SENSATION: Glucke führt ihr Völklein aus! Bächlein rauschen in dem Sand! Unverdroßne Bienenschar fleucht! Weizen wächst mit Gewalt!

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Juli 082017
 

Morgen am Sonntag, dem 9. Juli,  findet um 18.00 Uhr ein kleines sommerliches Konzert in der Kreuzberger Kirche St. Bonifatius, Yorckstraße 88, statt. Es eignet sich besonders auch für Kinder, die allmählich an die Musik herangeführt werden sollen. Ich spiele und singe selbst dabei mit. Auch ihr Lesende seid mir alle willkommen. Besonders freue ich mich auf das Singen des Liedes „Geh aus / mein hertz / und suche freud Jn dieser lieben sommerzeit“. Es hat 15 Strophen!

Mit Gewalt setzte heute der Sommer ein! Der erste Tag, an dem der pralle Sommer zu Mittag in uns alle fährt. Im Hans-Baluschek-Park mache ich Halt und nehme die Blumenwiese auf. Zuhause suche ich die älteste gedruckte Fassung des Evergreens von Paul Gerhardt heraus. Sie lautet so:
1
Geh aus / mein hertz / und suche freud
Jn dieser lieben sommerzeit
An deines Gottes gaben:
Schau an der schönen gärten zier
Vnd siehe / wie sie mir und dir
Sich außgeschmücket haben.

2
Die bäume stehen voller laub /
Das erdreich decket seinen staub
Mit einem grünen kleide
Narcissus und die Tulipan
Die ziehen sich viel schöner an /
Als Salomonis seyde.

3
Die lerche schwingt sich in die luft /
Das täublein fleugt aus seiner kluft /
Und macht sich in die wälder.
Die hochbegabte nachtigal
Ergötzt und füllt mit jhrem schall
Berg / hügel / thal und felder.

4
Die glucke führt ihr völcklein aus /
Der storch baut und bewohnt sein haus /
Das schwälblein speist die jungen /
Der schnelle hirsch / das leichte reh
Ist froh und kömmt aus seiner höh
Ins tiefe graß gesprungen.

5
Die bächlein rauschen in dem sand
Vnd mahlen sich und ihren rand
Mit schattenreichen myrthen:
Die wiesen ligen hart dabey
Und klingen gantz vom lustgeschrey
Der schaf und jhrer hirten.

6
Die unverdroßne bienenschaar
Fleucht hin und her / sucht hie und dar
Jhr edle honigspeise.
Des süssen weinstocks starcker saft
Bringt täglich neue stärck und kraft
Jn seinem schwachen reise.

7
Der weitzen wächset mit gewalt
Darüber jauchzet jung und alt /
Und rühmt die grosse güte
Des / der so überflüssig labt /
Und mit so manchem gut begabt
Das menschliche gemüthe.

8
Ich selbsten kan und mag nicht ruhn:
Des grossen Gottes grosses thun
Erweckt mir alle sinnen /
Jch singe mit / wenn alles singt /
Und lasse was dem Höchsten klingt
Aus meinem hertzen rinnen.

9
Ach denck ich / bist du hier so schön /
Und läßst dus uns so lieblich gehn
Auf dieser armen erden /
Was wil doch wol nach dieser welt
Dort in dem vesten himmelszelt
Vnd güldnem schlosse werden?

10
Welch hohe lust / welch heller schein
Wird wol in Christi garten seyn /
Wie muß es da wol klingen /
Da so viel tausent Seraphim /
Mit unverdroßnem mund und stimm
Jhr Alleluja singen.

11
O wär ich da! o stünd ich schon /
Ach süsser Gott / für deinem thron
Und trüge meine palmen:
So wolt ich nach der Engel weis
Erhöhen deines Namens preis
Mit tausent schönen psalmen.

12
Doch wil ich gleichwol / weil ich noch
Hier trage dieses leibes joch /
Auch nicht gar stille schweigen /
Mein hertze sol sich fort und fort /
An diesem und an allem ort
Zu deinem lobe neigen.

13
Hilf mir und segne meinen Geist
Mit segen / der vom himmel fleußt /
Daß ich dir stetig blühe:
Gib / daß der sommer deiner gnad
In meiner seelen früh und spat
Viel glaubensfrücht erziehe.

14
Mach in mir deinem Geiste raum /
Daß ich dir werd ein guter baum /
Und laß mich wol bekleiben /
Verleihe / daß zu deinem ruhm
Jch deines gartens schöne blum
Vnd pflantze möge bleiben.

