Jan. 082013
 

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Viele wunderbare Begegnungen brachte mir die Weihnachtszeit – deshalb entbiete ich den rastlosen Immen des Lorscher Bienensegens, die ich, der armselige Worte-Imker, als besinnliches Signal des Innehaltens weitgestreut unters Menschenvolk brachte, meinen tiefen Dank! „Ach wie süß – ein summender Spruch an die Bienen in althochdeutscher Sprache!“ Ja wirklich, erwidere ich: Nous sommes les abeilles de l’invisible – wir sind die Bienen des Unsichtbaren!

Ich meine: die Bienen des Lorscher Bienensegens haben uns unendlich viel zu lehren und zu sagen. Die Bedrohung der Bienenvölker, der wir uns ausgesetzt sehen, ist ein echtes Warnzeichen. Ohne Bienen überlebt ein Großteil unserer Pflanzen nicht. Schützen und hegen wir doch die Bienen! Weihnachten ist aber nicht nur ein Fest des Innehaltens selbst für die Bienen, sondern auch ein Fest der schöpferischen Weiblichkeit! Wir Männer sind zu Weihnachten und überhaupt im Christentum eher Zuschauer und Beschenkte, weniger die Macher und Macker – beginnend von der Geschichte zwischen Elisabet und Maria, bei der die Männer keine Rolle spielen.  Und so erlebte ich denn die geistliche Musik dieses Mal durchweg als bewusste Einübung der Weiblichkeit für die Seele des Mannes  – so insbesondere die großartige Arie „Bereite dich Zion“ aus dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach.

„Wir haben hier eine Geburtsvorbereitung für uns alle, besonders aber für uns Männer“, führte ich das Publikum in der Schwartzschen Villa ein. „Merkt ihr, wie sich hier die Geburt eines Menschen – die Geburt jedes Menschen – ankündigt?“ Und dann vertraute ich mich ganz der herrlichen Führung durch die Altistin Irina Potapenko und die Pianistin Lala Isakova an. Erneut – zwei Frauen, die hier die Führung übernehmen, ein armer Obligatgeiger, dem hier die Rolle des Geburtshelfers zugedacht wird! In den kräftig zu spielenden, ja zu „stoßenden“ akkordischen Sechzehnteln der Geige enthüllte sich mir das anpochende keimende Leben des kleinen Buberls, das sich schon kräftig hüpfend bemerkbar macht und nach draußen will! Eine besondere Freude war es mir, dass im Publikum auch Andreas Zimmermann saß, der Berliner Geigenbaumeister, der mir vor 10 Jahren diese damals frisch geborene herrliche Geige anvertraute, die mittlerweile schon eine kleine Lebensgeschichte mit mir teilt.

Als Lohn  für unser fleißiges Tun erhielten wir bei einer anderen Aufführung der Bachschen Arie „Bereite dich Zion“ in der Kirche der Elisabet auf der roten Insel in Schöneberg aus den Händen des Pfarrers Dori ein großes Glas slowenischen Berghonigs, erzeugt nach der EU-Öko-Verordnung. „Das ist ja schön, genau das habe ich mir gewünscht, ich danke dir!“, rief ich aus. Und danach zog ich aus der roten Ortlieb-Fahrradtasche meinen zweisprachigen Weihnachtswunsch hervor und überreichte dem Pfarrer der slowenischen Gemeinde meine grob tastende Übersetzung des Lorscher Bienensegens und führte als Begründung an: „Denn der Mensch lebt nicht von wildem Honig allein, sondern auch von der Gemeinschaft im Wort!“ Gemeinschaft im Wort? Aber das ist Johannes!

Wenn ich an all diese Begegnungen zurückdenke, muss ich sagen:

Danke danke bina!

Bild: Der wilde slowenische Berghonig aus der Kirche der Elisabet in Schöneberg

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Jan. 062013
 

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„Wann ist in Ihren Augen jemand integriert, der aus einem anderen Land nach Berlin zieht?“

Monika Lüke: „Wenn er nicht diskriminiert wird, wenn er respektiert wird, Chancengleichheit erlebt und wenn er auch politisch mitbestimmen kann.“

So die aufschlussreiche Antwort der westfälischstämmigen Deutschen Monika Lüke, der Integrationsbeauftragten des Berliner Senats, in der Morgenpost von heute. Es ist leicht zu erkennen: Alle vier genannten Bedingungen sind etwas, was die aufnehmende Gesellschaft zu erbringen hat.  Denn eine etwaige Diskriminierung erfolgt durch die Mehrheitsgesellschaft, Respekt gegenüber den Zuwanderern müssen die Einheimischen aufbringen, Chancengleichheit und Mitbestimmung ist ebenfalls eine Leistung, die die bestehende Gesellschaft erbringen muss – etwa durch die Zuerkennung des kommunalen Wahlrechts für Ausländer ohne Wenn und Aber.

Der Einwandernde braucht nach dieser Meinung keine Leistung zu erbringen. Integration ist nicht auch eine Bringschuld, wie Monika Lüke sogar ausdrücklich feststellt, sondern etwas, was dem zu integrierenden Menschen als Holschuld zusteht:

„Wie muss die Integrationsarbeit der Betroffenen selbst aussehen? Gibt es eine „Bringschuld“ der Migranten?„

Monika Lüke: „Nein. Aber wer an der Gesellschaft teilhaben will, muss natürlich auch aus der Begrenztheit der Familie heraustreten und offen sein für sein Umfeld. Ich erinnere mich, als ich in Kambodscha gearbeitet habe, hatte ich auch keine Lust, wie dort üblich, um fünf schon zu Abend zu essen oder als Frau keine Zigaretten mehr zu rauchen. Natürlich habe ich mich aber an die Lebensweise angepasst, bin dort ausgegangen, habe kommuniziert, wie es dort verbreitet ist – höflich und eher distanziert -, und habe mich über die Gegebenheiten vor Ort informiert.“

Eine bündige, knappe Antwort, für die wir dankbar sein müssen! Für ein Scheitern der Integration trägt die deutsche Gesellschaft Verantwortung. Sie muss sich selbst mehr ins Zeug legen. Sie tut nicht genug.

