Vorbild Türkei?

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Juli 202010
 

Zucht und Ordnung, Respekt vor den Älteren, ein klares, täglich wiederholtes Bekenntnis zur überragenden, alleinigen Autorität des Staates und zum mythisch überhöhten Staatsgründer: mit diesen Rezepten hat die Türkei ihre Alltagskriminalität erstaunlich gut im Griff. Es wird fast nicht gestohlen, fast nicht geflucht, fast nicht gedealt – jedenfalls außerhalb Istanbuls. So erlebte ich das bei meinen Reisen durch die Türkei, und so berichten es mir türkische Lehrer, mit denen ich über die hoffnungslose Verwahrlosung mancher unserer türkischen Kinder spreche.

Die herausragende Stellung der Polizei und des Militärs in der Türkei führt zu einer sehr niedrigen Kriminalitätsrate. Andererseits genießen die Türken nicht dasselbe Maß an Meinungsfreiheit wie wir. Und viele ethnische Gruppen sind weiterhin der Zwangstürkisierung unterworfen. In den Kurdengebieten begehen Ordnungskräfte Verbrechen.

Ein echter Offenbarungseid ist es, wenn die deutsche Polizei nunmehr um Hilfe von den Türken ersucht:

Nordrhein-Westfalen – Türkische Polizei soll in Problemvierteln aushelfen – Politik – Berliner Morgenpost
Die Deutsche Polizeigewerkschaft will türkische Polizisten in sogenannte Problemviertel in Nordrhein-Westfalen schicken. Sie sollten sich um türkischstämmige Jugendliche kümmern.

„So geht es nicht weiter“, sagte der Landesvorsitzende der Gewerkschaft, Erich Rettinghaus, in Duisburg. „Vielleicht ist das ein probates Mittel. Man sollte es ausprobieren.“ Die Türken sollten in ihren eigenen Uniformen gemeinsam mit NRW-Kollegen auf Streife gehen.

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Juli 082010
 

Wo immer es geht, suche und säe ich Keime der Hoffnung. Noch lange nicht verzweifelt sind wir migrantischen Familien in unserem so einladenden, zur Verzweiflung einladenden Kreuzberg. Wichtig: Etwa 3-5% unserer Deutschtürken sind hochgebildet, hoch erfolgreich. Sie haben es geschafft. Ich spreche sie an: „Erzählen Sie mir Ihre Geschichte!“

Was kommt heraus? Diese erfolgreichen Deutschtürken – oder deukischen Türken – stammen aus Akademikerhaushalten. Die Väter und Mütter sind selbst Akademiker, arbeiteten als Journalisten oder Lehrer in der Türkei, verließen meist das Land nach dem Militärputsch 1980. Die meisten sind der Herkunft nach Linkskemalisten und finden nahezu gesetzmäßig den Weg zur deutschen Sozialdemokratie oder zu den Grünen, zur taz und zur Linkspartei.

Keine dieser eloquenten, attraktiven deukischen Menschen, die ich kenne, stammt aus Hartz-IV-Familien. Sie sind alles andere als repräsentativ für die übergroße Mehrheit der Zuwanderer aus dem Osten der Türkei. Die deukischen Kinder sind in beiden Sprachen wohlbewandert. Sie sind nicht im Rollbergviertel oder Kreuzberg-SO 36 aufgewachsen, sondern in Britz, Dahlem, Grunewald.

Die übergroße Mehrheit der türkischen und kurdischen Zuwanderer aus dem Rollbergviertel oder Kreuzberg beherrschen hingegen weder das Türkische noch das Deutsche in ausreichendem Maße, um damit einen akademischen Beruf zu erlernen.

Die deukischen Menschen haben vieles früh gelernt. Auch dies haben sie gelernt: Die Schuld am Scheitern der anderen Deutschtürken weisen sie dem Staat und der Gesellschaft zu. „Mehr Förderung, bitte!“ Stets sind die anderen schuld: der Staat, die Deutschen, die Gesellschaft, der Rassismus, oder im Notfall auch der arme geprügelte Thilo Sarrazin. Berlin gibt jährlich 4,1 Milliarden für Bildung aus, pro Kind mehr als jedes andere Bundesland. Noch mehr Förderung bedeutet noch mehr Verschuldung.

Geradezu reflexartig ist der Impuls, sich als Opfer der Verhältnisse auszugeben: „Wir fühlen uns angegriffen.“ „Wir werden diskriminiert.“ „Wir sind benachteiligt.“ Man wiederhole dies oft genug – und irgendwann werden es alle glauben.

Wichtig wäre: Diese deukischen Menschen, die brauchen wir eigentlich als Erzieher in den Kitas, als Sozialarbeiter und als Lehrer in den Grundschulen. Aber das wollen sie nicht. Die erfolgreichen Menschen der deukischen Generation werden Juristen, Ingenieure, Zahnärzte. Und sie haben Erfolg – zunächst in den Medien, und später dann – dessen bin ich gewiss – im Berufsleben.

