Am vergangenen Mittwoch brachte ich nicht nur den Stier Ferdinand in die Staatliche Europaschule am Brandenburger Tor, sondern am Abend stand auch noch die Jahresmitgliederversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa in meinem Terminkalender.
Ich beteiligte mich daran mit einer längeren Wortmeldung. Und zwei Stunden vorher warf ich einige Gedanken zu Papier, die mich bei den mündlich vorgetragenen Überlegungen leiteten. Einen Teil der nachstehenden Gedanken trug ich am Mittwoch vor. Ich überlese das ganze heute noch einmal und beschließe, weiter „am Ball zu bleiben“. Hier sind ungefiltert und gewissermaßen ungekämmt die Gedanken, die mich am Mittwoch antrieben:
Vertrautheit unter den neuen und alten EU-Mitgliedern kann sich nicht vorrangig über die Schrecken der Totalitarismen herstellen. Wir Menschen sind so gemacht, dass wir nach einiger Zeit uns von den Schreckensbildern abwenden.
Ich bin zutiefst überzeugt, dass wir viel weiter ausgreifen müssen, um auch nur im Ansatz den Blick in eine gemeinsame Zukunft innerhalb der EU wenden zu können. Insbesondere ist es das Zeitalter der europäischen Revolutionen und Reformen, also die Zeit von etwa 1770 bis 1848, welche in fast allen europäischen Ländern den Wurzelgrund für unseren heutigen Verfassungsstaat gelegt hat.
Für uns Deutsche wird eine stärkere Rückbesinnung auf Geist und Buchstaben des Grundgesetzes unerlässlich sein. Die USA pflegen mit Hingabe die Erinnerung an die Entstehung ihrer Verfassung. Deshalb hält der Laden auch so gut zusammen. Ein bewundernswertes Beispiel für diese ständige Rückbesinnung auf die Ursprünge der demokratischen Verfassung liefert der bekannte Verfassungsrechtler Barack Obama in seinem Werk The Audacity of Hope Hoffnung wagen. So etwas täte auch uns in Deutschland, uns in Europa bitter not!
Aber nein! Weil wir so geschichtsvergessen sind, ist das große Vorhaben einer neuen europäischen Verfassung bisher so kläglich gescheitert.
Wir müssen einander mehr kleine Geschichten erzählen. Erst in einem zweiten Schritt wird man dann über die große Geschichte ein gemeinsames Verständnis herstellen können.
Es ist derzeit keine überzeugende Idee dessen im Umlauf, was Kultur in Europa sein könnte. Das beginnt schon bei der Abgrenzung dessen, was zu Europa im Sinn der Europäischen Union gehört.
Die kühne Gesamtschau verstellt allzu oft den Blick auf die kleinen störenden Details.
Nachdem das heutige Griechenland und Bulgarien als Vollmitglieder der EU anerkannt sind, wird man Russland aus kulturellen Gründen keinesfalls aus Europa im engeren Sinne ausschließen dürfen. In unserer Union können und müssen wir fragen: Was hält uns in Europa kulturell zusammen?
Allzu oft ist die Antwort auf diese Frage durch den starren Blick auf die Totalitarismen verstellt, als wären die Totalitarismen etwas von außen Aufgenötigtes, das die ursprüngliche Einheit Europas zerschnitten habe. Nach dem vorläufigen Ende der Spaltung Europas fällt es leicht, dieses Fremde nach außen zu projizieren: Russland ist derzeit der böse Bube, der so viel Unheil über das Europa der Opfer gebracht haben soll.
Dabei sind lange, erbitterte, blutige Spaltungen geradezu eins der Merkmale der europäischen Geschichte, beginnend vom Peloponnesischen Krieg über den Dreißigjährigen Krieg bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Spaltung Europas im 20. Jahrhundert war mitnichten eine Ausnahme. Oft wird gesagt: 1990 kam endlich die unselige Spaltung Europas zu einem Ende, die nach dem Zweiten Weltkrieg begann. Als habe sich damals, in den Jahren 1945-1949 ein bleierner Mantel des Totalitarismus über den Osten Europas gesenkt, der die Länder des Ostens aus der gesamteuropäischen Freiheitsgeschichte herausgeschnitten habe.