Wie sieht es in anderen Ländern, etwa in den USA aus? Wann ist man integriert? Hierfür gibt die ebenfalls westfälischstämmige Deutsche Lamya Kaddor eine anderslautende, von Monika Lüke deutlich abweichende Antwort:

„Man ist dann integriert, wenn man drei Voraussetzungen erfüllt: wenn man erstens für die grundlegenden Werte der Freiheit, der Gleichheit und des Eigentums einsteht, wenn man zweitens seinen eigenen Lebensunterhalt verdient und wenn man drittens so viel Englisch beherrscht, dass man sich verständigen kann.“

Dieses Einstehen für die Grundwerte der aufnehmenden Gesellschaft, die wirtschaftliche Selbständigkeit und die Kenntnis der Landessprache sind zweifellos Leistungen, die der Einwandernde aus eigener Kraft erbringen muss. Die drei Voraussetzungen gelingender Integration sind eine Bringschuld des Einwandernden.  Selbstverständlich werden ihm auch in den USA in der einen oder anderen Form Diskriminierungserfahrungen nicht erspart bleiben, er wird vielleicht auch angefeindet werden, aber es herrscht doch Konsens, dass jeder, der für die grundlegenden Werte der demokratischen Gesellschaft eintritt, der nicht vom Sozialamt, sondern von eigener Hände Arbeit lebt und die Landessprache einigermaßen beherrscht, als integriert anzusehen ist. WELCOME TO THE USA!

Lamya Kaddor verhehlt nicht ihre Sympathie für dieses amerikanische Konzept der Integration, die das Vertrauen ganz in den Zuwandernden setzt und alle Hindernisse für überwindbar hält. Millionen und Abermillionen von Zuwandernden haben in den USA die Grundsteine für den eigenen Erfolg selbst gelegt. In Deutschland hingegen sind Hunderttausende und Hunderttausende ohne jede eigene Anstrengung zu bescheidenem Wohlstand und gesichertem Lebensunterhalt für sich und ihre Angehörigen gelangt und tun dies Tag für Tag weiterhin.

Welche der beiden Westfälinnen hat nun Recht? Muss die aufnehmende Gesellschaft alle wesentlichen Leistungen erbringen, wie es Monika Lüke behauptet – oder kommt es vor allem auf die Zuwandernden an, wie es Lamya Kaddor zu recht an den USA lobt?

Ich selbst verhehle nicht, dass mir Lamya Kaddors Position besser gefällt als die Monika Lükes – zumal ich ja selbst in Berlin bloß ein bayrisch-schwäbischstämmiger Zuwanderer bin und entsprechend kindlicher Prägung größten Wert auf unser schwäbisches „Schaffa Schaffa“ lege. Zu Hochdeutsch: Arbeite und arbeite!

Es stört mich zunehmend und stört mich wirklich ganz ungemein, dass im verwöhnten Bundesland Berlin stets der üppig von anderen Bundesländern bezuschusste Staat, „die Gesellschaft“, „die Politik“, der Senat für alle Leistungen in Haft genommen werden, die letztlich eine Frucht der Anstrengung des einzelnen sind:

1) Persönliches Eintreten für die Werte des deutschen Grundgesetzes: Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit aller Menschen, Gesetzestreue, Rechtsstaatlichkeit, Gleichberechtigung von Mann und Weib, Ablehnung der muslimischen Mehrfrauenehe

2) Streben nach eigenem Verdienst und nach eigenem Besitz durch anständige Arbeit

3) Erlernen der deutschen Landessprache

Das sind meiner Meinung die wesentlichen Voraussetzungen, um in diesem Land als integriert zu gelten. Das sollten wir verlangen und erwarten. Wer diese drei Voraussetzungen  konsequent ablehnt, wie es leider immer noch viel zu viele Menschen tun, dem ist noch durch die beste Integrationsbeauftragte nicht zu helfen.

Ganz wichtig: Es laufen seit Jahren starke Bemühungen, Zug um Zug inselartig geschlossene Volksgruppen im chaotischen Meer der Bundesrepublik Deutschland zu errichten. Der Nationalismus in den Zuwanderer-Gemeinden ist deutlich auf dem Vormarsch. Hinter dem neuen Schlagwort „Partizipation statt Integration“ verbirgt sich der neuerdings immer deutlicher vorgetragene Anspruch auf Konstitution einer eigenständigen nationalen Minderheit, deren Interessen durch die Herkunftsstaaten – insbesondere  Türkei und Polen – wahrgenommen werden. Wollen wir Deutsche diese Volksgruppenkonzepte nach dem Modell der Sowjetunion, Belgiens oder des Osmanischen Reiches wirklich – oder wollen wir die Integration, die Abschleifung und Vermischung der Herkunftsländer in einer gemeinsamen Gesellschaft mit einer einheitlichen deutschen Staatsbürgerschaft?

Mein Urteil lautet: Punkt, Satz und Sieg in dieser Partie für die mutige, unerschrockene Lamya Kaddor. Bei Monika Lüke sehe ich Nachholbedarf. Sie muss meines Erachtens wegkommen von den Einflüsterungen und der trommelfeuerartig wiederholten Propaganda der durch die jeweiligen Staaten üppig bezuschussten Migrantenverbände vor allem türkischer Provenienz, weg von den gelehrten soziologischen und politologischen Theorien und sich auf die Straße wagen, in die Schulen, in die Gefängnisse, in die Kneipen, die Kitas und Krankenhäuser. Wie schaut es da aus? Was erzählen die MÜTTER und VÄTER, was erzählen die TÖCHTER und SÖHNE, was erzählen die LEHRERINNEN und LEHRER?

Was erzählen die Menschen?

Auf zu den Menschen!

Hepimiz insaniz – hepimiz meleziz!

Quellen:
Lamya Kaddor: Muslimisch – weiblich – deutsch. Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam. Verlag C. H. Beck. München 2010, S. 106
http://www.mobil.morgenpost.de/printarchiv/berlin/article112422393/Wer-teilhaben-will-muss-offen-sein.html

Foto: Blick in die Maximilianstraße in der Hauptstadt von Bayrisch-Schwaben, in Augsburg, umgangssprachlich auch „Datschiburg“ genannt. Augsburg hat den vierthöchsten „Migranten“-Anteil aller deutschen Städte – weit vor Berlin – und eine viermal niedrigere Arbeitslosigkeit als Berlin. In Datschiburg sagt man „Zwetschgendatschi“ und nicht Pflaumenkuchen, „Semmel“ und nicht Schrippe. Aufnahme vom 03.01.2013

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Jan. 052013
 

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„Wir sind alle Mischlinge“ / hepimiz meleziz / diesen klugen Wahlspruch entnehme ich meinem gegenwärtigen Lesestoff, nämlich dem großartig-fesselnden Buch „Muslim Nationalism and the New Turks“ von Jenny White. Demonstranten hielten ihn 2008 hoch, um damit auszudrücken, dass auch Armenier, auch Kurden, auch Christen, auch Juden zur türkischen Nation gehören möchten und sich doch allzuoft zurückgewiesen fühlen, solange Nation nur durch die blutmäßige Abstammung oder durch die staatsprägende Religion definiert wird.