Deutsch-türkische Studentin: „Wir fühlen uns angegriffen“ – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – UniSPIEGEL
Selçuk findet sich nicht ab mit ihrem Groll, schluckt ihn nicht einfach runter. Sie ist überzeugt: Auch Kids wie Ali können etwas beitragen, wenn man sie fördert. Nur vergesse das die Gesellschaft viel zu oft. Deshalb gründete sie 2007 den Verein „Die Deukische Generation“. Sie gab Interviews, saß bei Podiumsdiskussionen, legte sich mit Politikern an. Zeitungen und Sender berichteten gern über sie. Denn sie war das Positivbeispiel – türkischstämmig, Abitur am Elite-Internat, engagiert, eloquent. Ihre Botschaft: Deutsch-türkische („deukische“) Jugendliche sind eine Bereicherung. „Wir wollten einfach sagen, dass wir dazugehören; dass junge Migranten ein Potential sind.“

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Vom uralten Obrigkeitsdenken gestürzt in die Bundesrepublik

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Apr. 222010
 

„Du bist als einzelner ziemlich unwichtig – der Herrscher, der Staat, die Macht sind ehrwürdig und verleihen auch dir die Würde. Denn der Staat, nicht die Bürger, trägt die letzte Verantwortung.“ Mit solchen schlichten Sätzen könnte man das despotische Denken zusammenfassen, das Herodot, Aischylos, aber auch das biblische Buch Ester bei den östlichen Herrschaften bemerken, welches sie auf dem Gebiet der heutigen Türkei vorfanden. Ferner vertrete ich die These, dass dieses uralte despotische Denken sich durch die Jahrtausende in allen östlichen Großreichen von den persischen Achämeniden über die Khanate bis zu den Osmanen fortgesetzt hat. Despotisches Denken verlangt Ergebung, Unterwerfung, ja Unterwürfigkeit beim Einzelnen, Gerechtigkeit, Freigebigkeit und Strenge beim Herrscher.  Das despotische Staatsverständnis  war lange vor dem Islam da, und es hat auch das von den Jungtürken um Mustafa Kemal eingeläutete Ende des Sultanats überdauert.

Der kluge, scharfsinnige und sehr einfühlsame Stuttgarter Blogger Hakan Turan gelangt zu ähnlichen Erkenntnissen. Und er zieht Schlussfolgerungen für die heutige Zeit, für den Umgang mit den türkischen Jugendlichen. Lest, was er am 17.04.2010 schrieb:

Hakan-Turan-Blog
Dieses Obrigkeitsdenken beginnt natürlich nicht erst 1923 mit der Gründung der Türkischen Republik, sondern lässt sich weit in die Zeit des Osmanischen Reiches zurückverfolgen. Es überrascht nicht, dass das Obrigkeitsdenken und der Autoritätsgehorsam heutzutage in den meisten politisch relevanten Kreisen der Türkei, von den religiösen, über die kurdischen bis zu den kemalistischen, verblüffende Ähnlichkeiten aufweist. Und: Dieses Denken ist implizit noch bei dem Großteil der türkischen Jugend in Deutschland verbreitet.

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„Und das ist Atatürk …“

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Apr. 202010
 

… so fing ich meinen ersten zaghaften türkischen Konversationsversuch mit einem türkischen Taxifahrer an … Wir fuhren eben an einem bronzenen Standbild des Urvaters aller Türken vorbei. Die Antwort des Taxifahrers erfolgte in Gesten … und in einem Lächeln, einem angedeuteten Achselzucken. Einem beschwichtigenden Klopfen auf das Lenkrad.

Ich glaube, dass die meisten erwachsenen Türken nicht mehr jener blinden Atatürk-Verehrung anhängen, die eherner Bestandteil der an den Schulen verkündeten staatstragenden Ideologie ist. Einer personenzentrierten, im Grunde auf Unsterblichkeit des Gründer-Vaters angelegten Nationalstaatsideologie, die durch keinen  Zweifel in Frage gestellt werden darf.

Man stelle sich einmal vor, die Bundesrepublik würde derart massiv zur Verehrung Konrad Adenauers erziehen. Es wäre ein Widerspruch zum Grundgedanken der Republik. Die Bundesrepublik hat zwar eine Reihe bedeutender Staatsmänner und -Frauen aufzuweisen. Aber jeder und jede von ihnen ist oder war prinzipiell ersetzbar. Der Staat wird durch das Volk getragen. Nicht durch die religiöse Einheit mit einem Mann.

Die Staatsauffassung der Türkei und diejenige der Bundesrepublik Deutschland halte ich für unvereinbar.

Diese türkischen Erinnerungen fallen mir wieder ein, als ich soeben den folgenden Bericht lese:

Türkische Schulen: „Wir erklären sogar den Dreisatz mit Atatürk“ – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – SchulSPIEGEL
„Du denkst, an den Schulen sollte die Wissenschaft im Vordergrund stehen, aber nein: Alles dreht sich nur um Atatürk.“ Im Geschichtsunterricht sei für die Antike kein Platz, für die Französische Revolution nicht, allenfalls für Hitler. Selbst in Fächern wie Mathematik und Biologie stehe Atatürk im Mittelpunkt: „Wir erklären sogar den Dreisatz am Beispiel Atatürks“, sagt Türkmen sarkastisch. In Mathe komme Atatürk in jeder zweiten Sachaufgabe vor, etwa mit Anekdoten aus seinem Leben.

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Apr. 132010
 

images.jpg„Ich dich ehren – wofür? Hat nicht zum Manne gereift mich die allmächtige Zeit?“ schleudert Goethes Prometheus dem Zeus entgegen.

