Sozialstaat, TugendKommentare deaktiviert für „Du willst ein Mofa? Dann arbeite dafür!“ Die Lehren von Goethes Gretchen
Sep.072012
Hader, Zank, Beleidigung! Hört euch das an:
„Wir sind entsetzt sowie empört und fühlen uns durch den skandalösen Vorgang betrogen„ –
derart aufgebracht äußern sich die „MigrantenvertreterInnen im Landesbeirat für Integrations- und Migrationsfragen“ zur Berufungspraxis der Berliner Sozialsenatorin Dilek Kolat. Sie hatte es gewagt, vor der Berufung der neuen Integrationsbeauftragten Monika Lüke nicht die Zustimmung der „MigrantenvertreterInnen im Landesbeirat für Integrations- und Migrationsfragen“ einzuholen.
Schlimmer noch: Mit echt schrägen Themen wie etwa „Pflichten der Eltern“ oder „Ich will ein Vorbild sein“ steht sie quer zu den jahrzehntelang eingeübten Ritualen des Berliner parteiübergreifenden Vulgärsozialismus. Kolat vertritt das, was man in den SPIEGEL- und Tagesspiegel-Redaktionen sicherlich krude Thesen nennen würde, so etwa die, dass der Staat nicht vollständig für den Bildungserfolg der Kinder in Haftung zu nehmen sei, dass auch die Eltern gewisse Pflichten hätten, dass mehr staatliches Geld nicht bessere Integration bedeute usw.usw.
„Entsetzt sowie empört!“ Großartig, diese Sprache! Es ist genau der künstlich aufgebauschte Erregungston, der in Berlin immer dann angeschlagen wird, wenn irgendeine Gruppe sich in ihrem Benachteiligtenstatus verletzt fühlt.
Benachteiligtsein, Beleidigtsein und der Nachweis der Berechtigung dieser Gefühle bedeutet in Berlin bares Geld von Väterchen Staat. Aus diesem Gefühl heraus bestreiten viele Gremien und Debattierklubs ihre Existenzberechtigung – und im Handaufhalten sind sie dabei besonders fix. Wie sagte doch Gretchen in Goethes Faust:
Zum Gelde drängt
Am Gelde hängt doch alles!
Ach wir Armen!
Eine Goldmine an Erkenntnissen für die neue Integrationsbeauftragte dürften meines Erachtens auch die Interviews mit Gilles Duhem sein, dem Geschäftsführer des Vereins Morus 14, die man bequem im Internet abrufen kann und abrufen sollte, so etwa dieses in der taz:
Kommen Sie selbst aus armen Verhältnissen?
Überhaupt nicht. Meine Eltern hatten immer Geld, aber als ich 13 war, haben sie mir gesagt: „Willst du ein Mofa? Dann arbeite dafür.“ Ich finde das absolut richtig. Wir haben hier Jugendliche, die kommen und sagen: Mann, ich habe keine Lehrstelle gekriegt, weil ich Araber bin. Ich schaue mir die an und sage denen: Nein, du hast sie nicht bekommen, weil du nicht gut genug bist.
Mein Eindruck: Im Verein Morus 14 leisten die Ehrenamtler, all die Schülerhelfer und Mentoren hervorragende, unentgeltliche Arbeit. Arbeit am Menschen. Sie labern nicht rum, sondern tun was.
Die Debattierklubs und Empörungszirkel hingegen werden der neuen Integrationsbeauftragten sicherlich alles Erdenkliche vorlegen, um dann die eigene Unersetzlichkeit zu beweisen – und dann die Hand hinzuhalten.
Also, Frau Lüke, seien Sie uns willkommen, lassen Sie sich nicht von den Entsetzt-sowie-Empört-Profidarstellern ins Bockshorn jagen. Der Berliner Integrationszirkus bedarf dringend der Durchlüftung! Verschaffen Sie sich einen Überblick über die paradiesische Berliner Förderlandschaft, werfen Sie Licht in das Gewirr der Integrationsmaßnahmen, Integrationspläne, Fördermaßnahmen, Evaluierungsgremien usw. usw.
Und bedenken Sie die Lehre von Goethes Gretchen – die besonders für den unendlichen Bereich der Berliner Sozial- und Integrationspolitik gilt:
Zum Geld des Senats drängt,
Am Geld des Senats hängt
Doch alles.
Ach wir armen Berliner!
Ein steter Mittler zwischen Ost und West ist für mich immer wieder in meinem Leben mein Onkel Adolf Hampel, der am 7. September 1933 in Klein-Herrlitz bei Troppau geboren wurde. Er war es, der mich 1959, wenige Monate nach seiner im byzantino-slawischem Ritus erteilten katholischen Priesterweihe als seinen ersten Täufling auf den Namen Johannes des Täufers taufte. Bis zum heutigen Tag sehe ich diesen Taufnamen als steten Aufruf zum Umdenken, als Aufruf zur Aussöhnung der Väter und Söhne, als Versuch der Wiedergewinnung der verlorenen Sprachen, wie es ja insbesondere aus der im Lukasevangelium erzählten Geschichte um den Vater des Johannes, den vorübergehend verstummten Priester Zacharias, hervorgeht.