In der Tat, das Sich-Absperren gegenüber dem andersartigen Fremden, gegenüber dem Wandel führt allzu leicht in Erstarrung und Feindseligkeit. Angesichts der Ablehnung von unerwünschten Zuzüglern wie uns Schwaben dürfen wir schon daran erinnern: Auch wir Schwaben gehören zur deutschen Nation, wir Schwaben wollen ein Bestandteil der Berliner Stadtgesellschaft werden, durch Schaffen und Handeln wollen wir beweisen, dass wir es gut mit Berlin und den Berlinern meinen. Wir wollen nicht zu Unerwünschten erklärt werden.

Als 2- oder 3-jähriger Bub verlor Wolfgang Thierse, verlor seine Familie die Heimat. Das hinterlässt in der Seele jedes Menschen tiefe Verletzungen. Ein heimatvertriebener Schlesier wie Wolfgang Thierse könnte sich vor Augen halten, dass 1945 auch er und seine gesamte Familie wie Millionen andere Deutsche zu unerwünschten Menschen erklärt und aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Sie waren plötzlich fehl am Platze.  Ihre Leiden, die tiefen Traumata, die jeder Vertriebene lebenslang mit sich herumtragen muss, interessieren heute kaum mehr jemanden. Das haben mir jüdische, russische, polnische, deutsche, armenische Heimatvertriebene immer wieder erzählt. Das Thema der gewaltsamen Vertreibungen gilt in Deutschland, Polen und Tschechien als unerwünschtes Thema.  „Hier gehen wir jetzt nicht mehr fort“, „das ist aber jetzt endgültig unsere Heimat, die lassen wir uns nicht mehr nehmen“, „hier tragt ihr mich nur noch mit den Füßen voran hinaus“, „ich bin hier der letzte Heimatverbliebene“ … das sind ganz typische Sätze, wie ich sie von Heimatvertriebenen immer wieder gehört habe. Oft sprach ich mit deutschen Heimatvertriebenen aus Kasachstan, denen es besonders schmerzhaft war, wenn sie hier in Deutschland als Russen abgewiesen wurden – nachdem sie in den 30-er Jahren als Verräter abgestempelt und deportiert worden waren. Auch bei den Tscherkessen in der Türkei kann man diese Haltung des „Das ist jetzt unsere Heimat, hier gehen wir nicht mehr fort“ immer wieder finden.

Insofern bitte ich auch herzlich um ein wenig Verständnis für Wolfgang Thierse, der offenkundig mit persönlichen Überfremdungsängsten nicht zurande kommt. Er hat sich gehen lassen, er hat aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Und dafür, für dieses offene Eingeständnis eigener tiefsitzender Ängste sollten wir ihm dankbar sein. Die Überfremdungsängste und das Festklammern an der reinen, unverfälschten Prenzlauer-Berg-Heimat  kann ich mir nur mit dem unbewältigten frühkindlichen Verlust der schlesischen Heimat erklären. Aber Überfremdungsängste sind nichts Böses, Angst als solche ist nichts Böses! Doch sollten wir ihrer Herr werden. Ich selbst habe selbstverständlich auch schon mal Überfremdungsängste gespürt – und zwar als ich bei Versammlungen in der Schule feststellte, dass ich der einzige deutschsprachige Vater war, während rings um mich herum munter Arabisch, Kurdisch und Türkisch geschwätzt wurde. „Ich bin hier an dieser Kreuzberger Grundschule offenbar der letzte verbleibende Vater mit deutscher Muttersprache, die kurdischen und türkischen Mütter sollen nach so vielen Jahrzehnten in Berlin endlich mal Deutsch lernen, wir sind schließlich hier in Deutschland“ — schoss es mir durch den Kopf. Ich tat den kurdischen, türkischen und arabischen Müttern in Gedanken Unrecht, wie sich später auf schrecklichste Weise bewahrheiten sollte.

Reinheit, unverfälscht-unschuldige Natur, unbeschmutzte jungfräuliche Heimat gibt es nicht! Sie ist ein Traumgespinst, dem linke und rechte Romantiker, Ökofundis, Nationalisten jeder Couleur, die Pankower Gentrifizierungsgegner und die Kreuzberger Heimatschützer vergeblich nachjagen. Wir Schwaben sind nach Berlin gekommen, um hier zu arbeiten, Steuern zu zahlen, zu leiden und zu freuen uns – so wie alle anderen Menschen auch. Dafür erwarten wir keine Nächstenliebe, aber doch Toleranz, Duldung und Nachsicht bei den alteingesessenen Pankowern, Kreuzbergern, Charlottenburgern. Öffnung des Herzens, Öffnung der Ohren für das Fremde ist gefragt.

„Effata – apriti – öffne dich!“ diesen von Taubheit des Herzens heilenden, 2 Jahrtausende alten aramäischen Spruch möchte man all jenen entgegenrufen, die sich vergeblich an Reinheitsmythen festhalten und dem Fremden den Weg zum Brot oder Brötchen versperren.

Quellen:

Jenny White: Muslim Nationalism and the New Turks. Princeton University Press, Princeton 2013, Figure 5.1, Kindle-Ausgabe, Pos. 2651
Il Vangelo secondo Marco 7,34
Bild: Brötchenangebot in Kreuzberg, NP, am heutigen Tage: „Gouda Royalbrötchen 0,49“

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Jan. 022013
 

Viele Male durfte der arme Fährmann Silvesterfeiern beiwohnen: das eine Mal mit einigen hochbetagten Freundinnen in Kreuzberg, das ander Mal mit einigen jungen Freunden und Freundinnen in anderen Städten.

Das eine Mal saßen wir Seit an Seit und sangen die alten Lieder, welche bis noch  vor etwa 30 Jahren verlässlicher Gemeinbesitz aller Deutschen gewesen waren: Heinrich Heines heute bei den Jüngeren vergessenes Ich weiß nicht was soll es bedeuten, Muss i denn muss i denn zum Städtele hinaus, In einem kühlen Grunde, Am Brunnen vor dem Tore und einige Dutzende andere Lieder, die alle schon über 100 oder auch 200 Jahre auf dem Buckel haben.   Selbst bei den geistig Armen, den „Dementen“, wie sie heute von den Experten genannt werden, kommen durch das Singen und Mitsingen, das stumme Erinnern und das leise Mitsummen die Lebensfreude und die Wärme in die Augen zurück.  Ich mischte meinen vergleichsweise jugendlichen Bariton laut und vernehmlich unter die Stimmen der Soprane und Altistinnen.

Die etwa 200 oder 300 volkstümlichen, gemeinsam zu singenden Lieder, die mündlich weitergegebenen, später von den Brüdern Grimm gesammelten Märchen, die von Stammvater Abraham sich herleitenden Ein-Gott-Religionen mit ihren prägenden Bildern, Lehren und Gleichnissen, die Bibel, vor allem aber die deutsche Sprache in ihren mannigfachen Dialekten – diese wenigen, jedoch durchaus konkret zu benennenden Gegebenheiten waren es im Grunde, was die Deutschen jenseits aller staatlichen Grenzen seit etwa 1600 kulturell zusammenhielt. Gewisse sittliche Gebote wie etwa „Du sollst nicht stehlen, lügen, töten“, „Ehre Vater und Mutter“ wurden trotz mannigfacher Verletzungen nie grundlegend in Zweifel gezogen. Dies galt unabhängig von landsmannschaftlicher Zugehörigkeit, vom Grad der Bildung, von politischer Richtung, von der staatlichen Verfasstheit der jeweiligen Staaten, in denen die Deutschen siedelten.

