Jan. 202011
 

100120112661.jpgIch sag’s immer wieder: Friedrichshain-Kreuzberg hat Modellcharakter! Was hier geschieht, darüber spricht die ganze Republik, spricht die ganze Welt! Wie anders ist es zu erklären, dass auch die ausländische Presse hineinhorcht in unseren Bezirk? So brachte der Standard gestern, am 19. Jänner, ein Interview mit unserem Bezirksbürgermeister Dr. Franz Schulz. Auszug:

„Man sollte ihnen ihre Parallelgesellschaft gönnen“ – Alltag – daStandard.at › Alltag
Dann sehen Sie Teile von Kreuzberg oder Neukölln also nicht als Parallelgesellschaft?

Franz Schulz: Warum sollten Bürger mit bestimmtem Background nicht in einer Parallelgesellschaft leben, wenn wir in einer Gesellschaft mit nur Parallelgesellschaften leben? Im Sportverein herrschen eigene Regeln. Wenn ich in der Karnickelzucht engagiert bin, bin ich dort auch in einer Parallelgesellschaft, wenn ich mich kulturell engagiere, lande ich auch in einer Parallelgesellschaft. Manager leben in einer Parallelgesellschaft. Sie ist nur bestimmten Personen mit bestimmter Kleiderordnung an bestimmten Orten zugänglich. Man sollte also auch Arabern ihre Parallelgesellschaft gönnen. Die Frage ist dann: In welchem Bereich koppeln sie sich vom Gesetz ab?

Das Interview lohnt in jedem Fall sorgfältiges Lesen. Mit gefällt es gut! Franz Schulz trifft vor allem den Nagel auf den Kopf, wenn er sagt, dass der Bezirk durch dieses Lebensgefühl der „parallelen Welten“, also der nicht mehr miteinander verbundenen Lebenswelten gekennzeichnet sei. „Wir leben in einer Welt mit nur noch Parallelgesellschaften.“

Hat Schulz recht? Bilden die üblichen Karnickelzüchter, Manager, und ich ergänze:  die Rapper, die Opernbesucher, die Autonomen, die Radfahrer, die Kirchgänger, bilden alles diese Gruppen unverbundene Parallelgesellschaften? Ich meine nein. Denn der typische „Vereinshuber“, der Taubenzüchter oder Karnickelzüchter oder Radsportler hatte und hat doch stets ein Gefühl der Zugehörigkeit zu seiner Gemeinde, zu seinem Staat bewahrt. Er war und ist nicht NUR Karnickelzüchter, sondern AUCH Gewerkschaftsmitglied, auch Berliner, AUCH SPD-Wähler, AUCH Hertha-Fan, AUCH Kirchenchormitglied, auch Familienvater. Er lebte nicht in Parallelwelten, sondern in kommunizierenden Welten.

Was wir hier aber in Friedrichshain-Kreuzberg erleiden, ist ein echtes Auseinanderdriften und Zerfallen der Bevölkerung in praktisch nicht  mehr verbundene Segmente. Und diese Segmente drohen sich entlang den ethnischen, weltanschaulichen und religiösen Trennlinien voneinander abzugrenzen. Kurz gesagt: Man geht sich aus dem Weg. Man weist sich die kalte Schulter.

Dies ist etwas Neuartiges, denn in dieser scharfen Absonderung gab es das bisher in der Bundesrepublik nicht. Die Tschechoslowakei bis zu den Vertreibungen der Jahre 1945-1946, das späte Habsburgerreich ab etwa 1848, das Osmanenreich (bzw. die Türkei)  bis zu den großen Vertreibungen der Jahre 1921-1923: sie alle waren derartige zerklüftete, multikulturelle und multiethnische Gesellschaften. Wir haben heute eine derartige aufgesplitterte, multikulturelle Gesellschaft in Staaten wie Libanon, Belgien, Ägypten, Indien, Irak. Alle diese Staaten drohen an ihren inneren Spannungen zu zerbrechen. Wollen wir also eine multiethnische, multikulturelle Gesellschaft werden, wie es die Tschechoslowakei bis 1946, die Sowjetunion bis 1990 war, wie es Libanon, Irak oder Indien heute sind?

Ich halte dies für eine gefährliche Entwicklung, der es bewusst entgegenzusteuern gilt. Wie?

