
„Mein Leiden, meine Klagen über das Verlorene schien sie zu beleidigen, ich vermißte jede Teilnahme, niemand verstand meine Sprache„, mit diesen Worten schildert Goethe sein Grundgefühl, das ihn 1788 bei der Rückkehr aus Italien nach Deutschland niederwarf.
„Niemand versteht mehr Goethes deutsche Sprache, nicht einmal mehr die deutschen Theaterleute, nicht einmal mehr die deutschen Schauspieler, nicht einmal mehr die Deutschen im deutschen Theater. Ich vermisse jede Lebendigkeit im Wort, es fehlt an allem, was Goethes klingende, ja oft singende Sprache ausmacht, es wird nichts mehr erzählt auf dem deutschen Theater.“ Dies ist mein Grundgefühl, das ich aus der Inszenierung von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ am vergangenen Donnerstag aus dem Haus an der Schumannstraße nachhause nahm. Ein niederschmetterndes Gefühl, das mir über viele Stunden hinweg und bis zu diesem Tage die Stimmung eintrübt.
„Ich habe nichts verstanden. Aber es war cool.“ So der vierzehnjährige Junge Ivan, der neben mir saß und mit dem ich einen zweiten Versuch unternahm, ihn am Deutschen Theater behutsam an Goethe heranzuführen, den Dichter, für den mein Herz seit Jahrzehnten schlägt wie sonst nur für wenige andere europäische Autoren.
Es fehlte im Deutschen Theater beim gesprochenen Wort an allem. Es fehlte jede Musikalität in der Sprache, jedes Gefühl für Klang und Rhythmus scheint den Schauspielern von einer unbarmherzigen Regie ausgetrieben worden zu sein. Sinnwidrig werden Sätze zerrissen, zueinandergehörige Wörter werden durch Zäsuren entkoppelt. Sie kennen offenbar die metrisch gebundene Sprache nicht mehr, die Regie weiß nichts anzufangen mit dem musikalisch klingenden, unfassbar reichen, farbenprächtigen Gewand, in das Goethe seine Iphigenie gekleidet hat. Dieser Goethe klingt wie ein schlecht einstudierter, schlecht aufgeführter Samuel Beckett. Sie, die Schauspieler, verschlucken und vernuscheln unbetonte Endsilben ohne die geringste Hemmung, viele Wörter sind akustisch unverständlich. Da lebt nichts. Alles wird erstickt in einem pastos aufgetragenen, kreidigen Grau in Grau. Jede Farbe fehlt in dieser gipsernen, zubandagierten Sprache. Nur wenn sie laut werden, wenn sie schreien, dann sind sie gut, da bricht endlich ein echter Affekt durch. Gut, bitte mehr davon!
Bei dieser Inszenierung von Goethes Iphigenie musste ich unwillkürlich an ein Streichquintett denken, das sich vorgenommen hat, ein Werk von Mozart aufzuführen, zum Beispiel das c-moll-Quintett KV 406, das ungefähr zur selben Zeit wie die Versfassung der Iphigenie entstand (1788). Die Musiker studierten die Stimmen ein. Nun kam der Regisseur und befahl: „Du Bratscher da, du machst nach jedem fünften Ton eine Pause. Lass die anderen weiterspielen! Und du da, Geiger, du unterdrückst jede schwache Zählzeit und spielst bei punktierten Notenwerten nur die erste Note. Und du, zweiter Geiger, du setzt dich mit dem Rücken zu deinen Kollegen und fiedelst auf dem Boden hockend. Und du Cellist, du streichst immer wieder deinen Bogen mit Kolophonium ein, so dass der ganze Zuhörerraum mit Staub eingenebelt wird!“ Es war klar, dass man unter solchen Bedingungen keine zumutbare Aufführung von Mozarts c-moll-Quintett zustande bringen konnte! Der Notentext war so schlechterdings nicht angemessen darzustellen. Wie sollten die Musiker darauf reagieren? Hinwerfen? Das ging nicht, denn sie wurden dafür bezahlt alles zu erdulden, alles zu erleiden, was der Regisseur ihnen befahl.
Dem Theater ist jedoch zugute zu halten, dass man sich immerhin anhand der mitlaufenden englischen Übertitel – und trotz der allzu umfangreichen Streichungen im Text – einen ungefähren Eindruck davon verschaffen konnte, was gerade auf der Bühne verhandelt ward. Aber ist dies eine sinnvolle Übung auf einer deutschen Bühne, den Text Goethes vor einem deutschsprachigen Publikum so gnadenlos zu entstellen, dass er ohne mitlaufende englische Übersetzung unverständlich bleibt?
Auch – und dies bringt mich zum nächsten Lob auf diese Inszenierung – wurde die friedhofsartig schwarz ausgezimmerte Bühne durch reichliches Auftragen eines kreidigen Pulvers in eine fahle, totenstarre Schreckenslandschaft ohne jede Farbigkeit verwandelt, was die herrlichen Harz-, Dom-, Nacht- und Kirchhofsbilder von C. D. Friedrich ins Gedächtnis rief, und so ward denn denn die beabsichtigte Mortifizierung des lebendigen Goetheschen Wortes trefflich ausgedrückt.
