3,50; im Gegenzug atmet der ganze Mensch erfrischt auf, der Tag beginnt mit freudig-zupackender Gelöstheit und Stärke. Das Sportbecken bot der eifrig kraulenden und paddelnden Gemeinde der Frühschwimmer heute doch immerhin 23° C, so schien mir: alles bestens, alles paletti im Prinzenbad zu Kreuzberg! Ihr seht: Kreuzberg liefert heute nur gute Nachrichten – im Gegensatz zum Rest der Welt.

Ich drängte heute meiner Lieblings-Zeitungsverkäuferin vor dem Bad den vollen Kaufpreis für die heute triefend prall mit schlechten Nachrichten gefüllte Tageszeitung auf. Und – es regnete zum ersten Mal seit Tagen! „Aber er ist doch nass … Ihr braucht den Tagesspiegel nicht voll zu bezahlen …!“ Ich ließ mich auf keine Debatten ein und  bezahlte den vollen Kaufpreis für all die schlechten Nachrichten. Wieso sollten den Zeitungsverkäuferinnen daran leiden, was andere verbockt haben? Ich habe mich durchgesetzt. Ein Sieg der Vernunft!

 Posted by at 13:09

Wir gehen baden! Ab ins Prinzenbad!

 Frau und Mann, Freude, Kupferstichkabinett, Prinzenbad  Kommentare deaktiviert für Wir gehen baden! Ab ins Prinzenbad!
Juli 062014
 

2014-07-07 10.30.49

Ein schöner Sonntag geht zu Ende. Schwalben ziehen sirrend durch den Hinterhof, der Brunnen hat das Plätschern eingestellt. Am Vormittag war wieder eins unsere beliebten Kinderkonzerte. Die 12 Kinder spielten wie die Cherubim im Carl-Flesch-Saal der UdK sehr artig und sehr zu Herzen gehend. Dann sagte einer: „Wir gehen baden! Ab ins Prinzenbad!“ So geschah es. Am Nachmittag lockte es uns zwar nicht alle, aber doch zu sechst (2 Väter und 4 Kinder) in das Prinzenbad. Herrlich! Viele entspannte, lachende, glückliche Menschen sahen wir heute im Kreuzberger Prinzenbad. Das Prinzenbad verdient höchstes Lob.

Sommerstadt Berlin! Bäderstadt Berlin!

Soeben tischte ich zum Abendessen zwei riesige Teller selbstgekochte Spaghetti alla bolognese mt knackigem Salat auf.

Die  Ausstellung „Wir gehen baden“, eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett, verdient ebenfalls höchstes Lob. Reizvoll, entzückend, toll gemacht. Sie verlockt und verführt zu allerlei Streifzügen, manch liebgewordene Erinnerungen an das, was in einigen Jahrzehnten eigener Badeerfahrungen, eigener Badebegegnungen geschehen ist, stiegen in mir auf: von dem ersten Anstaunen des anderen Geschlechtes im Gersthofener Freibad (bei Augsburg) bis hin zu allerlei lockeren Plaudereien mit multikulturellen Bikinimädchen an den sonnenbestrahlten Küsten der Türkei.

Eine Psychogenese der Person im Spiegel des Badens, das bietet bei eingehender Betrachtung und Besinnung diese Ausstellung. Phantastisch!

Folgende Werke habe ich gestern näher ins Auge gefasst:

Auguste Renoir, Baigneuse debout, en pied

Pisanello, Bademädchen

Anders Zorn, Seichtes Wasser

Georg Pencz, Die sieben Planeten: Venus

Lucas van Leyden, Susanna im Bade

Tom Wesselmann, Cut out nude

Herman Saftleven, Die vier Jahreszeiten, darin: Winter. „Frigidus venit hiems glacies cum frenat aquarum cursus et pedibus lubrica praebet iter“

Honoré Daumier, Les baigneurs, darin: „Après trois mois de cette exercice non interrompue, on se trouve réduit à l’état de poissson, et l‘être le plus timide peut se présenter“

Leopold Ludwig Müller (1767-1838), Das Welpersche Badeschiff auf der Spree, um 1802. Erstes städtisches Badeschiff Europas! Bahnbrechend!  