Die drei großen Institutionen, die diese Segmentierung am ehesten rückgängig machen könnten, sind die Schule, die Arbeitswelt und die deutsche Sprache. Nur hier könnten die einzelnen Parallelgesellschaften noch in nennenswertem Umfang zusammenkommen, insbesondere in der Schule, und zwar in Gestalt der Familien: Kinder, Väter, Mütter.

Dazu kann dann noch als krönender Schlussstein die Einigung auf das Grundgesetz stehen. „Unsere Leitkultur ist das Grundgesetz.“ So hat es Cem Özdemir treffend in der FAZ gesagt. Und das Grundgesetz sagt es ja in der Präambel klipp und klar: Das Deutsche Volk hat sich dieses Grundgesetz gegeben. Die Bundesrepublik Deutschland – durch Gründungsdokument ausgewiesen – ist der Nationalstaat der Deutschen. Sie ist nicht als multiethnischer Staat gedacht wie etwa Indien, die Sowjetunion oder Afghanistan. Sie ist zwar de facto Einwanderungsland geworden, aber sie ist eben weiterhin der Staat der Deutschen. Wenn man dies ändern will zugunsten eines Vielvölkerstaates mit zahlreichen Parallelgesellschaften, muss man es sagen. Ich will es nicht. Ich meine: Wer auf lange Sicht gesehen durch eigene Arbeit Deutscher werden und mitmachen will, ist herzlich willkommen.

Wer auf lange Sicht gesehen nicht Deutscher werden, sondern Russe, Türke, Syrer, Pole bleiben will – ist als einzelner Mensch ebenfalls immer herzlich willkommen, aber er muss gewärtig sein, dass er keine besonderen Gruppenrechte als scharf umrissene Minderheit oder Enklave oder eigenständige „Volksgruppe“ beanspruchen kann. Er muss damit rechnen, dass die Bundesrepublik Deutschland seine Loyalität, seinen Beitrag, seine Zugehörigkeit verlangt. Vor allem wird es sich Deutschland nicht unbegrenzt leisten können, Angehörige anderer Staaten über Jahrzehnte hinweg als abgeschlossene Kollektive aus den eigenen Sozialkassen mitzutragen.

Das Zusammenkommen der zersplitternden Gruppen würde dreierlei voraussetzen: Alle Eltern müssten sich der Schule verbunden fühlen, indem sie einen aktiven Beitrag zur Schularbeit leisten. Und alle Bürger Friedrichshain-Kreuzbergs müssten imstande und willens sein, sich in der Landessprache Deutsch auszudrücken. Von beidem sind wir noch weit entfernt. Und drittens müssten alle Kinder, alle Jugendlichen sich durch eigene Anstrengung so weit bringen, dass sie irgendwo in Deutschland, in Europa oder in der Welt einen Beruf ergreifen und ausüben können. Die Perspektive auf „Arbeitslos in Kreuzberg wie Onkel und Nichte“ müsste systematisch verbaut werden.

Schule, deutsche Sprache und Arbeitswelt könnten die einigende Klammer liefern, durch die die Gesellschaft unseres Bezirks statt wie jetzt eine zerklüftete Sammlung von Parallelwelten zu einem System kommunizierender Röhren wird. Wie? Durch eine gemeinsame Kultur der deutschen Sprache, eine gemeinsame Arbeitswelt, überhaupt eine gemeinsame Bildung. Dies alles fehlt jetzt noch weitgehend und droht sogar mehr und mehr verloren zu gehen.

Die Gesellschaft droht in Friedrichshain-Kreuzberg zu zerfasern. Der Bezirk droht abzurutschen in dem Maße, wie das Bundesland Berlin oder die Bundesrepublik Deutschland den Bezirk mit seinen vielfältigen Milieus nicht mehr durch stetig wachsende Transferzahlungen erhalten und pflegen kann. Das höchst lesenswerte Interview mit Franz Schulz vom 19. Jänner 2011 ist als warnender Hinweis auf dieses drohende Abgleiten nicht hoch genug zu loben. Besonders gefällt mir die diplomatisch verkleidete Selbstanalyse: „Verharmlose ich Multi-Kulti hier in Kreuzberg oder spitzt Buschkowsky zu?“

Beides halte ich für richtig: Buschkowsky spitzt die Probleme zu, Schulz verharmlost recht staatsmännisch die Probleme. Beide kennen ihre Bezirke sehr gut. Beides – Zuspitzung und Verharmlosung – ist für amtierende Politiker legitim, zumal beide sich ja letztlich im Dienst des Gemeinwohls so verharmlosend und so zuspitzend äußern, ja äußern müssen.

Man sollte ausführlich weiterdiskutieren, und vor allem: handeln, arbeiten, machen.

Bild: Der Kreuzberg als Rutschbahn, aufgenommen vor wenigen Tagen.

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Jan. 192011
 

„Ich bin christlich geprägt, obwohl Agnostiker“. Mit dieser Aussage wird in der WELT ein Zeuge zitiert, der damit sicherlich repräsentativ für die Mehrheit der Deutschen spricht. Sein Name? Spielt zunächst keine Rolle. Nennen wir ihn G.W.

„Ich bin christlich geprägt, obwohl Agnostiker“. Ein bemerkenswerter Satz. Er erinnert an die Rede des Apostels Paulus auf dem Areopag in Athen, wo er den agnostos theos, den unbekannten, den nicht zu erkennenden Gott verkündet (Apostelgeschichte 17,23).

Christlich geprägt“ und deshalb beseelt vom Glauben an die unveräußerliche Würde, die unveräußerlichen Rechte auf Leben und Freiheit jedes einzelnen Menschen. Und zugleich „Agnostiker“ – na, ich würde fast sagen, das ist eigentlich eine Art säkulares Christentum. Das WELT-Christentum. Die säkularen Christen sagen: „Wir sind christlich geprägt, aber über Gott können wir nichts Bestimmtes erkennen und nichts Bestimmtes aussagen noch können wir überhaupt mit nachprüfbarer Gewissheit sagen, ob es einen Gott gibt.“ Und genau derartige Aussagen finden sich in der Geschichte des Christentums auf Schritt und Tritt – auch bei jenen, die sich offen als Christen bekannten. Darunter der unvergleichliche Angelus Silesius oder der einzigartige Pascal.

Ein beliebiges Beispiel für dieses säkulare Christentum, für dieses Christentum der Agnostiker ist folgender Satz: „Keiner hat Gott je gesehen.“ An diesen Satz können die säkularen, christlich geprägten Nicht-Christen und Christen mit ihren schwer navigierbaren, ortlosen WELT-Raumschiffen andocken. Es ist der Kernsatz der WELT-Christen, denn er bedeutet: „Wir huldigen einem unbekannten, einem nicht zu erkennenden, einem unerforschlichen Gott, von dem wir nicht einmal sinnvollerweise sagen können, ob es ihn gibt.“

Dieser Satz findet sich im Johannesevangelium, erstes Kapitel, Vers 18.

Die Zeugenaussage des christlich geprägten Agnostikers G.W. berichtete die WELT am 10.12.2010:

G. W. über Islam, Linke und Moral – Nachrichten Print – DIE WELT – Kultur – WELT ONLINE
Die Welt: Woher kommt Ihr Idealismus?

G. W.: Ich bin christlich geprägt, obwohl Agnostiker. Es gibt gewisse humane Werte, die allen Weltreligionen und den großen Philosophien eigen sind, und an denen sich die UN-Menschenrechtscharta orientiert.

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Jan. 172011
 

131120080011.jpgAls wir unseren Sohn von der staatlichen Grundschule auf die Privatschule ummeldeten, wurde uns ein Vertrag vorgelegt. Der Vertrag enthält Rechte und Pflichten der beiden Vertragsparteien. Auch wir Eltern gehen Verpflichtungen gegenüber der Schule ein. Das Prinzip „Leistung der Schule und Gegenleistung der Eltern“ halte ich für richtig.

Anders wird es an den staatlichen Schulen gehandhabt. Die Schulbildung ist ein Anspruch des Bürgers gegenüber dem Staat, der nicht von Gegenleistungen abhängt – außer dem unbestimmten Erziehungsauftrag des Grundgesetzes (GG §§ 6 und 7). Der Staat muss die Kinder nehmen, „wie sie kommen“. So kann er beispielsweise nicht verlangen, dass die Kinder mit Frühstück ins Klassenzimmer kommen, dass sie mindestens einfaches Deutsch können, dass sie laufen, stillsitzen und aufmerken können, dass sie eine Schere benutzen oder den Schuh binden oder ein Lied singen können.

Dennoch unterstütze ich die Anregungen der Abgeordneten Felicitas Teschendorf und Mieke Senftleben, von denen der Tagesspiegel berichtet: Die Eltern sollen  eine Art vertragliche Vereinbarung mit der Schulgemeinschaft eingehen – ähnlich dem Unterrichtsvertrag, den die Eltern mit der Privatschule eingehen.