15
Erwehle mich zum Paradeis
Vnd laß mich bis zur letzten reis
An leib und seele grünen:
So wil ich dir und deiner Ehr
Allein / und sonsten keinem mehr /
Hier und dort ewig dienen.

Gedruckte Erstfassung hier zitiert nach:
1653. Paul Gerhardt: Sommergesang. Mel. Den Herren meine seel erhebt. In: Gedichte 1600-1700. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge herausgegeben von Christian Wagenknecht. [=Epochen der deutschen Lyrik in 10 Bänden. Herausgegeben von Walther Killy. Band 4], 2., verbesserte Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1976, S. 207-209

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Schritte von der Verdachtskultur zur Kultur des Vertrauens

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Juni 102017
 

Die Berliner Landes- und Bezirkspolitik erzeugt parteiübergreifend allzu oft eine Kultur des Verdachts, zum Beispiel indem sie Angst vor Veränderungen schürt, indem sie den Wandel aussperrt, indem sie starr am Vorhandenen festhält. Man gewinnt oft den Eindruck, die paternalistische Politik Berlins wollte das freie Handeln freier Menschen verhindern und traue ihnen nichts zu. Die Verhängung einer Erhaltungsverordnung – gekoppelt mit der Aufforderung an die Bürger, „verdächtige Baumaßnahmen“ zu melden – ist ein bezeichnendes Beispiel dafür. Allein schon das Wort „Verdachtsgebiet“ spricht Bände! So viel Verzagtheit, so viel Missmut, so viel Angst prägt ein solches Vorgehen, wie man es wieder und wieder im Bundesland Berlin sehen kann! Dabei hat nachweislich eine derartige typisch Berliner Verhinderungspolitik – zu der auch das Verbot privater Ferienwohnungen gehört – das unleugbare Steigen der Mieten weder verhindern noch verlangsamen können; und auch private Investoren ziehen sich zunehmend aus dem Wohnungsbau zurück. Wen wundert’s?

Um so wichtiger war es mir heute, dagegen kräftige Zeichen des Vertrauens aufzunehmen, sobald sie sich bieten würden! Und so geschah es! Angesagt war heute das Ordnen meines reichen Notenbestandes.  Dazu kauften wir ein Regal zum Selberbauen. Ein Möbeltaxi brachte es nachhause. Ich knüpfte ein Gespräch mit dem Fahrer an. Sein Name war Ismael. Sofort stellte sich eine Vertrauensbasis her. Denn Ismael, das ist ja der erstgeborene Sohn Abrahams, gezeugt mit der Magd Hadschar oder auch Hagar, wie sie bei uns meist genannt wird. Wie die meisten anderen biblischen Gestalten auch, so erscheint der Urvater Abraham oft eher schwach, ja zwielichtig. Die Art, wie er Hadschar und den gemeinsamen Sohn Ismael in der Wüste aussetzt, wird schonungslos sowohl in jüdischen wie auch in muslimischen Quellen geschildert: er gibt den Einflüsterungen seiner Erstfrau nach und verstößt Mutter und Sohn in die wasserlose Wüste. Clemens Brentano hat dieses Schicksal sehr ergreifend und voller Mitgefühl besungen:

O Wüste, Traum der Liebe, die verachtet
Vom Haus verstoßen mit der Hagar irrt,
Wo schläft der Quell? da Ismael verschmachtet,
Bis deine Brust ihm eine Amme wird.

Das Fehlverhalten Abrahams wird weder in der Bibel noch im Koran beschönigt. Und doch wird dieser verstoßene Erstling Abrahams zum Stammvater der Muslime weltweit werden, auf den sie sich heute alle noch beziehen! In der wunderbaren Errettung Ismaels aus der wasserlosen Wüste erblicken viele Muslime einen besonderen Gnadenbeweis – „und Gott findet dich…“, wird Brentano in seinem grandiosen Gedicht „Der Traum der Wüste“ dichten.

Nicht überrascht war ich, als auch mein heutiger Ismael berichtete, dass er aus einer mehr oder minder aus dem Land getriebenen Minderheit stamme, nämlich der türkischen Volksgruppe, die bis vor kurzem noch in Bulgarien wohnte. Wir plauderten freundschaftlich über dies und das, und schon bald hatten wir das Ziel erreicht, und ich konnte endlich meinen gesammelten Notenbeständen (Bach, Beethoven und den anderen Gefährten) eine neue, sichere Heimat namens Billy gewähren.

