Das Ergebnis von seit 5. September 2006 über 7 Milliarden verbauten Euro: Der neue Berliner Flughafen am 21. Mai 2020, bisherige Betriebstage: 0
750 Milliarden Euro, eine atemberaubende, pharaonische Summe, so möchte man meinen, die im Wesentlichen ab 2022 den begünstigten Staaten Europas, also denjenigen benachteiligten Staaten, die in den 5 Jahren von 2014 bis 2019 die höchsten wirtschaftlichen Schwierigkeiten, z.B. die höchste Arbeitslosigkeit verzeichneten, als redlich verdiente Corona-Wiederaufbauhilfe zugute kommen wird! Ein kolossales Vorhaben der EU-Kommission, dem gutes Gelingen zu wünschen ist. Hendrik Kafsack versuchte vorgestern in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit allen seinen Kräften, um Verständnis für dieses Unterfangen zu werben. Hat er es geschafft? Überlegt selbst, liebe Leserinnen und Leser!
Von der vereinenden, versöhnenden, alles ausgleichenden Bindekraft des Geldes konnte man sich jedoch in Europa nicht erst gestern oder vorgestern überzeugen, nein, ein bereits 1992 im schwäbisch-sparsamen Stuttgart erschienenes Büchlein bringt in lateinischer Sprache diese ureuropäische Einsicht als hymnischen Lobpreis des „nummus“, der „Münze“, der „Währung“ also zum Ausdruck:
Manus ferens munera pium facit impium nummus iungit federa nummus dat consilium
Die Hand die Geschenke reicht macht fromm den Unfrommen Geld schließt Bündnisse Geld schafft Rat
(Übersetzung aus dem Lateinischen von dem hier Schreibenden)
Quellenangaben: Hendrik Kafsack: Corona-Aufbaufonds der EU. „Wer braucht das Geld wirklich?“ FAZ, 22.06.2020 Carmina Burana. Lateinisch/Deutsch. Ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Günter Bernt, Philipp Reclam jun. Stuttgart 1992, S. 12
Marcantonio Raimondi: „Die Pest in Phrygien“ (Il morbetto). Gesehen gestern in der Ausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts „Raffael in Berlin. Meisterwerke aus dem Kupferstichkabinett“
Von größter Planungssicherheit zeugen wieder und wieder die gegenwärtig laufenden Gespräche zur Zukunft der Europäischen Union. Alles wird berechnet, die Staaten müssen sich nur noch einigen, wie sie all das Geld zu verteilen haben. Mithilfe des Geldes übernimmt die Union die Gestaltungsmacht über die Zukunft bis ins Jahr 2050. So ist man sicher, den Wohlstand zu sichern, die Klimaneutralität zu erreichen. Man, also die Europäische Union, plant es ja so. Großartig, diese Gewissheit, dieser Glaube an die Planbarkeit und Berechenbarkeit der Zukunft! Mit so und so viel Geld ist man gewiss, dieses und jenes Ziel bis zu einem bestimmten Datum zu erreichen.
Wie im Großen, so auch im Kleinen! So ist man auch gewiss, bis zum Jahr 2020 eine Million Elektroautos auf die deutschen Straßen zu bringen. Man, also die Bundesregierung, hat es ja im Jahr 2013 so geplant und festgeschrieben. Und dann wird es auch so kommen. (Aktuell fahren allerdings nach den Daten des Kraftfahrt-Bundesamtes Flensburg weniger als 200.000 Elektroautos auf deutschen Straßen, doch diese Tatsache spielt für den Glauben an die Pläne keine Rolle). Und dann wird man auch bei richtiger Planung und mit den entsprechenden Geldbeträgen die Klimaneutralität im Jahr 2050 erreichen. Man muss nur planen, muss glauben, muss folgen, muss mittun!
Um wieviel anders dachten die Menschen doch früher in all den Jahrhunderten vor unserem großmächtigen, stolzen und selbstbewussten europäischen 21. Jahrhundert! Vieles war eben nicht planbar, so die grundlegende Einsicht unserer europäischen Vorfahren, von der die Politiker der Europäischen Union sich ganz offensichtlich verabschiedet haben. Einer der kulturellen Väter Europas, Publius Vergilius Maro, legt seinem Helden Aeneas zu Beginn des dritten Buches der Aeneis folgende Worte in den Mund:
… incerti quo fata ferant ubi sistere detur …
„Wir waren ungewiss, wohin die Schicksale uns tragen würden, wo uns anzuhalten gegeben würde“
Aeneas sagt diese Worte im Rückblick auf die verheerende Pandemie in Phrygien oder eigentlich auf Kreta, die sich grauenhaft bei ihrem ersten Halt nach ihrer Flucht aus dem zerstörten Troja entgegenstellt: Von Tieren auf den Menschen sprang die Infektion über, Mütter starben vor ihren Kindern, die Leichen stapelten sich in rasch ausgehobenen Gräbern. Den entsetzten Augen der fliehenden Trojaner bot sich also eine Szene dar, wie sie schlimmer nicht hätte sein können.