Hans Sebald Beham, Der Jungbrunnen und Badehaus

Albrecht Dürer, Männerbad

Dieter Asmus, Mädchen am Meer

Ich nahm gestern um 14 Uhr an der Führung „Baden in der Renaissance“ teil. Es war für mich als Mann hochinteressant. Das Geschlechtliche, näherhin das Thema Transgender, Homosexualität und Geschlechtsambivalenzen, beginnend bei Dürers Männerbad,  stand im Vordergrund der gestrigen Führung, die implizit spannende Ausblicke auf die Fortschreibung dieses jahrtausendealten Motivstranges bis hin zur heutigen LGBT-Hauptströmungsgleichschaltung bot, wie es sich beispielsweise unsere bundesweit berühmten Kreuzberger Grünen oder die berühmte Kreuzberger taz auf die politischen Fahnen geheftet haben. LGBT-Menschen, also Lesbians, Gays, Bisexuals und Transgenders gab’s immer schon, ein Blick in die reichen Schätze von ein paar Jahrtausend Kunstgeschichte lehrt’s wieder und wieder. Ja mei.

Ansonsten: Ein Zuhörer der Führung machte gestern Wellen, trübte das Wasser, brach bei einer unsicheren Titelbelegung mehr oder minder mutwillig  einen Streit über Titel im Museumswesen an: „Die Hälfte der Titel von euch Museumsleuten sind anfechtbar! Ist doch alles nur Konvention! Ihr bringt euch doch nur selber in die Bredouille!“, sagte der kecke Zuhörer plötzlich. Er fiel aus der Rolle, der Kurator aber nahm’s gelassen: „So ist es! Diese Werke hatten keine Titel. Das Beilegen der Titel kam im großen Umfang erst mit der Sammlerbewegung im 19. Jahrhundert auf.“

Ausgerechnet an der Stelle, wo in der vorhergehenden herrlichen Arkadien-Ausstellung im Kupferstichkabinett Venezianos „Vertreibung aus dem Paradies“ (Kat. Nr. 5) hing, hängt ja jetzt Hans Sebalds Jungbrunnen mit verwandt zweideutiger Gender-Zuschreibung, wie sie etwa auch die beiden Figuren auf der Mauer des rätselhaften Veneziano-Kupferstiches boten!

Super spannend. Die meisten Titel auch von berühmten Gemälden sind bis ins 19. Jahrhundert hinein schlicht Zuschreibungen der Nachwelt. Sie prägen unsere Wahrnehmung auf häufig verengende, unzulässig einengende Weise.

In jedem Fall lohnt die Ausstellung einen lässigen Besuch. Leichte sommerliche Kleidung und Flipflops nicht vergessen. Eine atlantikblaue Frisbee-Scheibe der Berliner Bäder gab’s gestern gratis obendrein. Cool.

Wir gehen baden! Eine Sommerausstellung im Kupferstichkabinett. Kulturforum, Matthäikirchplatz. 4. Juli – 26. Oktober 2014, Di, Mi, Fr 10-18 Uhr. Do 10-20 Uhr. Sa+So 11-18 Uhr

Bild: Ludwig von Hoffmann Knaben am Strand um 1895 vor Helm auf der Liegewiese im Prinzenbad

 Posted by at 22:47

Der überglückliche Kalkant Bachs in Eisenach

 Bach, Freude, Musik, Novum Testamentum graece, Ostern, Thüringer Städtekette  Kommentare deaktiviert für Der überglückliche Kalkant Bachs in Eisenach
Mai 022014
 

2014-05-01 17.26.47

Heut bin ich recht froh, sintemalen ich gestern mich in Eisenach bei unserem Martin LUTHER und unserem Johannes BACH gestärkt habe. Wer – Johannes Bach? Warum nicht Johann Sebastian Bach? Nun, ich betrachtete genau das Schülerverzeichnis der Eisenacher Lateinschule, die Johann Sebastian Bach ab dem Alter von 8 Jahren  besuchte. Der schulamtliche Name unseres Meisters aller Gattungen lautet dort – handschriftlich eingetragen-  nicht „Bach Johann Sebastian“ sondern „Bach Johannes“. 

Denkt Euch nur: Ich durfte am 1. Mai 2014 nachmittags um 17 Uhr im Bachhaus am Frauenplan zu Eisenach an diesem vielleicht von Bach selbst einmal traktierten oder vielleicht inspizierten Orgelpositiv des Jahres 1650 als tüchtiger Kalkant musizieren. Der Organist vertraute mir. Er glaubte mir auf mein gutes Wort hin, dass ich ein guter Kalkant sein werde! Das ist Glauben, ist Vertrauen: „Ja, du schaffst das schon! Kalkant – das kannst du!“, sagten die Augen des Organisten. 

Damit fängt alles an.

Ich strahlte: Ich ein Kalkant im Bachhaus am Frauenplan zu Eisenach! Herrlich, überherrlich! „Empfangt den heiligen Hauch!“, sagte es in mir – und das ist akkurat, was im Evangelio des Johannes 20, 22 steht! Es ist eine der Osterbotschaften Jesu. Das lateinische Spiritus bedeutet Hauch, griechisch Pneuma, hebräisch Ruach.

Omnis spiritus laudet te!

 Posted by at 15:18

Max Raabe? Dem möcht‘ ich gern Paroli bieten

 Berchtesgaden, Freude, Singen  Kommentare deaktiviert für Max Raabe? Dem möcht‘ ich gern Paroli bieten
März 292014
 
2014-03-29 14.10.40
Der Tag war insgesamt sehr gut. Die Sonne strahlte! Kreuzberg leuchtete.
Im Pflegeheim in der Wilhelmstraße versammelten sich die Altersweisen, die Kranken, die Schwerkranken und die Gesunden und zwei jüngere Musiker, eine Sängerin mit Gitarre – nennen wir sie die Ursel –  und ein junger spannenlanger Hansel mit der Geige. Wir spielten und sangen im hellen Sonnenschein Volkslieder für die Alten und Kranken: Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt, Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün, Der Kuckuck und der Esel, aber in einem zweiten, gewagteren Teil auch Lieder, wie sie der von vielen, von leider  allzu vielen Fauen angehimmelte Max Raabe zum besten bieten mag, etwa Veronika, der Lenz ist da, Ich hab ’nen grünen Kaktus, und zu guter letzt die Capri-Fischer: Wenn bei Capri die Sonne im Meer versinkt. Schlicht, nicht frei von Sentiment, tastend in den Akkorden und Harmonien, in den improvisierten Glissandi und hingehauchten Smorzandi der Fiedel! Potz! Einem Max Raabe möcht‘ der spannenlange Hansel gern Paroli bieten!
Mannigfache Dialoge zwischen Alt und Jung umspannen die Lieder:
„Und woher kommen Sie eigentlich?“, fragt die Ursel eine der Altersweisen.
„Aus Berchtesgaden.“
„Und spielen Sie auch ein Instrument?“
„Ja!“
„Welches?“
“ Warten Sie … warten Sie … mmmhh …“, zögerte die Altersweise.
„Man braucht zehn Finger und zwei Hände dazu. Es ist groß. Wer weiß es?“, schaltete der Hansel sich ein.
„KLAVIER! Richtig, ein Klavier ein Klavier!“
Große Freude, dass wir alle diese Aufgabe gemeinschaftlich gelöst haben.
Der Kreuzberger Hansel hatte heute noch einen Erfolg mit seinem Gemüseauflauf, den er völlig in eigener Regie gekocht hatte: Kartoffeln, 2 große Stangen Lauch, Gewürze, geriebenen Käse, zwei Scheiben gehackte Salami, eine Ei-Sahne-Sauce darunter gehoben – siehe Foto. Dann ab, 40 Minuten in der Röhre überbacken, bis eine leichte goldbraune Färbung sich einstellte … Per-fekt.
„DAS schmeckt LECKER“, sagten die beiden 11-jährigen Jungs, die der Hansel heute  zu bekochen hatte. Ein großer Erfolg für den kochenden Kreuzberger Vater, denn es war völlig richtig, dass es gut schmeckte. Der Gemüseauflauf  ist auch noch gesund. Dazu gab es ungezuckerten frischgekochten Kräutertee. Alles bestens. Alles in Butter.
 Posted by at 23:26

Here come YOUR music makers

 Freude, Geige, Heiligkeit, Liebe, Musik, Religionen, Singen, Unverhoffte Begegnung  Kommentare deaktiviert für Here come YOUR music makers
Nov. 192013
 

2013 11 16 Te deum

So, jetzt hört uns mal alle genau zu: „We are the music makers, the dreamers of dreams!“

Das war das TE Deum Anton Bruckners im Berliner Dom am 16. November 2013. Und irgendwo gab es IHN doch, auch wenn man IHN nicht immer hörte und den Kopf drehen musste, um IHN zu sehen. Den kleinen Mann an der Orgel, weit droben! Ja, vielleicht ist ER so etwas wie der kleine Mann auf der Orgelempore. ER hört, was wir unten treiben, ER hört uns, und wir drehen den Kopf und fragen: Hörst DU uns überhaupt?

Oder sind wir lärmende Musikmacher, traurige Traumtänzer, Verzichtbare? –

wandering by lone sea-breakers,
And sitting by desolate streams;
World-losers and world-forsakers,
On whom the pale moon gleams.