Dabei sollte man uns Eltern die Erledigung gewisser Pflichten abverlangen – z.B. die Versorgung der Kinder mit warmen Mahlzeiten, die Anwesenheit der Eltern bei Elternabenden und bei Schulveranstaltungen.

Lustig und mittlerweile nur noch amüsant finde auch die reflexhaften Forderungen nach mehr Betreuung und Bemutterung, etwa erhoben durch den Abgeordneten Özcan Mutlu: Bei jedem Missstand wird sofort nach dem Staat und seinen tausenden von uns bezahlten Helferlein geschrieen, für alles muss der Staat MEHR PERSONAL bereitstellen.

Das musss man allmählich durchschauen lernen: Immer und bei jedem Anlass wird dem Staat der Schwarze Peter zugeschoben, der für die armen „Benachteiligten“ unbegrenzt in die Haftung genommen wird. Den Kindern gefällt’s.

Na, DEN würd ich aber gern mal in die Türkei in die Grundschule schicken!

Debatte um Ursula Sarrazin: Schulexperten verlangen mehr Einsatz von Eltern – Schule – Berlin – Tagesspiegel
Auch die Liberale Mieke Senftleben und SPD-Bildungsexpertin Felicitas Tesch wollen Eltern verstärkt in die Pflicht nehmen, diese dabei aber nicht von oben herab tadeln. Etliche Schulen legen zwar schon jetzt Eltern und Schülern ein Papier mit Regeln vor, dass sie unterschreiben müssen. Darin sagen diese zu, einen respektvollen Umgang zu beachten und zu fördern. Mieke Senftleben erwägt nun aber einen Vertrag, der Eltern zu mehr verpflichtet – vom Zubereiten des Schulfrühstücks bis zu Pädagogikhilfen. Senftleben: „Wir müssen ehrlich sagen, dass Schulen nicht alles leisten können.“

Die Schulen könnten aber zumindest noch „besser arbeiten, wenn sie mehr Personal hätten“, sagt Özcan Mutlu von den Grünen.

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Selbstbewusst, leistungswillig, bescheiden und sozial

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Jan. 172011
 

131120080012.jpgDas Wort hat Macht.“ So äußert sich im aktuellen SPIEGEL auf S. 144 ein deutscher Arbeitnehmer, der derzeit in Madrid angestellt ist, über seinen Erfolg.  Sein Name, sein Beruf? Nebensächlich. Nennen wir den Arbeitnehmer vorerst S.K. Mehr wird vielleicht am Schluss verraten.

Unabhängig von Name und Beruf seien hier die Leitsätze herausgegriffen, auf denen der Erfolg dieses Menschen aufgebaut ist. Hören wir ihn selbst!

Man muss korekt und ehrlich zu sich selbst sein, dann ist man auch korrekt gegenüber seinen Mitmenschen.“  Aha. Korrekt und ehrlich – dafür verwende ich das alte deutsche Wort Redlichkeit. Üb immer Treu und Redlichkeit!

„Ich will auch menschlich ein Vorbild sein.“ Gut! Vorbildlichkeit in der Lebensführung. S.K., der übrigens aus einem Arbeiterhaushalt stammt und Migrationshintergrund hat, sieht sich nicht als „Benachteiligten“.

„Geschult werden Teamfähigkeit, Persönlichkeit und Umgangsformen.“

„Man kann sich Respekt verschaffen durch Leistung, aber wenn man eine zentrale Position hat, muss man sich auch verständigen können. Das Wort hat Macht.“

Der eigene Vater war „der schärsfte Kritiker“ von S.K., er hat ihn „am Boden gehalten.“

S.K. wird als  „sehr selbstbewusst, perfektionistisch, bescheiden und sozial“ beschrieben.

Erforderlich sind „gemeinnützig kämpfende Teamspieler“.

„Dass sie in so jungen Jahren bereits Verantwortung tragen, ist kein Zufall.“

Die ganze Geschichte im SPIEGEL gemahnt an die alten Tugendspiegel des Mittelalters, in denen am Beispiel von vorbildlichen Einzelmenschen aufgewiesen wurde, wie man zu sittlicher Reife gelangt.

Und genau das leisten auch heute diese Geschichten wie etwa die des S.K.  Die Botschaft lautet: Übe die Tugenden wie S.K., dann wirst auch du in deinem Gebiet, in deinem Leben Erfolg und Anerkennung finden.