Raffael stellte diese Szenerie in einem packenden zeichnerischen Entwurf dar, den Marcantonio Raimondi in Kupfer stach, und fügte einige Verse aus dem dritten Buch der Aeneis hinzu.
Angesichts dieser verheerenden Epidemie mussten sich die Trojaner um Aeneas von jedwedem Hirngespinst der Planbarkeit ihres Geschicks verabschieden.
Europas Kultur, eine mehrsprachige Baustelle? Elstal, Aufnahme vom 31.05.2020
„Gerade haben wir das Europäische Kulturerbe-Jahr, was man der Kommission förmlich aus dem Kreuz leiern musste.“ So schreibt es 2019 Martina Michels, Mitglied im Kulturausschuss des Europäischen Parlaments. Ein hartes, schroffes Wort! Trifft diese Diagnose der EU-Abgeordneten zu, wonach die EU-Kommission keinen Sinn für das europäische Kulturerbe habe?
“Uns droht die Kultur!”, so seufzen die Beamten in Brüssel laut dem Zeugnis des 2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Schriftstellers Robert Menasse, wenn es um die Verteilung der Zuständigkeiten geht. “Österreich soll mit Kultur abgespeist werden!”
Freundinnen, Freunde! Ist die Kultur wirklich ein europäisches Folterinstrument? Ist die europäische Kultur eine Art Resterampe, an der kleinere Staaten wie Österreich abgespeist werden? Stimmt dieses Bild?
Die Fragen lassen schmunzeln. Aber eines steht fest: In der EU lässt sich offenbar mit europäischer Kultur kein Staat machen!
Derzeit gilt der Kampf mit aller Macht wahlweise einem winzig kleinen Erzfeind, er bestimmt die Schlagzeilen, er beherrscht wie ein ungekrönter König das gesamte Gespräch, ihm sind alle andere Erwägungen untergeordnet: seine Majestät – das Virus! Hierfür schont man weder Budgets noch Schuldengrenzen.
Oder man blickt auf das große riesige Ganze: die Rettung der Welt vor dem offenbar demnächst bevorstehenden Untergang. Auch hierfür spart man nicht an Billionen und Aberbillionen! Das Virus und die Weltenrettung, das sind die beiden Wegweiser auf Europas Autobahn!
Gilt für die EU heute, was der Karikaturist Thomas Theodor Heine 1927 im Simplicissimus über die Weimarer Republik sagte:
Sie tragen die Buchstaben der Firma – aber wer trägt den Geist?
Diesen Fragestellungen wollen wir uns in den nächsten Tagen widmen!
Zitate:
Martina Michels (Hg.): Europa eine Stimme geben. Europäisches Lesebuch. Brüssel 2019, S. 26
Robert Menasse: Die Hauptstadt. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2. Aufl. 2017, S. 45-46
GeigeKommentare deaktiviert für Frage des Tages: „Ist Perfektion das Merkmal des Schönen?“
Juni102020
Einige ganz junge und einige ältere Geiger und weitere Streicher spielen zusammen – ferne der technischen Perfektion, dem Göttlich-Schönen sich annähernd. Kirche St. Bonifatius, Kreuzberg, Mai 2013
Am 8. Juni habe ich die Antwort auf diese Frage des Tages gefunden im gedruckten Tagesspiegel auf S. 19! So ein bewegendes, tolles, kluges Interview mit dem Konzertmeister der Berliner Philharmoniker! Bin baff, fast den Tränen nahe, dass der Journalistin Christina Rietz und dem Geiger Daniel Stabrawa dies gelungen ist! Außergewöhnlich gut dieser persönliche Ton, auch diese ungeschminkten Wahrheiten über den Perfektionswahn des heutigen Klassikbetriebes. Höchst beachtlich!