Nichts davon ist heute mehr selbstverständlich. Es gibt heute keine gemeinsamen Lieder mehr, die die Menschen mehrerer Generationen singen könnten, wenn sie zusammentreffen. Weder die deutsche Sprache bzw. die deutschen Dialekte noch die Religion oder der Erzählungsschatz der Bibel noch die Grimmschen Märchen gelten heute als einigendes Band aller Menschen, die in Deutschland leben. Es fehlt ein gewisser kultureller Grundkanon, es fehlt ein gewisser Grundkonsens in unserer Gesellschaft.  Die Vielzahl an Scheidungen, Trennungen, das bewusste Fördern und Fordern der Versingelung – etwa durch die Stadtplanung und durch das Sozialsystem – lockern zusätzlich das intergenerationelle Band. Die Familie, die lebenslange wechselseitige Verantwortung zwischen Eltern und Kindern wird heute in der Bundesrepublik Deutschland als Grundgerüst der Gesellschaft nicht mehr anerkannt.

Am ehesten kommt heute wohl der Volkswirtschaft, dem Geld, der Politik und dem Sozialsystem der Bundesrepublik Deutschland diese Rolle des einigenden Bandes zu. Fast alle Indikatoren für den gesellschaftlichen Zusammenhalt werden heute der Sphäre der Ökonomie entlehnt. Alle Deutschen sowie alle in Deutschland lebenden Menschen scheinen sich selbst von der Geburt bis zum Grab als Anspruchsberechtigte heute gegenüber der Wirtschaft,  gegenüber dem großen Versorger und Allerhalter, dem deutschen Sozialstaat zu sehen. Die Politik befördert diese Grundhaltung des Geber-Staates. Soziale Sicherheit, „Solidarität“ durch den Staat wird von nahezu allen Parteien mehr oder minder überzeugend versprochen und in Ansprachen feierlich beschworen.

Die kulturelle Zusammengehörigkeit der Menschen wird heute jenseits der monetären Rückversicherung durch den Staat eher durch die Massenmedien und durch den Kult der Stars gestiftet. Alle schauen beispielsweise gebannt einen spannenden Rückblick auf das erfolgreiche Leben und Schaffen von Michael Jackson, dem Mann mit dem unwiderstehlichen Bewegungen, diesem großartigen Einsamen an. Kinder, Jugendliche  und Erwachsene finden im andächtigen Lauschen und Schauen, im gebannten Starren auf die Mattscheibe, zusammen. Im stillen Hocken und Sitzen stellt sich eine Art kulturelle Gemeinschaft her. Für alle Kinder stehen in den Haushalten elektronische Gerätschaften zur individuellen Freizeitgestaltung bereit. Die neuesten Songs werden von den Kindern und Jugendlichen in einem halblauten Stammeln mitvollzogen – selbstverständlich in englischer Sprache.

Ähnliche Funktionen erfüllt der Sport, erfüllen das gemeinsame Fahren und Dahinbrausen auf der Autobahn. Die großen, massiv gebündelten Daten- und Medienströme, das breite Betonband der Autobahn scheinen heute neben dem allgütigen Versorgerstaat den kulturellen Kitt der Gesellschaft zu bilden. Die Kinder und Jugendlichen werden oft schon recht früh in dieses System der medial vernetzten Determinanten eingegliedert.

Bild aufgenommen auf der Wilhelmstraße in Kreuzberg heute

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Wo käuft dr schwob sei weckli?, oder: deutsch-deutsche Dolmetscher gesucht!

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Dez. 312012
 

Eine gute Silvester-Idee wäre es, die verschiedenen Dialekte, die neuerdings zum Leidwesen der alteingesessenen Bevölkerung in Prenzlauer Berg zu hören sind, abzuprüfen, und dann in einem Pfänderspiel den Sieger zu küren! Wer ist der beste deutsch-deutsche Dolmetscher?

Preisfrage: Wie heißt alemannisch Weckli auf gut Berliner Prenzlauer-Berg-Deutsch? a) Schrippe b) Brötchen c) Rundstück d) sömmi e) bömmel f) laabla g) stüütkes

a) und nur a) ist richtig! Es heißt SCHRIPPE.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article112321505/Die-Schwaben-in-Berlin-sollen-Schrippen-sagen.html

Aber jetzt kommt’s:

Woher stammt die obenstehend unter d) angeführte Bezeichnung sömmi? Aus a) dem Bairischen, b) dem Lateinischen oder c) dem Assyrischen? Nun merket auf und ratet fein:

„A guad sömmi is außn resch und inna woach.  Des schlimmst is wenns bazig is. Des mog i fei neda.“

So habe ich es selbst noch in der Muttersprache meiner Mutter gehört. Ist diese zitierte Muttersprache a) Bairisch b) Lateinisch oder c) Assyrisch?

Handreichung: simila heißt Weizenmehl auf lateinisch, samidu heißt auf assyrisch Weißmehl.

Sömmi stammt offenbar a) aus dem Assyrischen, b) dem Lateinischen und c) dem Bairischen.

Daraus ergibt sich sich: Die Baiern wohnen dem Ursprung der Menschheit am nächsten, da die heutige Kultur des Abendlandes (einschließlich Prenzlauer Bergs)  und des Morgenlandes ursprünglich aus dem Zweistromland kommt.

 

Handreichung:

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Trifft ein Neuköllner Kutscher einen Kreuzberger Fährmann …

 Rumi, Weihnacht  Kommentare deaktiviert für Trifft ein Neuköllner Kutscher einen Kreuzberger Fährmann …
Dez. 242012
 

Mit einem Neuköllner Droschkenkutscher sprach ich über Weihnachten: „Für uns Muslime ist Weihnachten im wesentlichen nichts anderes als nur das Geburtsfest von Jesus, den wir als Propheten anerkennen. In Antalya, wo meine Eltern herkommen, feiern übrigens manche muslimische Gemeinden zwar dieses Isa-Geburts-Fest, indem sie Kindern und Armen Geschenke geben. Aber den ganzen säkularen Kommerzrummel, den machen wir nicht mit.“

„Da habt ihr völlig recht“, erwiderte ich. „Für mich ist Weihnachten im wesentlichen nichts anderes als das Geburtsfest von Jesus – und darüber hinaus auch ein großes Fest der Gemeinschaft im Wort und auch der Familienzusammenführung, wie halt in Deutschland der Brauch ist. Dem ganzen säkularen  Kommerzrummel kann und will ich mich nicht entziehen. Ich anerkenne und ehre übrigens sehr euren Celaleddin Rumi, der in Konya wirkte. Dieser Mevlana sagte: Jeder von uns hat wie Maria (Meryem) seinen Jesus (Isa) zu gebären. Das ist schmerzhaft. Wachstum bereitet Schmerzen. Aber danach kann die Freude groß sein. Auch für Männer ist der Geburtsschmerz über die Vermittlung des Wortes nachfühlbar.“ 

So viel Einigkeit zwischen einem schlichten Neuköllner Kutscher und einem armen Kreuzberger Zigeuner-Fährmann des Wortes!