Mein Gespräch und die Taxifahrt mit Ismael bedeutete den Übergang vom Verdachtsgebiet der Berliner Politik  in das Vertrauensgebiet der Berliner Menschen.- Weitere Schritte in das Vertrauensgebiet brachte dann eine kurze Rast in der herrlichen Labungsstätte des Namens Rüyam – „mein Traum“ heißt das auf Türkisch. Und der Wüstentraum manifestierte sich hier als rein pflanzlicher Kebap; eine echte Delikatesse Schönebergs! Die Menschen dort im Rüyam zeigen alle viel Herz – und wer hätte das gedacht? Als hätten sie geahnt, dass wir sehr durstig waren, schenkten sie uns noch zwei Becher Ayran dazu. Einfach so, es gab keinen echten Anlass; es war eine Geste der Menschenfreundschaft.

Und damit ist auch das merkwürdige Erlebnis, durch die Politik plötzlich das eigene Wohngebiet zum „Verdachtsgebiet“ erklärt zu wissen, abgehakt und überwunden! O nein, ihr Politiker, wir leben hier ganz und gar nicht im Verdachtsgebiet, sondern offenkundig in einem Vertrauensgebiet, einem Gebiet der Mitmenschlichkeit und der Menschenfreundschaft.

Brentano, dessen Herz auch für Ismael schlug, klingt hier erneut nach:

Dann wehet Friede,
klingender Lieder
glänzender Lauf,
ringelt sich nieder,
wallet hinauf.

 

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Die unversiegliche Kraft des alten Neuen. Zum Antritt des Neuen Jahres

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Jan. 022017
 

Groß und stark und zuversichtlich kam das Neue Jahr herauf. Wir begrüßten es im Harz. Zwei Tage vor Silvester bestiegen wir in völliger Dunkelheit den Brocken; dort erschien nach dem ersten farbenprächtigen Präludium des Anstiegs zuerst ein glutroter Fleck in weiter Ferne, ein dunkelrotes Etwas, das sich wie eine glühende Esse zischend und gischtend ausbreitete. Dann erst hob sich der Feuerball vor unseren Augen über den Horizont, bezwingend und unbezwinglich trieb es ihn höher und höher.

Das Neue Jahr beginnt zuversichtlich, stark, mutig, staunend, lächelnd. Der Mut, die Zuversicht, die Stärke, das Staunen, das Lächeln, sind sie alle noch da, die alten Tugenden, die unerschöpflichen, sonnenähnlichen Kraftquellen? Ja, sie sind’s! Wir haben sie auf dem Brocken unversieglich gespürt.

Die Ihr dies lest und seht, möget auch Ihr sie verspüren!

Bild: Sonnenaufgang am Morgen des 30. Dezember 2016, Brocken/Harz

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Ein Herbsttag im Himmelreich, wie wir ihn schon einmal sahen

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Okt. 072016
 

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Aufmerksame Augen haben den Ursprung des letzten poetischen Versuchs, aufgequollen am Rande des Grienericksees, sofort erkannt. Sie weisen darauf hin, daß Friedrich Hebbel den Grundton angab, nachdem wir einige Verse nachgeformt. So sei es dem Leser überlassen zu entscheiden, ob Urbild oder Nachbild hier größeren Eigenwert beanspruchen dürfen.

Unser Bild zeigt eine bei einer Fahrradtour aus dem Waldgebiet Himmelreich zwischen Zootzensee und Großem Wummsee mitgebrachte Aufnahme vom vergangenen Montag, dem Tag der Deutschen Einheit.

Wir versäumen nicht, Hebbels schöne Verse nach einer verlässlichen Neuausgabe zu zitieren:

Herbstbild

Dieß ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als athmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah‘,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dieß ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute lös’t sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Zitiert nach:
Deutsche Gedichte. Herausgegeben von Hans-Joachim Simm, Insel Verlag, 3. Aufl. 2013, S. 719

 

 

 

 

 

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Triefender Herbsttau am Grienericksee. Ein Herbstbild

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Okt. 032016
 

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Ein einzigartiger geschliffener Spiegel des kommenden Tages, das war der Grienericksee heute morgen. Wir fuhren eine Runde um die Seenplatte herum. In hellem Sonnenschein stiegen satt die Gerüche auf in den Buchenwäldern. Ich schnaubte ein, schnoperte, schnaubte und sog ein: den fetten Geruch von Pilzen und Most, von süßem Rotwein und leicht vergorener Aprikose. Trüffelgerüche im triefenden Laub! Den Herbst riechen! Triefender Tau, sattes Laub von mächtigen Buchen! Mühselig klaubte ich aus dem Gedächtnis zusammen ein Gedicht von wem? Ja, von wem?  Doch fiel’s mir nur unvollständig ein. Also schrieb ich es um. Ist es Diebstahl, Plagiat? Was tut es zur Sache? Umschreiben, fortschreiben, nacherleben, wiedererleben. Lese halten, einsammeln, weitergeben! Dabei alle Hebel nutzen! Danke Herbst, danke Friedrich!