Das Ideal des freiwillig gewählten Konsumverzichts, das Johannes am Jordan vorzuleben versuchte, hat sich mir bereits in frühesten Kindertagen eingeprägt. Ich meine in der Tat: Bequemlichkeit ist kein Argument – im Gegenteil, etwas mehr Unbequemlichkeit, mehr Treppensteigen, mehr Verzicht, mehr Strampelei tut Herz und Sinn und Kreislauf gut. Vor allem aber sehe ich das zentrale Motiv der Johannesgestalt im Gebot des Um-Denkens, also des Ausbruchs aus eingeschliffenen Routinen des bloß Zweckdienlichen, des allzu leichtfertig wiederholten Immergleichen.
In seinen Lebenserinnerungen schildert Adolf Hampel auch eine anekdotische Begebenheit, an der ich selbst beteiligt war: eine nette kleine Verhaftung in der bosnischen Stadt Bihać. Es war am 28. August 1968. Der Einmarsch der befreundeten Panzer aus den verbündeten Staaten in Prag lag gerade eine Woche zurück. Eine kleine Reisegruppe – bestehend aus Onkel Adolf, meinem Vater, meinem Bruder und mir – war von der Insel Rab aufgebrochen, um dieses wichtige Zentrum der bosnischen Muslime zu besuchen. Doch erregten wir offenkundig Verdacht bei der jugoslawischen Polizei UDBA: Wieso sollten einige Deutsche sich ausgerechnet eine Woche nach dem Einmarsch der Panzer des Warschauer Pakts in Prag für eine Moschee in Bihać interessieren? Da stimmte doch etwas nicht!
Schatten der Weltgeschichte, deren Sinn sich mir nicht enträtselte! Im Gedächtnis geblieben ist mir vor allem ein Spucknapf, der in der Polizeistation in einer Ecke stand. „Im alten Österreich-Ungarn fand sich so etwas häufiger in den Amtsstuben“, erklärte mir mein Vater mit leiser Stimme.
Das Missverständnis klärte sich nach langen Stunden auf. Ein Anruf bei den Milizionären auf der Ferieninsel ergab, dass es sich bei uns wirklich um eine harmlose Reisegruppe handelte, die im Kloster der hl. Eufemia wohne und die den Milizionären besonders oft durch falschparkende Autos auffalle, was andererseits zu durchaus erwünschten Bußgeldzahlungen führe.
Die bosnische Moschee habe ich damals nicht gesehen. Aber vor wenigen Tagen begrüßte ich eine Gruppe offensichtlich südslawischer Reisender bei uns im Hof mit einem herzhaften Dobar dan! und fragte:
– Woher kommt ihr?
– Aus Bosnien!
-Aha! Das kenne ich gut. Ich war schon als Kind in Bihać, der Stadt mit der berühmten Moschee!
Wir plauderten noch ein wenig, und so gelang mir die vollkommene Aussöhnung mit dem weit zurückliegenden Abenteuer, zusammen mit meinem Onkel, meinem Vater und meinem Bruder von der jugoslawischen Geheimpolizei UDBA verhaftet worden zu sein.
Ad multos annos, o Adolphe!
Quelle:
Adolf Hampel: „Falsch parken kann auch nützlich sein“, in: Mein langer Weg nach Moskau. Ausgewählte Erinnerungen. Gerhard Hess Verlag, Bad Schussenried, 2012, S. 152-155
„Was hatten die Griechen des Altertums jenseits ihrer uns im Nachhinein fast unfassbaren Zerstrittenheit und kriegerischen Streitlust gemeinsam?“ Antwort: Recht wenig – außer der Verehrung der olympischen Götter, den olympischen Spielen und Homer. So schroff kann man es durchaus sagen.
„Was haben die heutigen europäischen Völker jenseits ihrer im Nachhinein oft unfassbaren kriegerischen Streitlust gemeinsam?“ Kulturell gesehen recht wenig – außer dem Bezug auf die drei mosaischen Religionen Judentum, Christentum und Islam und einer zivilgesellschaftlichen Tiefenprägung durch das Imperium Romanum.
Einen weiteren Beleg für meine Diagnose eines zutiefst unvollständigen europäischen Bewusstseins meine ich in der Vernachlässigung all jener Richtungen des Christentums zu erkennen, die weder dem römisch-katholischen noch dem evangelischen Flügel zuzuordnen sind. Die Kirchenspaltung, zu deren Überwindung heute namhafte deutsche Laien aufrufen (siehe FAZ S. 1), wird in Deutschland und in Westeuropa ausschließlich als die Trennung zwischen römisch-katholisch und evangelisch gesehen.
Dabei gehören der EU mit Griechenland, Zypern, Bulgarien und Rumänien vier Länder an, deren Bevölkerung sich mit über 80%, ja bis zu 97% zum Christentum bekennt, wenngleich sie weder römisch-katholisch noch evangelisch bzw. protestantisch sind.
„Wie denn das?“ Antwort: Während die Völker des europäischen Westens das Neue Testament in lateinischer Sprache empfingen, empfingen es die Völker des Ostens in griechischer Sprache. Diese Völker gehören zum weiten Bereich des orthodoxen Christentums. Die Spaltung zwischen orthodoxem und lateinischem Christentum datiert wesentlich auf das Jahr 1054.