Aber lest diesen kleinen Ausschnitt aus dem Interview:
Rietz: Wie hat sich das Violinspiel verändert? Es wird beklagt, dass es heute technische Brillanz gebe, aber keine Romantik mehr. Stabrawa: Die Schuld muss man den Medien zuschieben. Aufnahmen, die im Studio manipuliert worden sind, setzen heute den klanglichen Standard. Alles klingt perfekt. Und all die jungen Geiger wollen dann auch so klingen.
Rietz: Was ist schlecht an technischer Perfektion? Stabrawa: Unter technischer Perfektion leidet die Schönheit des Instruments, ja die Schönheit der Kunst. Sie besteht darin, kleine, unvorhersehbare Fehler zu machen, Abweichungen von der Norm. Wir sehen ein Quadrat, aber kein perfektes, das ist schön.
Wenn heute ein Solist auf die Bühne kommt, erwartet man von ihm, dass er spielt wie auf einer CD. Die allerwenigsten können beides, Emotion und Perfektion.
Am Übergang der Sprachen: diese Abfolge an Bitten fanden wir bei einer Wanderung durch das Tal der Löcknitz am Sonntag, dem Tag des Herrn, vor einer Woche, in dem Ort Kienbaum
Von Paris nach Kienbaum! Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens! Fast bis zur Quelle der Löcknitz hat es also diese Aneinanderreihung von einfältigen Bitten geschafft, die erstmals zu Paris im Jahr 1912 in der Zeitschrift La Clochette erschienen ist.
O einfältige Bitte! Du hast die Sprachengrenze vom Französischen ins Deutsche überwunden, bist Flüsse bergauf gewandert, hast Gebirge überwunden – wandere weiter! Du hast noch viel Puste!
Hier deine älteste bezeugte Fassung des Jahres 1912:
Seigneur, faites de moi un instrument de votre paix. Là où il y a de la haine, que je mette l’amour. Là où il y a l’offense, que je mette le pardon. Là où il y a la discorde, que je mette l’union. Là où il y a l’erreur, que je mette la vérité. Là où il y a le doute, que je mette la foi. Là où il y a le désespoir, que je mette l’espérance. Là où il y a les ténèbres, que je mette votre lumière. Là où il y a la tristesse, que je mette la joie. Ô Maître, que je ne cherche pas tant à être consolé qu’à consoler, à être compris qu’à comprendre, à être aimé qu’à aimer, car c’est en donnant qu’on reçoit, c’est en s’oubliant qu’on trouve, c’est en pardonnant qu’on est pardonné, c’est en mourant qu’on ressuscite à l’éternelle vie.
WanderungenKommentare deaktiviert für Architettura metafisca – der Flughafen BBI an Christi Himmelfahrt
Mai232020
Nur als ein zeitenthobenes, sehr kostbares Kunstwerk ist der Flughafen Berlin Brandenburg International Willy Brandt so recht zu erfassen und zu würdigen! Seit über 8 Jahren im Großen und Ganzen fertig, nie genutzt, menschenleer, lud er uns bei strahlender Sonne vorgestern zum langen Spazieren und saumseligen Verweilen ein! Hier der neue Willy-Brandt-Platz: Scharfkantige geometrische Architektur, breite ungenutzte Flächen, schroffe Schlagschatten, die an den italienischen Städtebau der 1930er Jahre erinnern (Giuseppe Terragni, Mario Ridolfi, Vincenzo Pilotti u.a.). Auch die Pittura metafisica eines Giorgio de Chirico fällt einem ein. Una cattedrale nel deserto! Architettura metafisica, phantastisch! Hier eine Aufnahme vom Herrentag 21. Mai 2020
Ein Blick in den Himmel über dem neuen Flughafen Berlin Brandenburg International Willy Brandt. Aufnahme von Christi Himmelfahrt 2020, 21.05.2020
Ich kenne das Gedicht, ich glaube es schon zu kennen, schon seit meiner Schulzeit lange zu kennen. Er trägt es vor, als hätte ich es nicht schon tausendmal gelesen, tausendmal gehört, beiseitegelegt.
Vor zwei Tagen hörte ich in dem Mitschnitt einer Abendveranstaltung des Literaturhauses Berlin Paul Celan, wie er sein Gedicht „Todesfuge“ vorträgt. Er war der Gastgeber des Abends, ihm galt das Programm:
Ein Abend zu Paul Celan Mit Hans-Peter Kunisch und Thomas Sparr. Moderation: Eveline Goodman-Thau
Ich wiederhole: Ich kenne das Gedicht, ich glaube es schon zu kennen, schon seit meiner Schulzeit lange zu kennen. Kannte ich es wirklich? Nein! Es war überdeckt, übermalt, verätzt durch zu viele Kommentare, zu viele Widerlegungen, zu viele Überlegungen.
Celan trägt das Gedicht langsam vor, behutsam ansetzend, dann sich in einen Rhythmus hineinsteigernd, in seinen, ihm eigenen Rhythmus fallend, er schwebt zwischen dem Sprechen, dem Vorlesen und dem Singen, es ist ein getragenes Schwingen und Singen, in dem jeder Laut, jeder Ton sich abhebt vom vorhergehenden, sich anschmiegt, sich stößt, reibt, schürft.
Der Dichter trägt uns sein Gedicht vor, als hätten wir das Gedicht nicht schon tausendmal gelesen, tausendmal gehört, beiseitegelegt.
Das Gedicht rührt mich im Vortrag des Dichters zu Tränen. Nur dieses eine Mal ist mir das mit der berühmten Todesfuge geschehen – vor zwei Tagen. Atemloses Schweigen fällt in der Veranstaltung ein. Dann erhebt die Moderatorin Eveline Goodman-Thau das Wort. Nach einigen Worten der Begrüßung an die anderen Gäste sagt sie etwas wie: „Mir treibt es Tränen in die Augen…“ Und genau diese Empfindung hatte ich auch! Und so mag es wohl den anderen Gästen auch gegangen sein.
Und so meine ich sagen zu können, was den gelungenen Vortrag dieses Gedichtes und wohl jedes Gedichtes ausmacht, eine Kunst, die heute in Deutschland fast völlig verlorengegangen ist wie so vieles andere auch:
Es ist ein Schweben, ein intensiviertes Sprechen, nahe dem Singen, in dem jedes Wort, jeder Laut sich einfügt, eingefugt wird in eine Fülle des Lautens, ein Leiden der Laute aneinander, ein Mitleiden, das zum gemeinsamen Erleiden wird, zur Leidenschaft, zur leidenschaftlichen Erregung eines Gefühls, das mehrere Zuhörer erfasst und in eine Gemeinschaft hinüberführt. Das griechische Wort für diese leidenschaftliche Erregung, die eine Gefühlsgemeinschaft stiftet, die sich auch körperlich ausdrückt – im Tränenfluss, im Ringen nach Worten, im Innehalten, in aus dem Inneren aufsteigenden Bewegungen — lautet Pathos.
Diese Leidenschaft im Vortrag, diesen Mut, dieses Pathos, Gefühle in der Stimme auszuleben, das hat Paul Celan zeitenumspannend vorgeführt. Dafür, für diese Offenbarung, empfinde ich eine tiefe Dankbarkeit.
Freude, WanderungenKommentare deaktiviert für Von Belzig auf den Hagelberg – Wanderung im blühenden Mai
Mai182020
Im schmuck hergerichteten Städtchen Belzig, dem ehemals wichtigen Knotenpunkt im Barnim, kreuzten sich wichtige Handelsrouten nach Magdeburg, Jüterbog, Wittenberg, Brandenburg, Zerbst und Dessau. Diese alte Postmeilensäule wurde 1725 in Belzig aufgestellt. Heute erschließen sich den Wanderern von Belzig aus zahllose Pfade durchs üppige Grün, durch munter plätschernde Bachgründe, an alten Kopfweiden vorbei.Von der alten Trutz- und Wehranlage, der Burg Eisenhardt, konnten wir zu Beginn der gestrigen Wanderung einen herrlich weiten Blick über den Fläming gewinnen, bis hin zu den fernen Hügelzügen, landschaftsprägenden Aufschüttungen, die vor wohl 300.000 bis 125.000 Jahren während der Saaleeiszeit diesem Gebiet sein leicht gewelltes, sanft wiegendes Antlitz gaben.
Im Tal der Briese bei Birkenwerder am 10. Mai 2020Wir staunten gestern auf unserer Wanderung darüber!„Land unter“ im Naturpark Barnim Wer hat diesen Staudamm so kunstfertig aufgeschlichtet?
Nicht zu fassen, Die dreisten Gesellen! Sie können’s nicht lassen, Die Bäume zu fällen Im Tal der Briese, Sie stauen die Quellen, Sie fluten die Wiese, Sie hausen im Dunkeln, Sie nagen bei Nacht, Bleib wach und munter, Du nimm dich in acht, Wenn Sterne funkeln, Sonst gehst du unter.
Nun frage ich euch, liebe Kinder: Wer ist gemeint? Wer sind die fleißigen Gesellen, das dreiste Gelichter?
Eigene Gedichte, GnadeKommentare deaktiviert für Pied Beauty. An einem Sonntag in dieser Zeit
Apr.192020
Pied Beauty – Gesprenkelte Schönheit
Kurzes, stummes Innehalten vor dem bunt gesprenkelten Bild, den hingetupften Blüten der Bäume, den blumengesprenkelten Rainen und dem üppig emporwuchernden Kraut, dem Gewürm, dem unordentli chen Durcheinander, das unsere Welt so schön macht an diesem Sonnentag, der wie ein immerwährender Sonntag erscheinen mag dank DIR!
Ich greife in all dieser Pracht dankbar zu einem entzückenden, rätselvollen Gedicht des englischen Dichters Gerard M. Hopkins. Es heißt
Pied Beauty
Glory be to God for dappled things – For skies of couple-colour as a brinded cow; For rose-moles all in stipple upon trout that swim; Fresh-firecoal chestnut-falls; finches’ wings; Landscape plotted and pieced – fold, fallow, and plough; And áll trádes, their gear and tackle and trim.
All things counter, original, spare, strange; Whatever is fickle, freckled (who knows how?) With swift, slow; sweet, sour; adazzle, dim; He fathers-forth whose beauty is past change: Praise him.
Zitatnachweis: Gerard M. Hopkins: Pied Beauty, in: The Oxford Book of English Verse. Edited by Christopher Ricks. Oxford University Press, 1999, S. 509
Die COVID-19-Quarantäne bedeutet für viele in so manchem europäischen Land Hunger, Versorgungskrise, Abgeschnittensein. Der Staat kann nicht überall sein, kann nicht allen helfen. Aber hier zeigt sich auch das Beste in den Menschen, ein mitfühlendes Herz! Auch in der Hauptstadt des größten europäischen Landes gelten jetzt strenge Ausgangsbeschränkungen. Guter, vorbildlicher Einsatz junger Bürgerinnen und Bürger im Freiwilligendienst um Jegor Schukow für diejenigen Menschen in Moskau, die durch die Quarantäne besonders hart getroffen werden. Konkrete Hilfe für die Menschen! Gut, macht weiter so!
Hilary Mantel: The Waterstones Interview – Wolf Hall Trilogy 24.02.2020
„Werden wir die nächsten paar Atemzüge überleben?“
In unseren durch und durch gesicherten Zeiten fällt es uns wohl zunehmend schwer, das Grundgefühl zu verstehen, das die Menschen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder überfiel, sie beherrschte, sie zum Glauben trieb und vom Glauben abfallen ließ: das Gefühl der gestundeten, der aufgeschobenen Sterbestunde, der Gedanke an den eigenen Tod als ständigen Wegbegleiter, das Ringen um jeden Atemzug, der der letzte sein konnte.
Hilary Mantel, die in der Grafschaft Derbyshire geborene Schriftstellerin, fasst dieses alle Jahrhunderte, alle Jahrtausende der bisherigen Menschheitsgeschichte durchziehende Grundgefühl in einem Gespräch über den dritten Teil ihrer Cromwell-Trilogie in die folgende brillante Formulierung: „Are we going to survive our next few breaths?“
Der unzeitige, der vorzeitige Tod, die Todesgefahr war dieser Schatten, der die Menschen im Alltag begleitete. Man starb früher vor allem an Infektionskrankheiten aller Art – Atemwegserkrankungen wie Tuberkulose und Lungenentzündungen zuvörderst -, an bakteriellen und viralen Seuchen, Epidemien, „Plagen“, Pest, Pandemien, man starb an Verletzungen und Unfällen, man starb in Kriegen, in Raubüberfällen, Brandschatzungen, Feuersbrünsten, Vergiftungen, Hungersnöten.
Man erreichte fast nie das Ablaufdatum der biologischen Uhr, also jene Altersgrenze, an der der menschliche Organismus nicht mehr die Kraft zum Weiterleben – und das heißt: zum Weiterkämpfen – hat.
Die heute so pandemisch verbreiteten Wohlstandskrankheiten wie Übergewicht aufgrund von zu reichlicher Ernährung und Bewegungsmangel – oder auch zahllose vermeidbare chronische Erkrankungen wegen des Tabakrauchens – gab es nur in der winzigen Schicht des begüterten Adels.