An die Schulen  und die Eltern lautet die schlichte Botschaft:

Erzieht euren Kindern Selbstbewusstsein, Freude an der Anstrengung, Teamfähigkeit, Fleiß, Erfolgswillen, Kritikfähigkeit  und soziales Gewissen an, dann werden eure Kinder Erfolg haben.

Ich halte diese Botschaft für richtig. Kinder sind ja in der Tat bildbar.

Statt ständig auf irgendwelchen „Benachteiligungen“ herumzureiten, sollte man Kinder von Anfang an mit diesem nahezu unbegrenzten Zutrauen erziehen:

Streng dich an, lauf ein bisschen mehr als die anderen, gib den Ball ab, klatsche Beifall auch bei Fehltritten oder Fehlpässen deines Mitspielers. Ermuntere andere, lass nie nach in deinem Bestreben um sittliche Vervollkommnung!

Die Lebensgeschichte des Schwaben Sami Khedira scheint mir ein guter Text für ein Lesebuch für die Berliner Grundschule.

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Ist die Schulqualität für die Zukunft des Kindes entscheidend?

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Jan. 162011
 

Immer wieder wird behauptet, die bildungsehrgeizigen Eltern schickten ihre Kinder auf die „guten Schulen“ und ließen die „schlechten Schulen“ links liegen. Denn von der Schulqualität hänge der Bildungserfolg der Kinder im Wesentlichen ab. Man brauche also nur die Qualität aller Schulen auf ein gleich hohes Niveau zu verbessern und alle Schüler hätten gleiche Bildungschancen und annähernd gleichen Bildungserfolg – unabhängig von der Herkunft der Eltern.

Typischer Beleg dieser Auffassung: der heutige Kommentar von Gerd Nowakowski.

Schulreform: Berlin braucht gute Schulen in allen Bezirken – Meinung – Tagesspiegel
Die meisten Eltern aber wissen, dass Schulqualität entscheidend für die Zukunft ihres Kindes ist und drängen auf gute Schulen. Deswegen müssen Lehranstalten in sozial schwächeren Bezirken befürchten, ganz abgehängt zu werden.

Ich widerspreche diesen Behauptungen. Vielmehr scheint – nach der Mehrzahl der Untersuchungen – der Bildungserfolg eines Kindes in Deutschland ganz entscheidend vom Elternhaus abzuhängen. Ein Akademikerkind auf einer „schlechten Schule“ wird mit großer Wahrscheinlichkeit ebenfalls Akademiker werden – und umgekehrt.

Nicht die Qualität der Schulen führt zur Entmischung in bestimmten Wohnlagen, sondern die Entmischung des Wohnens mit der berlintypischen Ballung von Transferempfängern und Familien mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund führt zur Entmischung der Schülerschaften.

Leider prägt nicht die pädagogische Arbeit, sondern die Zusammensetzung der Schülerschaft den Ruf einer Schule. Es gibt pädagogisch und materiell erstklassig ausgestattete Schulen, die bei den bildungsehrgeizigen Eltern dennoch als schlechte Schulen gelten, die man meiden sollte.

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Jan. 162011
 

Der Tagesspiegel bringt heute auf S. 9 aus der Feder Barbara Kerbels einen insgesamt zutreffenden Frontbericht von der Schule.

Leserdebatte: Worunter leiden Berlins Schulen? – Schule – Berlin – Tagesspiegel
Noch nie standen Lehrer so stark unter Druck und unter Beobachtung. Noch nie haben sich Eltern so entschieden und gründlich in den Schulbetrieb eingemischt. Wie Lehrer sein sollen, wie sie mit unseren Kindern umzugehen haben – das meinen alle beurteilen zu können. „Lehrer ist ja quasi jeder“, sagt Ralf Treptow, Direktor des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums in Pankow.

Ich neige der Ansicht zu, dass auch hier – wie an so vielen Stellen – Überversorgung das Problem ist.  Überversorgung erzeugt Anspruchshaltung.  Meine Generation – also die jetzige Elterngeneration –  hat doch nie ernsthaft um etwas kämpfen müssen, z.B. um kostenlose Schulbildung bis zum Abitur für jeden. Wir schätzen all das, was der Staat uns „schenkt“, zu wenig. Im Gegenteil! Die staatlichen Bildungsangebote werden oftmals als unzureichend abqualifiziert – um noch mehr verlangen zu können.