Die Bibel, also erstens der ältere hebräische Teil, bei den Christen Altes Testament genannt, verbunden zweitens mit dem Neuen Testament der Christen ist in der Tat neben der paganen Antike eine überaus wichtige kulturelle Klammer, welche die beiden Lungenflügel Europas zusammenhält, in ihrer Bedeutung vergleichbar den Gesängen Homers oder den Olympischen Spielen für das alte Hellas.
Das gilt unabhängig davon, ob man sich zur Person Jesu Christi bekennt oder nicht, also ob man „Christ“ ist oder nicht. Und selbstverständlich sind die biblischen Geschichten auch überreich im Koran der Muslime weitergeführt, wenngleich unter leicht veränderten Namen. So heißt unsere Maria, die hebräische Miriam, dort auf arabisch Meryam.
Hebräischer Tenach, christliches Neues Testament, neuerdings auch muslimischer Koran – ohne eine Befassung mit diesen drei Büchern wird man Europa kaum vollständig ausbuchstabieren können.
Und deshalb meine ich: das ganze Christentum sollten wir in den Blick nehmen – nicht nur den westlichen Lungenflügel.
Von den „beiden Lungenflügeln Europas“ sprach Karol Woytyla gerne – er meinte damit den Osten und den Westen Europas. Ein Lungenflügel allein sei nicht wirklich lebensfroh.
Dass die Diagnose „halbseitig gelähmt“ für Deutschlands historisches Gedächtnis und insbesondere auch die vorherrschende Denkweise in der Europäischen Union weiterhin zutrifft, dafür entnehme ich der heutigen Frühstücks-FAZ einen zufälligen Beleg:
Günther Nonnenmacher beleuchtet im Leitartikel auf Seite 1 die Verwerfungen und Verschiebungen der europäischen Hegemonialmächte. Zentral ist in seiner Analyse der folgende Satz: „Das politisch-militärische Hegemonialstreben Deutschlands ist im 20. Jahrhundert schrecklich gescheitert.“ Der Satz ist nicht zu beanstanden, gibt er doch die übliche, ganz auf Deutschland fixierte Sicht wider, wonach Deutschland und nur Deutschland versucht habe, dem ganzen Kontinent seinen Stempel aufzudrücken. Dem könnte man eigentlich fast zustimmen, wäre da nicht eine empfindliche Lücke festzustellen: Weder Nonnenmacher noch auch die Mehrzahl der sonstigen Kommentatoren erwähnen, dass es in Europa seit 1917 bis zum Jahr 1989 noch eine zweite, nicht minder aggressive, militärisch hochgerüstete Hegemonialmacht gab: die Sowjetunion, den Nachfolgestaat des Russischen Reiches.
Die Russische Republik bzw. die spätere Sowjetunion hat zwar seit dem Rapallo-Vertrag von 1922 bis zum August 1941 mit Deutschland meist gemeinsame Sache auf Kosten der kleineren Länder gemacht, aber doch auch stets und unausgesetzt versucht, den eigenen Machtbereich gegen die Hegemonialbestrebungen Deutschlands auszubauen. Ich schlage deswegen gern vor, von einer bipolaren Störung der europäischen Mächtebalance in den Jahren ab 1920 zu sprechen, wobei Deutschland und Russland die beiden Pole darstellen. Die kleineren Länder waren in diesen Jahren gezwungen, entweder mit der Sowjetunion oder mit Deutschland zu paktieren.Manche Länder wechselten die Seiten, einige sogar mehrfach: Inferno of choice, wie das in Polen in einem gleichnamigen Band genannt worden ist. Einen dritten Weg jenseits der freiwilligen oder erzwungenen Unterwerfung unter eine der beiden Hegemonialmächte gab es nicht.
Dieses bereits 1920 einsetzende russisch-sowjetische Machtstreben hat den angrenzenden Ländern Finnland, Ukraine, den drei baltischen Staaten, den mitteleuropäischen Staaten Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, ferner Rumänien, Bulgarien, aber auch den mittelasiatischen Ländern wie dem heutigen Georgien, Armenien, Azerbeidschan lange, oft qualvolle Jahrzehnte bis 1989 einen machtvollen Stempel aufgedrückt, dessen sie sich mit äußerster Mühe in den letzten beiden Jahrzehnten zu entledigen suchen.
So ist etwa die Westverschiebung Polens, die Vertreibung der Polen aus den neuen russisch-sowjetischen Gebieten und die Vertreibung der gesamten deutschen Bevölkerung aus den sogenannten „wiedergewonnenen polnischen Gebieten“ nur aus dem Machthunger der Sowjetunion zu erklären.
Die völlige Vernachlässigung der früheren Großmacht Russland bzw. Sowjetunion und ihrer weitverzweigten, militärisch durchgesetzten Machtoptionen, das einseitige Starren auf den „Urquell des Bösen“, nämlich Deutschland, ist eines der Haupthindernisse für eine gerechte Einschätzung der Freiheitsbestrebungen etwa der Polen, Tschechen und Ungarn.
Diese Missachtung des östlichen Lungenflügels, also des früher sowjetrussisch beherrschten Ländergürtels, behindert auch die Lösung der Krise der Europäischen Union.
Wir alle wissen: Das politisch-militärische Hegemonialstreben Deutschlands und das der Sowjetunion sind im 20. Jahrhundert schrecklich gescheitert. Aufgabe der Europäischen Union ist es, allen erneuten Anwandlungen einer nationalistischen Aufwallung, eines aggressiven Vormachtstrebens den Boden zu entziehen.