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Dem inneren Kind Raum geben – sich berühren lassen

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Dez. 242012
 

Dem inneren Kind Raum geben – so raten es moderne Psychotherapeuten immer wieder.

„Ab wann spürtet ihr die Schwangerschaft? Ab wann hattet ihr das Gefühl, dass da ein eigenes Wesen in euch wohnt?“

So fragen wir einige Mütter – da wir als Männer es nicht am eigenen Leibe erfahren werden, sondern es nur über das Wort mitgeteilt erhalten.

„Im Rückblick – sofort. Es war was andres in mein Leben getreten.“ „Es hat mich gestört, Tags und Nachts!“ „Er hat mich gestoßen zu den unmöglichsten Zeiten.“ „Das Kind hat mir viel abverlangt – von Anfang an. Es hat mich verändert, vom ersten Tag der Schwangerschaft an.“

Ihr seht, von süßer Romantik, von den Freuden der Mutterschaft ist hier keine Rede.  Schwangerschaft – so erzählen Frauen – ist oft mit unangenehmen Einschränkungen, mit Schmerzen und ungeahnten Zuständen teils angenehmer, häufiger auch unangenehmer Art verbunden. Sie ist eine grobe Beeinträchtigung der Selbständigkeit.

„Da meldet sich sprunghaft einer, den ich vorher nicht kannte und den ich nicht eingeladen habe. Und der bringt mein Leben durcheinander.“

ὡς ἤκουσεν τὸν ἀσπασμὸν τῆς Μαρίας ἡ Ἐλισάβετ, ἐσκίρτησεν τὸ βρέφος ἐν τῇ κοιλίᾳ αὐτῆς – so schreibt es ein damals recht bekannter griechischer Arzt in seiner vorgeburtlichen Lebensgeschichte eines Kindes. Wir übersetzen den Befund des Arztes philologisch korrekt in Mediziner-Deutsch: „Als Elisabet den Gruß Marias hörte, sprang der Embryo in ihrer Gebärmutter auf„, oder, geglättet: In dem Augenblick, als sie den Gruß hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib.

Der kleine unscheinbare Mensch, to brefos, das Buberl, wie wir auf Bairisch sagen dürfen, reagiert schon auf die Stimme der Frau. Der Embryo interagiert mit der Mutter und mit dem sozialen Umfeld. Er schafft sich Raum – sofern ihm dieser Raum gegeben wird. Er greift in das Geschehen ein.

Ein dürrer körperlicher Sachverhalt wird durch Stimme und Wort ausgelöst. Die Stimme des griechischen Erzählers klingt heute noch nach. Etwas durch und durch Leibliches wird für Menschen – nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer – zugänglich im Wort. Das Wort, der Klang der Stimme der Elisabet stiftet über die Stimme des Erzählers Lukas die Gemeinschaft der Hörenden.

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Dez. 212012
 

„Mit  der Jesus-Geburt kann ich nichts anfangen!“ Das hört man landauf landab. Ist es also möglich, Weihnachten sinnvoll ganz ohne Jesus zu feiern oder es irgendwie zu umgehen? Ich meine – durchaus! Hierzu einige Handreichungen:

1. Ein bis heute besonders erfolgreicher Versuch der Überwindung des Weihnachtsfestes wurde in der Sowjetunion unternommen: das Weihnachtsfest wurde durch die Kommunistische Partei nach und nach völlig aus dem öffentlichen Bewusstsein zurückgedrängt. Stattdessen wurde das Neujahrsfest (im christlichen Festkalender ursprünglich das „Fest der Beschneidung des Herrn“, zu feiern sieben Tage nach dem Geburtsfest) als legitimer Nachfahr und Ersatz des Weihnachtsfestes errichtet und hat diese Rolle bis heute behalten. Der nordische Julbaum („Julka“)  hat in Russland keinerlei Bezug zum Christentum mehr und wird als Gnade des gütigen Staates überall gefeiert und gepriesen.

2.  In Deutschland wurde von 1933-1945 – ebenfalls durch den Staat – das Weihnachtsfest nicht abgeschafft, aber konsequent umgedeutet als „Lichtfest“, „völkische Weihnacht“, „Sonnwendfeier“, „Julfeier“. Der Christbaum heißt jetzt Jultanne (russisch Julka). Insgesamt eine Art natürwüchsig-rauschhaftes Wald-Feld-und-Flur-Weihnachten, ein Öko-Weihnachten, könnte man heute sagen. Beispiel, das ich kürzlich las: „Der alte Hof“, eine Erzählung von Johann von Leers aus dem Jahr 1940. Der Vater eröffnet dem Sohn wenige Tage vor Weihnachten, dass der Bauernhof heillos überschuldet ist. Das internationale Finanzkapital, der Kapitalismus des entfesselten Marktes hat die Bauern systematisch in die Kreditklemme getrieben. Gegen die gierigen Kapitalisten, die ruchlosen Immobilienhaie und andere Brut hilft nur der neue Heiland, der völkische Führer, der die Bauern und die Arbeiter aus dem Griff des Finanzkapitals und der Immobilienspekulation erlösen wird.  Und so geschieht es auch.

3. Das christliche Weihnachten ist eigentlich ein Fest, in dem endlich dem kleinen, unscheinbaren, unerwünschten, dem kommenden und ungeborenen Leben des schwachen Menschen Raum gewährt wird. Exakt eine Woche vor Weihnachten erschien 2012 eine große Studie des Instituts für Bevölkerungsforschung der Bundesregierung, aus der unwiderleglich hervorgeht, dass Kinder etwas sind, das meist nicht in die Lebensplanung passt. Kinder sind erwünscht, sofern und soweit sie das Leben der Erwachsenen nicht durcheinander bringen, sofern und soweit sie keine materiellen Einbußen mit sich bringen und sofern sie der Volkswirtschaft nicht – angesichts des demographischen Wandels dringend benötigtes – Humankapital entziehen. Kinder genießen in der Lebensplanung keine Priorität. Kinder sind – volks- und betriebswirtschaftlich betrachtet – nachrangige Güter. Beruflicher Erfolg, Planungssicherheit, Karriere sind im Bewusstsein der Menschen und überhaupt der Bevölkerung das Wichtigste, wie das Institut des deutschen Staates mit messerscharfer Objektivität und dankenswerterweise ohne jeden kritischen Unterton feststellt.

