Okt. 232007
 

Am Abend dolmetsche ich den Eröffnungsvortrag zur 7. Woche der italienischen Sprache in der Welt. Giulio Ferroni spricht im Italienischen Kulturinstitut fesselnd von den Meeresbildern in der abendländischen und italienischen Literatur. Ein tollkühner Ritt über die Meereswogen, von den Fährnissen des Odysseus über die wundersamen Abenteuer des Ariost bis zu den Tintenfischknochen des Eugenio Montale. Was für ein großartiges Gefühl, dem Schifflein seiner Gedanken als getreuer Dolmetscher zu folgen! Wir sind Gefährten auf hoher See. Freue mich schon auf die anderen Veranstaltungen der „Settima settimana della lingua italiana nel mondo“. Besuch empfohlen! Programm unter www.iic-berlino.de

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Tusk gewinnt haushoch in Polen – dank positiver Kommunikation

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Okt. 222007
 

Lese eben vor dem Aufbruch noch von Tusks Wahlergebnis. Großartig, ich bin begeistert. Tusk hat gewonnen, weil die Polen kein Freund-Feind-Denken mehr wollen, weil sie des alten Blockdenkens überdrüssig sind. Er ist – nach eigenem Bekunden – – pro-deutsch, pro-russisch, pro-tschechisch … ein echter Patriot eben, der für sein Land gute Beziehungen zu allen Nachbarn will. Jestem bardzo zadowolony! Witam panstwo serdecznie z Kreuzberga!

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In Augsburg alles klar

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Okt. 212007
 

Sitze schon im ICE nach Berlin. Die Abfahrt in Nürnberg verzögert sich um 5 Minuten. Die drei Tage in Augsburg waren sehr erfolgreich! Die Pflege für meinen Vater ist nun in besten Händen, Tanja ist sehr nett und wird ihre Aufgabe wunderbar meistern, die Wohnung im ersten Stock konnten wir vermieten, alle Beteiligten konnten eine gemeinsame Lösung finden. Über Nacht ist sogar der erste Schnee dieses Jahres gefallen. Man muss Schwierigkeiten als Herausforderungen sehen. Lösungen gelingen gemeinsam. Zum Abschied spielte ich auf der Geige die Gigue aus der d-moll-Partita von Bach, eine Phantasie über den zweiten Satz aus Beethovens Violinkonzert, den zweiten Satz aus Tschaikowskis Violinkonzert, und zu guter letzt ein russisches und ein deutsches Volkslied. Schön!

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Wiesbaden: Integrationsvereinbarung mit den Muslimen

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Okt. 202007
 

Im Hause meines Vaters finde ich Publikationen, an die ich sonst nie geraten wäre! (Liest er sie noch? Fraglich.) Darunter auch „Publik-Forum. Zeitung kritischer Christen“ (www.publik-forum.de). Ein vorbildliches Blatt, weil es sich nicht einordnen lässt, quer zu den Lagern steht! Nummer 19 vom 12. Oktober 2007 berichtet auf Seite 11 über eine Vereinbarung zwischen der Stadt Wiesbaden und neun islamischen Gemeinden vor Ort. Das Papier umfasst elf Paragraphen. Das Leben der Moscheen soll durchschaubarer werden, die Veranstaltungen sind grundsätzlich der Öffentlichkeit zugänglich. Die Moscheegemeinden wollen sich für die Teilnahme muslimischer Mädchen am Schulsport und an den Klassenfahrten einsetzen. Im Gegenzug fördert die Stadt die Integration, etwa durch Fortbildungsangebote, und wirbt für die Akzeptanz neuer Moscheen. Hätte man so etwas auch in Heinersdorf ausprobieren können? Bin am kommenden Wochenende in Pankow eingeladen. Es geht um „Positive Kommunikation“. Ist dies ein wegweisendes „Wiesbadener Modell“? Was meinen Sie? Bin gespannt, was passiert.

