„Nur wo du bist sei alles“: der Ratschlag der Carlsbader Elegie

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Dez. 222015
 

„Verschlossen in sich selbst, als hätte dies Herz sich nie geöffnet“, so eingekerkert in lastender schuldhafter Verstrickung, in endloser Trauer: der Goethe des Septembers 1823 erinnert in manchem an die büßenden, mit Felsbrocken beladenen Künstler und Reiter im elften Gesang von Dantes Purgatorio!

Das Herz krampft sich zusammen
„Und Mißmut, Reue, Vorwurf, Sorgenschwere
Belasten’s nun in schwüler Atmosphäre.“

Es gibt wohl kein anderes lyrisches Gedicht Goethes, das so verzweifelt, so abgründig endet wie die sogenannte „Marienbader Elegie“. Entstanden ist das Gedicht unterwegs, zwischen 5. und 17. September 1823 auf der Heimreise vom böhmischen Karlsbad (oder „Carlsbad“, wie Goethe schreibt) nach Weimar, wobei Eger als Zwischenstation diente. Genauer wäre es also, das Gedicht „Carlsbader Elegie“ zu nennen, wenngleich die schicksalhaften Geschehnisse, die ihr zugrundelagen und die sich über die Jahre 1821, 1822 und 1823 hinzogen, in Marienbad stattfanden.

Erstaunlich, verblüffend bleibt aber zu lesen, wie ein gütiges Wesen folgenden Ratschlag an den Unglücklichen gibt:

„Stund um Stunde
Wird uns das Leben freundlich dargeboten,
Das Gestrige ließ uns geringe Kunde,
Das Morgende, zu wissen ist’s verboten;
Und wenn ich je mich vor dem Abend scheute,
Die Sonne sank und sah noch, was mich freute.

Drum tu wie ich und schaue, froh verständig,
Dem Augenblick ins Auge! Kein Verschieben!
Begegn‘ ihm schnell, wohlwollend wie lebendig,
Im Handeln sei’s, zur Freude, sei’s dem Lieben;
Nur wo du bist sei alles, immer kindlich,
So bist du alles, bist unüberwindlich
.“

Weisheit des Kindes! „Das Gestrige ließ uns geringe Kunde“, – das ist Traumabewältigung, das ist das Abschütteln der ferneren Vergangenheit; ein sehr kluger Ratschlag, den insbesondere Überlebende von Katastrophen immer wieder zu beweisen scheinen. Zu beweisen scheinen! Ganz so einfach ist es ja nicht. Der Schluß der Carlsbader Elegie belegt dies schmerzhaft.

Quellenangabe:
„ELEGIE“ in: Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800-1832. Herausgegeben von Karl Eibl. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1998, S. 457-462; ferner hierzu der aufschlußreiche Kommentar im selben Band, S. 1050-1057

Bild:
Blick von Goethes Gartenhaus auf sein Wohnhaus in Weimar, Aufnahme von unserer Radtour im Juli 2015
Goethes Gartenhaus 20150719_154349

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„Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde“, oder: Goethe. Ein Kippbild

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Dez. 212015
 

Einen besonders schlagenden Beweis für den offiziösen, also gewissermaßen amtlichen, furiosen Selbsthaß (odium sui) der heutigen Deutschen für alles, was auch nur im entferntesten als „deutsche Kultur“ wahrgenommen werden könnte, liefert der Umgang des Prager Goethe-Instituts mit dem Sockel der Goethe-Büste, welche bis 1945 im böhmischen Karlovy Vary (Karlsbad) stand. Die Büste wurde 1945 in den Wald verschleppt, der Sockel stand herrenlos umher. Das Goethe-Institut, das vertraglich mit dem Außenministerium verbundene Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland, beauftragte einen zeitgenössischen Künstler, Jiří David, eine Art Anti-Denkmal für den verwaisten Sockel Goethes zu schaffen. Ausgestellt werden sollte das Denkmal auf dem Masaryk-Platz in Prag. Zu sehen ist nunmehr (oder war bis zur Entfernung des Denkmals vorübergehend) eine mit Schrott befüllte, aufrecht stehende Schubkarre, die an Stelle Goethes getreten war; doch wie durch ein Wunder fiel der Schrott nicht zu Boden, sondern verharrte als Denkmal seiner eigenen Müllhaftigkeit an seinem Ort.

Dazu lesen wir in einer tschechischen Internet-Seite, die dankenswerterweise auch das Denkmal bildlich darstellt:

Na Masarykově nábřeží v Praze byl vpodvečer odhalen netradiční pomník německého básníka Johanna Wolfganga Goetha.
Skládá se z historického podstavce, který výtvarník Jiří David doplnil stavebním kolečkem naloženým sutí, v níž jsou zabořeny Goethovy knihy, ohořelé fragmenty malířského plátna, nedopalky cigaret, zlatá platební karta Master, tištěné noviny či fragmenty computeru.

Zdroj: http://www.lidovky.cz/jiri-david-odhaluje-novy-objekt-ne-pomnik-j-w-goethe-fxs-/kultura.aspx?c=A151002_155432_ln_kultura_ele

Sollte man also Goethe – dem Beispiel des Goethe-Instituts folgend – gleich auf den Müll auskippen, Goethe in Deutschland verbieten oder Goethe in Deutschland ignorieren? Letzteres scheint an deutschen Schulen überwiegend der Fall zu sein. Bei einem Literaturfestival sprach ich kürzlich mit einer aus Osteuropa nach Deutschland zugewanderten Literaturliebhaberin, deren Tochter die Segnungen des deutschen Deutschunterrichtes an einem deutschen Gymnasium über sich ergehen lassen durfte. Wir sprachen über den Rang und Wert der Literatur für die Herausbildung einer Persönlichkeit. Und was muss ich da hören? „Meine Tochter hat ein sehr gutes Abitur in Deutschland abgelegt, ohne in ihrer ganzen Schulzeit auch nur eine einzige Zeile von Goethe gelesen zu haben!“

Das ist beileibe keine Einzelstimme! Das Goethe-Institut Prag hatte also recht! Mit der Goetheschen Verschrottungsaktion warf es ein Schlaglicht auf den Umgang der heutigen deutschen Kulturnation mit all dem, was den Deutschen einst lieb und teuer war, was übrigens auch im Ausland von China über Russland bis USA, von Indonesien bis Ägypten den einen oder anderen Fan hatte und unvermindert hat. Neben Goethe sind dies beispielsweise Immanuel Kant, Thomas Mann, Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Albrecht Dürer, Wolfgang Amadeus Mozart, Albert Einstein, Sigmund Freud, Franz Kafka, Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Musik, Kunst, Philosophie, Wissenschaften, das waren Felder, auf denen in deutscher Sprache erzogene Menschen in deutscher Sprache Wesentliches beigesteuert haben. Muss man denn wirklich die deutsche Sprache so in Dreck treten, wie es das Goethe-Institut Prag getan hat?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die genannten Persönlichkeiten waren keineswegs deutschnational eingestellt, sie empfanden sich ganz eindeutig nicht einmal in erster Linie als „Deutsche“, sondern eher als „musikalischer Genius“ wie Beethoven, „gränzenloser Künstler“ wie im Falle Goethes, „gläubiger Christenmensch“ wie etwa im Fall Bachs, „Philosoph des Weltgeistes“ wie Hegel, „Philosoph der menschlichen Vernunft“ wie Kant, „Archäologe der menschlichen Psyche“ wie Freud.

Aber sie sind doch so nur denkbar, sie konnten so nur entstehen unter den besonderen Bedingungen des deutschsprachigen Kulturraumes, der politisch ein buntscheckiger Flickenteppich war, aber kulturell vorrangig in deutscher Sprache sich entfaltete, von deutscher Sprache überhaupt nicht zu trennen ist, sich vielfältig verästelt mit europäischen Kulturen vernetzt hat und überhaupt eine gute, gangbare Alternative sowohl zu früherer nationalistischer Überheblichkeit wie auch zu heutiger antideutscher würdeloser Selbstzertrümmerung darstellt.

Dem Goethe-Institut Prag ist zu danken, dass es ein so scharfes Schlaglicht auf den krankhaften, typisch deutschen Hang zur Selbstentwürdigung geworfen hat, ja ihn bis ins äußerste, absurde Extrem durchexerziert und durchfinanziert hat.

Den mitunter suizidalen deutschen Selbsthaß, das offiziöse odium sui germanicum, schätze ich, nebenbei bemerkt, als sehr gefährlich ein. Wer sich selbst so runtermacht, so würdelos in den Staub wirft, wie das die Deutschen ganz amtlich und rituell gerne tun, der kann auch keine Achtung für andere Nationen empfinden, seien es nun die Tschechen, die Polen, die Ungarn, die Israelis, die Franzosen oder die Russen.

Ohne Selbstachtung keine Achtung des Anderen, ohne Selbstliebe keine Nachbarliebe oder „Nächstenliebe“!

Wer sich selbst – wie allzu oft die Bundesrepublik Deutschland dies als Kulturnation tut, wie dies allzu viele deutsche Intellektuelle tun – würdelos behandelt, wird anderen Nationen auch nicht mit Anstand und Würde begegnen können. Darin liegt eine echte Gefahr für das Haus Europa.

Goethe, ein von Deutschland vergeßner, mißachteter, ausgekippter Dichter hat diese Gefahr der Selbstentzweiung, ja der Zerstörung alles Wertvollen bei seinen Aufenthalten in den böhmischen Bädern Marienbad und Karlsbad sehr hellsichtig erkannt. Er schrieb in seiner Marienbader Elegie zu diesem Thema:

Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde.

Quellenangabe:
Johann Wolfgang Goethe. Gedichte 1800-1832. Herausgegeben von Karl Eibl. Sonderausgabe zu Johann Wolfgang Goethes 250. Geburtstag. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1998, hier S. 462; ferner hierzu der aufschlußreiche Kommentar im selben Band, S. 1057

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Verteidigung des Regisseurs durch den Direktor. Nachspiel auf dem Theater

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Nov. 172015
 

Fast wie im Träumen wars mir doch, dass der Direktor mich, den Zuschauer, nach der Aufführung beiseite nahm: „Ihr wart unzufrieden. Ihr habt gelästert und das Stück verrissen. Ich sah’s: Ihr rührtet die Hände nicht! Auf ein Wort! Folgt mir hinter die Kulissen!“ Ich tat’s, willig-widerwillig. Kabel lagen herum, zwei Bühnenarbeiter mühten sich, ein Stahlrippengerüst abzubauen, es roch nach Terpentin, Kunstharzlacken und ranzigem Werg. Flackernde Windows-10-Bildschirme wurden gerade heruntergefahren.

Was folgte, war ein Strom wechelseitiger Vorwürfe, wutschnaubender Erklärungen, wohlmeinender Manifestationen des Willens, die hier mehr oder minder wortgetreu wiedergegeben seien:

DIREKTOR
„Was fällt euch bei! Was erdreistet ihr euch! Ihr wisst doch, dass heut auf unsern deutschen Bühnen ein jeder probiert was er mag!“

ZUSCHAUER
„Und genau das ist falsch!“, fuhr ich auf. „Diese Beliebigkeit! Ich verlange auch auf deutschen Bühnen ein klares redliches Wort, ich verlange eine fortlaufende Handlung! Ich will keine Apparate-Hochrüstung! Ich will das apparate-arme Theater! Armes Theater! Ich will mehr Jerzy Grotowski! Ich will nicht durch so eine Masse an Eindrücken und Effekten gezwungen werden, irgendetwas zu denken oder gar nicht mehr zu denken!“

„Die MASSE KÖNNT IHR NUR MIT MASSE ZWINGEN!, erklärte mir der DIREKTOR mit sanftem, aber bestimmtem Ton. „Ich gab dem Regisseur Lizenz zum Geldausgeben. Ich sagte ihm: Im Namen des DIREKTORS! Schont mir in dieser Inszenierung Prospekte nicht und nicht Maschinen, nutzt Projektoren und Himmelslichter, facht das virtuelle Feuer an, bietet alles auf, was der digitale Maschinenraum euch gibt!“

ZUSCHAUER
Und die armen Schauspieler? Sie kamen mir wie ohnmächtige Bestandteile einer riesigen Apparatur vor! Wo bleibt der Mensch im Schaupieler?

DIREKTOR
Und selbst wenn es so wäre? Was verschlüge dies? Was wäre denn so schlimm daran, wenn ein Theater die Welt als riesiges Weltenapparatespiel darstellte, in dem der Mensch nur eine Fußnote bildete? Und überhaupt! Euer vielgerühmter Mensch, was ist er anderes als nur ein Heuschreck, der in jeden Quark seine Nase begräbt!

ZUSCHAUER
Verehrter Herr Direktor, ich war am Samstag im neuen James Bond im Odeon in Schöneberg. Spectre! Spektakulär! Spectre, der hat mir das geboten! Und das Wichtigste: Eine fortlaufende Handlung, eine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse.

DIREKTOR
Ein solcher Vorwurf läßt mich ungekränkt. Ich gratuliere Euch zu diesem sicheren Urteil! Doch was das Gut und Böse angeht – woher wollt ihr dies wissen, was gut und böse ist?

ZUSCHAUER
Das höchste Gut, das innere Licht! Mein Gewissen sagt mir: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Und ich erwarte, dass das Theater den Menschen bessert und ihn zu neuen Einsichten führt! Dieser Meinung waren auch unsere Klassiker, unser Goethe und unser Schiller! Habt ihr Goethe und Schiller ganz vergessen? Bei eurem Stücke-Ragout tritt man fassungslos, ungetröstet in den Platzregen hinaus, während der Fesselballon der Phantasie am Boden bleibt.

DIREKTOR
Woher nehmt ihr diese Gewissheit? Das Publikum, es ist nicht so, wie ihr dies gerne hättet. Kennt Ihr den Faust von Goethe? Nein? Seht ihr! DAS ist euer Problem! Das Publikum, es will stark Getränke schlürfen. SPECTRE beweist es doch erneut! Doch es ist spät geworden, das Schichtende naht wie die Nemesis, die Bühnenarbeitergewerkschaft sitzt mir im Nacken! Mein Freund, wir müssen’s diesmal unterbrechen. Gehabt euch wohl.

Die Bühnenarbeiter hatten sich mit einem knappen Tschüß verabschiedet, wir waren die letzten Menschen im Theater.

So endete denn auch der kleine Wortwechsel zwischen dem Direktor und dem Zuschauer. Der Zuschauer trat auf den Platz hinaus. Starker Regen, echter Regen, kein Theaterregen fiel in dichten, schleierartigen Strömen auf herbstnasses Laub herab. Es war kühler geworden. Kein Mond stand am Himmel. Es roch nach fauligen Blättern, nach feuchtem Teppichboden, über den soeben ein Hund gelaufen war, nach Benzinflecken und Terpentin.

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Gebt ihr ein Stück, zerfetzt es gleich in Stücke: Goethes Clavigo am Deutschen Theater

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Nov. 142015
 

Wertvolle, nachhaltige Einsichten in die vielen Arten, wie man auf deutschen Bühnen ein beliebiges Theaterstück zerlegen, zerfetzen, zerstören kann, bot gestern das Opfer des Abends: „Clavigo nach Johann Wolfgang Goethe“. Als Spielstätte gab sich das Deutsche Theater her.

Hier die wesentlichen Regieanweisungen, mit denen es jedem Regisseur gelingen kann, jedes beliebige Stück von Aischylos über Goethe bis Heinar Kipphardt erfolgreich unkenntlich zu machen:

1) Gebt ihr ein Stück, gebt es gleich in Stücken! Kein Handlungsstrang soll erkennbar sein. Alles wird aufgelöst. Es geschieht sehr viel, aber es gibt keine fortlaufende Handlung mehr.

2) Solch ein Ragout, es muss euch glücken: Man begnügt sich nicht mehr mit einem Stück. Nein, mindestens drei Theaterstücke Goethes werden hineingequirlt, daneben noch Briefe, Kommentare, eine kleine Gardinenpredigt von Jean Ziegler darf auch nicht fehlen.

3) Lasst sie schreien, stöhnen, nuscheln – doch lasst sie niemals sprechen. Sie, die Schauspieler, können nicht mehr bühnentauglich sprechen. Oder sie dürfen nicht mehr bühnengerecht sprechen. Es gab an dem Abend keinen einzigen Satz, der mit sinnvoller Betonung gesprochen worden wäre. Schönheit des gesprochenen, des dichterischen Wortes erwarteten wir ja schon nicht mehr. Aber Sinn. Die jüngeren Schauspieler bekommen in Deutschland offenbar keinerlei Sprechausbildung mehr. Ihre Stimmen tragen nicht. Deshalb müssen sie auch fast ohne Pause durch ein Mikrophon verstärkt werden. Alles wurde gepresst, geschrieen, verzerrt, vieles wurde durch den Computer gejagt. Arme Schauspieler!