Nur wenn man die verheerenden Auswirkungen der früheren Fremdherrschaft der Sowjetunion so sieht, wie es die ehemals sowjetisch besetzten und aus Moskau gesteuerten Länder tun, wird man erkennen, wie unverzichtbar gerade für Länder wie Polen, Lettland oder Tschechien die Europäische Union ist. Nur die Europäische Union flößt den ehemals zwischen Deutschland und Russland zerriebenen kleineren Nationalstaaten – noch – die Gewissheit ein, dass sie endlich ihre bitter erkämpfte Freiheit und nationale Eigenständigkeit bewahren können.
Mittwoch, den 5. September 2012 um 18:00 Uhr im Ypsilon, Hauptstraße 163, 10827 Berlin
Im Rahmen der Sprachwoche Berlin 2012 findet im Bezirk Tempelhof – Schöneberg ein literarischer Abend mit der Journalistin Ebru Tasdemir und dem Konferenzdolmetscher Johannes Hampel statt.
„Yaşamak bir ağaç gibi. Aus den Gärten komm ich zu euch“, von Hikmet zu Hölderlin.
In diesem Rezitations Workshop werden Sie ein Gedicht von Nazim Hikmet und eins von Friedrich Hölderlin kennen und lieben lernen. Zum Mitmachen, Mitsprechen und Mitwachsen für alle.
Nazim Hikmet und Friedrich Hölderlin zählten zu den bedeutendsten Lyrikern.
Das Bild zeigt aus der Ferne den Moskauer Neujungfrauenfriedhof, den Новодеви́чье кла́дбище, den ich vor einigen Jahren in klirrender Kälte besuchte. Dort verweilte ich auch kurz an dem schneebestäubten Grab Nazim Hikmets. Kaum dass ich den Namen entziffern konnte! Ich staunte: ein türkischer Dichter – auf dem berühmten russischen Ehrenfriedhof begraben! Wie kommt denn das?
Hikmet teilt das Schicksal eines verurteilten, verbannten, unruhvoll Wandernden mit Millionen anderen Menschen des 20. Jahrhunderts. Die Lesung morgen abend mit Ebru Tasdemir wird vielleicht Gelegenheit bieten, ein Streiflicht auf das zwischen Griechenland und Türkei, zwischen Asien und Europa, zwischen Diktatur und Freiheitssehnsucht ausgespannte Leben Nâzim Hikmets zu werfen.
Das ist unser Wunsch. Bu hasret bizim. Das ist unsere Einladung. Bu davet bizim.
Mittlerweile ziehe ich das sehr bilderreiche, fabelhaft klug erzählende Buch zurate:
Nâzım Hikmet: Hasretlerin adı. Die Namen der Sehnsucht. Gedichte. Türkisch und Deutsch. Ausgewählt, nachgedichtet und mit einem Nachwort von Gisela Kraft. Ammann Verlag, Zürich 2008, hier besonders S. 164-165
Allmählich gewinnen die Nachrichten über eins der ältesten Völker der Europäischen Union, die Roma, mehr und mehr Gewicht. Mancher Autofahrer hat wohl schon die Dienste der Scheibenputzer in Anspruch genommen, die an Straßenkreuzungen ihren Fleiß unter Beweis stellen. Roma-Mütter suchen auf den Berliner Straßen mit den kleinen Kindern im Arm ein dürftiges Zubrot zu verdienen.
In der Slowakei gehören 8-10% der Bevölkerung diesem uralten Volk an – früher fälschlich Zigeuner genannt. Die Kinder der Roma werden in der Slowakei an eigenen Roma-Schulen unterrichtet, eine Diskriminierung, die regelmäßig Proteste in den anderen Ländern und bei der EU hervorruft – weniger in der Slowakei selbst. Die Roma halten ihre Identität unabhängig von Staatsgrenzen durch, indem sie fast ausschließlich Angehörige der eigenen Volksgruppe heiraten, ihre Sprache und Kultur hochhalten und sich nicht mit der Umgebung vermischen, wie das etwa die Elbslawen in Mitteldeutschland taten, die etwa ab dem 17. Jahrhundert vollkommen in der deutschen Mehrheitsbevölkerung aufgegangen waren. In Rumänien leben heute etwa 1,5 Millionen Roma.
Der Tagesspiegel beleuchtet heute die Lage der auswandernden Roma, nachdem die Neuköllner Stadträtin Giffey in der taz am Freitag die bevorstehende „Einwanderungswelle“ und die finanztechnischen Modalitäten der Übersiedlung erklärt hatte. Benjamin Marx, der sich um anständige Unterbringung der Neuankömmlinge kümmert, wird als Schutzengel und Gesandter Gottes gepriesen.
Die Siedlungen der Roma mit all den kleinen, selbstgebauten Häuschen im Eigenbesitz zeugen von einem gewissen Wohlstand in der Bescheidenheit. Warum nehmen trotzdem viele Familien die Fährnisse der Übersiedlung nach Deutschland auf sich? Warum leben sie dann lieber in Neuköllner Mietwohnungen statt im eigenen Häuschen bei Bukarest?