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Pflege für den Vater

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Okt. 192007
 

19102007.jpgMein Vater in Augsburg braucht Pflege und Betreuung. Ich kümmere mich zwei Tage um ihn, zusammen mit Karin. Die Wohnung muss umgestaltet werden. Die Pflege muss organisiert werden. Den Garten habe ich schon gemäht. Was für ein schönes Gefühl, eine Sichel in Händen zu halten! Jahrtausendelang stand die Sichel als Zeichen ein für die Ernte und die Pflege des Landes, für die Bewohnbarkeit der Erde, aber auch für jenen unsichtbaren Schnitter, der uns jederzeit holen kann. Der wilde Wein an der Hauswand rankt üppig, feurig-rot empor. Und jetzt dringt die Mittagssonne kräftiger durch den Oktoberdunst hindurch – im Zimmer blühen die Farben auf.

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Eilige Grüße aus dem ICE 1509, Leipzig Hbf

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Okt. 182007
 

leipzig-hbf002.jpg Sicher, wie von tausend Rossen gezogen, zieht der ICE 1509 in den Hauptbahnhof Leipzig ein. Ich lese im Internet die Berichte über wütende Passagiere und verstopfte Autobahnen. Gut, dass ich die Bahn gewählt habe. Gerade dann, wenn die Lokführer im Regionalverkehr streiken, hat der ICE freie Bahn. Obendrein habe ich hier im Großraumabteil Strom- und Internetanschluss. Was will man mehr! Wir liegen im Plan, ich werde um 16 Uhr Ingolstadt erreichen, dort umsteigen und heute abend bei meinem Vater in Augsburg sein.

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Okt. 172007
 

Am Nachmittag besuche ich die Elternversammlung der Kita am Kleistpark. Ute Kahrs, die Leiterin, und Elena Marx, die Musikerzieherin, berichten über Erreichtes, Erwünschtes und Erträumtes. Die Menschen in der Kita leisten hervorragende musische Grundbildung! Die Kinder werden behutsam an Grundphänomene des Rhythmus, des Tanzes, des Singens herangeführt, einige lernen ein Instrument, es besteht eine enge Partnerschaft mit der Leo-Kestenberg-Musikschule, Musik, Puppentheater-, Theater- und Tanzaufführungen beleben den Jahreslauf auf eine zum Träumen anregende Art, die in der Berliner Kita-Landschaft bisher unerreicht sein dürfte. Das Ganze angeregt und getragen von Eltern, Erziehern und nicht zuletzt der sehr rührigen Leiterin Ute Kahrs. Nebenbei auch ein Beitrag gelingender Integration, denn Kinder aus 20 Nationen kommen dorthin, wobei die deutschen keineswegs die Mehrheit darstellen. Sängerin Ira Potapenko bemalt indessen den Rahmen des Mozart-Bildes liebevoll mit Goldfarbe. So entsteht ein echtes Rokoko-Bild – Schöneberger Rokoko! Die Zeichnungen haben Kinder aus der Kita beigesteuert, Ira hat sie vergrößert und zu einem Hofbildnis arrangiert. Dazu gab es im vergangenen Jahr mehrere Puppentheateraufführungen mit dem „Kleinen Mozart“. Jetzt prangt das Bild in aller Herrlichkeit im Treppenaufgang. Ute und Ira lassen sich zum Abschluss gerne fotografieren.

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Besuch bei der Schwester in Frankfurt