4) Sprechtheater ohne Sprechen! Goethes Text wurde ohne Gefühl für Sprache, ohne jeden Respekt vor dem Wort, ohne Achtung vor dem Zuschauer angeboten. Es wird stattdessen ein gigantischer technischer und medialer Aufwand getrieben. Die Schauspieler werden zum Bestandteil einer übergroßen, überteuerten Maschinerie gemacht.

5) Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten. Clavigo, Beaumarchais, Buenco wurden durch Frauen gespielt. Ist ja nicht uncool. Aber warum? Sollte nachgewiesen werden, dass Genderrollen sozial konstruiert werden? Der Nachweis wäre misslungen. Das ganze Stück funktioniert so nicht.

6) Auf offener Bühne wurde gegen Ende ein versuchter Selbstmord vorgeführt. Ein/E Schauspieler/In zog sich eine Plastiktüte über ihr/sein/-en Kopf, doch brachte er/sie sich dann doch nicht um. Und es waren Kinder und Jugendliche im Saal!

7) Insgesamt wohnten wir einem suizidalen Umgang mit Sprache, einem suizidalen Umgang mit Texten, einem suizidalen Umgang mit Kunst bei. Goethe wird es vielleicht überleben. Vielleicht auch nicht. Es gibt Schlimmeres als einen solchen Theaterabend. Die Ereignisse in Paris brachten uns dies entsetzlich nahe. Es regnete, als wir das Theater verließen. Durchnässt wie ein Pudel kam ich zuhause an.

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Okt. 122015
 

Im Gränzenlosen sich zu finden,
Wird gern der Einzelstaat verschwinden,
Sich aufzugeben, ist Genuß!

So mag es einem wohl spielerisch in den Sinn kommen, nachdem man mit Hochgenuß die späten politisch-moralischen Gedichte Goethes durchgelesen hat.

Von „entgrenzter Demokratie“ schreibt sehr packend, sehr überzeugend der Düsseldorfer Politikwissenschaftler Stefan Marschall. Er erkennt, dass Phämomene wie „Europäisierung“ (gemeint ist jedoch nur der absolute Vorrang der EU-Rechtsakte vor den Rechtsakten der EU-Mitgliedsstaaten) und „Globalisierung“ den herkömmlichen westlichen Staatstypus zunehmend ins Abseits manövrierten und potenziell handlungsunfähig machten; in der Tat, so meine ich, Altertümlichkeiten wie etwa die Gewaltenteilung zwischen gesetzgebender, ausführender und rechtssprechender Gewalt werden in modernen Zeiten zunehmend außer Kraft gesetzt; gefragt ist in unseren Zeiten der wachsenden Anomie, der Widersprüchlichkeit unvereinbarer Rechtsordnungen wie etwa derjenigen der EU einerseits und der Nationalstaaten andererseits heute rasches, kühnes Zupacken, Raffen und Schaffen, auch wenn dieses „Schaffen“ oft nur ein „Abschaffen“ oder auch ein „Sich-Aufgeben“ ist, in diesem Fall also ein Abschaffen des herkömmlichen Souveränitätsgedankens der Territorialstaaten.

Wir zitieren Stefan Marschall (Hervorhebungen durch dieses Blog):

„In der Gesamtschau spricht vieles dafür, dass die Globalisierung der Gesellschaften und staatlicher Politik einen Beitrag zur Entparlamentarisierung, zur Schwächung des Bundestages im politischen System Deutschlands leistet und damit an die Substanz der parlamentarischen Demokratie geht.“

In scharfen Tönen, die nicht frei von Polemik sind, spricht der hochangesehene ehemalige Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust am 9.10.2015 von der „Kanzlerin ohne Grenzen“; der europäische Politiker Guy Verhofstadt wiederum geißelte kürzlich im EU-Parlament die derzeitige europäische Anomie als reinstes Chaos, in dem es nicht eine, sondern „mindestens zehn Unionen“ gebe.

Nun, ich meine: Die zutreffend erkannte „Entgrenzung“ oder auch Regellosigkeit der hohen Politik macht uns einfachen Bürgern zunächst einmal Angst. Wir einfachen Bürger wissen derzeit oft nicht mehr, woran wir sind – was gilt, beispielsweise in der Euro-Staatschuldenkrise, in der wirtschaftlichen Dauerkrise der Eurozone und der Massenmigration in die verschiedenen europäischen Sozialsysteme? Was hat Vorrang? EU-Recht? Deutsches Recht? Das Recht des Stärkeren? EZB-Recht? Eine Art permanentes Notfallrecht? Oder brauchen wir gar in Europa endlich wieder einmal eine starke Frau, die vernünftigen Sinnes alles lenkt und leitet, „legibus absoluta“, also oberhalb der Gesetze stehend, wie etwa Kaiserin Maria Theresia oder Zarin Katharina II.? Oder ist alles letztlich sowieso eins, im Sinne eines Goethe’schen „Eins und Alles“? Fragen über Fragen!

Hier meine ich: Wenn man manche Zuspitzung und im Eifer des Gefechts unterlaufende Übertreibung abzieht, sollte und müsste man die Bemerkungen und Einwürfe eines Johann Wolfgang Goethe, eines Stefan Marschall, eines Stefan Aust und eines Guy Verhofstadt durchaus ernst nehmen. Sind letztlich doch alles besonnene, welterfahrene Menschen!