„Ich war glücklich in Rumänien, aber meinen Kindern möchte ich eine bessere Zukunft bieten.“ So wird die Neu-Neuköllnerin Diana S. zitiert.
Was macht EU gegen die Diskriminierung der Roma in der Slowakei und Rumänien? Sie macht das, was sie gern macht: Sie vergibt Mittel. Allerdings landet nicht alles von den Politikern vergebene EU-Geld bei den vorgesehenen Empfängern, sondern einiges landet bei den Politikern. Die Lehre daraus? „Wir müssen die Politiker dazu bringen, Geld direkt an die Vereine zu vergeben,“ wird Benjamin Marx wiedergegeben.
Ich finde es gut, dass Politiker wie Franziska Giffey oder Helfer wie Benjamin Marx die Neuankömmliche mit offenen Armen empfangen, um Verständnis werben und sich für die Lage in den Herkunftsländern interessieren. Zu recht wird erkannt, dass die Kinder, die jetzt ohne alle Deutschkenntnisse in die Regel-Klassen strömen, vor allem Unterricht in der deutschen Sprache brauchen. Einer Diskrimierung der Roma, wie sie derzeit in der Slowakei stattfindet, sollte vorgebeugt werden. Hier sollte man bei den Slowaken anfragen, warum sie entgegen dem Diskriminierungsverbot der EU separate Schulen für die Roma-Kinder eingerichtet haben.
Weniger leuchtet mir ein, weshalb die Politiker direkt EU-Geld an die Roma-Vereine geben sollten. Mit dieser Mittelvergabe setzt man falsche Anreize.Denn es entsteht sehr bald der Eindruck, dass der Staat bezahlt, wenn man nur die richtigen Hebel in Bewegung setzt.
Eigene Anstrengungen, Bildung, fleißiges Lernen, fleißiges Arbeiten, feste Arbeitsverhältnisse, Pünktlichkeit beim Schulbesuch, hervorragende Deutschkenntnisse – das scheinen mir weit bessere Trittstufen zur Etablierung der neuerdings stark wachsenden Roma-Volksgruppe in Berlin.
Staunen und Lächeln beim Studium der morgendlichen taz: Eine neue Geld-Umverteilungsorgie im nach wie vor vulgärsozialistisch regierten Bundesland Berlin ist in vollem Gange! 100 Mio. werden in dieser Legislatur dank des von Jan Stöss und Raed Saleh (SPD) geschmiedeten „Bündnisses für soziale Wohnungspolitik und bezahlbare Mieten“ und dank der 30%-vom-Einkommen-Kappungsgrenze indirekt an die Vermieter verteilt werden. Wird der Finanzsenator Nußbaum Chuzpe und Traute genug haben, diesem erneuten, besonders dreisten Anschlag auf die Haushaltskonsolidierung zu widerstehen? Zweifel sind angebracht!
„Bündnis für soziale Wohnungspolitik und bezahlbare Mieten“. Wem fiele da nicht die Arie des Papageno aus Mozarts Zauberflöte ein:
Das klinget so herrlich,
das klinget so schön!
Trala la lalal la,
Trala, la la!
Welcher politische Depp steht denn gern für unsoziale Wohnungspolitik und für Wuchermieten da? Niemand. Auch Herr Nußbaum nicht. Auch dieser arme Kreuzberger Blogger nicht. Natürlich nicht!
Diesen für das Individuum sehr bequemen, für die Konsolidierung des Landeshaushaltes aber verheerenden Geldverschwendungsmechanismus hat der Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksbürgermeister Franz Schulz klipp und klar vollkommen richtig, aber sehr höflich auf gut Französisch so ausgedrückt (im Deutschen lügt man ja bekanntlich, wenn man höflich ist, lächel …):
„Plafonner les loyers ne serait pas réaliste. Cela ne concernerait que le logement social et obligerait Berlin déjà lourdement endetté à verser des sommes colossales aux bailleurs pour les dédommager du manque à gagner.“
Zu Deutsch: Eine Kappungsgrenze der Mieten beträfe nur die Sozialwohnungen und zwänge Berlin, das ohnehin bereits schwer verschuldet ist, riesige Beträge an die Vermieter zu bezahlen, um sie für entgangene Gewinnmöglichkeiten zu entschädigen.
Bürgermeister Schulz hat recht: Wuchermieten – etwa am Kreuzberger Kotti oder in Neukölln – werden dank der Mietenkappung direkt mithilfe des geldverteilenden Berliner Senates in breitem Umfang möglich. Die Bezirke dagegen werden komplett ausgezogen bis aufs Hemd. Der Personalabbau in den Bezirken ist eine logische Folge der mit unerbittlicher Konsequenz weitergetriebenen, seit 1961 bis heute in Berlin herrschenden vulgärsozialistischen Umverteilungspolitik. Gutes, spannendes, kenntnisreiches Interview mit Bezirksstadträtin Franziska Giffey, taz, S. 23!
Nach den Türken, den Arabern („Libanesen“) rollt nun eine dritte „Zuwanderungswelle“, wie Frau Giffey sagt, auf Neukölln zu.