Abschaffung, Überwindung, Ersetzung, Umdeutung des Weihnachtsfestes, das waren die probaten Mittel, um die Erinnerung an die Geburt Jesu, des „neuen Königs der Jüden“, wie es in Bachs Weihnachtsoratorium heißt, nach und nach zu beseitigen.

Setzung neuer Prioritäten, Vorrang des beruflichen Erfolges des Einzelmenschen vor der Familiengründung, staatlich verbriefte Planungssicherheit, Elternwahlrecht über das Leben des Kindes, wirtschaftliche Unabhängigkeit des Single-Mannes UND der Single-Frau – das sind mit staatlichem Brief und Siegel die neuen Weichenstellungen, in deren Zeichen man getrost Weihnachten ganz ohne Jesus feiern kann. Das ist der Zug der neuen Zeit! „Mit uns zieht die neue Zeit“, so klang und sang es unter der Jultanne.

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Sizi sizi bina!

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Dez. 202012
 

Beim Umherschweifen in den reichen Beständen der Vatikanischen Bibliothek heftete sich mein Blick im Codex palatinus latinus 220, auf Seite 58 recto an ein rätselhaft anmutendes Gebild:

bienensegen.jpg

So lässt es sich ausschreiben:

kirst imbi ist hucze nu fliuc du vihu mina hera
fridu frono in munt godes gisunt heim zi comonne
Sizi sizi bina inbit dir sctê Maria hurolob ni habe du zi holce
ni fluc du noh du mir nindrinnes noh du mir nintuuin
nest sizi vilu stillo uuirki godes uuillon

Was mochte dies bedeuten? Sogleich erkannte ich, dass es sich um einen deutschen Text handeln musste, sicherlich vor dem 11. Jahrhundert entstanden. Ein Schreiber hatte ihn eigenwillig am Fuße eines lateinischen Texts eingetragen, wobei er den Rand kopfüber beschrieb. Und so lege ich mir das in unserer heutigen Sprache zurecht:

 

kirst imme ist haußen nun flieg du mein getier her
mit friede des herrn in obhut gottes gesund heimzukommen
sitz sitz Biene gebot dir Sancta Maria Erlaubnis habe du nicht zum Wald
nicht flieg du weder entrinnest du mir noch du mir entwisch
est sitz ganz still wirke Gottes Willen

 

Mit kirst könnte Jesus Christus gemeint sein, doch ist dies nicht sicher.  Vor uns liegt ein früher, tastender Versuch, durch Einklang und Reimklang der Sprache die Gemeinschaft im Wort zu bewirken. 

Mit für uns kaum mehr eindeutig einzuholenden Mitteln versucht der unbekannte deutsche Schreiber seinen Wunsch nach Frieden mit dem Vieh und dem Wald und mit der Welt und mit Gott zu stottern und zu stammeln. Gewissheit im  Weltenwald  gibt es allerdings nicht. Aus den Versen spricht dennoch wie immer vorläufig die Zuversicht des Gelingens.

Möge uns alle zu Weihnachten 2012 und im neuen Jahr eine vergleichbare Zuversicht leiten!  Aus dem  zu Lorsch gefundenen Bienensegen können wir lernen: Sicherheit und Planungsgewissheit gibt es nicht, sehr wohl aber können wir den Willen und die Bereitschaft empfangen, nach einem Augenblick stillsitzenden Hörens tatkräftig etwas Gutes zu bewirken.

Lassen wir doch unsere  Bienen des Unsichtbaren für 2013 weder entwischen noch entrinnen!

 

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Dez. 182012
 

„Das Bild der guten Mutter verhindert, dass die Menschen in Deutschland mehr Kinder bekommen.“ So der Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung der deutschen Bundesregierung. Wir übersetzen: Wenn wir das Bild der guten Mutter nicht hätten, dann gäbe es mehr Kinder. Die gute Mutter, die für 2 oder 3 Jahre dem Wohl des Kindes Vorrang vor dem eigenen beruflichen Fortkommen einräumt, verhindert es, dass Kinder geboren werden.

In dem 2010 gedrehten Film Basilicata  Coast to Coast wird das Bild einer guten Mutter gezeigt. Auf den Schultern getragen von vier Männern, zu Fuß. Im strahlenden Sonnenschein, hoch droben im jäh zerklüfteten Hochgebirg, abgelegen, bestaunt von fünf abgehalfterten Musikern, die mit Sack und Pack, mit „einem Pferd und vier Eseln“ / „con un cavallo e quattro somari“  zu Fuß zu einem Festival tippeln, bei dem sie ihren großen Karriereschritt erwarten.

Wie so oft, treten retardierende Momente in die Handlung ein. Dass hier ein Bild der guten Mutter vorbeigetragen wird, erweist sich erneut als Hindernis im Fortgang der Handlung. Kein Wunder, dass die menschlichen,  allzumenschlichen Esel zu spät bei dem Festival von Scanzano Ionico ankommen. Sie haben sich ablenken lassen und haben sich verirrt. Das Bild der guten Mutter bedeutet gewissermaßen den Karriereknick der guten Musiker!

Kommentar eines Musiker-Esels zu dem Bild: „Ma – è una negra!“ Zu deutsch: „Aber – das ist ja eine Negerin!“

Im Film selbst wird gleich die Erklärung nachgeliefert: Dass die gute Mutter häufig als Negerin, also als Schwarz-Afrikanerin (wie man als guter Antirassist heute sagen muss) dargestellt wird, bedeutet, dass die gute Mutter (Miriam wie sie auf Hebräisch, Meryem wie sie auf Arabisch, Maria wie sie auf Italienisch heißt) als universale Mutter zu verstehen ist, als Brücke zwischen den Kontinenten.  Sie ist eine Brücke zwischen Orient und Okzident, aber nicht nur das: Die „Schwarze Madonna“, wie die gelehrten Kunsthistoriker diesen Bildertyp der guten Mutter Miriam/Meryem/Maria  nennen, verbindet auch Afrika, Asien und Europa. Man came out of Africa! Ähnlich wie dies etwa der gute Vater Augustinus von Hippo (heute: Souk Ahras) lehrt, der ebenfalls des öfteren als Neger dargestellt wird.

Den Film Basilicata Coast to Coast von Rocco Papaleo zeigt heute das Kino Babylon in Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz um 18.30 Uhr. Man sollte ihn ankucken.