Dies war ein Herbsttag, wie ich keinen roch,
Der See lag still, als wehte nie ein Wind,
Und dennoch drohten, kaum zu sehen noch,
Die dicksten Wolken, die wie Schiffe sind.

Uns störte nichts, die Feier der Natur,
Die Atem-Lese, die sie uns geschenkt,
Denn heute stiegen von dem Boden nur
Gerüche, die der Wandrer dankbar fängt.

Fetter blühte die Herbstzeitlose herauf, im hellen Kalk erhob sich der Obelisk, in französischer Sprache besang er die Taten der Generale.

 

Bild: Blick auf den Grienericksee, heute früh

 

 

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Thou dost show…

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Mai 172016
 

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Thou dost show me the path of life /

In thy right hand I find joy without end.

So ungefähr ein Mikhtam von David. Die Verse drängen sich mir auf beim Hinaufschauen auf die Karspitze des Monte Azzaredo. Das plötzliche Hervorbrechen des Lichts im Hochgebirg, wenn die Sonne schon die volle Kraft aufbringt und die Strahlen endlich auch herab hier ins Schattental von Mezzoldo fließen! Schatten der Nacht, verschwinde! Ein Tag des Lichts beginnt. Und dazu gehört auch das knatternde Motorino auf der Straße! Knattere, kleines Motorino, Felsentore, brechet prasselnd auf!

Bild: Blick von Mezzoldo nach Norden auf den Monte Azzaredo (2112 m)

Zitatnachweise: The Bible, The Psalms, Ps 16,11; Ariels Gesang, in: Goethe, Faust II, Erster Akt, Anmutige Gegend, Vers 4669

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Marmorstirn. Cremona. In aller Frühe

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März 152016
 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Singst du mir ein Lied zum heutigen Geburtstag?“
Ja, ich singe Dir ein Lied zu deinem heutigen Geburtstag, – ein Reiselied, das ein anderer geschrieben hat!

Hier ist es:

Wasser stürzt, uns zu verschlingen,
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.

Aber unten liegt ein Land,
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.

Marmorstirn und Brunnenrand
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde wehn.

Marmorstirn, Marmorstirn? Was steckt hinter diesem Wort? Zweifellos – die Fassade. Marmorstirn ist ein anderes Wort für Fassade. Fassaden sind Stirnseiten von Gebäuden aus Marmor, wie hier diese Fassade des Domes in Cremona.

Marmorstirn und Brunnenrand, in diesen beiden Worten fügte Hugo sein Italien-Erlebnis zusammen. Siehst du es? Der Stein wird so leicht, dass Vögel ihn forttragen könnten.

Wir besuchten ihn am vergangenen Sonntag in aller Frühe in voller Nüchternheit. Die Marmorstirn lächelte uns entgegen. Sie war geöffnet. Die Türen standen offen und wir traten ein.

„Non ricordate più le cose passate,
Non pensate più alle cose antiche!
Ecco, faccio una cosa nuova:
proprio ora germoglia, non ve ne accorgerete?“

scholl die Stimme uns laut und deutlich aus den alten geöffneten, ewig jungen Mauern  entgegen.  Schaut nicht in die Vergangenheit, sondern blickt nach vorne! Diese alte Fassade lädt dazu ein, mutig und froh nach vorne zu schauen.

Ja! Schau hier, ich mach was Neues! Wir dürfen aufschauen, dürfen und sollen nach vorne schauen. Jeder Tag mit dieser Wahrheit ist ein Geburtstag, ein ganz schöner wie der deine heute, hier und jetzt. Das bedeutet kein Vergessen oder Verleugnen dessen, was vergangen ist. Wie könnten wir all das Schöne, all das Schreckliche der Vergangenheit vergessen?

Aber wir lassen das Licht des Kommenden herein, das gerade jetzt aufkeimt, wir erwarten, wir eilen, wir gehen nach vorne!

Bemerkt ihr dies nicht?

 Posted by at 14:58

Giovanni Battista, il grande semaforo della modernità

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Jan. 102016
 

Johannes IMG-20160110-WA0015 (1)

Avete il novo e ‚l vecchio Testamento
e ‚l pastor de la Chiesa che vi guida
questo vi basti a vostro salvamento

Ihr habt den neuen und den alten Bund
Und auch den Hirten der Gemeinde, der euch leitet
Bescheidet euch damit, so werdet ihr gesund

Soweit die Stimme Beatrices in der Wiedergabe durch Dante (Div. Com., Par. V 76-78), durch uns übersetzt ins Deutsche. Anlaß für eine kleine abendliche Disputation!