Hier im heutigen taz-Interview gibt es die guten Ratschläge, wie man – nach der bestens gelungenen Integration der türkischen Volksgruppe, der arabischen Volksgruppe – nun auch die gelungene Integration der neu entstehenden Roma-Bevölkerungsgruppe in den Sozialstaat schafft:
1) Einreise der Familien mithilfe eines auf 3 Monate befristeten EU-Visums
2) Unterbringung der Familien als Untermieter in den angemieteten Wohnungen der Übersiedlungshelfer gegen Zahlung einer Wuchermiete, z.B. 1000.- Euro/Zimmer
3) Anmeldung eines Gewerbes, etwa als Zettelverteiler, Entrümpler, Handyverkäufer oder Abschleppdienstleister. Dadurch ist das dauerhafte Aufenthaltsrecht gesichert. Kindergeld sofort beantragen!
4) Zum Jobcenter gehen. Sofortige Beantragung der Aufstockung des Einkommens aus selbständiger Tätigkeit. Jeder mitfühlenden Seele ist klar, dass man mit Zettelverteilen oder Kellerausräumen keine Familie ernähren kann. Die Aufstockung muss also her. Damit ist eigentlich alles Wesentliche getan. Denn:
4) Nach 1 oder 2 Jahren kann das Zettelverteilungsunternehmen, das Abschleppgewerbeunternehmen, der Handyladen oder das Automatencasino planmäßig in den Konkurs geschickt werden. Von diesem Zeitpunkt an werden die gesamte Familie und all die zahlreichen weiteren Beschäftigten des Zettelverteilungsunternehmens, Handyladens oder Automatencasinos auf Dauer und generationenübergreifend von staatlicher Hilfe leben. Das ist nun wirklich in Deutschland hunderttausendfach vorgemacht worden, und es wird hunderttausendfach nachgemacht werden.
5) Nächster Schritt: Sehnsüchtiges Warten auf das „Bündnis für soziale Wohnungspolitik und bezahlbare Mieten“! Sobald die Menschen die Unbezahlbarkeit ihrer Wuchermieten (etwa 1000 Euro/Zimmer) nachweisen können, also nachweisen, dass sie mehr als 30% des vom Staat aufgestockten Nettoeinkommens für Mieten ausgeben, stehen ihnen auch für die Miete indirekte Ausgleichszahlungen zu. Diese Mietenausgleichszahlungen werden allerdings direkt an die Vermieter gezahlt – in diesem Fall an die landeseigenen Wohnungsgesellschaften. Die Details sind völlig unklar. Für die Klärung der administrativen Einzelheiten, die Verwaltung, die Antragsberatung, die Hilfe bei der Antragstellung und die Antragsprüfung werden zahlreiche neue Sachbearbeiterstellen nötig sein. Diese Stellen in der Verwaltung werden geschaffen werden – nicht Stellen für Erzieher, Lehrer, Polizisten! Der öffentliche Dienst wird also im Zuge der Umsetzung des „Bündnisses für soziale Wohnungspolitik und bezahlbare Mieten“ ebenfalls erneut anschwellen.
LIES! jeden Tag eine gute taz! In diesem guten Interview mit Franziska Giffey auch ein klares Bekenntnis zum Volksgruppenkonzept: Neu-Neuköllner Roma, Alt-Neuköllner Türken, Alt-Neuköllner Araber, Neu-Neuköllner „Bildungsbewusste“ (=gemeint sind mit diesem verhüllenden Euphemismus zuwandernde deutsche Migranten) müssen in die „nötige Balance“ gebracht werden. Schön: Die Realität, dass sich in Berlin mithilfe der üppigen Füllhörner des Sozialstaates klar voneinander abgeschlossene, gleichberechtigte, nebeneinander herlebende Volksgruppen angesiedelt haben, wird endlich von der Politik anerkannt. Nach der türkischen, der arabischen, der deutschen entsteht nun also eine Roma-Volksgruppe. Willkommen!
Das taz-Interview mit Franziska Giffey bringt denn auch ein klares, wohltuendes Bekenntnis zum Volksgruppenkonzept, wie es ähnlich auch in der Tschechoslowakei, in Jugoslawien, in Belgien und in der Sowjetunion vom Staat durchgeführt worden ist. Auch in diesen vier genannten, bewusst multiethnisch angelegten Staaten wurde streng darauf geachtet, dass jede der Volksgruppen genug vom Kuchen, also vom staatlichen Geld abbekam. Der Staat sorgte in der Sowjetunion, in Jugoslawien, in Belgien und in der Tschechoslowakei für das nötige Gleichgewicht zwischen den Völkern. Es klappte prima über mehrere Jahrzehnte, wie wir alle wissen.
Frau Giffey formuliert die Aufgabe des mithilfe des reichlich vorhandenen Geldes zentral steuernden Staates auf gut Deutsch so: „Wir müssen für die nötige Balance zwischen den Bevölkerungsgruppen inklusive der neu Zugewanderten sorgen.“
Schön gesagt. Danke, Frau Giffey.
Clever gemacht. Die Ausplünderung des Berliner Landeshaushaltes geht weiter. Von BER schweigen wir. Wir nennen nur das Kürzel und verweisen auf die heutige taz. Das reicht.
Herr Nußbaum, bitte bleiben Sie hart. Leisten Sie Widerstand.
Zło jest w nas – dies scheint mir eine sehr taugliche Friedensformel für die Aussöhnung zwischen Menschen und Völkern. Ich übernehme sie von dem Polen Leszek Kolakowski, einem marxistischen Philosophen und Professor.
Das Böse ist in uns und lauert jederzeit an der Schwelle. Ungefähr so steht es auch bereits in den alten Büchern, etwa im Buch Genesis der Bibel. Kain, der seinen Bruder aus Neid tötete, wurde zum Stammvater des Menschengeschlechts.
Warum tötete Kain? Nicht weil er verführt wurde, sondern weil das Böse in ihm hervorstieg.
Das Böse, so sagen es Kolakowski und vor ihm bereits das erste Buch der Bibel, wohnt in uns. Es gehört zum Menschen.
Einen Menschen, der das Böse in sich nicht kennt und nicht anerkennt, den würden wir wohl unvollständig nennen.
So fährt ja auch Jesus – laut Markusevangelium Kap. 10,17-18 – einem Mann recht unwirsch über den Mund, als dieser ihn „guter Meister“ nennt. Jesus weist es ausdrücklich zurück, gut genannt zu werden. Er weiß auch vom Bösen. Nur der Mensch, der auch von Missetaten etwas weiß, kann in vollem Sinne Mensch genannt werden.
Hier das Zitat im Original, entnommen dem Interview „Kołakowski: Religia nie zginie“ in der Zeitung Dziennik, 21. März 2008:
Prof. Kołakowski dla DZIENNIKA:
O upadku utopii doskonałego społeczeństwa:Zło jest w nas i to jest jeden z powodów, bo nie jedyny, dlaczego świata doskonałego nie można zbudować, dlaczego te nadzieje okazały się próżne. To nie oznacza, że nie można różnych rzeczy ulepszać. Doskonałości jednak nie osiągniemy.
„Über den Zusammenbruch der Utopie/der Utopien der vollkommenen Gesellschaft:Das Böse ist in uns, und das ist einer der Gründe, wenngleich nicht der einzige, weshalb eine vollkommene Welt nicht aufgebaut werden kann, und warum sich diese Hoffnungen als vergeblich erwiesen haben. Das bedeutet nicht, dass nicht Verschiedenes verbessert werden könnte. Die Vollkommenheit werden wir jedoch nicht erreichen.“ Übersetzung aus dem Polnischen: Johannes Hampel
Auch ein Vertriebener, wie die Deutschen Thomas Mann, Albert Einstein, Bert Brecht, der Italiener Dante Alighieri e tutti quanti: Der Pole Leszek Kołakowski.
Bis 1989 genoß er Einreiseverbot nach Polen – zweifellos eine Auszeichnung, deren in Diktaturen immer nur ein kleiner Teil des Volkes zuteil wird, denn keine Diktatur kann es sich nach den Worten Bert Brechts bekanntlich leisten, ein komplett neues Volk zu wählen.
Soeben lese und übersetze ich aus der polnischen Zeitung Dziennik ein Interview mit diesem mutigen Kämpfer. Titel: Die Religion wird nicht verschwinden – religia nie zginie.
„Der geistige Weg des Professors Kołakowski führt vom Marxismus über den Revisionismus zum Christentum. Aber Kolakowski, obwohl marxistischer Philosoph, hatte herausragende Kenntnis über die Religion, [an der er sich stets faszinierte=]die ihn stets faszinierte.“
„Droga intelektualna prof. Kołakowskiego prowadzi od marksizmu przez rewizjonizm do chrześcijaństwa. Ale Kołakowski, nawet będąc filozofem marksistowskim, miał olbrzymią wiedzę o religii, którą zawsze się fascynował.“
IslamKommentare deaktiviert für Pro Fasten – pro Genuss
Aug.192012
Es ist schon immer wieder erstaunlich, wie leicht jedes Gespräch, das ich mit gläubigen Berliner Muslimen führen darf, Gemeinsamkeiten zutage fördert. Heute Abend endete ja der Ramadan. Für die Muslime kehrt also wieder Normalität ein.
Die Besinnung in den Gesprächen während des Ramadans kreist also um den Sinn des Fastens – und folglich auch des Fastenbrechens.
Ein Gespräch zwischen Berliner Muslimen und mir verläuft ungefähr so:
„Also … ich finde es gut, wenn die Familien zu festgelegten Zeiten in gewissen Grenzen der Zumutbarkeit fasten.“
„Ja, finde ich auch. Die Kinder sollen ruhig lernen, was es heißt, wenn man sich nicht den Bauch nach Belieben vollschlagen kann.“
„Zustimmung! Das gemeinsame Fasten führt vor Augen, dass Essen und Trinken nichts Selbstverständliches sind.“
„Du hast recht. Es öffnet also auch die Augen für die Lage der vielen Millionen Menschen, die das täglich Brot nicht bekommen.“
„Es stiftet Dankbarkeit dafür, dass wir in der EU und in Deutschland eigentlich immer genug zu essen haben.“
“ Und ich ergänze: Dass es uns in Deutschland und der EU an nichts Materiellem gebricht.“
„Noch etwas kann ich dem Fasten abgewinnen: Das Fasten kann auch zur Barmherzigkeit führen.“
„So ist es. Denn nur wer selbst auch einmal gehungert hat, kann sich richtig in den Hungernden hineinversetzen. Er öffnet sein Herz für den Hungernden.“
„Das freiwillige Fasten ist auch eine Einübung in die eigene Begrenztheit – eine Einübung der geistlichen Armut.“
„Aber vergessen wir nicht: Das Ende des Fastens führt zu größererer Genussfähigkeit, zu Föhlichkeit und Lebensfreude.“
„Ja, so ist es.“
„Ja, so sei es!“
Habt ihr gemerkt, wo hier der „Christ“ und wo der „Moslem“ spricht? Nein? Ja, so sind sie eben, diese kostbaren Gespräche. Die Rollenverteilung ist nicht klar. Die Religionen überlagern sich in konzentrischen Kreisen.
Schließen wir doch diese Betrachtung zum Ramadan-Ende mit einer Strophe des großen Liederdichters Paul Gerhardt.
Der sorbische Tonsetzer Johann Crüger aus Guben in der Niederlausitz, dem Stammgebiet der Sorben, hat es unsterblich in Töne gesetzt. Ich meine: Jeder Moslem kann dieses Lied mitsingen. Es ist kein exklusives Eigentum der Christen.
Er gebe uns ein fröhlich Herz
erfrische Geist und Sinn
und werf all Angst, Furcht, Sorg und Schmerz
in Meerestiefen hin.
Soeben schlenderte ich, vom Sonntagsgottesdienst in St. Bonifazius kommend, am Rathaus Kreuzberg vorbei. Schon von weitem empfängt mich ein Meer roter Fahnen, ein großer Bus ist quergestellt, laute Trillerpfeifen ertönen, Sirenen heulen auf, zahlreiche Polizisten versuchen, dieses Meer roter Fahnen, den Bus mit der Aufschrift „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“ zu schützen.
Laute Trillerpfeifen, große Fahrzeuge, rote Fahnen mit oder ohne Symbole – das waren Merkmale der beiden Sozialismen des 20. Jahrhunderts, des marxistischen Sozialismus der Räterepubliken, etwa der Sowjetunion, und des nationalen Sozialismus der anderen Staaten, etwa des Deutschen Reiches, der ungarischen, slowakischen, rumänischen Republik. Verwandte Bilder, beklemmend!
Ein paar Schritt weiter sehe ich eine Versammlung von Menschen mit der Deutschlandfahne. Sie stehen für Deutschland. Hier stehen also viele rote Fahnen des Sozialismus gegen einige wenige Deutschlandfahnen. Die Polizei schützt die vielen roten Fahnen und die wenigen Deutschlandfahnen. Sie versucht, die Verteidiger der Sozialismen mit den roten Fahnen von den Verteidigern der Deutschlandfahnen fernzuhalten.
Ich schlendere hindurch und mache mir Gedanken. Und formuliere die Frage, die ihr oben lest.
„Lasset die Kleinen zu mir kommen!“ Finnland, Lettland, Litauen, Estland, Polen, Tschechien, Slowakei – das sind die „Neuen“ im Klub, der noch keine echte Gemeinschaft des Wortes ist, das sind die „jungen“ EU-Völker, das sind die kleineren Volkswirtschaften, denen ich die Lösung dieser heillos verworrenen Euro-Krise am ehesten zutraue, die wohlgemerkt keine Europa-Krise, sondern eine Krise des Wortes ist.
Die Großen (insbesondere die sechs EG-Gründerstaaten von 1957) kriegen es ja offenkundig nicht gebacken. Sie schaffen es nicht, den Sinn und das Fundament der EU nachvollziehbar in der so dringend benötigten Gemeinschaft des Wortes auszusprechen. Wir hören Drohungen und Klagen und Widerklagen.
Ein beispielloser, ein jämmerlicher Niedergang, Euro-Krise genannt, ein Niedergang und Verfall des europäischen Geistes, der sich vor aller Augen abrollt.
Ihnen, uns, den alten Mitgliedsstaaten der damaligen Europäischen Gemeinschaften, den starken und großen Volkswirtschaften, ihnen, uns fehlt der Mut der Freiheit, ihnen fehlt das klare, lösende, befreiende Wort, das Erkki Tuomijoa, der finnische Außenminister nun endlich gesprochen hat.
WanderungenKommentare deaktiviert für Fischland! O schmale Landzunge, hineingestreckt ins Ungewisse …
Aug.152012
O herrliche Tage am Fischland! Sehr anregend, es gab sogar einige warme, fast heiße, durchsonnte Tage. Und das Wasser der See übte wie sonst auch einen unglaublich belebenden Einfluss auf Haut und Haar, Herz und Sinne! Ich mag die schmale Landzunge zwischen Meer und Bodden – ein vortreffliches Bild für das Zwischenreich zwischen nicht mehr ganz hier und noch nicht ganz dort, in dem auch die fabelhafte Amélie zu schweben scheint.
Oben seht ihr die kleine Dorfkirche von Wustrow. Diesen Kirchturm erlebte ich als einen Zeiger auf das Ferne, als ein Freiheitszeichen in einem Land zwischen dem gleisnerisch, endlos verspielt-spielenden Wasser der Ostsee und dem trüben, lauernden, träge schwappenden Wasser des Boddens. Wie die Landzunge hineinragt ins Ungewisse, so ragt das Türmchen hinauf ins Ungefähre, von uns zu Ahnende.
Eine herrliche alte Kopfweide an der Allee zwischen Wustrow und Dierhagen. Was könnte sie erzählen?