Belege:

Stefan Marschall: „Die entgrenzte Demokratie – Europäisierung und Globalisierung“, in: Stefan Marschall: Das politische System Deutschlands. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2015, S. 234-259, hier bsd. S. 247, S. 255, S. 257

Rede Guy Verhofstadts im EU-Parlament vom 07.10.2015
https://www.youtube.com/watch?v=D_VbHfgPVlg (hier besonders 4:47)

Stefan Austs Artikel vom 09.10.2015:
http://www.welt.de/debatte/kommentare/article147423831/Angela-Merkel-Kanzlerin-ohne-Grenzen.html

Goethes Gedicht „Eins und Alles“ (mit einigen schweren Schreibfehlern!):
http://gutenberg.spiegel.de/buch/johann-wolfgang-goethe-gedichte-3670/243

Bild:
Lascia dir la gente
e va per la tua strada (Dante). Bild vom Havelland-Radweg, unterwegs zu dem Ribbeck von Ribbeck auf Havelland.
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Er hat uns noch was zu sagen

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Okt. 102015
 

Eines der polnischen Lehnwörter in unserer schönen deutschen Muttersprache ist das Wort „Grenze“. Es stammt vom polnischen Wort „granica“ ab. Goethe selbst, der große Hochachtung für die slawischen Sprachen hegte, schrieb folgerichtig meist eigenhändig „Gränze“, so etwa in „Im Gränzenlosen sich zu finden“, obgleich schon damals die Schreibung „Grenze“ sich durchzusetzen begann. Säße der Knabe Goethe heute in einer Grundschule, dürfte er ebenfalls schreiben, wie er wollte, denn wer wollte einem Goethe vorwerfen, dass er kein richtiges Deutsch schreibe? Kaum ein Schüler lernt ja heute noch die deutsche Rechtschreibnorm zuverlässig. Wer vermöchte es ihm auch zu verdenken bei all der Anomie, die uns umgibt?

Entscheidend ist doch, daß wir die Gedichte Goethes wieder fleißig lesen, sie laut den Kindern vorlesen, sie selbst auswendig lernen und sie laut und deutlich, klingend und singend vortragen in Trepp und Kammer, in Kita und Schul und wer weiß sogar am Goethe-Gymnasium, in Aula und Saal, auf Schritt und Tritt.

Hören wir den greisen Goethe selbst. Er hat uns noch was zu sagen. Das Bild weiter unten zeigt das Arbeitszimmer Goethes in Weimar, wie wir es am 19. Juli 2015 vorfanden.

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Im Gränzenlosen sich zu finden: Goethes ursprüngliche Einsicht

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Okt. 102015
 

Eins und Alles

Im Gränzenlosen sich zu finden,
Wird gern der Einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruß;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt läst’gem Fordern, strengem Sollen,
Sich aufzugeben, ist Genuß.

Weltseele, komm, uns zu durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen,
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.
Theilnehmend führen gute Geister,
Gelinde leitend, höchste Meister,
Zu Dem, der alles schafft und schuf.

Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich’s nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges, lebend’ges Thun.
Und was nicht war, nun will es werden
Zu reinen Sonnen, farb’gen Erden;
In keinem Falle darf es ruhn.

Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht’s Momente still.
Das Ew’ge regt sich fort in allen:
Denn alles muß in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.

Barfußpfade – eine gangbare Alternative zum Hochgebirgswandern?

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Okt. 062015
 

Barfuß 20151004_120517

Statt eines steil ausgesetzten Höhenkamms – den man nicht haben kann im Umland von Berlin – führte uns der Weg am Sonntag von Ribbeck im Havelland auf dem Barfußpfad über eine Länge von 2 km zum Kinderbauernhof Marienhof. Ohne Schuhe und ohne Socken stapften wir durch Sumpf und Luch, über Stock und Stein, immer am Rand des Wirtschaftsweges entlang. Mancherlei Hindernisse stellten sich uns in den Weg, von der knuppeligen Baumwurzel über steil aufragende Altreifen, von der schottrigen Grauwacke über einen schwanken Steg aus zwei Balken bis hin zum umgestülpten Mehrweggetränkeflaschentragl.

Barfuß 20151004_121810

Die nackten Füße erfuhren Erdgeschichte, erfuhren den ersten Kältehauch des Herbstes im tief quatschenden Sumpf, ertasteten noch die gespeicherte Wärme des Sonnentages im feinkörnigen Mergel und im aufgeschütteten Schluff. Und ja, dieses ständige Fassen und Nehmen der Fußsohle am Boden, das Weichen und Nachgeben, das Drücken und Zwicken des Erdbodens entfalteten eine konzertante Gesamtwirkung auf den gesamten Bewegungs- und Halteapparat aus Zehen, Füßen und Beinen, dass ich mich danach an die wohlig walkende Wirkung eines Höhenpfades in 2.000 m erinnert fühlte. Das gesamte Alpenpanorama dacht‘ ich mir dazu – etwa mit folgenden Versen:

Der Einsamkeiten tiefste schauend unter meinem Fuß
Entlassend meiner Wolken sanftes Tragewerk
Betret‘ ich wohlbedächtig dieser Gipfel Saum

— und die Südtiroler Herrlichkeit vergegenwärtigte mir ein Buch, das ich im Sammelregal gebrauchter Bücher im Schloß Ribbeck fand und erstand, nämlich den packenden Schicksalsroman „Zwei Menschen“ von Richard Voß, 1911 zuerst erschienen in Stuttgart, 1959 wieder aufgelegt durch den Fackelverlag Olten. Eine prachtvolle, in vollem Selbstbewusstsein schaltende und waltende Frau ist sie, diese Judith vom Platterhof! Ein Leckerbissen für Genderforscherinnen aller Geschlechter!

Der Roman spielt in Vahrn am wild schäumenden Eisack, wo ich meine letzten Bergabenteuer erlebt habe, und der Autor starb 1918 in seiner Wahlheimat Berchtesgaden, wo man sich seiner noch heute erinnert. Ebenfalls erwähnt wird in dem Buch das Kloster Neustift, aus dem ich drei Flaschen Wein mit nach Berlin brachte.