Goethe hat selbst im Jahr 1803 einige „Regeln für Schauspieler“ zu Papier gebracht. Nächstes Lob, denn diese Regeln haben sich die Darsteller am Deutschen Theater sehr zu Herzen genommen, begingen sie doch systematisch jeden einzelnen Fehler, den Goethe in seinen Empfehlungen bei den Schaupielern anzukreiden Anlass fand. Folgendes würde Goethe den Schaupielern erneut ankreiden: Verschlucken von unbetonten Silben („Willkomm“ statt „Willkommen“), Vernuscheln und Verhuschen von Eigennamen, sinnwidrige Zäsuren, mangelnde Empfindung für das Gemeinte und Gesagte, Fehlen der Musikalität beim Vortrag der liedhaften Stellen, Mangel an Rhythmus beim Vortrag der metrisch gebundenen Sprache usw. usw.
Sie, die Darsteller am Deutschen Theater, vertrauten offenkundig dem deutschen Wort nicht. Sie, die Schauspieler oder wohl eher der Regisseur, glaubten Goethe offenbar kein einziges Wort.
Gut, so sei es! Sie drücken damit das fundamentale, das abgründige Misstrauen der heutigen Deutschen gegenüber den besten Teilen der Überlieferung in deutscher Sprache aus. Goethe, Kant, Schiller, Lessing, Hegel, Sigmund Freud, Albert Einstein, Thomas Mann, die Gebrüder Grimm, Johann Peter Hebel, Annette von Droste-Hülshoff, um nur einige wenige zu nennen, sie alle – diese deutschen Autoren der grauen Vorzeit – werden heute zunehmend missachtet, verspottet, mit Füßen getreten. Sie werden an den deutschen Schulen, den Hochschulen, Universitäten, Schauspielschulen, Kunsthochschulen kaum oder gar nicht mehr gelesen, und sie werden auch nicht mehr verstanden. Es drängt sich der Eindruck eines echten Sprach- und Kulturverlustes auf, um nicht zu sagen: „eine unglaubliche Verrohung“, wie dies Norbert Lammert heute in der Berliner Morgenpost nennt. „Gestaltloses Deutschland“, so nannte dies Goethe 1817, und er setzte ihm verzweifelt sein „formreiches Italien“ entgegen.
Insofern ist die Inszenierung von gewissermaßen erfrischender Ehrlichkeit. Sie ist zu rühmen und zu preisen. Sie sei hiermit allen Goethefreunden wärmstens ans Herz gelegt.
Danke, deutsches Theater, dass es dich noch gibt. Danke, Goethe, dass du noch gespielt wirst. Danke, deutsche Sprache, dass es dich noch gibt.
Besprochener Theaterabend: Iphigenie auf Tauris von Johann Wolfgang Goethe. Deutsches Theater, Berlin, Aufführung vom 12. Januar 2017
Zitatnachweise:
Johann Wolfgang Goethe: „Verfolg“ [Zur Morphologie, Band I Heft 1, 1817]. Zitiert nach: Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Band 17: Naturwissenschaftliche Schriften. Zweiter Teil, S. 84-101, hier S. 84. Artemis Verlag Zürich, Deutscher Taschenbuch Verlag München 1977 [=Artemis-Gedenkausgabe 1952, unveränderter Nachdruck 1977]
„Eine unglaubliche Verrohung.“ Interview mit Bundestagspräsident Norbert Lammert. Berliner Morgenpost, 14. Januar 2017, S. 3
Bild oben: Typisch deutsch! Grauer Nebel auf der Kolonnenbrücke, Berlin, Aufnahme des Verfassers am Abend des Theaterbesuches, 12. Januar 2017


Zuversichtlich dürfen wir das neue Jahr 2017 anpacken! Ein gutes Beispiel dafür liefert die britische Volkswirtschaft des soeben abgelaufenen Jahres. Hatte das Wirtschaftswachstum dort ohnehin jahrelang schon deutlich über dem der Eurozone gelegen, so setzte es sich nun noch deutlicher von Kerneuropa, also vom wahren Europa, dem Europa des Euro ab. Deutlich mehr als 2% Wachstum des britischen BIP in 2016 – eine Ohrfeige für die „Experten“, Chefvolkswirte, Zentralbankvorstände, die mit dem Risiko einer unmittelbaren Rezession im Gefolge des Brexit-Referendums gedroht hatten. Das Gegenteil ist eingetreten. Die britische Volkswirtschaft blüht und gedeiht mehr als vor dem Brexit-Votum, während die Wirtschaft der Eurozone weiterhin hinter Großbritannien und der Weltwirtschaft dreinhumpelt und lahmt. Woran liegt das? Die Experten sind uneins oder gar ratlos.

Ein Wanderer erzählt: „Es war früh am Tag. Ich stand einsam, vorne an die Reling gelehnt, auf dem Bug eines Schiffes. Unter dem Vordersteven wogten in gleichmäßigem Takt die grünschimmernden Wellen wie die Wipfel eines Waldes, über mir spannte sich ein wolkenloser Winterhimmel. Mein Blick flog dem Geier gleich schwebend über die Gischt dahin auf die Morgenwolken zu. Der aus der unergründlichen Tiefe heraufragende Tang streifte mit leichter, fast zärtlicher Berührung den Bauch des Schiffes. Wir hielten unerschütterlich Kurs, gleichmäßig tuckerten die Motoren. Uns umgab eine unermessliche Weite, grün wie ein Fichtenwald schimmerte das Meerwasser. Vor uns lagen fruchtbare Gegenden, Täler mit satten Weiden, von denen die Sagen berichtet hatten. Im Bauch des Schiffes schlief die Besatzung. Ab und zu erklang krächzend ein Lied aus dem Lautsprecher. Die Mannschaft wünschte sich immer wieder Paolo Conte. Jeden Tag besuchte uns gegen Mittag ein Seeadler, den die Seeleute durch kleine, aus der Kombüse gereichte Fleischstückchen angefüttert hatten.“