Normal dagegen waren plötzlich hereinbrechende Unglückslagen, Pest, Infektionen, Hunger, Krieg. Raffael starb mit 37 Jahren, Mozart mit 35. Überrascht war man trotz aller Trauer durch derartige „vorzeitige“ Sterbefälle nicht. Sie waren die Norm.
Die derzeit in aller Munde diskutierte Corona-Pandemie vermag einen schwachen Eindruck, einen milden Abklatsch davon zu geben, in welcher fundamentalen Unsicherheit die Menschen zu Zeiten eines Cromwell, eines Thukydides, eines Achilles oder auch eines Napoleon lebten.
Unser heutiger Ausnahmezustand war früher der Normalzustand.
Heute, in unseren von unvergleichlicher Sicherheit geprägten reichen Gesellschaften (in der reicheren Hälfte der Weltbevölkerung wohlgemerkt, nicht in den armen Staaten!) sterben die meisten Menschen erst in hohem Alter an Herz-Kreislauferkrankungen und an Krebs, während infektiöse Erkrankungen wie Lungenentzündung oder COVID-19 nur mehr 3-5% der Todesursachen ausmachen und gewaltsames Sterben nahezu verschwunden ist – selbst wenn jeder Sonntagabend mit der Unzahl an seriell gefertigten Krimis das Gegenteil zu verkünden scheint.
Nach den und zusätzlich zu den Pandemien der vermeidbaren Wohlstandserkrankungen (überwiegend durch menschliches Fehlverhalten bedingt) haben wir nun eine weitere Pandemie zu bewältigen – die Corona-Pandemie. Nach Dimension, Wucht, Dauer, statistischer Relevanz kommt sie bisher den bereits vorhandenen nicht-infektiösen Pandemien noch nicht nahe, an die wir uns gewöhnt haben. Denn weiterhin sterben die allermeisten Menschen und werden die meisten Menschen an ganz anderen Ursachen sterben – nämlich an Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs, ferner auch weiterhin an opportunistischen Infektionen wie Lungenentzündung, COVID-19 oder Noro-Viren. Die Todesfälle durch COVID-19 laufen derzeit als kleiner statistischer Zusatz mit. Sie werden durch eine gigantische mediale Überhöhung freilich rund um die Uhr buchstäblich ins Volk gepeitscht und getrommelt.
Ihre Unvermeidbarkeit und ihre vermeintliche Neuartigkeit sind es, die zunächst einmal Angst vor COVID-19 machen und das gesamte staatliche Gefüge durcheinander wirbeln! Politics of fear! Angst vor Kontrollverlust als Triebfeder der Politik! Die Allmachtsfantasien der modernen, risikoarmen Wohlstandsgesellschaften werden durch COVID-19 gebrochen. Der unzeitige, der nicht planbare, der nicht erwartbare Tod tritt wieder als ständiger Begleiter an die Seite des Menschen, so wie er dies in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden auch gewesen ist. Es tritt wieder eine Art Normalzustand der Menschheitsgeschichte ein.
In der Muttersprache Hilary Mantels, der ich an dieser Stelle von Herzen danke, möchte man sagen:
Buck up, come on, things aren’t that bad. They aren’t that new, either. We will survive our next few breaths, in all likelihood.
Aus unserem LebenKommentare deaktiviert für „Faut-il le savoir ?“ La question de Marmeladov
Apr.142020
Le Vendredi saint, j’ai marché le long de la Ebersstraße à Schöneberg. Là, j’ai vu un livre posé sur le rebord d’une fenêtre. Un livre abandonné. „Chanson douce“ en était le titre. Par Leïla Slimani, Gallimard, folio. Paris 2016. Étrange!
J’ai été saisi par l’irrésistible attraction que les livres français et italiens ont toujours exercée sur moi. J’ai pris le livre et j’ai immédiatement commencé à lire dedans. Page 11.
J’ai lu la question d’un certain Marmeladov: „Comprenez-vous, Monsieur, ce que cela signifie quand on n’a plus où aller? Car il faut que tout homme puisse aller quelque part.“
J’ai réfléchi à ce que je devrais répondre à cette question de Marmeladov. Marmeladov a-t-il eu raison de poser sa question ? Faut-il toujours savoir où l’on va ?
Ma réponse est non, nous ne savons pas, et nous n’avons pas besoin de savoir.
Leïla Slimani: Chanson douce. Gallimard, Paris 2016, p.11