Wer mochte dies Buch dort wohl für mich hinterlegt haben?

Ergebnis: Ja, Barfußpfade sind eine taugliche Alternative für alle jene, die es nicht schaffen, am Wochenende ins Hochgebirg zu fahren, um starre, zackige Felsengipfel zu erklimmen.

Der Havelland-Radweg führt bequem, still und geräuschlos rollend von Nauen bis Ribbeck ans Ziel.

https://www.youtube.com/watch?v=PmvBOAlpwPE

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Die zwei Schwestern im Garten. Eine Sichtachse

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Sep. 302015
 

Toleranzblick 20150926_104508

 

„Hier ists ietz unendlich schön. Mich hats gestern Abend wie wir durch die Seen Canäle und Wäldgen schlichen sehr gerührt wie die Götter dem Fürsten erlaubt haben einen Traum um sich herum zu schaffen. Es ist wenn man so durchzieht wie ein Mährgen das einem vorgetragen wird und hat ganz den Charackter der Elisischen Felder in der sachtesten Mannigfaltigkeit fliest eins in das andre, keine Höhe zieht das Aug und das Verlangen auf einen einzigen Punckt, man streicht herum ohne zu fragen wo man ausgegangen ist und hinkommt. Das Buschwerck ist in seiner schönsten Jugend, und das ganze hat die reinste Lieblichkeit.“

Mit diesen Worten schilderte Goethe am 14. Mai 1778 in einem Brief an Charlotte von Stein seine Eindrücke in den Wörlitzer Anlagen. Letzten Samstag führt uns der Weg dorthin. Es war einer jener herrlich strahlenden durchwärmten Nachsommertage, an denen erste Verfärbungen das Kommen des farbenprangenden Herbstes ankündigen. Ein letzter Scheideblick des Sommers! Wir? Das war in diesem Fall der Elternchor der Beethoven-Schule Berlin. Unser Ziel: Ein Konzert mit Engelsgesang zu Füßen des Kirchhofengels in Vockerode. Die ganze herrliche Landschaft lag ausgebreitet vor uns, wir ließen uns fangen und leiten, die muntre Gästeführerin erzählte, erklärte, pries und zeigte uns vieles, wenn auch nicht alles; wie hätten wir sonst wohl auch die klug und bedacht errichteten „Sicht-Achsen“ wahrnehmen können?

Das Bild oben zeigt eine solche Sichtachse, nämlich den „Toleranzblick“ von jener Stelle aus, wo der 29-jährige Goethe damals niedersaß um seine melodisch dahinfließenden Zeilen niederzuschreiben, die wir oben unverändert in seiner eigenhändigen Rechtschreibung und Zeichensetzung wiedergeben (siehe WA IV/3, S. 222f.). Wir sehen rechts genau in der Sichtachse die Synagoge, die Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau 1787-90 für das jüdische Volk von Wörlitz und Oranienbaum errichten ließ, und wenn das Aug von da ausgeht ohne Punckt und ohne Komma ohne zu fragen wo es hinkommt schleicht es weiter zur später errichteten, hier teilweise verdeckten Kirche Sankt Petri mit dem Bibelturm, der nicht weniger als 60 Bibeln in verschiedenen Sprachen hegt und birgt.

Ich erzählt‘ einer empfindsamen guten Seele in Berlin von all den Herrlichkeiten und fügte hinzu: „Den Bibelturm möcht ich einmal von innen seh’n, denn da sind 60 Bibeln ausgestellt.“ Die Antwort lautete: „Schau dich nur um bei dir zuhaus, du hast sie doch schon. Aber du weißt nicht wo.“

 

 

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Nuscheln, Murmeln, Schweigen: Das verstummende kulturelle Gedächtnis

 Deutschstunde, Entkernung, Goethe, Griechisches, Leitkulturen, Mündlichkeit, Musik, Vergangenheitsunterschlagung  Kommentare deaktiviert für Nuscheln, Murmeln, Schweigen: Das verstummende kulturelle Gedächtnis
Sep. 082015
 

Manchmal frage ich mich, wie wohl Goethe seine Gedichte und Dramen vorgetragen hat. Seine „Regeln für Schauspieler“ aus dem Jahr 1803 liefern Hinweise darauf! Das heute so modische, lässig-unterkühlte Murmeln und Nuscheln, z.B. das silbische M, war ihm zuwider, das Verschlucken etwa von unbetonten Vokalen, das sich heute überall in Fernsehen und Vortrag – auch bei geschulten Bühnenschaupielerinnen – ausgebreitet hat, suchte er seinen Darstellern auszutreiben. Goethe schreibt etwa unter § 7 seiner Regeln:

Bei den Wörtern, welche sich auf e m und e n endigen, muß man darauf achten, die letzte Silbe deutlich auszusprechen; denn sonst geht die Sylbe verloren, indem man das e gar nicht mehr hört.

Z.B. folgendem, nicht folgend’m
hörendem, nicht hörend’m

Ganz offenkundig schrieben Goethe und all die anderen Dichter ihre Verse zu lautem, klingendem Vortrag nieder. Das geschriebene Wort diente nur als eine Stütze, die das klar, frei und deutlich erschallende Wort trug und vorgab, wie die gedruckte Stimme in der Musik – in Goethes Worten – als Anleitung „zum richtigen, genauen und reinen Treffen jedes einzelnen Tones“ hilft.

Die heutigen deutschen Kinder lernen die klingende, singende Sprache oder vielmehr Aussprache eines Goethe, eines Paul Gerhardt, eines Thomas Mann oder Friedrich Hölderlin nicht mehr kennen und nicht mehr schätzen, da auch die Erwachsenen sie nicht mehr kennen und schätzen.  Es ist so, als würde man im Instrumentalspiel nicht mehr Bach, Mozart und Brahms in allen Noten spielen, sondern nur noch darüber hinweghuschen, diese oder jene Notengruppe nicht mehr spielen.