„Du Staat – erziehe uns unsere Kinder in allem: Pünktlichkeit, Sauberkeit, Höflichkeit, Respekt!“

Man vergleiche unsere Luxus- und Lotter-Lage etwa mit der Lage der „illegalen“, vom Schulbesuch ausgeschlossenen Roma-Kinder in Berlin – auch hierüber berichtet der Tagesspiegel heute auf S. 12!

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Jan. 152011
 

12102008003.jpg „Wir vertrauen dem Menschen“ – das wäre die Ansage, die ich mir für die Abgeordnetenhauswahl wünschen würde. Ich höre sie aber von keiner Partei.

Die Ansage der Berliner Parteien lautet bisher im Wettstreit: „Vertraut uns, den Parteien – wir machen das für euch Bürger. Wir, die Partei xy, schaffen für euch 100.000 Arbeitsplätze. Wir, die Partei xy, schaffen für euch Chancengleichheit. Wir, die Partei xy, räumen für euch auf, räumen euch hinterher. Wir, die Partei xy, lenken das Geld in eure Taschen um. Wir retten für euch das Weltklima, bitte gebt uns euer Geld dafür her. Wir, die Partei xy, kümmern uns um euch.“

Das gefällt mir nicht. Das haut mich alles nicht vom Hocker.

Wir brauchen einen Wahlkampf der Ermunterung, des Vertrauens.

Vertrauen in den Menschen setzen statt Misstrauen in den jeweils anderen Mitbewerber säen!

Vertrauen aussprechen statt Versprechungen machen. Eigene Fehlsteuerungen eingestehen, das wäre das Mindeste, was die Bürger Berlins von den in den letzten Jahrzehnten regierenden Parteien erwarten dürften.

Am Menschen arbeiten, den Menschen arbeiten lassen, statt ihn abzuspeisen mit unbezahlbaren Wohltaten, wie das die Berliner Parteien in den letzten Jahrzehnten getan haben.

Das wär’s.

Drei konkrete Themen wünsche ich mir im Abgeordnetenhaus-Wahlkampf:

1) Richtig gutes Deutsch lernen. Warum? Die nachwachsende Generation hier in Berlin lernt nicht richtig Deutsch. Eines der Riesenprobleme der Stadt! Es reicht oftmals nicht für Aufgaben, wie sie das Berufsleben stellt. Die Kinder sollen erzählen können, sollen singen können, sollen schreiben können. Was willst du, Partei A, dafür tun?

2) Richtig gut Radfahren lernen. Warum? Die Förderung des Radverkehrs ist eine der simpelsten Maßnahmen, mit denen man mehrere Fliegen auf einmal schlagen kann: Die Menschen werden gesünder, fröhlicher und lebenslustiger. Sie aktivieren ihre Eigenkräfte. Nebenbei wird auch die Umwelt entlastet und das Stadtklima verbessert sich. Und wenn’s der Rettung des Weltklimas dient – warum nicht?

Was willst du, Partei B, dafür tun?

3) Richtig gut erziehen lernen!  Die meisten sozialen Probleme Berlins rühren aus der Familie her. Es fehlt den Kindern an Geborgenheit, es fehlt an guten Vätern, es fehlt an Vorbildern, es fehlt an der engen Verzahnung von Familie und Schulgemeinde. Was willst du, Partei C, dafür tun?

Es wäre ein Wahlkampf des Lernens, den ich führen würde.

DER LERNENDE WAHLKAMPF für eine LERNENDE GESELLSCHAFT!

Huch! Parteien, die Idee könnt ihr euch schnappen, sie ist frei!

Mein Vertrauen würde ich der Partei, derjenigen Kandidatin oder demjenigen Kandidaten schenken, die mir diese drei Prüfstein-Fragen am überzeugendsten beantworten können.

Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben.

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Jan. 142011
 

„Das nebeneinander Fahren mit Fahrrädern ist erlaubt.“

So lautet der amtliche Wortlaut der Straßenverkehrsordnung in Anlage 2 zu § 41 Absatz 1 zu Zeichen 244.1 („Fahrradstraße“).

Was ist dazu zu bemerken? Ist „das nebeneinander Fahren mit Fahrrädern“, wie es die StVO schreibt, richtig?

Ich meine: nein.

Begründung: Es handelt sich um einen substantivierten Infinitiv. Dieser ist sowohl nach der früheren wie auch nach der jetzt geltenden Rechtschreibregelung mit großem Anfangsbuchstaben zu schreiben, etwa bei: das Singen, das Fahren, das Wandern. Wenn der substantivierte Infinitiv durch einen weiteren Bestandteil ergänzt wird, ist dieser, wenn er am Anfang steht, ebenfalls groß zu schreiben, etwa bei: das Daneben-Singen, das Hintereinander-Fahren, das In-den-Tag-hinein-Wandern.

Die Bestandteile des erweiterten substantivierten Infinitivs können entweder zusammengeschrieben werden oder durch Bindestrich aneinandergekoppelt werden: das Zusammenschreiben, das Zusammen-Schreiben  – beide Fassungen sind richtig.

Die amtliche Regelung der deutschen Rechtschreibung ist in § 57 (2) Abs. 2 in Verb. mit § 37 (2) völlig klar und eindeutig. Da gibt es kein Vertun!

Deshalb muss es entweder heißen:

Das Nebeneinander-Fahren mit Fahrrädern ist erlaubt

oder:

Das Nebeneinanderfahren mit Fahrrädern ist erlaubt

Wir halten fest: Das Nebeneinander-Fahren mit Fahrrädern ist erlaubt und richtig.

 Posted by at 15:02

Was ist das eigentlich – eine Fahrradstraße?

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Jan. 142011
 

j2631-1_0550.jpg Viele fragen mich: „Was ist eigentlich eine Fahrradstraße? Wie muss man sich dort verhalten?“

Lesen wir hierzu unseren Leib- und Magentext – die amtliche Straßenverkehrsordnung. Sie sagt über Fahrradstraßen folgendes aus:

StVO – Einzelnorm
Ge- oder Verbot

1.
Andere Fahrzeugführer dürfen Fahrradstraßen nicht benutzen, es sei denn, dies ist durch Zusatzzeichen angezeigt.
2.
Alle Fahrzeugführer dürfen nicht schneller als mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h fahren. Radfahrer dürfen weder gefährdet noch behindert werden. Wenn nötig, muss der Kraftfahrzeugführer die Geschwindigkeit weiter verringern.

Erläuterung

1.
Das nebeneinander Fahren mit Fahrrädern ist erlaubt.
2.
Im Übrigen gelten die Vorschriften über die Fahrbahnbenutzung und über die Vorfahrt.

 Posted by at 14:34
Jan. 142011
 

17072008.jpg Das Blitzeis ist vorüber – und ich konnte den Beweis erbringen, dass man mit der richtigen Bereifung jeden Tag im Jahr, wirklich jeden Tag mit dem Fahrrad sein Ziel erreichen kann. Punktum. Erledigt.

Nicht so leicht zu erledigen ist unter Verkehrsexperten die folgende Frage: Wie sollen Verkehrsströme geführt werden? Getrennt, zusammen, gemischt, auf eigenen Flächen? „Ich will mich sicher fühlen und fahre deshalb auf dem Gehweg, nicht auf dem Radstreifen“, sagen viele Radfahrerinnen.

Sie müssen erst mühsam daran gewöhnt werden, dass der Radstreifen auf der Fahrbahn das sicherste Mittel ist, um Radverkehr schnell und effizient zu machen und die eine oder andere Begegnung der unangenehmen Art zu vermeiden.

Ich fahre stets auf vorhandenen Radstreifen und sichere so das gedeihliche Auskommen aller Verkehrsteilnehmer!

Ein weiteres Mittel – neben dem Radstreifen und dem Radweg – sind die Fahrradstraßen, wie sie beispielsweise auch ADAC-Verkehrsvorstand Dorette König heute in der Morgenpost verlangt:

mobil.morgenpost.de
Parallel zu den Hauptverkehrsachsen sollen Radstraßen eingerichtet werden. Als bereits umgesetzte Beispiele nannte König die Linienstraße, auf der Radfahrer parallel zur Torstraße radeln, und die Prinzregentenstraße als Alternative zur Bundesallee.

 Posted by at 14:23
Jan. 142011
 

Als unübersetzbare deutsche Wörter gelten Schadenfreude und Wanderlust – dem ich mit gestrigem Blog-Eintrag das bisher nicht bezeugte Klagenfreude hinzugefügt sehen möchte.

Nach all dem Klagen und Jammern der Eltern möchte ich aber heute ein Lob, ein „Bienchen“, eine „Eins mit Stern“ verteilen, und zwar an den Schulsenator Zöllner. Er wird in der Berliner Zeitung heute auf S. 15 so zitiert: „Es gibt in Berlin jedes Jahr Hunderte Lehrer, über die sich die Eltern beklagen.“ Mit dieser Begründung lehnt der Senator es völlig zu recht ab, sich über eine Personalie zu äußern.

Aus meiner jahrzehntelangen „Karriere“ als Berliner Elternvertreter kann ich diese Einschätzung bestätigen. Dass in diesen Tagen über eine einzelne Lehrerin in breiter Öffentlichkeit verhandelt wird, ist genauso schädlich und unerträglich wie wenn über einen einzelnen auffälligen Schüler öffentlich berichtet würde.

Ich protestiere hiermit ausdrücklich gegen das Verhalten des amtierenden Landeselternsprechers, der sich in abfälliger Weise öffentlich über eine Lehrkraft geäußert hat. Das darf er nicht. Es ist ein grobes Fehlverhalten.

Ich habe viele sogenannte „Problemschüler“ und viele sogenannte „Problemlehrer“ erlebt. Ich kenne die reflexartigen, schulöffentlich oder gar öffentlich vorgetragenen Forderungen nach „Versetzen“, „Verweisen“, „Zurechtweisen“. Das sind fast immer untaugliche Mittel.

Die „Problemschüler“ oder „Problemlehrer“ einer Schule sind meist Symptom, nicht Ursache eines nicht offen ausgetragenen Konfliktes. Diesen gilt es zu erkennen, einzugrenzen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit, aber mit Einschluss der unmittelbar Beteiligten zu lösen, etwa durch Gespräche oder durch einfache, leicht zu befolgende Verhaltensänderungen, die wie ein Vertrag zwischen den Beteiligten ausgehandelt und vereinbart werden.

Erzwungene „Wanderlust“, also Versetzung der Lehrkraft und Schulverweis des Schülers, sind nur die allerletzte Möglichkeit. In einigen wenigen Fällen mag es keinen anderen Ausweg geben. Auf keinen Fall darf aber so etwas über die Presse ausgetragen werden. Das ist schlimme Rufschädigung.

Zu Recht lehnt Schulsenator Zöllner ein derart unzulässiges An-den-Pranger-Stellen ab. Und dafür verdient er Lob.

 Posted by at 13:46
Jan. 132011
 

„Du bist bey diesen Klagen froh“ – so vorwurfsvoll dichtete einst Johann Ulrich von König.

Klagenfroh – so möchte ich die Haltung der Bürger in unserem Staate beschreiben.

Ob nun Liebig 14, ob  nun Schulformen – der Bürger klagt und klagt ein, und er wird seiner Klagen froh. Statt selber Hand anzulegen, statt das Beste aus der Lage zu machen, statt den Pinsel in die Hand zu nehmen und die Schule neu zu streichen, statt die Kinder zu erziehen, verlegt sich der Bürger aufs Jammern und Klagen.

Verwöhnte Lausejungen im Liebig 14 erwarten endlos Alimentierung durch den Staat mit dem sauer verdienten Geld der Steuerzahler – und wenn der Bürgermeister Schulz die Alimente allmählich zurückfährt, wird gegreint und geklagt, geflucht und gezündelt. Lest doch die Lebensgeschichte des Andreas Baader, trefflich aufgezeichnet von Stefan Aust – ebenfalls verwöhnt ward er im Liebfrauenhaushalt, gehätschelt und verzärtelt bis zum Erbrechen.

Die wackeren Politiker spielen meist mit, bedienen den klagenfrohen Bürger, bis das Staatssäckel zusammenschnurrt – die Geldkatz ist leer.

Na dann sollen halt die Kinder der Klagenfrohen zahlen. Die Politiker verzehren dann schon ihr wohlverdientes Altenteil. Über 17.000 Euro Staatsschulden lasten im Bundesland Berlin auf jedem einzelnen Bürger.

Theatralische, geistliche vermischte … – Google Bücher

 Posted by at 14:22
Jan. 132011
 

Früher waren die Eltern und die erwachsenen Bürger schaffensfroh, sangeslustig, sinnesfroh, lebensfroh, lebenslustig – heute sind sie vor allem klagefreudig und wie Hinz und Kunz „benachteiligt“.

Wie Rechtsanwälte, die ihr Ding gegen das gemeine Gemeinwesen durchziehen!

„Als besonders klagefreudig bezeichnet die Pankower Schulstadträtin Lioba Zürn-Kasztanowicz die Eltern in ihrem Bezirk.“

Herrlicher Satz!

Lustiger Bericht heute in der Morgenpost auf S.  15 über die „Neue Wut der Eltern“.

mobil.morgenpost.de

 Posted by at 13:47