Erneut greifen wir das Thema „Wildschweine in der Stadt“ auf. Wir berichteten bereits am 26.10.2008 in diesem Blog. An kaum einem anderen Thema lässt sich so einfach durchspielen, wie Zusammenleben funktioniert. Heute berichtet Miriam Mey Khammas in der BZ von einer spannenden Begegnung im Dämmerlicht:
Es grunzt im Dunkeln! Ich steige aus dem Auto am Grunewaldturm an der Havel. Ein mulmiges Gefühl macht sich in mir breit. Ich werde von 20 Wildschweinen umringt. Keine Angst, die wollen nur fressen, sagt ein Mann, der mit einer Wildsau kuschelt.
Es ist Michael Gehricke (56) Papa Wildschwein. Er kommt seit 12 Jahren täglich zum Füttern. Angefangen hat es damit, dass ich mein altes Brot hierher gebracht habe. Da wusste ich aber noch nicht, welche Tiere das fressen.
Es waren Wildschweine. Und es werden immer mehr. Das bestätigt auch Elmar Kilz, Forstamtleiter Grunewald. Es gibt mehr als 10000 Schwarzkittel im Einzugsbereich der Stadt. Sie vermehren sich stark, weil viele Berliner die Tiere anfüttern. Michael Gehricke versteht das, hört dennoch nicht auf. Ich kann nicht anders. Es ist mein Hobby.
Mit dem Herrn Gehricke würde ich gern einmal sprechen! Ich versuche ihn erst einmal zu verstehen. Er hat sich über die Jahre hinweg etwas aufgebaut, was ihm vielleicht sonst niemand bieten kann: eine verlässliche Beziehung zu lebenden Wesen, in der man sich gegenseitig kennt, respektiert und wertschätzt. Er hat bei den Wildschweinen das gefunden, was wir doch alle wollen! Nichts ist so stark in uns wie dieser Wunsch nach beständigen, von Zuneigung und Verlässlichkeit geprägten Verbindungen. Eine gute Beziehung, in der man sich aber Freiraum lässt. Denn Herr Gehricke wird die Wildschweine nie zwingen, ihm in die Wohnung zu folgen. Er wird sie nie einsperren. Sie werden ihn nie angreifen. Die Wildschweine vertrauen Herrn Gehricke – Herr Gehricke vertraut den Wildschweinen. Schön!
Aber: Er tut etwas Verbotenes, etwas, womit er weder den Wildschweinen noch der Stadt einen Dienst erweist. Und genau hier liegt das Problem. Wer geht noch einmal auf den Herrn Gehricke zu, wer spricht mit ihn? Wird die angekündigte Strafanzeige weiterhelfen? Oder kommt es auf einen intensiven Dialog an – bei dem natürlich eine Partei kaum mit Worten, sondern nur mit Grunzen wird reagieren können?
Ich meine: Die Wildschweine müssen auf den Weg der Freiheit zurückgebracht werden. Sie müssen lernen, dass sie vom Menschen keine dauerhafte Hege und Pflege erwarten können. Sie müssen wie ein junger Mensch in der Pubertät lernen, wieder ihre eigenen Wege zu gehen. Die Versorgungsmentalität hilft niemandem weiter: „Unser Papa Wildschwein kommt, er wird uns schon weiterhelfen. Wir brauchen nicht mehr selbst nach Futter zu suchen.“
Nein, Wildschweine: Wo ist euer Stolz? Wollt ihr euch in immerwährende Abhängigkeit vom Menschen begeben? Vom Menschen, der euch so oft verletzt und getötet hat? Wollt ihr das wirklich?
Ich meine: Es wäre die Pflicht des Herrn Gehricke, seinen wesentlichen Beitrag zu diesem Lernvorgang zu leisten. Wir Bürger müssen anerkennen, dass dieser unvermeidliche Trennungsvorgang für Herrn Gehricke mit Schmerzen verbunden sein wird.
Unser Haushalt wird um 6 neue Lebewesen reicher. Sechs bunte Fische tummeln sich seit gestern in unserem neuen Aquarium. Was sage ich – sechs? „Sie halten vor allem Bakterien“, belehrte uns der kundige Verkäufer in der Zoohandlung. Jetzt weiß ich es: Ein solches 60-Liter-Aquarium stellt einen gehegten Lebensraum für Millionen und Abermillionen von Kleinstlebewesen dar: und darin die flinken lustigen Zierfische: Drei Guppies, zwei Schwertträger, ein Grundbarsch. Drei kleine Schnecken vervollständigen den Zoo. Den männlichen Guppy, den „Bock“, nennen wir „Orange“, weil er sich so stolz und prachtvoll präsentiert. Den einen Schwertträger nennen wir „Künstler“, da er sich zunächst mehrere Stunden im Abseits hielt und erst seit heute seine unermüdlichen Erkundungsfahrten unternimmt. Er scheint sich für etwas Besonderes zu halten. Der Grundbarsch heißt nur noch „Staubsauger“, da er eifrig an Wänden und Pflanzen nach Nahrung sucht, die er dann mit seinem wulstartig ausgestülpten Mund aufliest. Die angstvolle Erfahrung des Umgesetztwerdens haben alle sechs Fische wunderbar verkraftet, sie schweifen ohne Unterlass im Becken umher, tauchen abwärts und aufwärts, hin und her, vereinen sich zu einem Schwarm, teilen sich dann wieder. Wir sind begeistert und bestaunen das neue Leben mit allerlei Entzückensrufen. Schon in der Vorphase – also beim Einrichten das Aquariums – bemerkte ich, wie entspannend das Blicken in so ein klares Unterwasserparadies sein kann. Ein echtes Labsal.