admin

Egoismus der Gene

 Friedrichshain-Kreuzberg, Gute Grundschulen, Kinder, Migration, Pflicht, Verantwortung  Kommentare deaktiviert für Egoismus der Gene
Juni 122009
 

 „Mein Kind first“: Wie Eltern gute Schulen verhindern – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – SchulSPIEGEL
Eltern können sehr maßlos sein. Eine Mutter sagte bei einer anderen Veranstaltung zur Fusion von Berlins Haupt- und Realschulen: „In den Hauptschulen, da gibt es zu viele Migrantenkinder. Und wenn Sie die Schulen zusammenlegen, dann werden sie noch einen größeren Haufen Scheiße produzieren.“ Schule als Klassenkampf.

So schreibt Christian Füller heute in Spiegel online. Wirklichen schweren Kummer habe ich in meinem Leben kaum. Aber als tiefen persönlichen Schmerz empfinde ich, wie hier in Kreuzberg die Schülerschichten von der ersten Klasse an separiert werden. „Wir geben  jeden Monat 200 Euro allein für Benzin aus, damit wir unsere Tochter in die richtige Grundschule bringen können.“ So verriet mir ein bildungsbewusster Vater einer Erstklässlerin. Mein Sohn geht in die Schule, der wir vom Bezirksamt zugewiesen sind. Denn ich kann es nicht verantworten, dass in unserem Staat, den ich rundweg bejahe und immer bejaht habe, jeder nur das Beste für sich und die Seinen herauspickt. So zerfällt unsere Gesellschaft – selbstverständlich zerfällt sie auch und mit Wonne in unserem spießig-grünen-bürgerlichen Kreuzberg! Die Grünen fahren hier bei Wahlen absolute Rekordwerte ein – und die Schülerschichten sind getrennt wie Kuchenschichten. Es ist eine absolute Klassengesellschaft, die unser ach so linkes Kreuzberg heranzieht. Hurra, wir zerfallen!

Ich kann das Gejammere über die angeblich so schlechten Schulen nicht mehr hören. Jeder schimpft auf die Schule, auf den Berliner Senat, auf DIE Lehrer, auf DIE Schüler. Keiner fragt: Was kann ich tun? Was ist meine Pflicht? Alle erheben Ansprüche an den Staat. Nur wenige erbringen freiwillig etwas für den Staat. Verantwortung, Pflicht – das erstreckt sich doch zunächst auf das unmittelbare Umfeld, in dem man lebt.

Gerade wird wieder einmal eine Neuerung in Berlins Schulen eingeführt. Haupt- und Realschulen werden zusammengelegt zu einer neuen Sekundarschule. Ein Schritt in die richtige Richtung. Die Oppositionsparteien beißen sich an kleineren Details fest wie etwa dem Zugangsverfahren zum Gymnasium. Einige kreischen: „Schüler auslosen ist ein Verbrechen.“ Das Losverfahren ist ein Verbrechen an den Kindern! Ach, wenn die wüssten! Dass ich nicht lache! Ein absoluter Nebenschauplatz!

Nein nein: Die Separierung der Schüler erfolgt völlig unabhängig von den Schulformen. Sie setzt bereits ab Klasse 1 ein.

Keiner dieser Politiker, mit denen ich spreche, hat auch nur ein einziges Mal bei mir angefragt: „Herr Hampel, Sie schicken Ihr Kind in eine Grundschule mit über 90% Migrantenanteil. Wie geht es Ihrem Kinde damit?“ Die Öffentlichkeit, die Eltern und leider auch viele Politiker reden über die Grundschulen, aber innerlich haben sie sich von den breiten Schülerschichten längst verabschiedet. Alle verdienen an der Panikmache kräftig mit. Sie schüren den Unmut, den Verdruss.

Ich stamme aus einem Pädagogenhaushalt. Mutter Lehrerin, Vater Hochschulprofessor der Didaktik. Seit über 40 Jahren verfolge ich die Bildungsdebatte die Tonleiter rauf und runter. Ich würde sagen, ich bin fast Profi.  Mein derzeitiges Fazit: 1) Es wird allzu viel vom Staat erwartet. 2) Die Schulen sind weit besser als ihr Ruf. 3) Die Schüler und die Eltern müssen mehr arbeiten.

Wir müssen die Kinder und die Schulen stärken. Durch eigene Leistung. Nicht immer nach dem Staat rufen. Jeder kann was beitragen.

Unser Bild zeigt den hier bloggenden Vater mit Schülern, mit Künstlerinnen und der stellvertretenden Rektorin der Fanny-Hensel-Grundschule bei einer gemeinsamen Thateraufführung.

 

 Posted by at 12:29

Berlin wird zur Fahrradstadt – und ist es schon

 Vorbildlichkeit  Kommentare deaktiviert für Berlin wird zur Fahrradstadt – und ist es schon
Juni 102009
 

Verkehrsprognose 2025 – Berlin wird zur Fahrradstadt – Berlin – Berliner Morgenpost
So berichtet es die gute Morgenpost heute. „Die Fahrradfahrer werden zu einem Markenzeichen der Hauptstadt“, fasst die Berliner Stadtentwicklungssenatorin die Ergebnisse einer gemeinsam mit ihrem Brandenburger Amtskollegen erstellten verkehrswissenschaftlichen Studie zusammen.

Das freut mein Herz! Erst heute versuchte ich, per Fahrrad bis zur Kulturbrauerei zu gelangen. Aber leider stand die Ampel zu oft auf Rot. Und auf der Friedrichstraße kam ich oft nicht an den rechts heranfahrenden Autos vorbei. Ich musste in die U2 einsteigen und erreichte somit mein Ziel rechtzeitig. Spaß gemacht hätte es mir trotzdem.

Nun obliegt es allen vorausschauenden Kräften, den Radverkehr in Berlin zu stärken: durch mehr Rücksicht und Vorsicht im Umgang miteinander, durch mehr und bessere Fahrradrouten, durch sinnvolle Erziehung zum Fahrrad vom Vorschulalter an. Und dadurch, dass man das Auto – soweit vorhanden – noch öfter stehenlässt.

Und die Ärzte? Werden sie sich beschweren, wenn plötzlich 50% aller Kranken ausbleiben? Wird das Bruttoinlandsprodukt schrumpfen, weil die Bevölkerung gesünder wird und weniger Tage krank ist? Ich meine, dies ist zu verantworten. Gesundheit ist ein höheres Gut als das Anwachsen unserer Krankheitsbudgets!

 Posted by at 23:59
Juni 102009
 

Ein flüchtiger Blick in die heutige Berliner Zeitung liefert frisches Futter für die Methodenlehre der EU-weit agierenden organisierten Kriminalität (OK). Unter dem Titel „Ermittlung unerwünscht“ berichtet das Blatt (dessen Redaktion ehedem von der Stasi unterwandert war) auf S. 3 über den sogenannten Sachsensumpf. Die OK scheint sich in Sachsen einige gut eingewurzelte Netzwerke geschaffen zu haben. Alte Bekannte halten in Treuen fest zusammen, Wende hin, Wende her!

 

„Alles erstunken und erlogen“, so kommentierte der sächsische Innenminister Buttolo die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes über ein dichtgewebtes Netzwerk von Richtern, Staatsanwälten, Kommunalbeamten und Kriminellen. Anders als Buttolo äußert sich der Kölner Rechtsanwalt Ulrich Sommer, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Strafrecht im Deutschen Anwaltsverein: „Wie hier in Sachsen versucht wird, mit staatlicher Macht Einfluss auf juristische Verfahren zu nehmen, das ist in Deutschland neu und unüblich. Um es einmal zurückhaltend auszudrücken.“

 

Richtig, Herr Sommer! In Deutschland noch unüblich. In Italien aber ist so etwas üblich. In Italien, namentlich im Kampanien der Camorra ist es auch durchaus gang und gäbe, potenzielle Abweichler und Aussteiger durch Streck- und Streifschüsse einzuschüchtern. Gambizzare nennt sich das. Wie schön klingt doch alles Hässliche im Italienischen! Doch genau diese Methode kommt nun auch in Sachsen zum Einsatz: Ein Leipziger Verwaltungsbeamter, der für dubiose Immobiliendeals zuständig war, wurde im Oktober 1994 durch einen Bauchschuss schwer verletzt. Gefährliche Körperverletzung oder versuchter Mord? Das Gericht erkannte auf letzteres. Ich tippe eher auf die klassische „Warnung“, also auf einen diskreten Hinweis: „Halt das Maul, sonst … !“ Der Tod des Opfers ist bei solchen Angriffen allerdings in der Regel nicht beabsichtigt. Im Gegenteil. Das Opfer muss weiterleben, um den maximalen Effekt der Einschüchterung zu erzielen. Eine gerichtsfest nachweisbare Ermordung ist in der Gewinn- und Verlustrechnung der kriminellen Netzwerke stets nur die ultima ratio.

 

Unsere Methodenlehre ergibt also vorerst: Nach der Wende konnten sich die Einschüchterungsmethoden der Camorra in Sachsen festsetzen – damals noch ein Novum für Deutschland.