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Okt. 152007
 

anne-juri-franka.jpg Es ist immer schön, meine Schwester Anne und ihre Familie zu besuchen! Einige Freunde sind ebenfalls bei ihr zu Besuch im 4. Stock. Der Blick aus der Wohnung reicht bis in den Taunus – auf der anderen Seite ragen steil, stählern und blank der Messeturm und die Zwillingsgebäude Kastor und Pollux in den Abendhimmel. Faszinierend! Mein Schwager Stefan kocht wunderbar, darunter Humus mit Oliven, Geflügel-Curry und Reis. Die Kinder Juri (4) und Franka (2) beleben die ganze Wohnung auf unnachahmliche Art. Wir entdecken alte Kinderlieder. Juri sagt beim Singen wörtlich: „Hättest du deine Geige mitgebracht, dann könntest du sie jetzt spielen!“ Unglaublich – so ein gutes Deutsch mit vier Jahren! Zufällig taucht auch mein Cousin Nik mit drei seiner Kinder auf. Sie bringen Fleisch aus der eigenen Bio-Rinderzucht in Schotten. Ich bekomme eine selbsterzeugte Salami geschenkt, die ich dann bei der Abreise im Kühlschrank liegen lasse. Unsere langen Gespräche am Abend kreisen um die Kinderschicksale im Gallusviertel , die Politik, das Leben im Allgemeinen, und zunehmend wichtig wird auch der herrliche Rotwein von Leali aus Puegnago del Garda. Ich sinke glücklich und dankbar in den Schlaf. – Am Morgen gibt Anne mir ein Reisetagebuch aus dem Jahr 1976 zu lesen. Dort beschreibt sie die Fahrt, die sie mit unserer Mutter zu Verwandten nach Wien unternahm. Ich bin verblüfft, zutiefst gerührt. Hier tauchen Menschen auf, die längst schon das Zeitliche gesegnet haben. An all dem teilhaben, das ist das Leben!

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Okt. 152007
 

Samstag auf der Frankfurter Buchmesse. Deutschlandradio Kultur sendet Interviews. Am 3sat-Stand haben sich etwa 50 Zuhörer versammelt und lauschen konzentriert, neugierig und aufmerksam den Gesprächen, die Deutschlandradio Kultur live ausstrahlt. Ich sitze zwischen dem Autor Richard Ford und Redakteurin Dorothea Westphal und dolmetsche Fragen und Antworten zu seinem neuesten Buch „The Lay of the Land“.

Richard Ford Dorothea Westphal

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„Aber verheiratet! Aber ein Handy“

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Okt. 142007
 

Von meinem Termin bei der Frankfurter Buchmesse gehe ich zu Fuß hinüber ins Gallusviertel, um meine Schwester und ihre Familie zu besuchen. Die Mainzer Landstraße ist staubig, dunstflimmernd, ein einziges Band aus Asphalt und Beton. Gebrauchtwagenhändler werben für ihre Fahrzeuge mit handgeschriebenen „Hauspreisen“. An einer Straßenbahnhaltestelle hängt ein Stadtplan, den ich betrachte, um mir über den Weg klar zu werden. Die Sonne heizt den Oktobernachmittag noch einmal auf. Drei Männer und eine Frau haben sich diese Haltestelle zu ihrem Rastplatz erkoren, wo sie trinken, schwatzen und essen. Erkennbar fahren sie nirgendwo hin. Die Frau nähert sich mir von der Seite. Mir fällt ihr bayerischer Akzent auf. „Entschuldigung, wir möchten rauchen. Hast du Feuer?“ Ich gebe zu verstehen, dass ich Nichtraucher bin. Die Frau, etwa vierzig Jahr alt, besinnt sich um: „Dann kannst du uns ja zwei Euro geben, wir wollen etwas essen. Das ist doch eine Alternative.“ Die Frau ist überzeugt, dass sie mir ein gutes, tragfähiges Angebot gemacht hat. Ich lehne ab: „Nein, jetzt nicht!“ Die Frau ist enttäuscht und gekränkt, betrachtet mich genau, wie ich mit dem Zeigefinger am Stadtplan entlangfahre, und wie ich in der Hand noch das Mobiltelefon halte. Da erhebt sie ihre Stimme, und während ich mich schon abwende und weitergehe, ruft sie mir noch nach, wobei in ihrer Stimme eine Mischung aus Anklage und Hohn mitschwingt: „Aber verheiratet! Aber ein Handy!“

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Dawkins The God Delusion

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Okt. 112007
 

Richard Dawkins‘ The God delusion is a fascinating read. For those who haven’t read it yet: The 2007 Black Swan paperback edition contains a footnote with particular reference to Germany. You won’t find this footnote in the 3rd German edition of Der Gotteswahn, which came out this year.

