„Wo sind die Radfahrer …?“

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Jan. 122009
 

Wo sind die Radfahrer? So fragte ich mich in Moskau. Denn trotz allen Spähens vermochte ich auf den breiten, oft acht- bis zwölfspurig ausgebauten Hauptstraßen der russischen Hauptstadt in 14 Tagen keinen einzigen Fahrradfahrer zu entdecken. Lag es nur am Wetter und den Grenzen der menschlichen Widerstandskraft? Wohl kaum, denn dann dürfte es ja in Berlin ebenfalls in diesen Frosttagen keinen Radfahrer geben:  in Moskau war es wärmer als es jetzt in Berlin ist. Diese unermüdlichen Berliner Radfahrer erbringen den Beweis: Rund um den Jahreskreis taugt das Fahrrad in der großen Stadt. Allerdings muss das Fahrrad auch in Moskau etwas bereits Bekanntes sein, denn bei meinem Besuch des Hauses von Leo Tolstoi entdeckte ich folgendes Bild:

Da Tolstoi auf handwerkliche Geschicklichkeit so großen Wert legte und ja auch Schuhe selber geschustert hat, fragte ich die Aufseherin: „Hat er das Fahrrad selber gemacht?“ Sie antwortete: „Nein, im Alter von über 60 kaufte er sich ein Fahrrad und lernte dann durch Probefahrten in der Manege, wie man Fahrrad fährt. Und dann fuhr er mit großem Vergnügen durch die ganze Stadt. Allerdings nur auf den Straßen, in denen es keinen Pferdekutschenverkehr gab. Denn die Pferde scheuten beim Anblick dieses modernen Verkehrsmittels.“ „Tolstoi fuhr also wirklich mit dem Fahrrad durch die ganze Stadt?“, fragte ich zurück. „Er fuhr mit dem Fahrrad oder er ging zu Fuß … so lernte er seine Stadt kennen“, erzählte die Frau, die von Tolstoi sprach, als wäre es ihr eigner Ohm.

War dies alles nur eine Schrulle des großen Schriftstellers? Ich glaube kaum – denn als überzeugter Christ versuchte er, die Ideale der Nächstenliebe, der Begegnung mit dem Nächsten, vor allem sein unverrückbares Ziel der Bescheidenheit in allen Lebensbereichen zu verwirklichen. Dazu gehörte offenbar auch der Verzicht auf pompöse Kutschen und auf herrschaftliches Gebaren im Straßenverkehr.

Lebte er heute, er würde sicherlich auf jene massigen Geländewagen vom Typ eines VW Touareg verzichten, die heute das Straßenbild in Moskau prägen. Das ständige Zugehen auf alle Schichten des Volkes, das Sich-Öffnen gegenüber allem, was auf Straßen und Plätzen geschieht – all dies war für ihn am besten durch das Zu-Fuß-Gehen und das Radfahren umzusetzen. Bei jedem Wetter, sommers wie winters.

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Rumpf-Identitäten, abbruchbereit

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Sep. 202008
 

Am Nachmittag strampelte ich mit meinen beiden Söhnen auf der ADFC-Kreisfahrt mit. Wir schwammen achtbar mit, mein sechsjähriger Wanja hielt wacker durch, steuerte sein Rad sicher durch den Schwarm. Wie hätte ein Giorgio Agamben sich gefreut über die Weisheit des Schwarms – jenes fast traumwandlerische Geschick, mit dem eine Menge sich selbst regelt und Zusammenstöße vermeidet. Der Gegenentwurf zum automobilen Imperium!

Kurz nach der Schönhauser Allee schwanden die Kräfte. Wir stiegen aus und pirschten uns auf einer Abkürzung zurück zum Brandenburger Tor. Am beeindruckendsten war für mich das kahle Gerippe des Palasts der Republik: Das also bleibt übrig, wenn Schichten einer steingewordenen Identität abgetragen werden: Treppenhäuser, die ins Nichts führen. Es kam mir wie ein Sinnbild jener Institutionen vor, die sich selbst überlebt haben und es erst nach und nach merken: schaurig-schöne, morsche Stümpfe, in den Abendhimmel gebohrt. Ein Stillleben des politischen Geschehens der letzten Wochen.