 

Kein Novum ist es dagegen, wenn der brandenburgische Innenminister Schönbohm berichtet: „Noch nie habe ich so viele anonyme Briefe bekommen, wie in Brandenburg. Die Leute sagen, sie hätten immer noch Angst, sich offen zu äußern. Ich will ihnen die Sicherheit geben, dass sie in einem Rechtsstaat leben.“ Dies berichtet die Berliner Zeitung heute auf S. 20. Die ehemaligen Stasi-Mitarbeiter der Polizei sollen noch einmal überprüft werden. Grund: Stasi-Mitarbeiter hatten damals, Anfang der 90-er Jahre, Stasi-Mitarbeiter, also sich selbst, überprüft und durften entscheiden, ob sie selbst und ihre Bekannten belastet oder unbelastet waren.

 

„Immer noch Angst“, Unsicherheit, ob man in einem Rechtsstaat lebt? Angst vor der Einschüchterung durch den deutschen Staatssicherheitsdienst? Ist die deutsche Stasi nicht aufgelöst worden? Nun, als staatliche Organisation gibt es das MfS sicherlich nicht mehr. Aber – wie oben schon gesagt: Alte Bekannte halten in Treuen fest zusammen, Wende hin, Wende her. Kriminelle Netzwerke überdauern den Systemwechsel. Wer das jetzt immer noch leugnet, der will offenbar nicht wissen.

Dass die Leute sich überhaupt noch an den Innenminister wenden, ist immerhin schon gut! Es zeigt, dass der Rechtsstaat noch nicht für ohnmächtig gehalten wird. Diese Schlacht ist also noch nicht verloren.

Ermittlung unerwünscht : Textarchiv : Berliner Zeitung Archiv

 Posted by at 22:59

Verantwortung übernehmen – für sich und andere

 Nahe Räume  Kommentare deaktiviert für Verantwortung übernehmen – für sich und andere
Juni 092009
 

Verantwortung übernimmt jeder, der am Straßenverkehr teilnimmt. Viele wissen das, einige verhalten sich auch dementsprechend. Den verantwortlichen Verkehrsteilnehmer setzt Shared Space voraus. Nur ein Politiker in Deutschland wagte es bisher, das Shared-Space-Konzept einzuführen. Der Bürgermeister des niedersächsischen Bohmte. Natürlich gehört er der CDU an. Vorfahrt für Verantwortung! Aber lest selbst, wie das Konzept auch in Berlin diskutiert wird:

Verkehr – Der Tauentzien soll eine Art Spielstraße werden – Berlin – Berliner Morgenpost
Bislang ist der 13.000-Einwohner-Ort Bohmte in Niedersachsen der einzige in Deutschland, der am EU-Projekt Shared Space teilnimmt. Aus Bohmte waren deshalb gestern die erste Gemeinderätin, Sabine de Buhr-Deichsel, und ihr Polizeichef eingeladen, um über Erfahrungen zu berichten. Die Gemeinde hatte vor einem Jahr ihre Hauptverkehrsstraße nach dem Gemeinschaftsprinzip umgestaltet. „Wir haben durchweg positive Erfahrungen gemacht“, so die Gemeinderätin. Wo vorher jährlich etwa 30 bis 40 Unfälle passiert sind, seien seit der Öffnung des Shared-Space-Bereichs im Mai 2008 bisher nur Bagatellunfälle – also keine Verkehrsunfälle mit Personenschaden – passiert, wobei keiner originär auf das Shared-Space-Prinzip zurückzuführen gewesen seien. Der Verkehr sei auch nicht in die Seitenstraßen abgeflossen, und die alltäglichen Staus in den Hauptverkehrsstraßen hätten sich aufgelöst. „Wir haben nicht weniger Verkehr, aber der Verkehr fällt nicht mehr so störend auf“, so die Gemeinderätin. „Wir können das Projekt nur weiterempfehlen.“ Gerade hinsichtlich der Sicherheit habe sich das System bewährt, weil alle Verkehrsteilnehmer zur Aufmerksamkeit gezwungen würden.

 Posted by at 18:31
Juni 082009
 

Es wäre interessant, eine europäische Methodenlehre des organisierten Verbrechens (Organisierte Kriminalität, OK) zu schreiben. Tierkadaver vor der Haustüre eines Bedrohten – das ist eine vielfach bezeugte Methode der Einschüchterung der neapolitanischen Camorra. Die Botschaft ist klar: „Pass auf – damit dir das nicht auch passiert!“ Oft wird durch die Wahl des Tieres noch eine versteckte Botschaft mit übermittelt. Ziel derartiger Einschüchterungen ist es meist, das Verschwiegenheitskartell, die sogenannte omertà, aufrechtzuerhalten. Wer den Mund hält und seine Mitwisserschaft nicht preisgibt, hat in der Regel nichts zu befürchten. Wer auspackt, spielt mit seinem Leben.

Umgekehrt war Manipulation an Fahrzeugen, z.B. durch zerschnittene Bremsschläuche, durch gelockerte Radmuttern, eine gut bezeugte Methode des deutschen Staatssicherheitsdienstes, um Aussteiger und Oppositionelle zu beseitigen. Denn derart getarnte Morde lassen sich nachträglich kaum nachweisen.

Für den Ethnologen hochinteressant: Beide Methoden kommen mittlerweile im Sonderoperationsgebiet Ex-DDR zusammen. Im Havelländischen etwa. Wann? Vor zwanzig Jahren? Nein, heute, im Jahr 2009! Aber lest selbst die Morgenpost von gestern:

Stasi – Die drückende Last der Vergangenheit – Brandenburg – Printarchiv – Berliner Morgenpost
Der Schock für den havelländischen CDU-Schatzmeister Holger Schiebold war groß. Im März fand er eine tote Katze vor der Tür, an der Klinke hing eine Plastiktüte mit Urin. Lebensbedrohliches widerfuhr CDU-Kreischef Dieter Dombrowski. Dieser erhielt mehrere Droh- und Schmähbriefe.
– Anfang April stellte Dombrowskis Autowerkstatt fest, dass die Bremsen des VW Touran der Familie ganz offensichtlich manipuliert worden waren. Der Spuk hatte auf dem Höhepunkt der Abwahldiskussion um den Stasi-belasteten Milower Bürgermeister Peter Wittstock begonnen. Schiebold und Dombrowski gehörten zu jenen, die für die Abwahl von Wittstock gekämpft hatten. Die Abwahl scheiterte, der Mann blieb im Amt.

Wie kann man gegen die OK vorgehen? Sicherlich ist die polizeiliche Ermittlungstätigkeit wichtig, wobei selbstverständlich stets die Möglichkeit von Maulwürfen in den Reihen der Polizei zu berücksichtigen ist. Ebenso wichtig scheint mir das Herstellen einer kritischen Öffentlichkeit, so etwa in Blogs wie diesem hier, in Zeitungen, Fernsehen und Parlamenten. Deshalb ist die parteiübergreifende Initiative von Bundestagspräsident Norbert Lammert zur neuerlichen Stasi-Überprüfung in jedem Sinne zu begrüßen! Die Stasi-Verstrickung der öffentlichen so genannten „Eliten“ muss aufgeklärt werden. Dieser Prozess ist naturgemäß unabschließbar. Wenn wir in Deutschland die Zügel weiterhin so schleifen lassen wie bisher, dann drohen in Deutschland, vor allem in der früheren DDR, (süd-)italienische Verhältnisse, sofern wir sie nicht schon haben: massives Einsickern der internationalen OK in den legalen Wirtschaftskreislauf, Unterwanderung der Führungszirkel in Parteien, Regierungen und Parlamenten. Vorbeugen ist besser als Einknicken!

 Posted by at 14:32

Schlussstrich oder Aufarbeitung – oder beides?

 1968  Kommentare deaktiviert für Schlussstrich oder Aufarbeitung – oder beides?
Juni 082009
 

vorwarts-und-vergessen.jpg Soll irgendwann Schluss ein? „Für mich ist das Thema durch!“, erklärte mir kürzlich ein junges Mitglied der Linkspartei. „Wen interessiert das denn alles noch?“, fragte mich kürzlich ein Mann auf der Straße. „Das ist doch alles 20 Jahre her!“ Soll man historische Ereignisse irgendwann abhaken? Nun, man wird im Herbst 2009 sehen, dass die Varus-Schlacht, die 2000 Jahre zurückliegt, auch heute noch unterschiedliche Deutungen, ja sogar Meinungsstreit gebiert! Gleiches gilt für Kaiser Karl den Großen, dessen historische Leistungen und beispiellose Verbrechen gegen Andersgläubige meines Erachtens im Zeitalter der neu entstehenden Weltkultur dringend einer erneuten Aufarbeitung bedürfen. Und auch Bismarcks Sozialreformen erscheinen heute in etwas anderem Lichte als noch zu Zeiten eines Ludwig Erhard. Ihr seht schon: Ich bin ein Revisionist durch und durch!