The footnote, at the end of chapter 1, states that in January 2007, a German Muslim woman had applied for a fast-track divorce because her husband repeatedly and seriously beat her. Judge Christa Datz-Winter turned down the application, citing the Qur’an. The Koran, she wrote, sanctions such physical abuse. – Dawkins takes this as a particularly striking example of what he calls „unparalleled presumption of respect for religion“.

Moreover, there is a Preface to the paperback edition. In one great magisterial sweep, Dawkins replies to his many critics. If you don’t have time to read the whole book, read just this preface to the paperback edition! It contains in a nutshell everything you always wanted to tell the author because you thought you knew better. Well … almost everything. I will get back to the book once I have read it thoroughly.

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Richtige Grundschule für unser Kind (2)

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Okt. 102007
 

Die Clara-Grunwald-Grundschule hatte gestern „offene Tür“ angekündigt. Ich nutze die Mittagspause, um der Schule, die auf unserer „Auswahlliste“ steht, einen Besuch abzustatten. Es ist halb eins. Schülerinnen und Schüler strömen mir entgegen. Ein etwa 50-jähriger Mann in Jeans und Turnschuhen verlässt das Gebäude – ohne Kind. Das muss ein Lehrer sein, denke ich.

Ich kenne die Kinder dieser Schule von meinen Aufenthalten auf dem benachbarten öffentlichen Spielplatz, wo unser Wanja oft mit Wonne herumturnt. In der großen Vormittags-Pause heißt es immer: Manege frei!, und die Kinder stürmen aus dem Schulhof und ergreifen Besitz von den wippenden Hängebrücken, den Pfahlbauten auf dem öffentlichen Spielplatz. „In der Pause gehört der Spielplatz uns!“ wurde ich einmal durch eine Schülerin belehrt. Das klang wie ein Platzverweis. „Dürfen wir bleiben?“ fragte ich unterwürfig bei einer Lehrerin an. Ich verstand die Antwort so: Wir – also ein vierjähriges Kind mit seinem Vater, sind selbstverständlich geduldet. Dem Wanja ist nichts passiert, die wesentlich älteren Kinder scheinen meist Rücksicht zu nehmen.

Ich klopfe im Sekretariat an. Die Sekretärin sagt mir: „Der Tag der offenen Tür – war!“ Na prima, ich habe vergessen, dass der Tag in den meisten Schulen zur Mittagszeit zu Ende ist. Dabei wäre es für mich interessant gewesen zu sehen: Was machen die Kinder nach Schulschluss, wenn beide Eltern arbeiten? Gibt es ein Mittagessen? Was essen die Kinder? In welcher Stimmung sind sie nach einem Schulvormittag? Was letzteres angeht, so sind meine Eindrücke klar: Alle Kinder, die mir entgegenwuseln, wirken fröhlich, neugierig, nicht im mindsten müde, einige scheinen vor Unternehmungslust zu bersten. Keines schlendert abgespannt oder mit hängendem Kopf, die meisten sind in Gespräche einbezogen.

Ich erhalte von der sehr freundlichen Mitarbeiterin im Sekretariat einen Informationsbogen und einen Hinweis auf den nächsten „Vormittag der offenen Tür“, am 12. November 2007. Es gibt Hospitationsmöglichkeiten in den 1/2/3-Klassen. Das merke ich mir vor. Diese Schule arbeitet nach dem Prinzip der Altersmischung, also in Klassenverbänden mit ca. 24 Kindern der Klassenstufen 1-3 oder 4-6. Die Arbeit findet auf der Grundlage der Montessori-Pädagogik statt. Ich bin neugierig geworden!

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Blumensuche in Görlitz

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Okt. 072007
 

Wir melden uns aus Görlitz, der Grenzstadt an der Oder. Ira verbringt ja hier einen ganzen Probenmonat und ich besuche sie übers Wochenende. Wir wohnen in der Nikolaivorstadt, einem aufwendig wieder hergerichteten Altstadtviertel.