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„BERGMANNstraße ist gut.“

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Sep. 032008
 

Diesen Satz schrieb mir gestern Stefan Maria Rother als persönliche Widmung in unser Exemplar seines Buches: BERGMANNstraße. Wir besuchten die Präsentation des druckfrischen Fotobandes bei unseren Freunden im Fachwerkhof für Kunst und Handwerk in der Kreuzberger Solmsstraße 30. In diesem Hinterhof haben unsere Freunde Dietrich und Mariatta über Jahre hinweg eine Insel für Kunst und Handwerk geschaffen: Das alte Fachwerk wurde grundhaft saniert, Mauerwerk wieder aufgeführt, die alten Balken sind wieder an Ort und Stelle verlegt, die Fachwerkmauern stehen und bieten Raum für sechs kleine Läden und Galerien, ja sogar eine Sprachschule hat sich dort angesiedelt. So sah es gestern aus – im Gedränge der vielen freudigen Gäste:

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„Sie haben mit Ihren Fotos für die Bergmannstraße das gemacht gemacht, was Alfred Döblin damals, 1929, in Berlin Alexanderplatz für die Schönhauser Allee mit Worten gemacht hat: hingehen zu den Leuten, hineinschauen in ihre Köpfe und Gedanken … sie hervortreten lassen aus dem Nebel der Großstadt …“ Also redete ich bei der Vernissage den Fotografen Stefan Maria Rother an. Ihr wisst ja: Ich suche immer eine Brücke zu anderen Menschen – und aus dem Augenblick heraus fällt mir gerne auch die eine oder andere artige Nettigkeit ein.

Das Buch ist in der Tat eine Art Kettenerzählung von Menschen. Die meisten Bilder zeigen Menschen, zeigen Gesichter. Und das beste: Diese Gesichter sind nicht namenlos, sondern in kleinen Texten werden diese Menschen namentlich vorgestellt. Jede und jeder wird kurz an der Hand gefasst, für einen huschenden Augenblick ins Licht gehoben, wird gestärkt als Person und als Mensch. Mein Vater machte dies in meiner Kindheit auch mit unseren Fotoalben. Ein Textbeispiel aus dem Buch von Rother:

Cynthia Barcomis Kuchen sind einzigartig und ihr Team ist es auch: Cynthia Barcomi, Thomas Landgraf, Müzzeyen Tahtaci und Ebou Secka.

Das mag man belächeln. Ich halte es für eine große Geste der Menschlichkeit. Die Grundhaltung Rothers ist: In der Bergmannstraße tut sich viel Gutes! Handwerksbetriebe haben überlebt. Wer kennt noch einen echten Schuster? Hier gibt es ihn. Er heißt Sumer. Und noch einen, der Dietrich Specht heißt. Oder die Sängerin Snezana Nena Brzakovic , die ihre Stimmübungen weitergibt – oh Slawen, was habt Ihr doch für herrliche Organe! Ich kann ein Lied davon singen!

Vor wenigen Tagen stimmten wir ein Lied auf die alten Berliner Pflastersteine ein. Wohlan denn! Auch in diesem Buch werden sie ins Licht gerückt: Auf S. 33 erblickt man den herrlich verwitterten, körnig-aufgerauhten Straßenbelag in der Schenkendorfstraße, mit allen Schrunden und Zeit-Rissen aus der Froschperspektive aufgenommen, hinführend zur Bergmannstraße. Und gleich daneben dieselbe Ansicht, aber diesmal vom spiegelglatt polierten Dach eines Autos aufgenommen. Das Bodenhafte, Zeitzeugenhafte des Pflasters fehlt. Das Dach spiegelt sich, wird aufgespannt wie eine schimmernde Wasseroberfläche – ein großartiger Effekt! Allein deswegen lohnt sich das Betrachten dieses Buches schon!

Blättert man das Buch von vorne bis hinten durch, so vernimmt man geradezu hörbar eine Art psalmodierenden Lobgesang auf das Widerständig-Wurzelhafte im menschlichen Dasein. Die vielen Existenzen, die sich sozusagen in den Nischen der Moderne einen Platz geschaffen haben, eine Bucht zum Ankern, wo sie für einen bestimmten Zeitraum festgemacht sind – ehe sie, wer weiß, irgendwann weitertreiben werden. Geht man durch die Bergmannstraße heute, oder blättert man durch dieses Buch, wird man Zeuge dieses Innehaltens und Weitertreibens, dieser Aufstauung der Zeit – denn Fotos sind gebannte Augenblicke. Sie sind Kieselsteine, aus denen dich Augen ansehen – so wie diese Steingesichter Matthias Maßwigs , die ich gestern im Fachwerkhof entdeckte:

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Im Blog des Verlages Berlinstory ist unter dem 2. September 2008 sogar der hier Schreibende zu sehen – zusammen mit Weib und Kind.

Hier noch die Angaben zu dem gestern aus der Taufe gehobenen Buch:

Stefan Maria Rother: Bergmannstraße. 1. Auflage – Berlin: Berlin Story Verlag 2008

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Weiterbauen, ergänzen, Brüche aushalten

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Aug. 282008
 

„Der Alexanderplatz darf und soll Brüche haben“

Etwas sehr Schönes sagt Senatsbaudirektorin Regula Lüscher im heutigen Tagesspiegel-Interview:

Städtebau und Stadtplanung ist Weiterbau. So lange, wie die Zeugen der Vergangenheit da sind und sichtbar bleiben, und Ergänzungen so geplant werden, dass die Idee dieser vorhergehenden Epoche nicht völlig unsichtbar wird, finde ich es richtig, an der Stadt weiterzubauen. Alle Stadtstrukturen müssen so robust sein, dass sie es aushalten, wenn eine nächste Generation sie ergänzt.

Und sonst? Die neue Gestaltungssatzung für Berlin-Mitte hat schon kurz nach ihrer Veröffentlichung herbe Kritik einstecken müssen. Zu viele kleinteilige Vorschriften, etwa zu Dachneigungswinkeln oder Traufhöhen, wird eingewandt. Es fehle ein echtes Leitbild, der große Wurf werde – wieder einmal verhindert.  Bestehen die Aussetzungen zu Recht?

Ich werde mir das Werk einmal genauer ansehen, ehe ich irgend etwas in diesem kleinen unscheinbaren Blog vom Stapel lasse! Am liebsten würde ich das im steten Austausch mit Fachleuten, Stadtplanern, Architekten – und oh Schreck! – vielleicht sogar mit Politikern tun. Warum nicht? Warum nicht nach vorne denken?

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Aug. 282008
 

15082008028.jpg Immer wieder spreche ich mit Berliner Radlern, die beredte Klage über „wüste Kopfsteinpflasterstrecken“ führen. Wahrhaftig, das Kopfsteinpflaster hat bei uns Radfahrern keine gute Presse, immer wieder kriegt es eins auf den Katzenkopf. Was soll ich dazu sagen?

Zunächst einmal: Das gute alte Berliner Kopfsteinpflaster genießt bei vielen Städtebauern und Architekten weiterhin einen guten Ruf: Es verlangsamt den Verkehr, es gliedert durch eine gleichsam organische Anmutung den strukturlosen Straßenraum, es „atmet“, es speichert Geschichte, es wirkt wie alle Natursteine „warm“ und naturnah im Gegensatz zum kalten, leblosen, hochtechnischen Asphalt, dessen Herstellung eine hohe Umweltbelastung – auch mit krebserregenden Stoffen – mit sich bringt.

Diese Vorteile des Kopfsteinpflasters werden auch wir als Fahrradlobby nicht bestreiten können.

Zu den überall freimütig eingeräumten Nachteilen des Pflasters gehören die höhere Lärmentfaltung und die unleugbare Unbequemlichkeit für Radfahrer und für Autofahrer.

Muss man sich als Berliner Radler auch halt mal „durchrütteln“ lassen? Sich durchbeißen, oder auf eine andere Strecke ausweichen? Ich glaube, mit einer  pauschalen Forderung „Pflaster raus, Asphalt rein“ würden wir – tja, „auf Granit beißen“.

Eines ist klar: Der Autoverkehr bedeutet viel härtere Einschnitte, ja Zerstörung von gewachsener städtebaulicher Substanz als noch so viele asphaltierte Radwege.

Was ich als Fragestellung wirklich gut finde: Radverkehrsinfrastruktur als städtebauliches Problem, am Beispiel eines Berliner Stadtbezirks. Hier gilt es, ganzheitlich, also „systemisch“ zu denken, das ist genau der Ansatz, der etwa schon 1987 bei der IBA verfolgt wurde. Ein Haus, ein Gebäude, eine Straße, sie stehen nicht für sich, nein, sie sind als Ensemble zu sehen. Das gilt auch für Fahrradwege. Wie bettet man Fahrradwege ein, wie erzeugt man einen stimmigen Gesamtklang von Straße, Verweilflächen wie etwa Plätzen, Arbeits- und Wohnbereich? Wir sollten dabei durch und durch konzeptionell denken, nicht parteiisch voreingenommen agieren.

Wie verändern Radwege, Radstreifen den städtischen Raum? Wie gliedert man die Radverkehrs-Infrastruktur sinnvoll, optisch ansprechend in das vorhandene Stadtbild ein? Wie befördert eine nachhaltige Verkehrspolitik das über die Jahrhunderte entstandene Bild von der Stadt? Hier sollten wir schwärmen, gute Beispiele zeigen, Ideen vorbringen, mit bunten Farben malen!

Das Kopfsteinpflaster wird und soll, so meine ich, an den allermeisten Stellen bleiben, wo es ist. Es lebt jahrhundertelang, länger als jede Asphaltdecke, und wird weiterleben. Vivant petri!

Unser heutiges Bild zeigt einen Blick auf die Hunderten von brandneuen Fahrradabstellbügeln, die, eingebettet in uralten Naturstein und kleinteilige Pflasterung, die noch nicht zugängliche Baustelle der O2-Arena in Friedrichshain-Kreuzberg zieren.

Aufnahme: Johannes Hampel vom 15.08.2008

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Aug. 262008
 

Einen Klimawandel der anderen Art – nämlich einen Schulklimawandel – fordert die Unfallkasse Berlin. Tag für Tag verletzen sich durchschnittlich 229 Schüler in Berlin. Oft durch Rempeln, Schubsen, am gefährlichsten aber durch Fehler im Straßenverkehr. Das größte Problem: Rücksichtslosigkeit. Und jetzt kommt endlich ein Lob:

„Die Hauptschulen haben sich um dieses Problem gekümmert“, sagte Kirsten Wasmuth, Sprecherin der Unfallkasse. „Ein rücksichtsvoller Umgang miteinander gehört dort heute oft zu den klaren Regeln.“ Ein gutes Schulklima mit einem engagierten Kollegium senke nachweislich auch die Unfallzahlen.

Ein Unfallschwerpunkt in Grundschulen und weiterführenden Schulen bleibt der Sportunterricht. Bewegungsdefizite führen nach Einschätzung der Kasse dazu, dass sich Schüler beim Gehen, Laufen oder Fallen verletzen. Auch bei Mannschaftsspielen, insbesondere mit Bällen, kommt es oft zu kleinen Unfällen.

Was ist zu tun? Was tun wir persönlich, fragt ihr? Wir bewegen uns ausgiebig! Fast jeden Tag gehen wir zum Schwimmen ins Prinzenbad. Mein zweiter Sohn kann schon schwimmen! Meine ganze Familie fährt Fahrrad. Die Morgenpost berichtet:

Richtig gefährlich ist nach Einschätzung der Kasse nur der Weg zur Schule – besonders für Grundschüler. 2400 Kinder haben sich im Jahr 2007 auf ihrem Schulweg verletzt – darunter waren durchschnittlich vier Grundschüler pro Schultag. Anders als die Prellungen, Dehnungen oder Verstauchungen, die sich Schüler im Sportunterricht oder auf dem Pausenhof zuziehen, sind Schulwegunfälle häufig gravierend. 2007 starb eine Schülerin bei einem Verkehrsunfall auf ihrem Schulweg. Ein Lastwagen hatte sie auf ihrem Fahrrad erfasst.

Hier ist die Politik gefragt. Hier sind wir aber auch alle dringend gefordert: Bürger, Verkehrsverbände, Parteien. Sicherheit für den Fahrradverkehr ist erlernbar. Fahrradfahrer und Autofahrer müssen ihren Beitrag dazu leisten. Rücksichtnahme bei Kraftfahrern kann eingefordert werden. Die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung kann von allen, von PKW, von LKW und von Fahrradfahrern verlangt werden. Ohne die üblichen Ausflüchte und Wenn und Aber. Wir brauchen eine Erhöhung des Kontrolldrucks, mehr polizeiliche Geschwindigkeitskontrollen, vor allem aber einen Bewusstseinswandel. Rücksichtnahme und Vorsicht sind unerlässlich, Tag und Nacht.

Dieser Bewusstseinswandel ist ein laufender Prozess, der nicht einschlafen darf. Straßenverkehr mit über 40 Millionen Kraftfahrzeugen muss als das erkannt werden, was er ist: der größte Gefahrenraum, den wir in Deutschland betreiben. Weit gefährlicher, weit kostspieliger als all die anderen Gefahren, von denen Politiker so gerne sprechen.