Ego:
Aber liebe Beatrice, erlaube eine Frage: „Haben“ wir wirklich ein für allemal das Alte und das Neue Testament?

Beatrice:
Überlege selbst! Ist das so? Kann es einen endgültigen Besitz der Schriften geben? Ich bezweifle dies ebenfalls!

Ego:
Kleine, unmerkliche Rückungen, Umdeutungen, Anverwandlungen! Das ermöglicht mir das tastende Nachlesen des hebräischen und des griechischen Wortlautes der Schriften des alten und neuen Bundes!

Beatrice:
Du tust gut daran! Umdenken, Nach-Denken, Voraus-Denken, das ist der Kern der Johanneischen Botschaft, o Freund! Der Täufer ist nicht selbst das Licht, er ist nicht selbst die Bedeutung, er weist nur hin auf die Bedeutung, er ist ein Träger des Zeichens – ein Sema-Phor!

Ego:
Er ist also … ein Semaforo, wie die Italiener heutigentags sagen! Nennen wir doch deinen Johannes einfach Giovanni Semaforo!

Beatrice:
Du machst mich lachen! „Semaforo“ – das heißt doch Ampel, die „Lichtzeichen-Anlage“ der StVO in deiner geliebten deutschen Sprache?

Ego:
Richtig, Beatrice, ich sehe, du interessierst dich für unsere Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert!

Beatrice:
Sehr wohl! Hast du auch der heutigen Lesung im Gottesdienst zugehört? Hier stand Johannes im Mittelpunkt, der Schutzpatron meiner geliebten Vaterstadt Florenz, die meinen Dante so schnöde zum Tode verurteilt hat und sich heute seiner rühmt, als hätte es nie ein tiefes Zerwürfnis gegeben!

Ego:
Wenn’s dem eigenen Heil und dem Stadtsäckel dient … O ja, ich hörte sehr genau hin, Beatrice! Und ich staunte lange über die Zusendung einer Darstellung aus dem Metropolitan Museum of Art in New York, die mich heute ebenfalls erreichte! Sie zeigt Johannes, wie er das lebendige Zeichen der Gnade Gottes auf den Schultern trägt!

Beatrice:
Er ist – der Hinweisgeber, der Zeichenträger… er ist nicht selbst das Licht …

 Posted by at 23:33

Das Wort in Fleisch und Blut hören. Vom Geheimnis Bachs

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Nov. 252015
 

Vielleicht kann man sagen, daß Beethoven, Schumann und die anderen Romantiker alle ihr eigen Fleisch und Blut zum Ausdruck gebracht haben. Bach steht auf einer anderen Ebene und wird in dieser Weite zum Sinnbild gleich seinem Gott.
Wir wenden uns zu Bach wie zu einer größeren Kirche, wie zu einem Heiland der Musik. Obgleich der Klang der Musik unantastbar ist, so daß man annehmen könnte, er sei nicht zu verderben, ist Bachs Musik doch gegen Mißdeutungen nicht gefeit, so wenig wie Christi Wort. Spätere Geschlechter haben nicht immer gehandelt, wie das WORT es gebietet.

So schrieb es Yehudi Menuhin im Jahr 1962, und aus diesen Worten spricht etwas, was mich ebenfalls bereits als 14-jährigen Knaben unerklärlich berührte und berückte, als ich erstmals die Sonaten und Partiten Bachs in einer Aufnahme mit Henryk Szeryng hörte und sie später selbst zu spielen versuchte. Was geschah in diesen Tönen der d-moll-Partita? Insbesondere bei dem unfassbaren Übergang, in der Ciaccona, zu D-Dur, von Takt 132 zu Takt 133? Es war etwas Unnennbares, das mich fast zu Tränen rührte und mich buchstäblich dazu antrieb, durch Wald und Felsen zu wandern. Es war ein unbegreiflich holdes Sehnen! Aber was, was war das?

Erst vor wenigen Wochen, beim Lesen des Geleitwortes von Yehudi Menuhin zu einer Wiedergabe der Handschrift, fand ich eine mögliche Antwort auf diese Frage. Menuhin gibt eine, gibt SEINE Antwort, die für mich nunmehr ebenfalls sprudelnde Quelle einer tröstlichen Gewißheit geworden ist.