Gestern abend besuchten wir im Theater Görlitz „Die Blume von Hawaii“, die Revue-Operette des ungarisch-jüdischen Komponisten Paul Abraham aus dem Jahr 1931. Auf Hawaii tut sich allerlei Ungereimtes. Prinzessin Laya, die schmählich ins Exil geschickte Erbin des Throns von Hawaii, inszeniert ihre Rückkehr. Eine königstreue Partei versucht, sie gegen den Willen des regierenden amerikanischen Gouverneurs als echte Königin, nicht nur als Blumenkönigin ausrufen zulassen. Die Amerikaner haben was dagegen und fordern, unter diskretem Hinweis auf ihren vor dem Hafen ankernden Zerstörer, die Verzichtserklärung. Das Stück zeichnet sich durch die konsequente Vermeidung jedes Tiefgangs aus. Es surft sozusagen über die Wellenkämme eines dahinplätschernden Geschehens. Niemand versteht was läuft. Dabei lauern gefährliche Themenhaifische unter der Oberfläche aus amerikanischem Hot-Jazz, Swing und ungarischer (?) Folklore. Insbesondere bei der einen Travestienummer “Ich bin ja nur ein Nigger, ich bin ja nur ein Johnny, ich tanze nur für Money …“ stockt mir (aber offenbar nur mir) der Atem. Mir fällt ein, dass diese Revue-Operette 1931 in Deutschland uraufgeführt wurde …

Zufällig sitzt neben mir ein US-Amerikaner. Ich gerate ins Plaudern mit ihm, wir sind uns einig, das die Inszenierung äußerst gekonnt jede platte Aktualisierung vermeidet. Aber uns beiden blieb noch die Bemerkung im Ohr: „Die amerikanische Regierung achtet die Selbstbestimmungsrechte der kleinen Völker ganz besonders. Sie kann doch nichts dagegen haben, wenn Hawaii dieses Recht in Anspruch nimmt.“ Nur das herabsinkende Porträt des amerikanischen Präsidenten gemahnt an den im Mittleren Osten recht unbeliebten, derzeit noch amtierenden Republikaner im Weißen Haus.

Herrlich ironisch sind die polnischen Übertitel. Ich habe Polnisch, das ich selbst ja radebreche, stets als rein europäische Sprache verstanden, dass es nunmehr offenkundig auch auf Hawaii für die Touristen geschrieben wird, ist mir ein Beweis für echte Globalisierung. Erst nachher klärt mich Ira auf: „Viele Theaterbesucher sind Polen, die Polen gehen wie wir Russen mehr ins Theater als ihr.“

Das Publikum im fast ausverkauften Haus lässt sich von dem ganzen Brimborium anstecken und klatscht am Ende eifrig mit. Ich merke, dass dies ein treues Stammpublikum ist. „Man geht ins Theater“. Im Foyer lernen wir einen Besucher kennen, der uns seine Lebensgeschichte erzählt: Aufgewachsen nach dem Krieg in Oppeln als Angehöriger der deutschen Minderheit. Verlernte im Alter von 5 Jahren die deutsche Muttersprache, deren offener Gebrauch eine Zeitlang untersagt worden sei, und sprach dann nur noch Polnisch. Lebte dann 35 Jahre im Rheinland und kehrte vor kurzem als Rentner nach Schlesien zurück. Ich erzähle, dass meine Urgroßmutter ebenfalls aus Oppeln stammte, dass mein Vater im Bezirk Troppau aufgewachsen sei. „Wie heißt Ihr Vater?“ Ich sage es ihm. „Ein Schulfreund von mir hieß genau so“, erzählt er. Es war aber nicht mein Vater, aber er hätte es sein können.

Auf dem Nachhauseweg verwechsle ich Ober- und Untermarkt, aber wir finden den Weg doch. Entspanntes Dahindämmern bei offenem Fenster in die Nikolaivorstadt.

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