Den überströmendsten Traurigkeitsgenuss hat Edward Elgar in dieses Gedicht von Arthur O’Shaughnessy hineingewebt. Noch heute, während ich dies schreibe, höre ich die Klänge in mir weiterklingen. Der Chor erfüllte mich mit dem Anhauch des Unnennbaren.

Und DU? Hast DU uns gehört? Hat es Sinn, sich zu DIR nach oben zu wenden? DU – bist DU der Sense-Maker für uns Music-Makers, the great Listener?

Das Bild zeigt vorne: Die Junge Philharmonie Kreuzberg. Mitten drin der Mann mit umgewandtem Kopf, das ist der hier Schreibende, fotografiert von seiner Schwester.

Hinten: Die studiosi cantandi Berlin, alle geleitet von Norbert Ochmann

 Posted by at 00:45

Grauwacke

 Armut, Freude, Liebe  Kommentare deaktiviert für Grauwacke
Okt. 022013
 

2013-09-29 15.20.34

Der Kreuzberger Hausfreund begegnete gestern mit seiner Mutter im Park hinter dem Blumenmarkt an der Friedrichstraße einem stummen Menschen, einem Mann etwa seines eigenen Alters, der kein Wort sprechen, sondern nur unverständliche stammelnde Laute hervorbringen konnte. Hinter sich drein zog er seine Habe des Augenblicks auf einem Einkaufsschleppkarren. Mit seinen Armen redete er uns an. Weit ausholende Gesten ersetzten eine Aussage. Er wollte uns etwas erzählen! Und er erzählte! Wir erwiderten ihm erst mit Worten, dann mit Gesten, dann mit Berührungen. Seine Umarmung zum Abschied war so warm, das fühlte sich so gut an. Drei glückliche Menschen im Spätsommerschein!

Aus dem Munde der Stummen schaffst du dir Lob. Ja, die Stummen, die Dummen, die ganz Alten, die ganz Kleinen, das sind die meinen! Die sind meinesgleichen. Bei denen bin ich zuhause. Das ist die Heimat, die Menschen einander bieten. Aus der Grauwacke des Alltags sprießt spontan das Samenkorn des Menschlichen.

Bild: Grauwacke mit Spontanvegetation, Park am Gleisdreieck, Kreuzberg

 Posted by at 13:45

Das Labyrinth der Welt und das Lusthaus des Herzens in Böhmisch Rixdorf

 Europäisches Lesebuch, Freude, Gemeinschaft im Wort, Gute Grundschulen, Kinder, Rixdorf  Kommentare deaktiviert für Das Labyrinth der Welt und das Lusthaus des Herzens in Böhmisch Rixdorf
Mai 062013
 

2013-05-04 13.23.05

Labyrint světa a lusthauz srdce – das Labyrinth der Welt und das Lusthaus des Herzens. Dieses Buch des Jan Amos Komenský fiel mir vor zwei Tagen ein, als ich dankbar den Wanderweg zum Comenius-Garten in Böhmisch Rixdorf, dem heutigen Berliner Bezirk Neukölln einschlug.

Dem großen Comenius versuche ich immer wieder die Werbetrommel zu rühren! Er ist für die Tschechen das, was der große Lomonossow für die Russen ist. Ein sich vereinigendes Europa sollte nicht nur an scheppernd klingende Euros, Target-II-Salden, Defizitsünder, Geldhaus-Rettungen denken – sondern auch den Denkern und Lehrern danken! Man denke auch an die golden klingenden Taler des guten, gelingenden Wortes! Man höre sie!

Komenský war wohl einer der ersten, vielleicht sogar der erste große europäische Denker und Erzieher, der die Pädagogik ganz vom Kind her dachte – getreu dem Wort seines Meisters: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr das Paradies des Herzens nicht erlangen.

Ganzheitliche Erfahrung, Unterweisung und Pflege nicht nur in der lingua franca, dem Lateinischen, sondern auch in der lingua materna, also in seinem Fall dem Tschechischen, sinnlich gestützte Erfahrung, … ich komme gar nicht zu Ende, wenn ich schildern soll, weshalb sich die Befassung mit Iohannes Amos Comenius heute noch für alle überzeugten Europäer in vielerlei Hinsicht lohnt!

Ein Besuch im Comenius-Garten in Böhmisch Rixdorf kann der erste Anlass dafür sein. Gerade im Mai 2013 sollte man das Tor zum Herzensparadies, zum Raj srdce, zum Orbis sensualium pictus freudig und zuversichtlich durchschreiten!

via Labyrint světa a ráj srdce – Wikipedie.

 Posted by at 12:48