Quellen:
„Geleitwort“ von Yehudi Menuhin, in: Johann Sebastian Bach: SONATEN UND PARTITEN FÜR VIOLINE ALLEIN. Wiedergabe der Handschrift. Mit einem Nachwort herausgegeben von Günter Haußwald. Geleitwort von Yehudi Menuhin. Insel-Verlag, Leipzig 1962 [=Insel-Bücherei Nr. 655] S. 5-8, hier S. 8

J.S. Bach: Drei Sonaten und drei Partiten für Violine solo. Hrsgg. von Günter Haußwald. Revidierte Ausgabe von Peter Wollny. Urtext der Neuen Bach-Ausgabe. Bärenreiter Kassel, Basel, London, New York, Praha [=BA 5116] 2012, S. 36

 Posted by at 12:09

„Kommt ihr alle!“ Die hymnische Glücksverheißung der Bundesrepublik Deutschland

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Sep. 022015
 

„Kommt ihr alle!“, dichtete Goethe einst in seinem Hymnus Mahomets Gesang. In Goethes Sicht verkörperte der Prophet Mohammed diese umfassende Erlösungssehnsucht, verknüpft mit einem schaffenden, städtebauenden, kulturschaffenden Impuls:

Kommt ihr alle! –
Und nun schwillt er
Herrlicher; ein ganz Geschlechte
Trägt den Fürsten hoch empor!
Und im rollenden Triumphe
Gibt er Ländern Namen, Städte
Werden unter seinem Fuß.

Als ungeheuerliche, umfassende Glücksverheißung, als umfassende Einladung an alle Menschen, nach Deutschland zu kommen, ist die Pressekonferenz der Bundeskanzlerin vom vergangenen Montag in der internationalen Flüchtlingsbewegung aufgenommen worden. Der staatliche Fernsehsender RAI sprach gestern am Nachmittag um 17 Uhr ganz wörtlich von der „Einladung“, dem „invito“  Angela Merkels an alle Asylsuchenden; „alle sind nach Deutschland eingeladen!“ Wie ein Lauffeuer machte diese Botschaft die Runde; die bedingungslos zugesagte Hilfe der Bundesrepublik Deutschland für alle löst einen Taumel der Hoffnung bei allen Menschen aus, die endgültige Befreiung von irdischer Mühsal, Not, Elend und Armut ersehnen. Zweifellos hat die Bundeskanzlerin dies nicht ganz so gemeint und nicht ganz so gesagt – entscheidend ist, dass die Medien bei den des Deutschen, ja meist auch des Englischen oder Französischen unkundigen Flüchtlingen es so dargestellt haben. Den Flüchtlingen wird jetzt mehr denn je das Blaue vom Himmel herunter versprochen.

In manchem erinnert das grandiose Grundgefühl der aus aller Herren Ländern heraneilenden Flüchtlinge an die Stunden des 09.11.1989, die der Maueröffnung vorangingen.

Wer dächte nicht an den Ausruf „Seid umschlungen Millionen“! Diese Worte aus Schillers Hymne an die Freude inspirierten Beethoven zum Schlusschor „An die Freude“, der nicht zufällig zur offiziellen Hymne der Europäischen Union erwählt worden ist.

Die Hilfe der Bundesrepublik Deutschland wird allen Menschen, die die Grenze der EU überqueren, wird nach allgemeiner Darstellung allen Flüchtlingen ohne Bedingungen in Aussicht gestellt und gewährt, sie brauchen keine Gegenleistung und keinen Beweis der Bedürftigkeit mehr zu erbringen. So war es zwar nicht gesagt, so wird es aber dargestellt, so wird es praktiziert. Wie sollte man auch die Bedürftigkeit nachweisen? Genügt es doch offenkundig zu sagen, „from Syria“, und schon erhält jedermann bedingungslos das Bleiberecht.

Und wer dächte nicht an die Einladung Jesu Christi an alle, die er bei Matthäus anspricht:

Δεῦτε πρός με πάντες οἱ κοπιῶντες καὶ πεφορτισμένοι, κἀγὼ ἀναπαύσω ὑμᾶς …

„Kommt ihr alle, die ihr euch abplagt und beladen seid, ich will euch erleichtern. Nehmt [wir ergänzen: statt eurer bisherigen schweren Last] mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanft und im Herzen demütig, und ihr werdet Erholung  für eure Seelen finden. Denn mein Joch ist brauchbar, und meine Last ist  geschmeidig“ (Mt. 11,28-30).