Danach mag jeder sich fragen, ob wir heute noch das Bild der guten Mutter brauchen, oder ob es nicht endlich an der Zeit wäre, das Bild der guten Mutter ersatzlos abzuschaffen. Unsere Gesellschaft ist – kräftig unterstützt durch die Politik – seit etwa 41 Jahren eifrigst damit beschäftigt, dies zu tun.

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Die Prio 1: Planungssicherheit, Selbständigkeit, beruflicher Erfolg

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Dez. 182012
 

Schöner Clip vom Weihnachtsmarkt: Ein erfolgreiches kinderloses Paar auf dem Weihnachtsmarkt, beide Akademiker, sie Anfang 30, er Ende 30, plaudert offen über das, was wichtig ist im Leben: Die Prios sind Planungssicherheit, Zweitstudium, wirtschaftliche Selbständigkeit, wie es dann auch eine bekannte erfolgreiche Sozialministerin unterstreicht.

Kuckstu ma hier:

http://www.tagesthemen.de/multimedia/video/video1232470.html

„Wir würden uns gern für Kinder entscheiden“, aber es fehlt die letzte Sicherheit, die der Staat bisher nicht bietet – trotz der etwa 180 Mrd. Euro an direkter Familienförderung.

Vergessen wir nicht:

Viele Familien mit mehreren Kindern sind von Arbeitslosigkeit betroffen!  Was dann? Eine Familie ohne Erwerbseinkommen mit vier Kindern erhält zwar eine ausreichend große Wohnung vom Staat gestellt und bezahlt, die Kinder gehen kostenlos zur Schule, die Gesundheitsversorgung steht der Familie weiterhin in vollem Umfang zu. Sie muss aber laut Hartz IV mit mageren nur etwa 2.700 Euro pro Monat auskommen. Wie soll man davon menschenwürdig leben? Wo ist da die Planungssicherheit?

DER STAAT MUSS MEHR TUN! Er MUSS PLANUNGSSICHERHEIT herstellen, damit endlich Erwachsene sich nicht gegen Kinder entscheiden müssen. So die einhellige Forderung der erfolgreichen kinderlosen Paare und der erfolgreichen Sozialministerin.

Damit auch in 100 Jahren noch Kinder unter dem Weihnachtsbaum hüpfen können. TU DOCH WAS STAAT!

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Dez. 172012
 

Eine Fülle an Daten, einen wahren Goldschatz an Daten bietet das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, nicht nur in dem heute vorgelegten Bericht (Keine) Lust auf Kinder?

Die Studie ist gar nicht hoch genug zu loben. Denn sie räumt mit der irrigen Vorstellung auf, das Kinderbekommen, die Fertilitätsrate, sei direkt oder indirekt von ökonomischen Verhältnissen abhängig. Zu recht stellt die Studie den Faktor der Einstellung ganz in den Vordergrund. Ob die Menschen Eltern werden, hängt zum allergrößten Teil davon ab, ob sie es wollen oder nicht, ob sie das Kind in ihre Lebensplanung einbauen können oder nicht. Der ökomische Status der Menschen in Deutschland hat sich im Durchschnitt seit 1991  verbessert. Von der wirtschaftlichen Unsicherheit früherer Jahrhunderte sind wir Lichtjahre entfernt.  Es liegt nicht am Geld oder am ökonomischen Unsicherheitsgefühl, wenn keine Kinder kommen.

Zweifellos bringen auch alle Versuche der Politik nichts, mithilfe von Geld oder sonstigen Statuszusicherungen die „Lust auf Kinder“ zu erhöhen.

Ob Kinder kommen oder nicht kommen, hängt vielmehr ganz vom Willen der Eltern ab. Es hängt davon ab, ob die Menschen Lust auf Kinder oder keine Lust auf Kinder haben, wie bereits aus dem Titel der empirischen Studie hervorgeht.

Der Elternwille entscheidet. Es liegt ganz im Willen der Eltern, ob Kinder kommen oder nicht kommen. Ihr, der Eltern Wille geschehe! Die Sicherung im Alter wird vertrauensvoll in die Hände der Sozialkassen gelegt, eigene Kinder sind als soziale Absicherung im Alter somit überflüssig geworden.

Kinder sind ein kontingentes Ereignis geworden, das bei Bedarf der Eltern geschehen oder auch auch entfallen kann. Ein Blick auf die Abtreibungsstatistik belegt dies schlagend. Seit 1996 weist das Institut eine leicht schwankende Kurve an Schwangerschaftsabbrüchen nach – sie liegt stets bei über 10% der Geburtenzahlen, oder auch in ganz Deutschland bei meist über 100.000 Abbrüchen pro Jahr.   In zehn Jahren werden also mehr als 1 Million Abbbrüche vorgenommen. Schwangerschaftsabbrüche sind Teil der Normalität des Kinderlebens in Deutschland, sie sind keine absolute Ausnahme, sondern eine Begleiterscheinung.

http://www.bib-demografie.de/DE/DatenundBefunde/07/Abbildungen/a_07_01_schwangerschaftsabbrueche_d_w_o_1996_2010.html?nn=3073206

In amtlicher Darstellung des Instituts der Bundesregierung wird das Kinderzeugen und Kindergebären als Frage der vorhandenen oder nichtvorhandenen Lust auf Kinder dargestellt:

(Keine) Lust auf Kinder?

Die große Kampagne „Wir haben abgetrieben“ des Jahres 1971, getragen von erfolgreichen Frauen, die glanzvoll im Scheinwerferlicht stehen,  gilt unumstritten als Meilenstein auf dem Weg zum Elternwahlrecht über das Leben des Kindes.

Angesichts dieses regierungsamtlichen Befundes – „Ob Kinder kommen, hängt ganz von Einstellung und Lust der Eltern ab“ – und angesichts der Abtreibungsquoten von konstant über 10% der Lebendgeborenen dürfen wir feststellen:

Wir alle leben und alle Kinder wachsen in Deutschland heute in dem Bewusstsein auf, dass sie ihr Dasein, ihr Leben der Lust oder Unlust der Eltern verdanken: Es besteht auch eine 10-15%-Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht hätten geboren werden können. „Ob ich geboren wurde oder nicht, hing von der Lust und der Entscheidung meiner Eltern ab. Sie hätten mich auch ablehnen können. Dann gäbe es mich eben nicht. Schön für mich, Gott sei Dank, da habe ich aber großes Glück gehabt.“

Dem Kindwerden und dem Vater- oder Mutterwerden, dem jungen, entstehenden menschlichen Leben und somit überhaupt dem menschlichen Leben wird in unserer Gesellschaft kein überragender, kein lebens- und überlebensnotwendiger Rang mehr zugesprochen. Kinder sind heute eine gesellschaftliche und private Option unter vielen, keineswegs eine Erfüllung und eine in sich ruhende Sinnsetzung des Lebens der Erwachsenen. Kinder sind heute kein Goldschatz für das Leben, sondern eine teils erfreuliche, teils hinderliche Begleiterscheinung, auf die man Lust oder nicht Lust hat.

Keine namhafte gesellschaftliche Kraft – keine Partei, keine große Zeitung, keine in die Öffentlichkeit kraftvoll hineinsprechende oder hineinschreiende Gemeinschaft, kein Sozialwissenschaftler, kein Politiker, der gewählt werden will   – diskutiert oder  beklagt diesen Zustand.

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Gemeinsam gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus!

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Dez. 172012
 

Wie heißt der einzige Staat der EU, dessen Staatsgebiet zu fast 40% vom Militär einer fremden Macht, die nicht Mitglied der EU, besetzt ist? Dies ist das Rätsel des Tages, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Es lohnt sich über diese Frage nachzudenken! Na, ist der Jeton gefallen? Richtig! Die Antwort lautet: Zypern. Insofern können wir sagen: Wir haben die Türkei schon lange in der EU stehen.

Heinz A. Richter geht heute auf S. 7 der FAZ der spannenden Frage nach, wie es zu der bis heute heillos verworrrenen Lage in Zypern kommen konnte – in einem Staat, der in zwei Volksgruppen, die Zypern-Türken und die Zypern-Griechen zerfallen ist. Richter benennt vor allem die Briten,  Kolonialmacht seit 1914, als die Hauptverursacher der verhängnisvollen Entwicklung. Während ihrer Herrschaft spielten sie die beiden Volksgruppen, die vorher gut miteinander ausgekommen waren,  gezielt gegeneinander aus und befeuerten sowohl bei den griechischen Nationalisten den Wunsch nach Vereinigung mit Griechenland (Enosis) als auch bei den Festlandstürken die massive Neuansiedlung von Türken auf der Insel. Die Türkei tat dies, um eine räumlich möglichst geschlossene, zahlenmäßig möglichst starke, kompakt siedelnde und rasch wachsende  Volksgruppe aufzubauen, die dann die Abspaltung des türkisch besiedelten Teils verlangte (Taksim).

Auf beiden Seiten behielten letztlich die Aufpeitscher die Oberhand, so dass es zu zahlreichen Gewalttaten, zu Vertreibungen, ja ab 1955 zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kam.

Die Zypernfrage ist ein Lehrbeispiel dafür, wie die Türkei die ihrem Schutz anempfohlene Volksgruppe, also die Auslandstürken, zu schützen gedenkt, wenn sie sie in Bedrängnis geraten sieht. Je mehr die Türkei nachweisen kann, dass das türkische Volk, das in anderen EU-Staaten lebt, benachteiligt, bedrängt oder angegriffen wird, desto stärker wird sie bestrebt sein, eine Berechtigung zum Eingreifen zugunsten ihrer im Ausland lebenden Staatsbürger aufzubauen. Man lese und verfolge doch die Berichterstattung über alle Verbrechen, die von Nicht-Türken an Türken in Deutschland  begangen werden – und vergleiche dies mit der Berichterstattung über die Verbrechen, die von türkischen Staatsbürgern im Ausland an Türken und an Nicht-Türken begangen werden! Man wird ein eklatantes Missverhältnis feststellen: Wenn Türken oder Muslime Verbrechensopfer werden, wird keine Gelegenheit ausgelassen, das „Gastland“ als finsteren Hort des Rassismus oder der Türkenfeindlichkeit oder der Islamfeindlichkei oder der Ausländerfeindlichkeit darzustellen. Das Motto lautet: „Das Problem in Deutschland heißt Rassismus.“ – Oder: „Die NSU-Morde sind unser 11. September.“ (Letzteres stammt von Ayman Mazyek, dem Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime in Deutschland, der selbst allerdings nicht türkischer Herkunft ist). Wenn hingegen  türkische Staatsbürger im Ausland oder türkeistämmige oder muslimische Deutsche straffällig werden – zum Beispiel bei Ehrenmorden oder Zwangsheiraten – , wird dies als „durch die Verhältnisse sozial bedingt“ beschönigt.  Die polizeiliche Kriminalstatistik wird nicht zur Kenntnis genommen, jedes statistische Argument über Häufigkeit von Kapitalverbrechen in bestimmten Volksgruppen oder in bestimmten Ländern wird beiseite gewischt.

Wie kann man darauf reagieren?

1) Den Scharfmachern und Nationalisten auf allen Seiten muss ruhig und besonnen entgegnet werden, notfalls auch mit einem Verweis auf die Fakten:  Weder sind Türken oder Muslime in Deutschland besonders oft Verbrechensopfer nichttürkischer bzw. nichtmuslimischer Täter, noch treten sie in der Statistik der Gewaltkriminalität als Unschuldslämmer hervor.

2) Das Konzept einer kompakten türkischen – oder gar einer „muslimischen“ – Volksgruppe, die durch den türkischen Staat und seine Auslandsverbände als ihren Anwalt vor den ständigen Bedrohungen durch Deutschland geschützt werden müsse, gilt es kritisch zu hinterfragen. Vieles am Gebaren der türkischen Verbände mutet separatistisch an: „Wir (Türken) haben keine Bürgerrechte in Deutschland“ – so die Haltung in der Satzung des TBB, die ich für gänzlich inakzeptabel halte – auch wenn der TBB durch das Bundesland Berlin ganz erheblich gefördert wird.

3) Wir Deutschen müsssen uns zum Modell des freiheitlichen, demokratischen Rechtsstaates bekennen, der jedem Menschen unabhängig von seiner ethnischen Herkunft volles Recht zur Entfaltung seiner Persönlicheit gewährleistet.  Humanitäres oder gar militärisches Eingreifen durch fremde Staaten – wie gegenwärtig durch die Türkei im EU-Staat Zypern – benötigen wir glücklicherweise  nicht.

4) Wir heißen jeden willkommen, der hier leben und arbeiten und die Gesetze einhalten will.

5) Ich persönlich bin allerdings strikt gegen Volksgruppenkonzepte, wie sie die Türkei zu fördern und zu fordern scheint und wie sie heute etwa auf Zypern gelten, oder früher in Jugoslawien und in der Tschechoslowakei galten.  Ich hielte es für falsch, wenn man etwa sagen wollte: so und soviel Prozent für die Niedersachsen, so und soviel Prozent für die Kurden, so und soviel Prozent für die Türken und die Schwaben und die Vorpommern und die Tscherkessen, so und soviel Prozent für die Polen, so und so viel Prozent für die Sinti und Roma  usw. usw.  Ich meine: Alle Staatsbürger der Bundesrepublik müssen weiterhin gleiche Teilhaberechte besitzen. Wir wollen keine Gesellschaft der separaten Volksgruppen.

Kämpfen wir gemeinsam gegen Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Separatismus.

Heinz A. Richter: „Die weiße Kolonie“, FAZ, 17.12.2012, S. 7

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