„Ich bin erschüttert, was da in Einzelfällen herauskommt, bei Menschen, bei denen ich das nie vermutet hätte“, so wird Ministerpräsident Wolfgang Böhmer auf S. 172 in einem neuen Buch zitiert, das Uwe Müller und Grit Hartmann im Mai 2009 veröffentlicht haben.  Ein neues Buch? Nicht mehr so ganz … tja, tut mir leid, liebe Autoren, es ist schon wieder ein bisschen veraltet, weil die Kurras-Enttarnung offenbar kurz NACH Fertigstellung des Manuskripts erfolgte. Aber dennoch ist den Autoren zu bescheinigen, dass sie mit zahlreichen ihrer Behauptungen richtig liegen dürften, nämlich dass eine Art westöstliches Verschwiegenheitskartell die systematische Aufarbeitung der im Namen der DDR-Staatssicherheit begangenen Verbrechen verhindert.

„Der Berliner Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen begnadigte exzessiv. In nie dagewesenem Umfang korrigierte die Exekutive die Entscheidungen der Judikative“, schreiben die Autoren auf S. 74 und liefern auch gleich noch ein paar „Rechnungsbelege“ nach: „je Totschlag drei Monate Haft“.

Wie äußert sich Diepgen selbst zur Stasi-Unterwanderung? Er berichtet ohne Umschweife, dass auch seine Partei von einzelnen Stasi-Spitzeln unterwandert worden sei – darunter auch ein Redenschreiber von ihm persönlich. Allerdings lehnt er eine systematische Einzelpersonenüberprüfung ab. Zitieren wir ihn doch wörtlich! In einem hochbedeutsamen Interview mit der Morgenpost wird er am 5. Juni 2009 so wiedergegeben: „Die Forderung nach neuen massenhaften Überprüfungen halte ich zwar für verständlich, politisch aber für falsch und rechtlich für fraglich.“

Ich halte Diepgens Argumentation für politisch nachvollziehbar, dennoch neige ich der Ansicht zu, dass die gesamte West-Berliner Politik der letzten Jahrzehnte überprüft werden sollte, mindestens die Mandatsträger in den Parlamenten und den Parteien. Nennen Sie es „massenhaft“ oder „systematisch“. Der Verdacht, dass die Wahrheit möglicherweise mit manipulativen Methoden unterdrückt werden soll, ist nun einmal in die Welt gesetzt. Er lässt sich nur ausräumen, indem man die möglicherweise fortbestehenden kriminellen Netzwerke enttarnt.

Denn wer schweigt, obwohl er weiß, macht sich erpressbar. Wenn herausgehobene Vertreter des öffentlichen Lebens bewusst keine Aufdeckung von Verbrechen wünschen, dann verlieren sie an Glaubwürdigkeit. Kriminelle Netzwerke werden auch unter veränderten Bedingungen zusammenhalten, die Arme ausstrecken, neue Verbindungen knüpfen.

Buchtipp: Uwe Müller/Grit Hartmann: Vorwärts und vergessen! Kader, Spitzel und Komplizen: Das gefährliche Erbe der SED-Diktatur. Rowohlt Verlag Berlin, Mai 2009, 316 Seiten, € 16,90

 Posted by at 12:59

„Die Partei der bürgerlichen Mitte … ist/sind … die …“ Raten Sie mal!

 Bürgerlich, Grünes Gedankengut  Kommentare deaktiviert für „Die Partei der bürgerlichen Mitte … ist/sind … die …“ Raten Sie mal!
Juni 082009
 

grune-mitte07062009022.jpg „Bitte sprechen Sie nicht immer von den bürgerlichen Parteien, wenn Sie eigentlich CDU und FDP meinen. Bei uns sind die Grünen die Partei der bürgerlichen Mitte, im Osten ist die Linke die Partei der bürgerlichen Mitte“, so schrieb ich als kreuzbraver Kreuzberger im Jahr 2008 in mehreren Einträgen in diesem Blog. Der hochverdiente Stasi-Oberst, der irgendwo im Osten unbehelligt seine Pension genießt, und der Mehrfach-Aufsichtsrat mit eigener Villa in Zehlendorf, sie werden jeweils bei der Partei der bürgerlichen Mitte ihr Kreuzchen machen.

Ein Blick auf die Wahlergebnisse der Berliner belegt meine Einschätzung, die Grünen seien in Berlin-Mitte die „Partei der bürgerlichen Mitte“ geradezu zum Lachen. Dies gilt nicht nur programmatisch, sondern auch räumlich. Die Graphik beweist es: Wir haben nunmehr sogar eine Dreiteilung der Stadt: Im Westen bleibt die CDU stärkste Partei, im tiefroten Osten bleibt die frühere SED, also die heutige Linke, teilweise mit personenidentischem Personal, stärkste Partei. Und in der Mitte breitet sich von Norden her ein grüner Korridor aus – und zwar sowohl diesseits wie jenseits der ehemaligen Berliner Mauer. Im grünen Korridor sind die Grünen die stärkste Partei.