Erstaunlich ist, dass Jesus keineswegs das Ende aller Mühsal verspricht; er verspricht nur eine Erleichterung, ein leichteres Joch, kein Paradies auf Erden. Er verspricht nicht wie die Bundesrepublik Deutschland das Ende aller Not, das Ende aller Unterdrückung. Jesus verlangt im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland sogar etwas, zunächst einmal eine Entscheidung, dann eine Nachfolge, und dann auch die Bereitschaft, sich lernend einzubringen und Verpflichtungen einzugehen.

Die hymnische, grandiose Machtverheißung Mohamets, das universale, menschheitserlösende Glückspathos der Hymne der Europäischen Union, die umfassende Einladung der sich in geradezu romantischem Sinne entgrenzenden, sich aufopfernden Bundesrepublik an alle Menschen weltweit – diese drei großartigen, universal gültigen Verheißungen kontrastieren auffällig mit dem deutlich bescheideneren, mehr auf menschendienliche Erleichterungen bedachten Arbeitsethos Jesu Christi.

 

 

 Posted by at 20:14

An einem letzten Sommermorgen, vor Sonnenaufgang

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Sep. 012015
 

Dienstliches zwang mich heute, vor Tagesanbruch loszufahren. Ich schwang mich aufs Radl und nahm den Weg von Schöneberg durch den Park am Gleisdreieck. Noch war der erste Sonnenstrahl nicht hervorgebrochen.  Ein Tier raschelte unerkannt davon, dumpfe Feuchtigkeit lag lastend auf Laub, Bank und Stein. Und mitten hindurch – ein freier Mensch, das Rad des eigenen Willens steuernd, das Ich, einsam, und folglich ganz bei sich.

Schon gestern war von den Meteorologen angekündigt worden: dies wird der letzte heiße Sommertag des Jahres.

Wie sehnsüchtig erwarteten die Menschen im Altertum früher den ersten Strahl des Tages. Wie dankbar rühmten und priesen sie das Hervorbrechen des Lichtes! Fanfaren erklangen, Haydn und Beethoven wählten stets lautes Blech und vorzeichenloses C-dur, um diesen Schöpfungs-Augenblick hervorbrechen zu lassen.  Himmelstore knarrten prasselnd, Phöbus Räder rollten rasselnd, Propheten und Weissager bezogen sich auf den Moment, ehe die Perlenkette des Lichtes zuerst aufschimmerte. Das Fasten beginnt in genau diesem Augenblick im Monat des Fastens. Der freie Wille ergibt sich damit dem Hervortreten eines Größeren. Der freie Wille, das aus sich rollende Rad, erkennt, dass er aus einem größeren Willen entspringt, und er dankt und preist.

Als ich am Hoftor des Dienstgebers anlangte und den elektrischen Summer drückte, umgab uns schon der Dämmerschein des letzten Sommermorgens in diesem Jahr. Und dieser Tag, der letzte große heiße Tag dieses sehr großen Sommers, erhob beschwingt die Flügel.

 

 Posted by at 19:20

Im Schatten ihrer Flügel – am Stammhaus der Bachs

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Aug. 122015
 

Wanja Wechmar

Den andern Tag – also am 18. Juli – erreichten wir schon nach kurzer Fahrt von Gotha herkommend den kleinen Flecken Wechmar. Hier hielten wir am Stammhaus der Familie Bach an. Als Ahnherr der Linie mit den vielen Musikern gilt heute der Bäcker Veit Bach. Veit Bach war – so erzählt Albert Schweitzer – aus Thüringen nach Ungarn ausgewandert und kehrte dann dorthin zurück, „als die Leiden der Gegenreformation über die Deutschen daselbst niederbrachen. Er ließ sich in Wechmar, nahe bei Gotha, nieder. Wenn er in die Mühle ging, um Getreide mahlen zu lassen, nahm er die Zither mit und musizierte derweilen, ohne sich um das Getöse und Geklapper zu kümmern.“

Nun, war es so? Kümmerte er sich wirklich nicht um das Getöse und Geklapper? Die gesamte Genealogie der Bach-Familie vor Johann Sebastian Bach (geb. am 21.03.1685 in Eisenach) ist weiterhin Gegenstand von Forschungen! Gesichert dürfte sein, dass die Vorfahren J.S.Bachs meist begabte Musikanten oder auch nebenamtliche Musiker waren; ohnehin dürfte der Unterschied zwischen Musikant und Musiker damals unerheblich gewesen sein.

Wie auch immer! Als wir um die Mittagsstunde am Bach-Stammhaus ankamen, war es  geschlossen. Wir schossen ein paar Fotos und schwangen uns aufs Rad Richtung Mühlberg. Das Getöse und Geklapper der Mühle vernahmen wir nicht, aber in mir tönt ohnehin immerfort die Musik Johann Sebastian Bachs.