Mit der Kenntnis der relativ einheitlichen deutschen Sprache oder mindestens Aussprache der Dichter, Wissenschaftler und Philosophen von Immanuel Kant und J.W. Goethe bis hin zu Albert Einstein, Sigmund Freud und Thomas Mann droht nun seit Jahrzehnten in Deutschland selbst auch die Kenntnis des ehemaligen Kernbeitrages der deutschsprachigen Länder zur Weltkultur verloren zu gehen.

Nun könnte man sagen, es sei doch unerheblich, ob noch irgend jemand in Deutschland die Relativitätstheorie Albert Einsteins, die Buddenbrooks Thomas Manns, das Kapital von Karl Marx, die Traumdeutung Sigmund Freuds, die Gedichte Goethes oder die Kritik der reinen Vernunft Immanuel Kants im deutschen Original zu lesen vermöchte. Schließlich gebe es überall englische Übersetzungen, Deutschland und Europa würden  sowieso irgendwann nur noch Englisch reden – oder mit Blick auf die neuesten demographischen und migratorischen Entwicklungen – Arabisch oder Chinesisch.

So wie heute in Deutschland in aller Öffentlichkeit das klingende, gesprochene, gepflegte Deutsch aus der Zeit eines Immanuel Kant oder eines Goethe nach und nach vergessen und verschüttet wird, so vergaß Europa im ersten Jahrtausend nach und nach die griechische Vortragskunst.

Irgendwann hatte man einfach vergessen, wie die Epen Homers, die Tragödien eines Aischylos, Sophokles oder Euripides geklungen hatten – ein Kernbestand des kulturellen Gedächtnisses wurde weitgehend ausgelöscht, insbesondere natürlich das alte Griechisch, die Sprache Homers, Herodots, Sokrates‘, Platons und Aristoteles‘, die Sprache auch der Urschriften des Christentums. Der lateinische Westen kannte und konnte etwa ab dem 5. Jh. n. Chr. kein Griechisch mehr, selbst die großen abendländischen Theologen konnten das Neue Testament bis ins 15. Jh. hinein meist nicht mehr im griechischen Original lesen, mit all den verheerenden, teils gewalttätigen theologischen Fehldeutungen und Irrtümern, die die Nichtbefassung mit dem griechischen bzw. hebräischen Urtext auslösen sollte.

Die griechischen Originalklänge der europäischen Kulturen gingen damals verloren, das kulturelle Urbild Europas ward im Westen komplett vergessen. Lateinisches Abendland und griechisches, später arabisches, später türkisches Morgenland drifteten auseinander und sind bis heute nicht wieder zusammengewachsen.

Verlust des Originalklanges! Allerdings hat sich in der Musik bereits vor Jahrzehnten eine mächtige Gegenbewegung gesammelt: Heute strebt man bei der Aufführung eines Bach, eines Vivaldi oder eines Palestrina eine klug abwägende Wiederannäherung an den früheren Klang an. Bach soll eben nicht wie Brahms, W.A.Mozart soll nicht wie Richard Wagner klingen. Man bemüht sich mindestens einmal herauszufinden, wie es damals geklungen haben mag, um die Werke besser verstehen und aufführen zu können.

Und so meine ich, dass auch wir uns darum bemühen sollten, die Werke Goethes oder Friedrich Schillers, Lessings oder Immanuel Kants auch heute noch im Originaltext zu verstehen, vorzulesen und so erklingen zu lassen, dass auch die Verfasser von damals uns heute noch zustimmend verstehen könnten.

Ein ähnliches Bild dürfte sich übrigens im Englischen ergeben. Man vergleiche etwa die Art, wie William Butler Yeats sein Gedicht The Lake Isle of Innisfree vorträgt, mit irgendeiner aktuellen Einspielung eines heutigen Schauspielers, wie man sie ohne Mühe auf Youtube finden kann. Auch hier wird man sachlich, unterkühlt und nüchtern feststellen: Der Originalklang war ganz anders, er ist nahezu schon verloren. Komplette Register des Sprachlichen, die noch vor 50 oder 70 Jahren Allgemeinbestand waren, sind fast unwiederbringlich verschüttet – oder abgetönt.

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Vom Vertrauen in das Wort

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Juli 172015
 

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Täler grünen, Hügel schwellen,
buschen sich zu Schattenruh,
und in schwanken Silberwellen
wogt die Saat der Ernte zu.
Wunsch um Wünsche zu erlangen,
schaue nach dem Glanze dort!
Leise bist du nur umfangen,
Schlaf ist Schale, wirf sie fort.

In diese Verse, die sich mir heute unwillkürlich beim Abfahren der Thüringer Städtekette zwischen Mechterstädt und Laucha aufdrängten, mag wohl vieles von dieser arkadischen Landschaft an den Ufern der Hörsel eingeflossen sein, die Goethe so oft durchritt, durchwanderte, durchfuhr. Jedenfalls bildete ich mir das ein. Ich glaubte daran! Und dieser Glaube daran, dass ein anderer eben diese Landschaft mit ähnlichen Gefühlen gesehen haben mag, der Glaube, dass wir beim Hindurchradeln im Grunde dasselbe sehen, hören und denken wie ein anderer, wie Goethe oder ein anderer, ist Quelle tiefen Glücks.
Ein Glaube nur, zweifellos, aber ein schöner! Er führt zur Gemeinschaft im Wort.

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Sehnendes Erwarten: Dornburg

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Juli 102015
 

Noch zwischen Schlaf und Traum erschollen mir heute die folgenden Verse im Ohr. Ich rechne sie zu den liebsten, den schönsten der deutschen Sprache überhaupt. Wie schön sie sind, erschließt sich freilich erst beim Auswendiglernen. Aus diesem Grunde lernte ich sie bereits als Jugendlicher vor Jahrzehnten auswendig und rezitiere sie heute noch immer wieder einmal. Geschrieben wurden sie in Dornburg im September 1828:

Früh, wenn Thal, Gebirg und Garten
Nebelschleiern sich enthüllen,
Und dem sehnlichsten Erwarten
Blumenkelche bunt sich füllen;
Wenn der Aether, Wolken tragend,
Mit dem klaren Tage streitet,
Und ein Ostwind, sie verjagend,
Blaue Sonnenbahn bereitet:

Dankst du dann, am Blick dich weidend,
Reiner Brust der Großen, Holden,
Wird die Sonne, röthlich scheidend,
Rings den Horizont vergolden.

Wie gelangt man aber heutigentags am bequemsten nach Dornburg? Ein Blick in einen neuen Radfernwegeführer zeigt es: Dornburg liegt nur wenige Kilometer hinter Jena am Saaleradwanderweg, der – wie es der Radtourenführer sagt – von der Saalequelle durch die Wälder Oberfrankens und Thüringens, vorbei an großen fjordartigen Talsperren durch stille, „verschieferte“ Dörfer führt.

Vom Bahnhof Jena-Paradies rollt man also mit dem Fahrrad in nur 30 Minuten flußab hinunter zu der Stelle, wo Goethe diese unsterblichen Verse schrieb. Von Jena-Paradies zu Goethes Tal- und Berglandschaft ist es nur ein kurzes Stück.

Quellen:
„Dornburg, September 1828“. In: Goethes Sämmtliche Werke. Vollständige Ausgabe in zehn Bänden. Mit Einleitungen von Karl Goedeke. Erster Band, Verlag der J.G. Cotta’schen Buchhandlung, Stuttgart 1885, S. 210

„Saale-Radwanderweg“. In: RadFernWege Deutschland. Die attraktivsten Radtouren durch Deutschland. Ein original bikeline-Radtourenbuch. Verlag Esterbauer, 9., aktualisierte Auflage, Rodingersdorf 2015, S. 388-392, Zitat S. 388

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Am fallenden Bache

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Juni 072015
 

Werdenfelser Land 20150607_182003

Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ Die Frage der Fragen, so möchte man meinen! Parmenides mag sie – soweit für uns fassbar – als erster so gedacht haben. Heidegger hat sie im 20. Jahrhundert kräftig und laut hinausgerufen, eine staunende Philosophenwelt hörte ihm zu – und hört heute lieber weg. Das Staunen des Philosophen darüber, dass überhaupt etwas das Bestimmte ist, was es ist, und nicht vielmehr etwas anderes Bestimmtes ist, steht als Antriebskraft hinter dem platonischen Dialog Parmenides, dem Gipfelwerk antiker Dialektik.

Staunen darüber, dass überhaupt etwas ist, Staunen darüber, dass ein Etwas etwas Bestimmtes ist, dies dürfte die doppelte Erfahrung des Staunens sein, aus der sich für Aristoteles die Philosophie speist. Wir dürfen jenes erste Staunen das ontische Staunen, dieses zweite Staunen das ontologische Staunen nennen.

Noch aber verbleibt dieses Staunen, dieses philosophische Fragen im vorpersönlichen Bereich, noch fragt es nicht danach, dass ja ein Ich es ist, welches diese Fragen stellt, dass ja ich es bin, der diese Fragen stellt.

Was heißt dies – ein Ich? Warum bin ich überhaupt einer, eine Person – und warum bin ich nicht vielmehr nichts oder doch eher etwas anderes, zum Beispiel ein Fels oder ein Grashalm?

Das Gewahrwerden dieses Ich-Bewusstseins widerfährt einem unverdient. Du erlebst es quälend in der Verzweiflung einer schlaflosen Nacht, du erlebst es beglückend in der Begegnung mit einem sprechenden Du, du erlebst es auch in der Begegnung einer als sprechend, raunend, murmelnd erfahrenen Natur. Das Ich findet, ja es erfindet sich im Zusammengehen mit einer belebten, beseelten Außenwelt.

Heute sprach ich bei einer Busfahrt ins Tal hinab mit einem Geologen über die uns umgebenden Alpen. „Du befasst dich mit der Geschichte der felsigen Natur. Dir erzählen die Felsen die Geschichte der Jahrmillionen!“

„Da hast du recht“, erwiderte der Geologe. „Überall entdecke ich im Werdenfelser Land Spuren dessen, was vor Jahrmillionen gewesen ist. Werdenfels – Felswerden! Aber du als Philologe hast die Aufgabe, das wiederzuerzählen, was andere vor dir erzählt haben. Dir erzählen die Sprüche und Sagen der Alten die Geschichte der Jahre, der Jahrzehnte, der Jahrhunderte und der Jahrtausende!“

Am Abend stieg ich durchs Tal den Weg in Richtung zum Waxenstein hoch. Wie zur Bestätigung des am Morgen Gesagten fielen mir die herrlichen, die unvergänglichen Zeilen des Dichters ein. Der Geolog hat recht. Kaum je in einem anderen Werk geht dieser Übergang aus der uralten Natur in die ihrer selbst gewahr werdende Seele, dieses Innewerden des Personalen so bezwingend hervor wie in diesem Eintrag vom 10. Mai.

Lies selbst, und schreibe den Abschnitt selbständig zu Ende:

Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart […]

Foto: Sanft steigt der Weg aus dem Tal empor zum Waxenstein.

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