Dreifachbelegung heute abend im Terminkalender! ADFC, CDU und Heinrich-Böll-Stiftung buhlen um Aufmerksamkeit! Wo soll ich hingehen? Zur Veranstaltung mit Pinar Selek über das türkische Männerbild – oder zur CDU mit ihrem Integrationskongress – oder zur ADFC-Stadtteilgruppensitzung Friedrichshain-Kreuzberg mit wichtigen Entscheidungen?

ADFC ist Pflicht, völlig klar. Denn dort bekleide ich Ämter. Also heute hin! Bei der CDU hab ich wiederum Anträge eingebracht – unter anderem zum fehlenden „lebbaren Männerbild“ der muslimischen Zuwanderer. Pinar Seleks Befunde wären eine prima Begleitmusik zu diesem Antrag! Springender Punkt meines Vorschlags ist ja gerade: Den türkischen und arabischen Männern in Deutschland wird es nicht leicht gemacht. Einander ausschließende Männerbilder buhlen um ihre Seelen. Die taz berichtet:

Studie zum Männerbild im türkischen Militär: Mit Absicht ramponiert – taz.de
„Armee und Schulen sind dazu da, um aus Bauern Franzosen zu machen“, lautete ein geflügeltes Wort im napoleonischen Frankreich. Pinar Selek würde ergänzen: Die Armee ist dazu da, um aus Jungen Männer zu machen, bestimmte natürlich. Durch Gewalt, Zwang und Maßregelung, durch Unterricht, etwa in Sexualkunde, aber auch durch „eigene“ Unternehmungen, Bordellbesuche und Besäufnisse inklusive. Wie genau dieser Prozess sich vollzieht, wie diese Erfahrungen die Persönlichkeit von Männern beeinflussen, ist Gegenstand ihres Buches „Zum Mann gehätschelt. Zum Mann gedrillt“, das nun auf Deutsch erschienen ist.

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März 302010
 

Sehr guter Beitrag des Außenministers Davutoglu zur türkisch-deutschen Beziehung! Türkische Schüler können und sollen Goethe, deutsche Schüler Mevlana lesen. Sehr gut! Ich füge hinzu: Aber sogar deutsche Schüler sollten Goethe früh, wiederholt und intensiv kennenlernen. Ich bin immer wieder traurig, wenn ich sehe, wie wenig die Berliner Schüler von Goethe, von Johann Sebastian Bach, von Immanuel Kant, von Mevlana und von Rumi erfahren!

Die Schulen schmeißen sich oftmals weg, nur um den Wünschen und Bedürfnissen der Schüler entgegenzukommen. Alles muss ja Spaß machen, alles muss leicht fasslich werden. Das große Erbe der deutschen Kultur, das in aller Welt – auch in der Türkei – gepflegt und verehrt wird, genau dieses wird an deutschen Schulen selbstverleugnend unter den Scheffel gestellt. Was für ein Jammer!

Wenn aber ein deutscher Schüler mit Namen wie Goethe, Immanuel Kant oder Johann Sebastian Bach nichts mehr anfangen kann, wenn er nicht viele, vielfältige Begegnungen mit den großen Werken der deutschen, der europäischen Leitkulturen erlebt und erlitten hat, dann wird er auch den Zugang zu Rumi, zu Homer oder zu Aischylos nicht finden. Dann hat es irgendwann auch keinen Sinn mehr, von Europa zu sprechen.

Denn jede Brücke hat zwei Enden! Von Goethe, von seiner frühen Mahomets-Ode, vom späten Goethe des West-östlichen Divans etwa – führt die Brücke zum Islam, zu Rumi, zu Mevlana. Ein direkter Eintritt in die orientalische Welt hingegen, ohne Wegbegleitung durch Vordenker und Vordichter der eigenen Muttersprache, das scheint mir fast unmöglich.

Davutoglu hat recht.

Berliner Zeitung – Aktuelles Politik – Merkel will Kulturaustausch mit Türkei ausbauen
Der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu, selber Absolvent eines deutschsprachigen Gymnasiums in Istanbul, bekräftigte die Bedeutung dieser fremdsprachigen Gymnasien im türkischen Bildungssystem. Diese seien Brücke zwischen den Ländern. «Aber jede Brücke hat zwei Enden», sagte er. Wenn türkische Schüler Goethe lernten, deutsche Schüler sich dann aber auch mit den Lehren des islamischen Mystikers und Dichters Mevlana befassten, werde das Band noch enger. «Die Bildung, die man erhalten hat (…) bildet später die Grundwerte», sagte Davutoglu.

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Vorbild Türkei (2): Flaggen zeigen! Hereinholende Identitäten stiften!

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März 302010
 

Kürzlich warfen wir einen Blick auf die „hereinholende Türkisierung“, welche der türkische Staat mit den aus seinem Territorium nach Deutschland zugewanderten türkischen Staatsbürgern betreibt. Jeder in Deutschland lebende, aus Anatolien stammende Kurde soll – auch wenn er noch so schlecht Türkisch spricht – nachträglich seine Zugehörigkeit zum türkischen Vaterland erkennen und vertiefen. Alle Kurden, Jesiden, Aleviten usw. sollen erkennen: „Wo wir sind, ist Türkei! Ne mutlu Türküm diyene!“

Die 10 bis 11 Millionen Türkisch-Kurden sollen erkennen, dass nur der türkische Staat sich ihrer wahrhaft annimmt. Die Bundesrepublik Deutschland lässt es freundlich lächelnd, großzügig Sozialhilfe zahlend geschehen …

Wie erklärt die Türkei sonst noch ihren Geltungsanspruch? Auf fast jedem türkischen Inselchen und Eiland, das irgendwann einmal lydisch oder dorisch oder medisch besiedelt war, flattert heute eine türkische Flagge. Sie verkündet es laut und deutlich: „Hier sind wir und hier bleiben wir.“ Die Lyder, Dorer und Meder sind schon lange weg und kommen erst allmählich wieder – als Urlauber.

Lernen wir von der Türkei – schaffen wir das Bewusstsein der eindeutigen Zugehörigkeit, der solidarischen Fürsorge! Ich wünsche mir deshalb, dass in jeder Berliner Schule vier Flaggen gezeigt werden. Welche?

Zunächst einmal – der Schulwimpel. Jede Berliner Schule sollte allen Kindern ein äußeres Zeichen der Zugehörigkeit anbieten. Das kann ein Schulpullover sein, das kann und soll ein Schulwimpel sein, das kann und soll eine Schulhymne sein. Mit solchen Symbolen des Dazugehörens wird laut und deutlich verkündet: „Du gehörst dazu. Jede, die den Schulpullover trägt, ist eine von uns! Jeder, der den Schulwimpel trägt, ist einer von uns!“

Ich höre euch rufen: Bitte Beispiele! Hier kommen sie:

Der Schulwimpel der Thalia-Grundschule verkündet: „Hier ist – die Thalia-Grundschule. Wir gehören alle dazu. Wir sind die Thalia-Grundschule. Seid Thalia-Grundschule!“

Der Schulpulli der Aziz-Nesin-Grundschule bedeutet: „Hier ist – die Aziz-Nesin-Grundschule. Wir gehören alle dazu. Wir sind die Aziz-Nesin-Grundschule. Sei Aziz-Nesin-Grundschule!“

„Hier ist – die Spartacus-Grundschule. Wir gehören alle dazu. Wir sind die Spartacus-Grundschule. Seid Spartacus-Grundschule!“

Als zweite Flagge sehe ich die Flagge des Bundeslandes Berlin. In den Farben Weiß-Rot mit dem Bären. Damit wird laut und deutlich verkündet:

„Hier ist – Berlin. Wir gehören alle dazu. Wir sind  Berlin. Be Berlin!“

Als dritte Flagge wünsche ich mir deutlich sichtbar an allen Berliner Schulen die Bundesflagge schwarz-rot-gold. Sie soll es kinderleicht fassbar klarstellen:

„Hier ist – die Bundesrepublik Deutschland. Wir gehören alle dazu. Wir sind die Bundesrepublik Deutschland.“

Und als vierte Flagge brauchen wir die Flagge der Europäischen Union. Denn jedes Kind sollte von klein auf folgende Botschaft erfahren: „Wir sind hier in Europa. Der Kreis der zwölf Sterne auf blauem Grund steht für Harmonie und Solidarität der europäischen Völker. Seien wir – Europa. Europa gelingt gemeinsam.“

Was ist nun über widersprüchliche Zugehörigkeiten zu sagen? Davon rate ich ab! Kinder haben es gern eindeutig. Sie brauchen eindeutige Loyalitäten. Ich halte es für grundfalsch, den Kindern einzuimpfen: „Wir sind hier in Deutschland. Aber eigentlich – bist du Araber.“ Oder: „Wir sind hier in Deutschland. Aber eigentlich – bist du Türke.“ Richtig: „Wir sind hier in Deutschland. Du bist ein deutsches Kind. Deine Eltern sind aus Libanon zugewandert. Vergiss die Geschichte deiner Eltern nicht! Vergiss die Sprache deiner Eltern nicht! Lerne mindestens ein paar Brocken Arabisch! Lerne mindestens ein paar Brocken Türkisch! Aber sei dir bewusst, dass dies alles hinter dir liegt. Es ist dein Leben, das vor dir liegt! Dein Leben ist hier in Deutschland. Deutschland ist jetzt deine Heimat.“

PS: Die hübschen Namen der Grundschulen sind alle echt. Diese Schulen gibt es in unserer gemeinsamen Heimat Friedrichshain-Kreuzberg.

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März 292010
 

„Die Grundrechte und -freiheiten beinhalten auch Verpflichtung und Verantwortung der Person gegenüber der Gemeinschaft, ihrer Familie und gegenüber den anderen Personen.“

Verfassung.pdf (application/pdf-Objekt)

So steht es in der türkischen Verfassung (Art. 12). Spannend! Sie ist eine der wenigen mir bekannten Verfassungen, die neben den Grundrechten der Person auch umfassende explizite „Grundpflichten“ enthält.

An Grundpflichten kennt das deutsche Grundgesetz nur die Pflege und Erziehung der Kinder (GG Art. 6, 2) und die Wehr- und Dienstpflicht (Art. 12 a)!

Eine Pflicht zur Selbsterhaltung oder gar eine Arbeitspflicht kennt die deutsche Verfassung nicht. Sie verbietet ganz offen die Zwangsarbeit – und folglich auch den Arbeitszwang (Art. 12).

Das heißt auf gut Deutsch: Wenn einer nicht lernen und nicht arbeiten will oder nicht arbeiten kann – dann kann er auch nicht dazu gezwungen werden.

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März 292010
 

22032010004.jpg„Ist die Türkei ein Prügelknabe?„, fragt Tayyip Erdogan. Meine klare Antwort: „Nein!“ In vielem kann sie sogar Vorbild sein. Bei meinen Reisen durch die Türkei habe ich immer wieder die Offenheit, die Gastfreundschaft, die Warmherzigkeit der Türken genossen. Und in einem weiteren Punkt sind sie vorbildlich: Der Staat fördert die Landessprache Türkisch durch gezielten, nachhaltigen Unterricht, der Staat hat Türkisch bis in die entferntesten Bergdörfer getragen. Die Bundesrepublik Deutschland tut sich hingegen noch sehr schwer, die eigene Landessprache gezielt zu fördern und durchzusetzen. Dabei wäre die deutsche Sprache das ideale Mittel, um etwa die 20 verschiedenen ethnischen Gruppen, die beispielsweise in unserer Grundschule zusammentreffen, zu verbinden.

Ergebnis: Durch ein klares Bekenntnis zur einigenden, teilweise gewaltsam aufgezwungenen Landessprache haben die Türken aus einem polyethnischen Gebilde nach und nach zu einer fragilen nationalen Einheit gefunden. Die türkische Leitkultur wurde stets ohne Wenn und Aber durchgesetzt, und neuerdings erhebt sie den Anspruch, ihre Segnungen auch nach Europa zu tragen: „Impft Europa mit der türkischen Kultur!“ So Erdogan kürzlich zu einer Schar von politisch aktiven Diaspora-Türken aus anderen Ländern. Wem hingegen die türkische Leitkultur nicht passt, der wurde und wird vor die Tür gesetzt. Der kann gehen, wohin es ihm beliebt.

Gut finde ich auch: Das Verbot der Minderheitensprachen ist in der Türkei aufgehoben, es gibt kurdische Radiosendungen. Ich bin sicher: Nach und nach wird die Türkei zu einem ähnlich entspannten Umgang mit den Minderheitensprachen kommen wie auch wir in Deutschland: Meine Frau lässt das russische Radio auf UKW stundenlang dudeln, und ich weiß, dass die Türken ebenfalls jeden Tag stundenlang hier in Berlin ihre türkischsprachigen Medien konsumieren. Ergebnis: Die russische und die türkische Gemeinde glucken in Berlin zusammen – in ihrer eigenen Muttersprache, und Deutsch läuft nebenher auch noch mit. Hurrah!

Schöner Bericht über den Türkischwettbewerb im Kreuzberger Tempodrom heute auf S. 3 der Berliner Morgenpost! Das ist bei mir um die Ecke. Ein klares Bekenntnis zur eigenen Kultur – wenn auch unter den Grundschülern die türkische Mehrheit „gekippt“ ist und von den Arabern verdrängt ist.

Ich habe da eine teuflische Idee: Könnte man etwas Ähnliches auch für Deutsch veranstalten? Deutsch für die neuen Deutschen? Das wäre doch mal was! Warum nicht mal ein deutsches Volkslied singen? Eine spannende Ballade von Friedrich Schiller oder Johann Wolfgang Goethe akzentfrei aufsagen? Ein Lied von Franz Schubert singen? Der Beste kriegt dann einen Preis! Wir Jungs lieben den Gedanken des Wettbewerbs! Wir wollen doch immer die Besten sein! Warum nicht mal die deutsche Sprache durch einen Aufsatzwettbewerb, eine Berliner Deutsch-Olympiade nach vorne bringen?

Bild: Blick auf das Tempodrom, den Austragungsort der 8. Türkisch-Olympiade. Kreuzberg. Bei mir um die Ecke.

Streit vor Treffen in Ankara – Erdogan wirft Merkel Hass gegen die Türkei vor – Politik – Berliner Morgenpost
„Ist die Türkei ein Prügelknabe?“

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März 282010
 

Die allermeisten, die sich mit entschiedenen Ansichten zur Integrationsdebatte äußern, beziehen ihr Wissen aus zweiter Hand. Sie folgen vorgefertigten Bahnen, haben nicht auf eigene Faust Erfahrungen in migrantisch dominierten Vierteln und migrantischen Familien gesammelt. Und die eigenen Kinder schicken sie bewusst auf Schulen, in denen Migranten die Minderheit darstellen. Die meisten Politiker und Journalisten sitzen mangels eigener Anschauung wieder und wieder denselben Irrtümern auf. Welchen?

1. Irrtum: Die Zuwanderer aus Ländern wie der Türkei oder dem Libanon seien individuell, als Einzelpersonen, aufgebrochen, um „anderswo ihr Lebensglück zu machen“. So schreibt es soeben wieder einmal der Berliner Tagesspiegel.  Nichts wäre irreführender als das heute anzunehmen!  Es handelt sich heute fast durchweg um Gruppenmigration. Aus einer Gruppe – in eine Gruppe hinein! Ein Anreiz zur Integration im neuen Land besteht foglich zumeist nicht. Richtig ist: Menschengruppen, die im Herkunftsland keinerlei Perspektive auf Wohlstand und Versorgung haben, brechen auf Beschluss einiger führender Männer auf und wandern als Kollektive auf einmal oder nach und nach in die Bundesrepublik ein. Diese Kollektive verstärken sich durch den Zuzug von Ehepartnern aus den Herkunftsländern laufend neu, bauen gut miteinander vernetzte, autarke Zusammenhänge auf. Diese sich ständig erweiternden Netzwerke in die bestehende deutsche Mehrheitsgesellschaft einbauen zu wollen, halte ich mit den bisherigen Methoden der Integrationspolitik für ausgeschlossen. Die zuwandernden Menschen haben auch nichts weniger im Sinn als dies. Die Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft würde ja ein Aufbrechen der bisherigen Versorgungsgemeinschaft bedeuten, würde zusätzliche Risiken bergen.

Hier bedarf es einer stärkeren Einfühlung in die Mentalität und die Interessen der Zuwanderer. Sie empfinden subjektiv meist keine Notwendigkeit, sich individuelle Perspektiven zu erarbeiten, sondern sind mit dem Staus quo mehr oder minder zufrieden.

Ein Aufbrechen dieses Zusammenhangs ist meines Erachtens nur über  eine strenge zeitliche Befristung der Sozialhilfe für Angehörige anderer Staaten zu erreichen. Nach einem relativ kurzen Zeitraum, etwa nach 6-12 Monaten, muss die Sozialhilfe für Zuwanderer mit fremder Staatsangehörigkeit automatisch auslaufen – mit dieser klaren, vor der Einreise mitgeteilten Ansage würde endlich ein deutlicher Anreiz gesetzt, sich durch Arbeit zu integrieren.

Der vielbeschworene „Aufstiegswille“, wie ihn neuerdings etwa Klaus Wowereit fordert, lässt sich meines Erachtens nur durch den termingenauen Fortfall der Sozialhilfe erzielen. Ich sehe keinen anderen Weg.

Als Vorbild dafür müssten die Clinton’schen Sozialreformen des Jahres 1996 dienen. Die zeitliche Beschränkung der Sozialhilfe durch die beiden Sozialgesetze “Personal Responsibility and Work Opportunity Reconciliation Act“ (PRWORA) und “Temporary Assistance to Needy Families“ (TANF) führten wie angestrebt zu einem deutlichen Rückgang der Kinderarmut und zu einem Rückgang der Zahl der sozial benachteiligten unverheirateten Mütter. Und vor allem verhinderten die Sozialreformen des Jahres 1996, dass weiterhin in großem Umfang eine hohe Kinderzahl als Quelle von Einkommen durch Sozialhilfe ausgenutzt wurde.

2. Irrtum: Der zweite große Mangel der deutschen Migrationsdebatte besteht darin, dass systematisch die Politik der Herkunftsländer vernachlässigt wird. Die Regierungen der Türkei, Lybiens und Syriens hatten und haben ein Interesse daran, bestimmte Bevölkerungsschichten loszuwerden. Das haben insbesondere die Wissenschaftler Stefan Luft und Ralph Ghadban herausgearbeitet. Diese Staaten kommen so um die Notwendigkeit herum, selbst funktionierende Sozialsysteme aufzubauen, und können ihre eigene Problembevölkerung in Deutschland „unterbringen“ oder „abschieben“. Darüber hinaus nutzt ein Staat wie die Türkei diese „untergebrachte“ Bevölkerung sehr geschickt als Hebel, um eigene machtpolitische Ambitionen voranzutreiben und willkommene Devisen zu erringen.

Ich meine: Hier ist unbedingt der offene Dialog mit den Regierungen der Türkei, des Libanon und Syriens zu suchen.  Grundfrage muss sein: „Warum schickt ihr eure Landsleute zu uns? Was sind eure Interessen? Warum baut ihr kein Sozialversicherungssystem auf, das dem deutschen vergleichbar ist?“

3. Irrtum: Der dritte Irrtum lautet: „Diese zugewanderten Menschen sind sozial schwach und benachteiligt.“ Dies mag vielleicht gegenüber dem deutschen Durchschnitt gelten. Gegenüber  den Bedingungen in den Herkunftsländern stellt aber eine Hartz-IV-Existenz einen bedeutenden materiellen Gewinn und auch eine im Ursprungsland unerreichbare finanzielle Sicherheit dar. Die Sogwirkung des deutschen Sozialstaates besteht ungemindert, zumal da die deutsche Sozialpolitik weiterhin einen zweiten klug bedachten, weiterführenden Umbau des Systems scheut.

Hier ist insbesondere die Axt an die mittlerweile blühende Migrations- und Sozialindustrie zu setzen. Mir hat einmal eine Berliner Sozialarbeiterin erzählt, wie sie zwei Mal versuchte, mit einem türkischen, von Sozialhilfe lebenden Vater, der hier in Berlin aufgewachsen und  zur Schule gegangen ist, über Probleme mit einem Kind zu sprechen. Es war nicht möglich. Der Vater verstand auf Deutsch nicht, worum es ging. Auf Kosten des Staates musste zu den folgenden Gesprächen ein türkischer Dolmetscher beigezogen werden. Ein Fall von tausenden! Die Sozialarbeiter, die Berater, die Bewährungshelfer, die Dolmetscher usw., die unglaubliche Vielzahl an staatlich geförderten Initiativen, Vereinen, Beratungsstellen, Therapeuten usw. haben sich zu einer üppigen steuerfinanzierten Industrie ausgewachsen, die nichts mehr fürchtet als den Fortfall ihrer „Stammkundschaft“. Folglich verstehen die Vertreter dieser Industrie nichts besser, als unablässig die Öffentlichkeit von ihrer Unverzichtbarkeit zu überzeugen.

Ich rate zur Zurückführung der staatlichen Beratungs- und Förderleistungen. Sie sind aufs Ganze gesehen eher kontraproduktiv, weil sie Hilfeempfänger heranzüchten und Selbsthilfekräfte lähmen.

Das freigewordene Geld sollte zukunftsfähig investiert werden.

(Serie wird fortgesetzt.)

Kommentar aus dem heutigen Tagesspiegel:

Die Richtung geht verloren
Es waren und sind die Enkel von Migranten aus der Türkei, die oft genug mit so schlechten Deutschkenntnissen in die Schule kommen, dass ihr Weg in die Sackgasse schon in der ersten Klasse besiegelt wird. Sie sind Opfer der Illusionen von Bewegung ohne Veränderung, die ihre Eltern meist hilflos, die religiösen und politischen Führer in der Türkei oft genug sehr machtbewusst pflegen. Ihre Richtung aber hat die moderne Migration verloren, weil die Mehrheitsgesellschaften selbst vergessen haben, dass individuelles Menschenrecht und Demokratie eine unübertreffliche Orientierung für Menschen sind, die aufbrechen, um anderswo ihr Lebensglück zu machen.

 Posted by at 16:31
März 252010
 

Interessanter Bericht heute in der Berliner Zeitung  unter dem Titel „Geschlossene Gesellschaft“. Die dort gesammelten Beobachtungen halte ich für zutreffend. Es ist tatsächlich eine selbstgezogene unsichtbare Mauer um diese arabischen Familien. Sie wollen offenkundig nicht behelligt werden. Ich habe dies selbst erlebt, als ich intensiv an der Fanny-Hensel-Schule für den gestrigen Abend zum Thema „Die neuen Deutschen“ warb. Mehr als die Hälfte unserer Kinder dort kommen aus genau diesen geschlossenen kinderreichen arabischen Familien. Deutsche, polnische und türkische Eltern aus meinem Bekanntenkreis haben ihre Kinder schon abgemeldet. Referent: Badr Mohammed, ein CDU-Politiker kurdisch-libanesischer Abstammung. Einer der ihren! Wer hätte besser über die Lage der libanesischen Einwanderer reden können als er!

Der Abend war ein großer Erfolg! Es kamen viele Deutsche, Deutsch-Türken, Muslime deutscher und türkischer Abstammung, Christen und Konfessionslose, Schulhelferinnen, Sozialarbeiterinnen, 2 Journalistinnen namhafter Berliner Tageszeitungen, sogar einige wenige Mitglieder von der CDU Friedrichshain-Kreuzberg! Toller Referent, gute Beiträge und Fragen, tolle, offene, ehrliche Diskussion um die Überlebensfragen unserer Berliner Gesellschaft.

Wer nicht kam, das waren die Menschen, die Eltern von der Fanny-Hensel-Schule. Ich hatte Dutzende von Einladungen verteilt, die Eltern direkt angequatscht, sogar den unverzeihlichen Fauxpas begangen, arabische Frauen im Schulgebäude direkt anzusprechen und sie zu einem Diskussionsabend über ihre Lage, über die Lage unserer Kinder einzuladen. Nichts zu machen. So leicht kriegt man sie nicht. Eine Mutter hat die Einladung direkt vor meinen Augen in lauter kleine Stückchen zerrisssen. Auch sonst ist kein Vater und keine Mutter von der Fanny-Hensel-Schule gekommen. Wir haben es auch bisher nicht geschafft, dass eins der Kinder unserer wiederholten Einladung zu einem Besuch gefolgt wäre. Aber einen Bogen mache ich nicht um diese Menschen. Im Gegenteil! Ich gehe direkt auf sie zu.

Wir sind ja nicht deutsche Mittelschicht, sondern Kreuzberger Unterschicht. Wir haben ja nicht mal ein Auto.

Geschlossene Gesellschaft – Berliner Zeitung
Nicht nur die deutsche Mittelschicht macht einen großen Bogen um diese Familien. „Sobald mehrere arabische Familien an einer Schule sind, melden die türkischen Familien ihre Kinder dort nicht mehr an“, sagt die Jugendstadträtin von Kreuzberg, Monika Herrmann von den Grünen. Mit all den Sozialhelfern könne man im Grunde nur die Frauen und die Kinder unterstützen. „Wir haben große Schwierigkeiten, in so einen Clan reinzukommen“, sagt sie. Die Familien würden ihre Probleme lieber allein lösen, nicht mit Hilfe des Staates. Das wiederum hänge vor allem mit ihrem Eindruck zusammen, hier nicht gewollt zu werden.

 Posted by at 21:47

„Ich kenne deine Leber“

 Deutschstunde, Türkisches  Kommentare deaktiviert für „Ich kenne deine Leber“
März 042010
 

In Kreuzberg-West sind in den letzten Monaten viele kleine Läden gestorben – darunter auch der des türkischen Gemüsehändlers um die Ecke, mit dem ich ab und zu türkische und deutsche Sprichwörter austauschte.

Beispiel: „Ich kenne deine Leber“ – was bedeutet dieses türkische Sprichwort? Antwort: „Ich kenne dich in- und auswendig.“

An die Stelle der kleinen Läden sind die großen Supermärkte getreten. Dort kann man mit dem Auto bequeme Großeinkäufe erledigen, nachdem man mit dem Auto das Kind in die Kita oder in die Grundschule gebracht hat. Platz zum Parken ist reichlich geschaffen worden.

Die deutsche Rechtschreibung sollte jeder Schulabgänger wie seine Leber kennen. Was sagt ihr, liebe Schülerinnen und Schüler, zu den Satzzeichen in folgendem amtlichem Text?

Hinweis: Sowohl nach der alten wie nach der neuen Rechtschreibung enthält die Abstimmungsfrage des Bürgerentscheides in Lichtenberg zwei, gelinde gesagt, auffällige Satzzeichen.

Zwei Mal Nein in einem Satz – Berliner Zeitung
„Stimmen Sie für das Ersuchen an das Bezirksamt, in Abänderung der bisherigen Beschlusslage, das eingeleitete Verfahren zur Aufstellung des Bebauungsplans 11-43 nicht fortzuführen, durch welches die Ansiedlung eines Globus-SB-Warenhauses an der Landsberger Allee 360/362 verhindert wird.“

 Posted by at 07:29

Gehört die Türkei zu Europas Kultur?

 Griechisches, Türkisches, Was ist europäisch?  Kommentare deaktiviert für Gehört die Türkei zu Europas Kultur?
März 022010
 

„Eis ten polin“ – von dieser griechischen Kurzformel leitet sich der moderne Name des heutigen Istanbul her – einer grandiosen Geburtsstätte dessen, was heute das ganze Europa ausmacht. Man könnte diese Stadt eigentlich metaphorisch als „eis ten Europan“ benennen, denn sie steht genau an der Grenze zwischen dem östlichen und dem westlichen Europa. Als Byzantion (Byzanz) gegründet, wurde sie im 4. Jh. n. Chr. in Konstantinopel umbenannt. Von da aus empfingen die östlichen Völker das Evangelium in griechischer Sprache – darunter alle ostslawischen Völker. Kleinasien war im 1. Jahrhundert eine der Gründungsstätten des Christentums. Die Türkei birgt den Mutterboden für die europäische Leitreligion.

Die Osmanen bevorzugten die griechische Stadtbezeichnung Konstantiye oder auch Istanbul. Auf diese und andere Zusammenhänge machte kürzlich der studierte Historiker Christan Dettmering auf dem berühmten Glashaus-Stammtisch aufmerksam.  Ohnehin sprachen große Teile der türkischen Macht- und Verwaltungselite Griechisch – ja die meisten sprachen nicht nur die damalige Weltsprache Griechisch, sondern waren selbst Griechen. Und noch bei der Gründung der modernen Türkei waren 30% der Bevölkerung Christen, ganz überwiegend Griechen und Armenier.

Ich halte die Türkei für einen Mittler- und Brückenstaat, der kulturell gesehen teilweise zum östlichen Europa gehört, wie etwa auch Griechenland, Bulgarien, Bosnien-Herzegowina, zu einem Teil aber auch zur Gemeinschaft des islamischen Kulturkreises, der vom Maghreb bis nach Indonesien reicht.

Kulturell gesehen gehört also Kleinasien, die heutige Türkei, zum östlichen Teil Europas wie etwa Griechenland und Bulgarien.  Auch wenn die 1982 verhängte, noch heute geltende Verfassung von der „ewigen unteilbaren Existenz des türkischen Volkes“ ausgeht, tun wir Europäer gut daran, die Türken nicht vor den Kopf zu stoßen: Die Osmanen mischten in der europäischen Geschichte kräftig mit,  sie waren ein Teil von ihr, ja über mehrere Jahrhunderte hinweg beherrschten sie weite Teile des östlichen Europa, darunter den ganzen Balkan. Und sie stellten sich bewusst als Nachfolger des antiken Ostrom dar. Die bosnischen Muslime sind eine seit Jahrhunderten bestehende „autochthone“ islamische Gemeinde – mitten in Europa.

Und die Nachfolger der Osmanen, das sind die Jungtürken. Sie haben einen an europäischen Staatsmodellen ausgerichteten Überbau geschaffen. Ihr Vorbild waren die damaligen, autoritär geführten Nationalstaaten des westlichen Europa, also etwa Frankreich oder auch Deutschland.

Vor jeder Überheblichkeit gegenüber „Ostrom“, also Istambul oder auch Moskau, sollten wir Spätlinge uns hüten. Vielleicht hilft dabei ein Besuch der folgenden Ausstellung:

Byzanz – Die Supermacht, die Europa vor den Arabern rettete – Kultur – Berliner Morgenpost
Byzanz, so der überwältigende Tenor, war eine Großmacht mit einer Zivilisation, der das abendländische Mittelalter das Wasser nicht reichen konnte. Ein Staat, der, rechnet man nur von der definitiven Reichsteilung nach dem Tod von Theodosius dem Großen 395 bis zum ersten Fall 1204, länger Bestand hatte, als die Neuzeit währt. Vor allem aber hätte das Abendland ohne den oströmischen Schutzschirm kaum die Chance gehabt, einmal zur Geburtstätte von Renaissance, Aufklärung und Weltherrschaft zu werden.

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