Unfall-Bilanz – Mehr als 220 Schüler verunglücken täglich in Berlin – Berlin – Berliner Morgenpost

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Verdichtete Nähe

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Juli 242008
 

24072008017.jpg Wir sind noch einmal näher herangerückt. Alle stehen jetzt. Wowereit zeigt sich auf der Pressetribüne, kriegt ’ne kleine Runde Applaus, aber nicht seinetwegen sind wir gekommen. Das Publikum hier ist jung, die allermeisten sind 20-27.

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Juni 262008
 

Mit meiner ADFC-Stadtteilgruppe unternahm ich am 21. Juni 2008 eine halbtägige Rundfahrt durch den Bezirksteil Friedrichshain.

Die Route führte von dem bunten Band der East Side Gallery längs dem äußerst suggestiven Osthafengelände zum verträumten Ortskern von Alt-Stralau. Ich konnte es nicht lassen, ich musste ein Bad in der Stralauer Bucht nehmen, am Übergang, da wo Schlick und Schlamm aus Jahrzehnten industrieller Fertigung sich mit dem anflutenden Spreewasser vermengen! Beim Herausklettern aus dem schlickgetränkten Gestade riss ich mir das Knie blutig – meine Taufe mit Stralauer Spreewasser! Das war die Stelle:

Tom, danke für die Fotoverwendungsrechte! „Wohnen am Wasser“, dieses Motto der neuen Bürgerlichkeit stand im Kontrast zu einer Demonstration unter dem kämpferischen Motto „Wir bleiben“ in der Nähe des Boxhagener Platzes. Sogar einen echten Bundestagsabgeordneten könnt ihr auf diesem Bild entdecken!


Die Karl-Marx-Allee wiederum verweist auf die Verflechtung von Architektur und Politik – eine echte Absage an die nur funktionale Moderne. Erfahrbar wurde: Die moderne, vorsorgende Kommunalpolitik entfaltet sich im 19. Jahrhundert im ehemaligen Arbeiterviertel Friedrichshain – etwa durch den Märchenbrunnen. Der ist Volksbelustigung pur!

Einen nachdenklichen Schlusspunkt setzte schließlich der Friedhof der Märzgefallenen im Volkspark. „Wissen wir eigentlich, was damals geschah?“, fragte eine Teilnehmerin. Ich finde: Die ganze Anlage mit den Gräbern der Aufständischen vom 18./19. März 1848 ist unserer modernen deutschen Demokratie unwürdig! Sie zählen zu den Ahnen unseres Grundgesetzes, sie forderten das, was erst 70 Jahre später Wirklichkeit wurde: eine parlamentarische Demokratie ohne feudales Oberhaupt! Sie haben Besseres verdient, als missachtet in irgendeinem Winkel hinzudämmern, zumal dies kein Mahnmal ist, sondern eine echte Gräberstätte. Sie bedarf einer sorgfältigen Pflege und Betreuung.

Ein Teilnehmer fasste so zusammen: „Vieles war neu für mich, manches war unbeschreiblich suggestiv, manches war einfach schön hässlich – aber alles immer lohnend, immer verlockend! Friedrichshain, das ist ja eine kleine Welt für sich. Hab ich so nicht gewusst. Danke für die hervorragende Vorbereitung und kundige Führung!“ Ich meine: Um mit der Realität einer Großstadt ins Gespräch zu kommen, gibt es kein besseres Mittel als eine Fahrradtour! Auf Dörfern oder im Gebirge sollte man zu Fuß wandern, aber unsere Berliner Bezirke sind zu groß, als dass man sie zu Fuß einigermaßen umfassend an einem halben Tag erwandern könnte. Fährt man aber mit dem Auto oder dem Bus, kriegt man einfach nichts mit und man kommt mit den Leuten nie und nimmer ins Gespräch.

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Mai 292008
 

Recht vollmundig hatten wir in diesem Blog verkündet, wir wollten das Wahlverhalten in vier ausgewählten europäischen Großstädten betrachten. London wurde am 12.05.08 bereits in diesem Blog umfassend abgehakt. Jetzt ist Augsburg dran. Was geschah in der Stichwahl am 16. März 2008?

Die Augsburger wählten den beliebten Oberbürgermeister Paul Wengert aus dem Amt und stimmten mehrheitlich für den parteilosen Kurt Gribl. Der Mann, ein promovierter Jurist, konnte keinerlei politische Vorerfahrung vorweisen. Er war nicht einmal Mitglied einer Partei. Die CSU machte ihn zu ihrem Kandidaten. „Wir haben keinen Besseren“, hört man oft in solchen Fällen. Was sprach für ihn?

1) Er ist das Gegenteil eines Politikers der alten Garde, sondern trat als kundiger Vermittler der Bürgerinteressen an. 2) Er versprach, unbeliebte Großprojekte des Amtsinhabers zu kippen, so etwa den ÖPNV-freundlichen kompletten Umbau der Friedberger Straße. 3) Er spielte den „Ich-bin-einer-von-euch“-Trumpf aus. Der waschechte Augsburger schlägt den Berufspolitiker von auswärts. 4) Er präsentierte sich als moderner Internet- und Popfan. Er hat ein Profil auf Myspace und Xing. 5) Er hat ein Ohr für die kleinen pragmatischen Anliegen. In seinem Hundert-Punkte-Programm nimmt er zahlreiche Forderungen von Betroffenen auf, kümmert sich höchstpersönlich um kommunalpolitische Kleinstprojekte, wie etwa Fahrradabstellbügel und Popkonzerte. Die Botschaft ist klar: „Ich kann zuhören, ich wälze euch kein Programm zur Weltverbesserung auf.“ 6) Er formulierte alle seine Anliegen positiv, nach vorne gewandt. Er stellte ein positives Leitbild für seine Vaterstadt auf, gestützt auf Werte wie Selbstvertrauen, Zukunft, Selbstbewusstsein. 7) Er griff nicht den beliebten Amtsinhaber an, sondern überging ihn weitgehend einfach mit Schweigen. Kein Zank, kein Gezetere. Was blieb ihm auch übrig?

Was lernen wir daraus? Ich würde sagen: Das Kleine 1 mal 1 der politischen Kommunikation in diesem ersten Jahrzehnt:

1) Die alten Parteien sind (fast) abgeschrieben, Personen zählen mehr. 2) Fahrrad schlägt Straßenbahn! Kleinstprojekte kommen besser an als Großbaustellen. 3) Zeig, dass du zuhören kannst. Rede weniger, höre mehr zu. 4) Spalte nicht, beleidige nicht, lärme nicht rum. Polarisiere nicht. Lass die Welt eher so, wie sie ist. 5) Blicke nach vorn, nicht in die Vergangenheit. 6) Zeige ein klares Leitbild auf! Wo siehst du deine Stadt in 5 oder 10 Jahren? 7) Kopple dich von der veralteten Rhetorik der Volksparteien CSU/CDU und SPD ab. Präsentiere dich als Außenseiter, Quereinsteiger, Querdenker, als Fachmann/Fachfrau oder Moderator oder was auch immer, eher denn als Berufspolitiker. 8) Sei keine Trantüte, sondern zeige, dass du dein Leben genießt. 9) Such dir die richtige Unterstützerin. Lade Angela Merkel in dein 264.000-Seelen-Dorf ein. Die Frau segelt weiterhin auf herausragenden Zustimmungswerten. Segle auch du mit den Erfolgreichen. 10) Mach dein Schicksal nicht vom Ausgang dieser einen Wahl abhängig!

Zum Nachlesen auf der Homepage des neuen Augsburger Oberbürgermeisters hier klicken.

Unser Foto zeigt heute einen Blick auf die Lechauen im Stadtteil Hochzoll-Nord, nur einen Steinwurf von der Friedberger Straße entfernt. Übrigens: Dies war in meiner Jugend ein Teil meines täglichen Schulwegs.

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Gegen Lärm – Aktionsbündnis für nachhaltige Mobilität in Tempelhof

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Apr. 152008
 

Gestern erreichte mich eine Einladung zu einer sehr guten Aktion:

„Aktionsbündnis fordert die Ausarbeitung eines Verkehrskonzeptes für nachhaltige Mobilität in Tempelhof

Datum: Mittwoch, 16.04.2008
Zeit: Zwischen 12-13 Uhr
Ort: Ecke Tempelhofer Damm und Alt-Tempelhof !!Treffen für Aktive 11 Uhr!!
BVV-Sitzung, Rathaus Schöneberg, 17 Uhr

Am Mittwoch – dem bundesweiten Aktionstag gegen den Lärm – unterstützt die ADFC-Stadtteilgruppe Tempelhof-Schöneberg mit den Grünen und dem BUND den Verein TeMa e.V. bei ihrer Aktion am Tempelhofer Damm, bei der der Bezirk und insbesondere die Stadtplanung des Senats aufgefordert werden, einen «Runden Tisch» einzuberufen. Dieser soll ein tragfähiges, sicheres und nachhaltiges Verkehrskonzept für den Tempelhofer Damm erarbeiten, das alle Verkehrsteilnehmer berücksichtigt.
Aktueller Anlass für diese Initiative ist unter anderem der tödliche Fahrradunfall einer 14-jährigen Schülerin mit einem Lkw Anfang März.

Am gleichen Tag um 17 Uhr findet auch eine BVV-Sitzung im Rathaus Schöneberg statt. Ergebnisse der Aktion werden von der Initiative in die Sitzung getragen werden.“

Ich halte solche aus aktuellem Anlass entsprungenen, konzentrierten, punktartigen, durch ein Bündnis getragenenen Aktionen für goldrichtig!

Über 1 Mio. Berliner klagen nach der neuesten Mobilitätsstudie des Senats über belästigenden Dauerlärm in ihrer Wohngegend – und Dauerlärm auch in der Wohnung macht krank. Nebenbei: Gerade diese Zahl ist auch durch die namhafte Boulevardpresse (BZ, Bild) breit unters Volk gebracht worden. Zitat aus der größten Zeitung Berlins vom 27.03.2008:

Eine Million Berliner leidet unter dem Krach des Straßenverkehrs – pausenlos, 24 Stunden am Tag.

Das ergab eine neue Verkehrsanalyse des Senats. Folge seien Schlafstörungen, Kopfschmerzen und hoher Blutdruck, so Dr. Friedemann Kunst, Leiter der Verkehrsabteilung beim Stadtentwicklungssenat, der die Studie vorstellte. Sein Resümee: „Lärm ist wie Körperverletzung.“

„Über 500 000 Wohnungen sind von Lärmbelastung über 55 Dezibel betroffen“, sagte Kunst.

Ergebnis: Man rennt mit solchen Aktionen offene Türen ein – auch bei solchen, die noch nicht das Rad nutzen, weil sie durch schlechte Bedingungen abgeschreckt werden.

Einige wenige Male habe ich den Tempelhofer Damm in seiner ganzen Länge, auch noch weit in den Mariendorfer Damm hinein, mit dem Rad abgefahren. Eine echte Cross-Country-Fahrt, mit zahlreichen Engstellen, durch Astwurzeln aufgewölbten Radwegstellen und vielen unfreiwiligen Begegnungen der besonderen Art! Hier sind die wahren Kämpferherzen gefordert. Insbesondere Richtung Süden echt zum Abgewöhnen – abgesehen davon, dass es an einigen Stellen leider lebensgefährlich ist!

Ich wünsche der morgigen Aktion große Aufmerksamkeit, rege Beteiligung und weites Medienecho, vor allem natürlich bei Berlins führenden Zeitungen!

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In Berlin mobil – mehrheitlich ohne Auto

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März 272008
 

Gute Nachrichten vom Berliner Verkehr bringt der Berliner gedruckte Tagesspiegel von heute auf S. 9: Die Studie „Mobilität in der Stadt – Berliner Verkehr in Zahlen“ belegt: „Immer mehr Berliner steigen aufs Rad.“ Pro 1000 Einwohner gibt es in Berlin etwa 320 PKW, in Innenstadtbezirken oft nur etwa 200. Damit hebt sich Berlin deutlich von anderen deutschen Großstädten ab. Auf der nächsten Seite (S.10) finde ich die Anzeige der Kampagne des Bundesverkehrsministers: „Runter vom Gas. Jährlich sterben in Deutschland rund 5000 Menschen bei Verkehrsunfällen.“ Diese Anzeigenkampagne, die in Gestalt von Todesanzeigen daherkommt, erregt den Unwillen mancher Umwelt- und Verkehrsinitiativen, etwa von „Pro Tempolimit„.

Die Kritiker haben in einem Recht: Es kommt nie gut an, wenn sich eine Instanz – hier also das Bundesverkehrsministerium – mit zwei einander widersprechenden Botschaften zugleich präsentiert: Einerseits wirbt das Ministerium für eine Verringerung der Geschwindigkeit, andererseits wehrt sich Verkehrsminister Tiefensee gegen die Einführung eines Tempolimits auf den Autobahnen, obwohl dort etwa 200 Menschen pro Jahr aufgrund überhöhter Geschwindigkeit auf Strecken ohne Geschwindigkeitsbeschränkung sterben und obwohl die Einführung eines 120-km-Limits Jahr für Jahr etwa 3,7 Mio. Tonnen Kohlendioxid einsparen hülfe. Wahrlich keine Kleinigkeit! Die Zeiten vom Mai 1995, als sich die damalige Umweltministerin Merkel mit Tränen in den Augen für die Einführung eines Tempolimits auf deutschen Autobahnen einsetzte, sind offenbar vergessen. Man kann wahrscheinlich bei den Wählern noch keine Mehrheiten für die Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen gewinnen, obzwar die allerneuesten Umfragen bereits anderes besagen.

Ich wäre schon froh, wenn innerorts die bestehenden Tempolimits von der Mehrheit der Autofahrer eingehalten würden. Dies ist derzeit nicht der Fall. Soweit ich weiß, gilt grundsätzlich Tempo 50 als Obergrenze, gebietsweise auch Tempo 30. Derartige „Freiheitsbeschränkungen“ scheinen ebenfalls in Vergessenheit geraten zu sein.

 Posted by at 16:04
Feb. 192008
 

Der autofreie Sonntag in Berlin erweist sich eher als eine parlamentarische Totgeburt. Nicht einmal die SPD-Fraktion steht geschlossen hinter dem Vorschlag, juristische Bedenkenträger erheben deutlich ihre Stimme. Für einen solchen Vorschlag müsste man wohl beizeiten Unterstützung in den eigenen Reihen sammeln. So wird wohl nichts draus. Schade eigentlich. Die Berliner Morgenpost meldet dementsprechend:

Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer lehnte einen verpflichtenden autofreien Sonntag ab. Auch der parlamentarische Geschäftsführer und verkehrspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Christian Gaebler, nannte es „ärgerlich“, dass Buchholz den autofreien Sonntag über gesetzliche Vorgaben zwangsweise einführen wolle, obwohl das Jugendforum für Freiwilligkeit plädiert habe. „Das wird von der SPD-Fraktion nicht unterstützt“, so Gaebler. Es sei den Autofahrern nicht zu vermitteln, die ganze Stadt abzusperren. Zudem lasse die Straßenverkehrsordnung eine flächendeckende Straßensperrung gar nicht zu.

 Posted by at 14:51
Feb. 182008
 

Brauchen wir einen autofreien Sonntag in Berlin? Im Gespräch ist der 1. Juni 2008. Vertreter mehrerer Fraktionen haben heute im Abgeordnetenhaus einen Antrag eingebracht, wonach das Autofahren an diesem Tag – von berechtigten Ausnahmen abgesehen – verboten werden soll. Die Leser des Tagesspiegels sprechen sich online teils dagegen, teils dafür aus. Anstoß nehmen einige daran, dass wieder ein Verbot erlassen werden soll – wieder eine Einschränkung der Freiheit von oben herab, fürchten sie.

Ich meine: Als sichtbares Zeichen dafür, dass Berlin mehr für eine vernünftigere innerstädtische Mobilität, für die Eindämmung des Autoverkehrs tun sollte, wäre so ein autofreier Tag etwas Gutes! Viele italienische Städte haben so etwas mit großem Erfolg gefeiert! Ich erinnere mich noch an den letzten Berlin-Marathon, – wie herrlich es war, mit dem Rad durch die Innenstadt zu fahren. Ganz neue Geräusche tauchten auf, man hörte plötzlich Vogelgezwitscher mitten in der Stadt. Wichtig wird sein, den autofreien Tag nicht als fühlbare „Strafmaßnahme“ zu gestalten, sondern als „Belohnung“, als eine besondere Chance, dank derer man neue Erlebnisqualitäten geschenkt bekommt. Das kann Musik sein, Straßentheater, Artisten, Jongleure können die freien Straßen bevölkern, ethnische Vielfalt kann man durch einen Erlebnispfad erfühlen, erschnuppern, ertasten – oder auch essen. Blinde und Lahme, Behinderte aller Art könnten erstmals die Straßen ohne Angst queren. Was für ein schönes Bild!

Mir gefällt auch, dass der Antrag fraktionsübergreifend eingebracht wurde – das Anliegen ist ein wahrhaft überparteiliches, dem Sinn des Ganzen kann man sich schwerlich verschließen, auch wenn das eine oder andere sachliche Argument dagegen sprechen mag.

Ich bin gespannt, was dabei herauskommt!

 Posted by at 18:45