Bild: ein junger Musikant sitzt einfach so vor dem Stammhaus der Bachs in Wichmar.

Zitatnachweis:
Albert Schweitzer: „Von Eisenach bis Leipzig“, in: ders., J.S. Bach. Vorrede von Charles Marie Widor. Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 1976, S. 84-97, hier S. 84

 Posted by at 17:39

Jesus bleibet meine Freude

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Mai 262015
 

Tewahedo Gemeinde 20150525_114736

Gestern gutes, umfassendes, einbeziehendes Mitfeiern des Gottesdienstes mit der vielsprachigen Gemeinde vor dem Rathaus Schöneberg am John-F.-Kennedy-Platz. Der Koreanische Musikerchor unter Leitung von Youngwook Kim rief mich. Er setzt sich mühelos gegen den unaufhaltsam vorbeirauschenden Autolärm durch. Er übertönt das Brausen der Autos, aus ihm bricht Dank, Gedenken, Freude und Erkenntnis hervor. Die Bürgermeisterin des Bezirks, in den ich zugewandert bin, Angelika Schöttler, trägt in ihre Muttersprache Deutsch übersetzt Genesis 11,1-9 vor: „Allons! Bâtissons-nous une ville et une tour dont le sommet pénètre les cieux!“ Einige Anstöße regen zum Nachdenken über das Fremdsein an – einen dauernden Zustand, der uns von früh bis spät begleitet. „Kommtm anach hie miteu armtor nister!„, wer verstünde heut und hier diesen Münsteranischen Satz? Wir verstanden ihn und wir lachten.

Pastor Kienberger trägt in der Muttersprache John F. Kennedys aus Apostelgeschichte 2,1-11 eine Völkerliste der damaligen und heutigen Welt vor: Parthians, Medes, Elamites, and residents of Mesopotamia, Judea and Cappadocia, Pontus and Asia, Phrygia and Pamphylia, Egypt and the parts of Libya belonging to Cyrene, and visitors from Rome, both Jews and proselytes, Cretans and Arabs.

Aus Äthiopien, das in der Antike zeitweise als Teil Ägyptens galt, trägt uns die Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Gemeinde einen fröhlichen Tanz mit Gesang vor. Die Botschaft ist dieselbe.

Ein Kantor der syrisch-orthodoxen Gemeinde Mor Dodo trägt uns singend in der Sprache, in der die Mutter Jesu Christi sprach, also auf Aramäisch, das aus dem Griechischen übersetzte Matthäusevangelium 25,31-40 vor: Ὅταν δὲ ἔλθῃ ὁ υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου ἐν τῇ δόξῃ αὐτοῦ καὶ πάντες οἱ ἄγγελοι μετ᾽ αὐτοῦ, τότε καθίσει ἐπὶ θρόνου δόξης αὐτοῦ αὶ συναχθήσονται ἔμπροσθεν αὐτοῦ πάντα τὰ ἔθνη.“

Dies war für mich der erhebendste Augenblick, diesen frei schwebenden, diesen die Töne verschmelzenden, verbindenden, diesen kantillierenden Sprechgesang zu hören. Ja, so ungefähr muss es damals geklungen haben, so ungefähr singen auch heute noch die Kantoren der jüdischen Gemeinden, so hörte ich einst den Berliner Kantor Estrongo Nachama singen, so ungefähr hörte ich einst in Russland auch die Priester in den russisch-orthodoxen Gottesdiensten das Evangelium Jesu Christi verkünden. Und mit eben dieser graziösen Wucht hörte ich den Muezzin in Kadikalesi die Gläubigen zum Gebet rufen.

Jeder hörte die eigene, seine eigene zeitumspannende Botschaft heraus, jeder hörte seine völkerumspannende Botschaft hinein! Koreaner, Syrer, Schöneberger, Kreuzberger, Äthioper, Ägypter, Araber, Münsteraner, Amerikaner – sie alle waren einen Augenblick lang, ein paar Silben lang eine Gemeinde. Sie verstanden einander, mindestens einen Augenblick lang.

Und irgendwann, beim griechisch gesungenen Kyrie Eleison Kyrie eleison Kyrie Eleison, verschmolz auch die singende Stimme des hier Schreibenden in diesen einzigen, einigenden großen Gesang.

Bild: Die äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Gemeinde beim Ökumenischen Gottesdienst evangelischer, katholischer, freikirchlicher und orthodoxer Kirchen in Schöneberg und Tempelhof, 25. Mai 2015, Rathaus Schöneberg

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