Interessant ist folgendes: Im „grünen Korridor“ konnte ausgerechnet der CDU-Kreisverband Pankow ganz gegen den bundesweiten Trend Stimmen hinzugewinnen, und zwar immerhin 0,6 Prozent. Dieser Kreisverband gilt als „erfolgreich durchmodernisiert“. Dort wurde das Mitgliederprinzip eingeführt: die Mitglieder entscheiden basisdemokratisch über alle wesentlichen Fragen. Die Mitglieder, nicht Delegierte, tragen die Verantwortung. Genau dies aber ist ein Kernbestand im Verantwortungsbegriff der CDU: auf die Einzelne, auf den Einzelnen kommt es an. Die CDU wird also da wieder erstarken, wo sie ihren Kernbestand – Verantwortung der Einzelnen, individuelle Freiheit – auch parteiintern vorlebt. Neu ist das alles nicht.

Im übrigen empfehle ich die Seiten des Berliner Landeswahlleiters zur genaueren Analyse.

Unser heutiges Wimmelbild zeigt einen Blick auf die ADFC-Fahradsternfahrt gestern. In der grünen Mitte Berlins.

 Posted by at 10:32
Juni 072009
 

Gleich am Morgen ging ich zu den Europawahlen in die Nikolaus-Lenau-Grundschule. Ich wurde von den Wahlhelfern freundlichst begrüßt – war ich doch um 9.20 Uhr schon der zwölfte Wähler, der seine Stimme abgab! Den langen Zettel las ich gründlich durch und setzte mein Kreuz bei der Liste eines Mannes, den ich kenne und schätze.

Ich rief aus: „Ich tippe auf 42% Wahlbeteiligung und leiste hiermit meinen Beitrag!“ Gelächter: „Sie sind zu optimistisch!“ – Das habe ich ja auch in diesem Blog geraten. Und so ist es auch gekommen. Der Wahlausgang bedeutet ein klares Votum für mehr Freiheit, für weniger Staatsgläubigkeit. Die niedrige Wahlbeteiligung und ebenso das Erstarken der Rechten in den anderen Ländern finde ich allerdings bedenklich.

Beim Umweltfestival der Grünen Liga, dem Netzwerk ökologischer Bewegungen, erzähle ich das Märchen vom Rabenkönig zweimal. Erst auf der großen Bühne vor dem Brandenburger Tor, dann auf der kleinen Bühne vor dem russischen Panzer. Nur mit einer Stimme und einer Geige vor die Menschen zu treten, das ist schon mehr, als sich in einem Ensemble einzureihen. Ich lasse mich tragen und die Worte strömen sozusagen aus mir heraus. Der Sohn, der sich aufmacht, um seine beiden Brüder und den Ochsen zu befreien, besteht alle Prüfungen: Er kann teilen, denn er gibt sein letztes Brot an ein Tier. Er hört zu, er ist mutig – und er geht sparsam mit den Schätzen der Erde um!

Das Tolle war: ich hatte keinen Text auswendig gelernt, sondern merkte auf die Reaktionen der Zuhörer – was kommt an? Wie alt sind sie? Wie gehen sie mit? Also waren die zwei Fassungen des Märchens heute recht unterschiedlich.

Die große ADFC-Sternfahrt endete hier am Brandenburger Tor. Durchnässt, aber zufrieden trudeln Tausende und Abertausende von Radlern ein. Ich spreche mit einigen ADFC-Freunden, darunter auch der ADFC-Landesvorsitzenden Sarah Stark.  – Es war ein erfolgreicher Tag, etwa 100.000 Teilnehmer folgten dem Lockruf der freien Straßen.

 Posted by at 20:45
Juni 062009
 

05062009.jpg Die wichtigste Tat heute: Zusammen mit den fünf türkischen und arabischen Nachbarskindern reinigen wir den gesamten Innenhof des Nachbarhauses: überall lagen Windeln, Glasscherben und sonstiger Müll herum. „Ramadama“ hieß das in München. Danach macht das Spielen mehr Spaß. Die Kinder formen einen Turm aus Sand. „Das ist ein Gefängnis“, sagen sie.

Im Vorbeigehen, am Fuße des Kreuzbergs, spreche ich mit einigen Vertretern der Friedrichshain-Kreuzberger Linkspartei. Sachlich erkennen wir große Unterschiede, aber es wird gleich klar: wir respektieren einander. Und es macht sogar Spaß mit ihnen zu streiten. Wir kommen überein, dass alle morgen bei den Europawahlen wählen gehen sollen. Auf keinen Fall sollte man den Europawahlen fernbleiben.

Das Plakat „Stadtpolitik statt Parteipolitik“ fing ich gestern in Dresden ein. Ich werte es als Dokument eines tiefen Misstrauens gegenüber den „Big Five“, den fünf großen Parteien.

 Posted by at 22:54

Kinder (und Erwachsene) brauchen Geschichten

 Klimawandel, Rilke, Theater  Kommentare deaktiviert für Kinder (und Erwachsene) brauchen Geschichten
Juni 052009
 

20072008.jpg  „Dass man erzählte, das muss vor meiner Zeit gewesen sein“, diese Eintragung aus Rilkes Malte Laurids Brigge kommt mir immer wieder in den Sinn. Und doch meine ich: Wir brauchen Erzählungen. Es gibt kaum etwas Überzeugenderes, als wenn sich einer hinstellt und sagt: „Das ist meine Geschichte. Das bin ich.“ Kindern eine Geschichte zu erzählen, ist für mich etwas vom Schönsten, was ich erleben kann.

Deshalb freue ich mich schon auf die nächste Erzählstunde. Diesmal nicht in einem Klassenzimmer, nicht kurz vor dem Einschlafen, sondern in etwas größerem Rahmen. An der Hauptbühne vor dem Brandenburger Tor. Ein bisschen aufgeregt bin ich schon, denn am Brandenburger Tor aufzutreten, das wird nicht jedem vergönnt! Ich spüre eine große Demut.

Wird es gelingen, die Brücke zum Thema des Umweltfestivals zu schlagen? Es ist ein einfaches ukrainisches Volksmärchen! Hat es uns heute noch etwas zu sagen? Kommt hin!

„Klimaschutz erleben!“

Umweltfestival 2009 Berlin

 

7. Juni 2009 11-19 Uhr

   

Hauptbühne am Brandenburger Tor

 

11.00

Eröffnung des Bühnenprogramms durch Stefan Richter (Geschäftsführer GRÜNE LIGA Berlin)

11:05

Folksvertretung (Folk Rock )

11:30

Talk zu Berliner Hofgärten

11:40

Folksvertretung (Folk Rock )

12:00

Inforunde Bioenergie, Tank oder Teller? mit Jürgen Maier (Geschäftsführer Forum Umwelt & Entwicklung) u.a.

12:15

Der Rabenkönig, ein Volksmärchen mit Geige erzählt von Johannes Hampel

12:40

Kochshow BIOSpitzenköche

 Kleine Bühne:

13:00

Galli-Theater: Die Clownprüfung

14:00

Percussion: Sambaholics

14:30

Der Rabenköni,g ein Volksmärchen mit Geige erzählt von Johannes Hampel

15:30

Percussion: Sambaholics

 Posted by at 18:36

Einige Zehntausend, 3000, 1550? Wer bietet weniger?

 1968  Kommentare deaktiviert für Einige Zehntausend, 3000, 1550? Wer bietet weniger?
Juni 022009
 

Entgegen den Verlautbarungen aus der Stasi-Unterlagenbehörde behauptet Ministerpräsident Platzeck in der Morgenpost, „einige Zehntausend Westdeutsche und Westberliner“ hätten für die Stasi gearbeitet. Woher hat er dieses Wissen? Warum widerspricht er so offenkundig den Aussagen der Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde? Wer hat recht? Ministerpräsident Platzeck? Der heutige Berliner Polizeipräsident Glietsch, der offen abstreitet, dass in nennenswertem Umfang Stasi-Mitarbeiter in der West-Berliner Polizei eingeschleust worden seien? Oder Helmut Müller-Enbergs, der direkt auf der Quelle sitzt und mal diese, mal jene Zahl nennt?

Mehr Licht, bitte! Die Hintermänner im Fall Kurras sind noch lange nicht aufgeklärt.

DDR-Geschichte – Für Platzeck ist IM-Tätigkeit nicht gleich IM-Tätigkeit – Brandenburg – Berliner Morgenpost
Morgenpost Online: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie hörten, dass der Westberliner Polizist Kurras, der 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen hat, ein Agent der Stasi war?
Platzeck: Wir wissen alle seit Langem, dass ein paar Zehntausend Westdeutsche und Westberliner auch für die Staatssicherheit gearbeitet haben. Da ist es nicht unnormal, dass es Spitzel auch bei der Polizei gegeben hat. Dass deshalb die Geschichte der letzten Jahrzehnte neu geschrieben werden muss, glaube ich aber nicht. Da ist mir zu viel Verschwörungstheorie dabei.

 Posted by at 12:51
Juni 012009
 

Freunde, Blogger, kauft euch noch die Pfingstausgabe des Neuen Deutschland! Sie steckt voller wunderbarer Erzählungen, herrlicher Ausschmückungen, kniffliger Denksportaufgaben und hymnischer Lobpreisungen. Hier gleich das erste lustige Rätsel:

Auf S. 24 am 30. Mai 2009 gibt Helmut Müller-Enbergs, der selbstbewusst-eigenwillige Mitarbeiter der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), der sogenannten „Birthler-Behörde“ (seit wann ist eine Behörde eigentlich nach ihrer Chefin benannt?), die Zahl der IMs in Westdeutschland und Westberlin mit 1550 für das Jahr 1988 an.

Vergleicht diese Zahl nun mit dem folgenden Ausschnitt aus der WELT vom 10.03.2008:

DDR: Die Stasi hatte mehr Spitzel als bisher gedacht – Nachrichten Politik – WELT ONLINE
Die Zahl der Inoffiziellen Mitarbeiter IM, die noch im Herbst 1989 von der DDR-Staatssicherheit geführt worden waren, ist höher als bislang angenommen. Wie WELT ONLINE erfuhr, erscheint am Donnerstag eine neue Studie des Historikers in der Birthler-Behörde, Helmut Müller-Enbergs, wonach zum Zeitpunkt des Mauerfalls 189.000 IM, davon mindestens 3000 in der Bundesrepublik, aktiv waren. Die letzte offizielle Zahl der 1989 tätigen IM lag um 15.000 niedriger.

Also, von 1988 bis 1989 stieg die geschätzte Zahl der IMs nach innerhalb nur eines Jahres erklärten Angaben desselben Historikers  in Westdeutschland auf das Doppelte, wie erklärt Müller-Enbergs das? Woher hat er diese wild abweichenden Zahlen? Wie verlässlich sind die Grundlagen dieser Schätzungen? Soviele Fragen, soviele Zweifel – wie schon unser aller staatstragender Bert Brecht sagte!

Na, ich denke, diese Zahl 1500 oder 3000 dürfte zutreffend sein – für einen einzigen Westberliner Bezirk etwa, oder für eine mittlere westdeutsche Großstadt.

Und in dieser Größenordnung – ca. 1900 – bewegt sich ja auch die Zahl der Mitarbeiter der sogenannten „Birthler-Behörde“.  Was tun, was taten diese Menschen eigentlich all die Jahre? Wieso kommt der Fall Kurras erst jetzt heraus? Wieviele IMs in den Behörden waren nötig, um Kurras zu decken? Wann beginnt endlich die ernsthafte Aufarbeitung der Akten? Wieviel ehemalige Stasi-Mitarbeiter wirken so segensreich wie ehedem noch heute in der Birthler-Behörde? Welche Vorkehrungen sind gegen Vertuschung von Vorgängen, Verschleppung von Aufklärung, Vernichtung von Akten innerhalb der Birthler-Behörde getroffen?

Also hin zum nächsten Kiosk, letzte Märchenausgabe des ND kaufen – und fleißig rätseln und rechnen!

Wir bleiben dran. Wollte euch nur eben den heißen Tip zum Kauf der ND geben. Es wird spannend!

 Posted by at 19:21
Mai 302009
 

… zeitigen die Opel-Verhandlungen im Kanzleramt! … Applaus, es ist vollbracht: für einige Tage steht der deutsche Staat als Retter von Opel da! Applaus auch für unseren Wirtschaftsminister: Er zeigt ein gewisses Rückgrat. Applaus auch für die SPD, sie setzt nach – die Rolle des Retters scheint ihr zu gefallen. Als nächstes ist also Arcandor dran!

Gut auch, dass der Wirtschaftsminister den deutschen Staat als erpressbar bezeichnet hat: Erpressbarkeit ist so ziemlich das schlimmste, was einer Regierung vorgeworfen werden kann.

Freuen dürfen sich die drei Oppositionsparteien! Die Opelaner werden irgendwann aufwachen. Wahrscheinlich sogar vor der Bundestagswahl.

Autokrise: Die seltsame Opel-Rettung – Opel – Wirtschaft – FAZ.NET
Opel selbst schreibt jeden Tag drei Millionen Euro Verlust und wäre Mitte der Woche zahlungsunfähig geworden. Und weltweit werden mit 90 Millionen Autos rund doppelt so viele gebaut wie gekauft werden.

 Posted by at 23:55