Vergessen wird allerdings dabei, dass es in fast allen Ländern des ehemaligen Ostblocks Mitglieder der heimischen Eliten waren, die bereits vor 1945 Gewaltherrschaften und Unrechtsregime errichteten. Es gab während der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts in fast allen Staaten Europas außer in der Tschechoslowakei und Großbritannien einen breiten antidemokratischen Konsens. Nirgendwo außer in der Tschechoslowakei und Großbritannien hatte sich vor 1939 eine echte parlamentarische Demokratie dauerhaft behaupten können.
Allein deshalb verbietet es sich für uns, die europäischen Totalitarismen als etwas Uneuropäisches von uns zu weisen.
Der angestrebte breite antitotalitäre Konsens wird nicht zustande kommen, wenn er nicht überwölbt und getragen wird von einem noch breiteren, tieferen pro-demokratischen Konsens.
Wir müssen das Gemeinsame stärken, die große europäische Kultur der drei vergangenen Jahrtausende. Dabei gilt es, über den Zaun der eigenen Nationalkultur zu schauen. Die Deutschen müssen Adam Mickiewicz genauso lesen wie sie Friedrich Schiller wieder entdecken sollten. Wir müssen anerkennen, dass Länder wie Ungarn oder Polen im 19. Jahrhundert für den Westen wesentliche Treiber der demokratischen Entwicklung waren. Der Blick auf das misslingende Europa der Vergangenheit alleine wird uns nicht zusammenhalten. Wir sollten das Gute betonen, das nunmehr erreicht ist Freiheit, Rechtsstaat, demokratisches Gemeinwesen und beständig die Zustimmung zu dem neuen Europa erhöhen, das zu glücken beginnt. Europa gelingt gemeinsam.
Unser Foto zeigt den Verfasser als undeutlichen Schatten, gewissermaßen in den Stiefeln der Unfreiheit, gebeugt über den Pfad der Visionäre, der sich über den Kreuzberger Mehringplatz erstreckt. Aufgenommen am heutigen Tage.
Immer wieder wird gesagt: Die Teilung Europas kam 1989 zu einem Ende. Was wir jetzt versuchten, sei das Zusammenkitten von etwas, was durch die kommunistischen Revolutionen ab 1917 gespalten worden sei. Dem mag so sein. Und doch ist die europäische Geschichte durch zwei viel tiefer gehende Spaltungen geprägt: die doppelte Spaltung in Ost und West um die Jahrtausendwende, als sich der lateinisch geprägte Westen vom griechischen Osten löste – und die erbitterten Spaltungen und Risse, die etwa 500 Jahre später im Zeitalter der Reformationen aufbrachen. Immer ging es dabei auch um Worte, um Überzeugungen, um Ideen, die die Menschen antrieben und auseinandertrieben. Hierzu schreibt Diarmaid MacCulloch in seinem vielgerühmten Buch The Reformation. Europe’s House Divided:
„Unsere europäische Leitkultur stammt aus Asien – wir sind Schuldner Asiens.“ So rief ich im September 2007 in die Ullsteinhalle hinein. Es war die große Regionalkonferenz der 5 ostdeutschen CDU-Landesverbände. Alle legten die Stirn in Falten und berieten mal wieder über den Begriff „deutsche Leitkultur“. Nachher kam eine Zuhörerin auf mich zugestürzt und fragte: „Wen haben wir denn da? Wer sind Sie? War dies ein Kabarett? Bitte mehr davon!“
Der Urlaub im türkischen Kadikalesi nahe Bodrum brachte wunderbare Begegnungen, Entspannung, Spaß, Freude mit meinen russischen Schwiegereltern, aber leider auch den furchtbaren Schatten des Kaukasuskrieges, der sich über die letzte Woche legte. Wir kennen viele Georgier, die Georgier gelten in Russland als lustiges, lebensfrohes Völkchen, über das endlose Anekdoten kursieren. Und dann das! Längere Sitzungen am Internet waren unvermeidlich. Meine Türkischkenntnisse besserten sich rapide – jede Woche ein neues Wort! Unsterbliche Dialoge entspannen sich – auf russisch und türkisch gemischt, da ich als Russe galt und am „Russentisch“ saß, wie das Gevatter Thomas Mann genannt hätte. Einen dieser Dialoge will und darf ich euch nicht vorenthalten: