Was haben Jeffrey W., Andreas Baader und König Friedrich Wilhelm I. in Preußen gemeinsam?

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Feb. 172011
 

Einen unauslöschlichen Eindruck hinterließen mir gestern Theodor Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Da wir am Wochenende die Bahn nach Küstrin besteigen werden, las ich mich in dem Abschnitt über Küstrin fest, und hier fesselte mich insbesondere die Katte-Tragödie, welcher der Autor nicht weniger als 40 Seiten widmet. Kronprinz Friedrich versuchte 1730 vor dem herrischen, gewalttätigen und jähzornigen Vater, dem König Friedrich Wilhelm I., zu fliehen. Hier ein Ausschnitt der packenden Schilderungen Fontanes:

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Die Reise ging nun rheinabwärts. Am 10. war man in Bonn, am 11. in Wesel. Der »Arrestant« ward am Ufer von dem Oberstlieutenant von Borcke mit einem starken Kommando in Empfang genommen und in die Festung gebracht. Am anderen Morgen, den 12., erfolgte seine Vorführung vor den König.

»Warum habt Ihr entweichen wollen?«

»Weil Sie mich nicht wie Ihren Sohn, sondern wie einen gemeinen Sklaven behandelt haben.«

»Ihr seid nichts als ein feiger Deserteur, der keine Ehre hat.«

»Ich habe soviel Ehre wie Sie, und ich habe nichts getan, was Sie an meiner Stelle nicht auch getan hätten.«

Bei diesen Worten zog der König den Degen und wollte den Prinzen erstechen. Aber der tapfere Kommandant, Generalmajor von der Mosel, warf sich dazwischen und sagte: »Sire, durchbohren Sie mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes.«

Was war das für ein Mensch, dieser König Friedrich Wilhelm? Wie konnte es dazu kommen, dass er sich so oft an seiner Umgebung verging? Selbst ihm wohlgesonnene Schriftsteller  wie Theodor Fontane oder Jochen Klepper, die seine großen, unbestreitbaren Verdienste um die innere Festigung des Landes und die Sanierung der bei seinem Regierungsantritt heillos zerrütteten Staatsfinanzen rühmen, verfehlen nicht, seine häufigen Wutanfälle, sein rohes Treten, Schlagen und Einprügeln auf Diener, auf den Sohn, auf Offiziere und Angehörige zu erwähnen.

Als häufigste Erklärung für Rohheit, für Gewaltdelikte bei Männern wird meist Gewalt und Prügeln in der Herkunftsfamilie angegeben. Auch der jüngste, unfassbare Gewaltvorfall am U-Bahnhof Lichtenberg wirft viele Fragen auf. 4 männliche Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren haben einen Maler schwer zusammenschlagen, getreten und fast zu Tode zugerichtet. „Die Hauptursache von Gewalt unter Jugendlichen“ sieht die Präventionsbeauftragte der Polizei, Susanne Bauer, „in der häuslichen Gewalt“. So berichtet es heute die Berliner Zeitung auf S. 23. „Wer groß werde mit Schlägen in der Familie, für den gehöre Gewalt zum Leben. Dies betreffe vor allem Migrantenfamilien aus Kriegsgebieten.“

Das geschlagene Kind wird selber zum Schläger. So behaupten es immer wieder manche Psychologen, manche Sozialarbeiter und eben auch manche Präventionsbeauftragten. Die Legende von der Kriegstraumatisierung hält sich hartnäckig – auch dann, wenn die Kinder gar nicht aus Kriegsgebieten stammen, sondern aus Wedding, Lichtenberg oder Neukölln.

Ich kann dem so einfach nicht zustimmen. Denn – und hier schließt sich der Kreis zu zahlreichen anderen Einträgen dieses Blogs – die Gewaltkriminellen kommen häufig nicht aus Prügler-Familien, sondern ganz im Gegenteil aus verwöhnenden Familien. Sehr viele dieser Gewalttäter wuchsen ohne männlichen Einfluss auf, wurden verhätschelt und betüttelt. Auch die vier Gewalttäter von Lichtenberg bilden da offenbar keine Ausnahme. Lest selbst, Berliner Zeitung heute, S. 23:

Er gilt als schwieriger Schüler, so wie viele in der Schule Am Rathaus. Sie liegt in einem Kiez, wo die meisten Kinder aus zerrütteten Familienverhältnissen kommen. Jeffrey W. wird als unruhig beschrieben, von einigen auch als hyperaktiv. Lehrer bescheinigen ihm, er sei „durchaus in der Lage, Leistung zu zeigen“, etwa in Biologie und Physik. Die Mutter, die alleinerziehend ist, habe sich kooperativ gezeigt und an den Elterngesprächen und Versammlungen teilgenommen. Schulleiterin Petra Jäger sagt nur: „Für den Schüler haben wir uns alle erdenkliche Mühe gegeben, dass er seinen Hauptschulabschluss macht.“

Also: Viele Frauen geben sich alle erdenkliche Mühe um Jeffrey. Dass er von den Frauen – der Mutter, der Rektorin, den Lehrerinnen – geprügelt wird, halte ich für äußerst unwahrscheinlich. Der Vater fehlt.

Jeffrey ist kein Geprügelter. Er ist eher der Prinz, der sich alles erlauben darf.

Wie schaut’s beim echten Prinzen aus, beim jungen Friedrich Wilhelm? Er wurde ebenfalls in früher Kindheit nur von Frauen erzogen, zunächst von seiner Großmutter, anschließend von der Hugenottin Marthe de Montbail, der späteren Madame de Roucoulle. Wie war er als Junge?  Hierzu las ich gestern die große Biographie des Berliner Autors Jochen Klepper.

Der junge Prinz schlief während des Unterrichts auf der Couch, rauchte Tabak, fluchte in einem fort, lärmte mit Hunden durch die Gemächer, ging statt der Türen durch die Fenster ins Freie. Jochen Klepper notiert: „Alle Frauen, auch die eigene Stiefschwester, nannte er Huren.

Wikipedia sagt lakonisch zum Betragen des jungen Prinzen:

„Seine Mutter verwöhnte ihn. […] So vertrug er sich nur schlecht mit seinem fünf Jahre älteren Cousin und Spielgefährten, Georg August, dem späteren Georg II., König von Großbritannien, den er des öfteren verprügelte. Die beiden entwickelten aufgrund dessen eine lebenslange persönliche Feindschaft.“

Der Hohenzollernprinz zeigt also alle Anzeichen eines systematisch verwöhnten, nicht an Grenzen herangeführten Jugendlichen, der alle Merkmale eines gewalttätigen Jugendlichen unserer Tage aufweist: Jähzorn, Neigung zur Gewalt, Unbeherrschtheit, Verachtung des Weiblichen, des „Effeminierten“, wie es der junge Prinz Friedrich Wilhelm verspottete.

Von irgendwelchen Prügelexzessen seines Vaters ist nichts bekannt. Im Gegenteil!

Gerade aus verwöhnten, verhätschelten, weitgehend unter Frauen aufwachsenden Jungen werden oftmals die brutalsten Schläger und Gewalttäter – so wie etwa Jeffrey W., Friedrich Wilhelm I. oder auch der in diesem Blog mehrfach erwähnte verwöhnte RAF-Prinz Andreas Baader, über den Andreas Veiel ja gerade in diesen Minuten seinen neuen Film zeigt.

„Der Geschlagene wird selber zum Schläger“ – so einfach ist es nicht! Zum Schläger wird oft der verzogene, der launische Prinz.

Ich hatte als einfacher Kreuzberger Bürger ebenfalls Gelegenheit, den einen oder anderen wirklich schwer gewalttätigen Jungen kennenzulernen. Auch in diesen Fällen bemerkte ich stets eine alleingelassene, hoffnungslos überforderte Mutter und viele, viele wohlmeinende Frauen. Der Vater fehlt. Dieses Setting kann Gift für das Sozialverhalten unserer Prinzen werden. Die Sozialkosten dieser verwöhnenden, grenzenlos verhätschelnden Erziehung sind unermesslich hoch. Das Lichtenberger Opfer, der 30-jährige, ins Koma getretene und verprügelte Malermeister, aber ebenso auch das traurige Schicksal des Hans Hermann von Katte belegen dies zur Genüge.

Gute Präventionsarbeit scheint übrigens die Berliner Polizei zu liefern. Denn die Polizisten leisten genau das, was den Jungen fehlt: feste, durch einen erwachsenen Mann gezogene Grenzen. Nur reicht es oft nicht aus.

Quellen:

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil. Das Oderland. Barnim-Lebus. Küstrin. Die Katte-Tragödie. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1997, S. 299-339, hier: S. 302-303

Andreas Kopietz: Hätten die Schläger gestoppt werden können?, in: Berliner Zeitung, 17.02.2011

Lutz Schnedelbach: Gewalt beginnt zu Hause, in: Berliner Zeitung, 17.02.2011

Jochen Klepper: Der Vater. Roman eines Königs. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1986, insbesondere S. 16 (Erstausgabe 1937)

heute Magazin, 17.02.2011

Bild: Schloss Sans-Souci in Potsdam, aufgenommen am 28.12.2010

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Feb. 172011
 

Jeder schwäbische Hausmann weiß: KaDeWe und Edeka sind viel teurer als NP! Gemüse der Saison, also derzeit Kohl in allen Variationen, ferner Obst der Saison in großen Gebinden kaufe ich persönlich bei Niedrigpreis (siehe Foto) oder bei Aldi. Das ist genauso gut, genauso schmackhaft und genauso gesund. Nur gibt es halt nicht immer alles zu jeder Jahreszeit. Statt Joghurt gibt es oft nur Quark, auf Gebäck verzichten wir meist.

Denn ich habe als Angehöriger der „Sandwich-Generation“ kein Geld und auch keine Zeit, um mir und meiner Familie täglich im Kadewe oder bei Edeka frisches Obst, Joghurt oder Gebäck zu kaufen. Sind wir deshalb arm zu nennen? Nun, wenn man die Nase in die heutige Berliner Zeitung, S. 25, steckt – ja!  Lest die neueste Erbarme-dich-Arie (Nr. 49) aus dem Lokal- und Sozialteil:

Besuch bei einer florierenden Branche – Berliner Zeitung
Einem der gut 600 000 Hartz-IV-Betroffenen in Berlin, die oft zu wenig Geld haben, um sich und ihrer Familie täglich im Kadewe oder bei Edeka frisches Obst, Joghurt oder Gebäck zu kaufen? Muss sich einer, der vom Steuerzahler sein Arbeitslosengeld II finanziert bekommt, mit einem Apfel zufrieden geben, der schon etwas runzelig ist?

Was tun, wenn man – wie dieser arme Blogger – nie genug Geld hat, um sich und seiner Familie täglich im Kadewe oder bei Edeka frisches Obst, Joghurt oder Gebäck zu kaufen? Nun, man kann Geld sparen, indem man

a) zur Berliner Tafel geht. Allerdings braucht man dafür Zeit, die ich als arbeitender Familienvater nicht habe.

b) sich vorwiegend von Gemüse der Saison ernährt, ergänzt um reichlich Kartoffeln, ferner Obst je nach Saison und je nach Angebot in großen Gebinden kauft und Joghurt beispielsweise durch Quark (500 g) ersetzt und auf Süßwaren weitgehend verzichtet. So mache ich das. Es geht uns gut damit. Beklage ich mich? Nein.

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Deine Eltern – der unerwünschte Störfaktor in Deinem Leben

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Feb. 162011
 

Im KiKa, den wir immer wieder sehen, kommen soeben in diesen Minuten lustige Tips, wie man den Anweisungen der Eltern  entkommen kann. In aller wünschenswerten Deutlichkeit wird von KiKa dargelegt, dass die Eltern Unrecht haben, wenn sie den Computerkonsum der Kinder beschränken. Am schlimmsten – so KiKA – ist es, wenn Eltern die Kinder nach draußen in die frische Luft zum Spielen schicken.

Die Kinder, so will es KiKA, sollen versuchen, die Eltern selber zum Computerspielen zu animieren.

Merke: KiKa weiß besser, was den Kindern guttut, als die Eltern.

Die Eltern sind halt doof. Die wahren Freunde der Kinder sitzen im Fernsehen.

ZDFtivi – pur+ – Familienexperiment

Meine Meinung: Verheerend, wenn die Medien den Kindern weismachen, die Eltern seien Störfaktoren im Leben! Es wird im KiKa der Anschein erweckt, dass jedes elterliche Gebot, jedes elterliche Verbot zu hinterfragen, zu verhandeln, zu umgehen ist.

Ich verstehe jetzt mehr und mehr die türkischen und arabischen Eltern, die der deutschen Gesellschaft mit Misstrauen und Ablehnung begegnen. Was ist das für ein Familienbild, das der öffentlich-rechtliche Kinderkanal vermittelt? Sicher nicht eines, das die Türken und Araber als nachahmenswert empfinden.

So kam etwa hier in dieser Sendung die Mutter herein und befahl den Kindern, den Tisch zu decken. Die Kinder weigerten sich, der Moderator sprang ihnen zur Seite. Die Botschaft des Moderators war: „Ihr braucht Mutter nicht zu folgen. Sie hat null Ahnung.“

Das halte ich für falsch. Die Botschaft hätte meines Erachtens sein müssen: Wenn die Mutter das Tischdecken befiehlt, dann müssen die Kinder grundsätzlich folgen. Sie können natürlich bitten: „Bitte dieses Level noch Ende, Mama.“ Aber wenn Mama nein sagt, dann ist es in diesem Fall ein Nein.

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Feb. 092011
 

Ein ganz grundlegender Unterschied zwischen den türkischen und den arabischen Organisationen  ist der unterschiedliche Rang, der Werten wie der Nation oder der Verwandtschaft beigemessen wird.

Für arabische Länder scheint nicht die Nation, also etwa „Tunesien“, „Ägypten“ usw. und noch weniger das Konstrukt einer „arabischen Nation“ vorrangig zu sein, sondern die Zugehörigkeit zu weitgespannten verwandtschaftlichen Netzwerken. Die Familie, die Sippe, der Clan sind weit wichtiger als der Staat! Darauf weist heute Boualem Sansal auf S. 2 der WELT hin:

Essay: Das Problem heißt Islam – Nachrichten Print – DIE WELT – Debatte -WELT ONLINE
Die andere Lesart der aktuellen Bewegung ist, dass sie nur eine neue Episode darstellt in den Kämpfen der Clans an der Spitze des Staates. In den arabischen Ländern ist die Macht eine illegitime. Jeden Tag muss – je nach Agenda – ein neues Gleichgewicht gefunden werden zwischen den verschiedenen Clans. Meistens ist eine Einigung schnell gefunden, man teilt sich problemlos den Gewinn. Aber manchmal muss lange verhandelt werden, manchmal greift man zu den Waffen, und die effizienteste Waffe ist das Volk.

Auch im Ausland bedeutet dies: Die familialen Netzwerke sind für Araber wichtiger als der Staat. Der Staat wird als Objekt der Ausnutzung gesehen.  So beklagen Polizisten immer wieder, sie würden an der Dienstausübung in teilarabisierten Straßenzügen Weddings oder Neuköllns gehindert. Warum ist dies so? Nun, die arabischen Clans versuchen einfach ihr Territorium zu erweitern. Der deutsche Staat ist geduldet, ja sogar willkommen, solange er durch fürsorgliche Zahlungen seinen Beitrag zur Herrschaftssicherung familiärer Netzwerke leistet und diesen Herrschaftsanspruch der Clans nicht durch lästige Parkstrafzettel oder ähnliche Zumutungen in Frage stellt. So entstehen letztlich die berühmten und von manchen Politikern wie etwa unserem Bürgermeister Schulz verteidigten arabischen Parallelgesellschaften. Die arabischen Clans versuchen unablässig ihren Einflussbereich zu erweitern.

Anders bei den türkischen Organisationen! Diese zielen nicht auf Erweiterung eines familialen, sondern eines nationalen Netzwerks. Die Zugehörigkeit zur türkischen Nation soll auch im Ausland gefestigt und behauptet werden. Ein Extremfall dafür ist Zypern, wo über Jahrzehnte hinweg eine Art türkische Quasi-Staatlichkeit aufgebaut wurde, die letztlich zur Abspaltung, zur Schaffung eines neuen türkischen Staates geführt hat.

Der türkische Staat erweitert also durch seine Auslandsorganisationen auch in Deutschland den Einfluss der ewigen türkischen Nation auch jenseits seines Territoriums, während arabische Sippen darum bemüht sind, den Einflussbereich ihrer Familie zu vergrößern, und sich recht wenig um Staatszugehörigkeit scheren.

Was wäre die Alternative zum türkischen Nationalismus und zum arabischen Familialismus?

Ich meine, als dritte Alternative sollte man „Personalismus“ nennen. Im Personalismus ist die Person, also der einzelne Mensch, der Träger aller wesentlichen Rechte und Freiheiten. Weder die Nation noch die Sippe, sondern der einzelne Mensch, die Person, ist die entscheidende Größe! Von der Person, von der unverletzlichen Würde und Einzigartigkeit jedes Menschen rühren die größeren, die übergeordneten und dennoch nachrangigen Größen wie etwa die Familie, der Staat oder die Nation her.

Die Person ist vorrangig mit Rechten und Pflichten ausgestattet, der Staat dient letztlich dem Schutz und der Pflege dieser Rechte und Pflichten der Person.

In genau diesem Sinne bekenne ich mich leidenschaftlich zum „Personalismus“ – wie etwa auch das deutsche Grundgesetz dies unvergleichlich klar in Artikel 1 tut:

 

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

 Posted by at 13:10
Jan. 302011
 

Wie so viele anderen sozialen Probleme, so deute ich auch die Gewalttaten, die Sachbeschädigungen und Körperverletzungen der Autonomen als Ausfluss einer verhängnisvollen Bündelung von materieller Überversorgung und ideellem Peilungsverlust in unserer ökonomisch übersättigten, moralisch ausgehungerten bürgerlichen Jugend.

Schaut euch das Video an:

YouTube – Liebig14 verteidigen

Ihr seht und hört einen sympathischen jungen Mann, der ein recht beachtliches Bratschensolo hinlegt, dazu mannhaft-markige Sprüche von sich gibt, die in dem Schlusswort gipfeln: „Stürzen wir Berlin ins Chaos!“

Wer so gut und mit sehr guter Bogentechnik – bei gewissen Schwankungen in der Intonation – Viola spielt, muss aus reichem Hause stammen! Das Erlernen eines Streichinstruments bis zu dem hier gezeigten Grad der Spielfertigkeit setzt einen finanziellen Hintergrund voraus, der nur in gut abgesicherten Elternhäusern vorstellbar ist. Das Instrument klingt gut – es ist keine Billigbratsche!

Auch die gepflegte Sprache und der leicht rebellische Gestus des jungen Chaoten verweisen eindeutig auf die Herkunft aus der bürgerlichen Mittelschicht – der nette junge Mann könnte etwa Sohn eines Gymnasiallehrers oder Arztes in Süddeutschland sein.

Die meisten Autonomen scheinen vor allem an ihrer eigenen Herkunft aus dem wohlsituierten Bürgertum zu leiden – wie Rosa Luxemburg, Che Guevara oder Friedrich Engels auch. Sie scheinen verstecken zu wollen, dass sie nie materielle Not gelitten haben, dass sie nie für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten brauchten.

Wie können sie diese Herkunft aus den reichen, übersättigten Wohlstandsfamilien am besten vergessen lassen? Einfach: Indem sie sich mit den hypothetischen Opfern einer hypothetisch unterstellten Verarmung solidarisieren. Da es keine echten Armen mehr gibt, bildet man sich den Popanz einer neuen, prospektiv gefühlten Armut heran: der Popanz der Gentrifizierung ist geboren!

Dadurch, dass die verlorenen Söhne des Bürgertums sich bewusst als arme Proletarier ausgeben – was sie objektiv nicht sind und niemals waren – überwinden sie den Makel ihrer privilegierten Abkunft. Mit den wirklich Armen dieser Erde haben sie nichts, gar nichts gemeinsam. An den wirklich Benachteiligten unserer Gesellschaft – etwa den migrantischen Kindern, den Beamten im unteren Polizeidienst, deren Gesundheit die Autonomen bedenkenlos gefährden – zeigen sie keinerlei Interesse.

Es sind letztlich verlorene Söhne wie die Kiffer, die halbwüchsigen Drogenkuriere, wie die Intensivtäter mit ihren tiefergelegten BMWs, wie die RAF auch. „Wir waren alle verrückt, wir waren nicht zurechnungsfähig“, diesen Satz des Autors Peter Schneider über sich und die 68er-Bewegung habe ich mir gemerkt. Peter Schneider hat recht.

Es geht ihnen, den verrückten Autonomen, letztlich darum, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft zu erringen, sich abzusetzen von  ihren bürgerlichen Elternhäusern, ihren Erlebnishunger zu stillen und durch den bewusst herbeigeführten Gesetzesbruch die Auseinandersetzung mit der nie erlebten und schmerzlich vermissten elterlichen Autorität zu beginnen. Der in Kauf genommene Schädelbruch eines Polizisten, die verletzte Kniescheibe eines Journalisten sind ihnen dabei egal.

Wie sollte der Staat reagieren? Das Falscheste, was überhaupt möglich ist, hat sicherlich jahrelang die Bezirksregierung Friedrichshain-Kreuzberg unter grüner Führung getan: Sie meinte, ein politisches Anliegen fördern zu müssen, das die Autonomen mit großem Geschick und unter Täuschung der Öffentlichkeit auf ihre Fahnen schrieben. Unsere Bezirksgrünen haben immer wieder die Hand hingereicht, haben das Bethanien geöffnet, nur damit die nimmersatten Hausbesetzer eine Bleibe finden konnten.

Die gütige, quasi-elterliche Autorität des Bezirksamtes ließ sich auf die eskalierenden Wünsche der verlorenen Söhne ein, statt ihnen eine Grenze zu setzen. Die feste Grenzsetzung wäre das einzig Richtige gewesen: „Bis hierher – und keinen Zentimeter weiter!“ „Räumung? Ja, aber sofort!“ Stattdessen lässt der Staat, hier mehr schlecht als recht gespielt durch das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, mit sich Schlitten fahren. Ein Schaupiel, wie es gerade aus vaterlosen Familien mit tyrannischen Kindern bestens bekannt ist.

Genau so reagierte der Staat zunächst auch auf die Pöbeleien eines Andreas Baader mit beschwichtigenden Therapieversuchen.

Das mütterlich-fürsorgliche Entgegenkommen gegenüber den aufsässigen, verwöhnten Jungmännern ist der Kardinalfehler. Ein verheerender Fehler! Der weiche, der entgegenkommende Staat wird verachtet, wird – wie stets voraussagbar – selbst zum Gegenstand der Angriffe – etwa in Gestalt der Polizisten, etwa in Gestalt des Friedrichshain-Kreuzberger Bezirksbürgermeisters. Mit beiden, sowohl mit den Polizisten wie auch mit dem Bezirksbürgermeister erklärt sich dieser Blogger hiermit solidarisch!

Die Geister, die sie – die Entgegenkommer und Kümmerer – riefen und heranpäppelten, werden sie nun nicht los!

 Posted by at 23:23
Jan. 262011
 

„Kinderarmut“ wegen Hartz IV, spielsüchtige Väter in Neuköllner Spielhallen, „staatliche Jungenförderung“ … was brauchen Jungen, die armen Jungen wirklich? Was brauchen Kinder?

Ich meine: Die größte seelische Verarmung erleiden – insgesamt gesehen und statistisch gewertet – die Berliner Kinder, vor allem die Berliner Jungen, durch die abwesenden Väter.

Nicht materielle Armut benachteiligt die Kinder, sondern das Fehlen des guten Vaters. Die geradezu schrankenlosen Glückserwartungen, die in Berlin und in Deutschland überhaupt auf den versorgenden, den pervers-mütterlichen Staat gerichtet werden, entspringen meist dem Fehlen einer tatkräftigen Vorbildgestalt, wie sie üblicherweise der Vater ist.

Die Bestätigung liefert in aller Deutlichkeit Walter Kohl in seinem neuen Buch:

Altkanzler: Der Kampf um Helmut Kohl – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Politik
Jeder Junge wünscht sich einen Vater, mit dem er gemeinsam die Welt erkunden kann, der mit ihm zelten geht oder Fußball spielen. Jeder Junge wünscht sich einen Vater, der auch für ihn da ist.“

 Posted by at 20:19
Jan. 242011
 

04082010015.jpg Söhne berühmter Männer haben es schwer. Der Ruhm des Vaters entrückt den Vater. So muss es August von Goethe, der Sohn Goethes (sic!), erfahren haben, der mit 40 Jahren auf einer Italienreise starb. Die lateinische Grabinschrift auf dem protestantischen Friedhof in Rom lautet:

GOETHE FILIVS / PATRI / ANTEVERTENS / OBIIT / ANNOR XL / MDCCCXXX

Goethes Sohn / dem Vater / voranschreitend / starb / im 40sten Jahre / 1830

Die Arbeit am eigenen Ruhm nimmt den Vater und meist auch nebenherlaufend den Sohn gefangen – ob er nun Politiker oder Künstler ist, das Muster vom fernen Vater bleibt meist dasselbe.

Darüber berichtet der Sohn eines berühmten Politikers im aktuellen Focus mit ergreifenden Worten.

„Die Familie meines Vaters“ – Berliner Zeitung

Darüber hinausgehend erinnert mich diese Klage über den fernen Vater auch an das seit langem in diesem Blog verfolgte Thema der innerlich vaterlosen Söhne. Das ist eine der größten Nöte unserer Gesellschaft. Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft, so sprach Alexander Mitscherlich das Thema bereits im Jahr 1963 an! Er erkannte damals bereits die innere Vaterlosigkeit als eine der belastendsten Hypotheken für die nachwachsende Generation.

Seine Diagnose – Wir sind auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft – hat sich heute, im Jahr 2011, mehr als er damals wohl ahnen konnte bewahrheitet.

So bin ich der festen Überzeugung, dass sehr viele soziale Probleme wie sie etwa der neueste Berliner Sozialatlas auflistet, also beispielsweise Sucht, Arbeitslosigkeit, Scheidungsnöte, Kriminalität junger Männer, Depressionen und Bildungsversagen junger Männer, mit dem Mangel einer guten, spannungsreichen, anspornenden Vaterbeziehung zu tun haben, mit dem Mangel an konkret erfahrenen männlichen Vorbildern.

 Posted by at 14:20
Jan. 172011
 

131120080011.jpgAls wir unseren Sohn von der staatlichen Grundschule auf die Privatschule ummeldeten, wurde uns ein Vertrag vorgelegt. Der Vertrag enthält Rechte und Pflichten der beiden Vertragsparteien. Auch wir Eltern gehen Verpflichtungen gegenüber der Schule ein. Das Prinzip „Leistung der Schule und Gegenleistung der Eltern“ halte ich für richtig.

Anders wird es an den staatlichen Schulen gehandhabt. Die Schulbildung ist ein Anspruch des Bürgers gegenüber dem Staat, der nicht von Gegenleistungen abhängt – außer dem unbestimmten Erziehungsauftrag des Grundgesetzes (GG §§ 6 und 7). Der Staat muss die Kinder nehmen, „wie sie kommen“. So kann er beispielsweise nicht verlangen, dass die Kinder mit Frühstück ins Klassenzimmer kommen, dass sie mindestens einfaches Deutsch können, dass sie laufen, stillsitzen und aufmerken können, dass sie eine Schere benutzen oder den Schuh binden oder ein Lied singen können.

Dennoch unterstütze ich die Anregungen der Abgeordneten Felicitas Teschendorf und Mieke Senftleben, von denen der Tagesspiegel berichtet: Die Eltern sollen  eine Art vertragliche Vereinbarung mit der Schulgemeinschaft eingehen – ähnlich dem Unterrichtsvertrag, den die Eltern mit der Privatschule eingehen.

Dabei sollte man uns Eltern die Erledigung gewisser Pflichten abverlangen – z.B. die Versorgung der Kinder mit warmen Mahlzeiten, die Anwesenheit der Eltern bei Elternabenden und bei Schulveranstaltungen.

Lustig und mittlerweile nur noch amüsant finde auch die reflexhaften Forderungen nach mehr Betreuung und Bemutterung, etwa erhoben durch den Abgeordneten Özcan Mutlu: Bei jedem Missstand wird sofort nach dem Staat und seinen tausenden von uns bezahlten Helferlein geschrieen, für alles muss der Staat MEHR PERSONAL bereitstellen.

Das musss man allmählich durchschauen lernen: Immer und bei jedem Anlass wird dem Staat der Schwarze Peter zugeschoben, der für die armen „Benachteiligten“ unbegrenzt in die Haftung genommen wird. Den Kindern gefällt’s.

Na, DEN würd ich aber gern mal in die Türkei in die Grundschule schicken!

Debatte um Ursula Sarrazin: Schulexperten verlangen mehr Einsatz von Eltern – Schule – Berlin – Tagesspiegel
Auch die Liberale Mieke Senftleben und SPD-Bildungsexpertin Felicitas Tesch wollen Eltern verstärkt in die Pflicht nehmen, diese dabei aber nicht von oben herab tadeln. Etliche Schulen legen zwar schon jetzt Eltern und Schülern ein Papier mit Regeln vor, dass sie unterschreiben müssen. Darin sagen diese zu, einen respektvollen Umgang zu beachten und zu fördern. Mieke Senftleben erwägt nun aber einen Vertrag, der Eltern zu mehr verpflichtet – vom Zubereiten des Schulfrühstücks bis zu Pädagogikhilfen. Senftleben: „Wir müssen ehrlich sagen, dass Schulen nicht alles leisten können.“

Die Schulen könnten aber zumindest noch „besser arbeiten, wenn sie mehr Personal hätten“, sagt Özcan Mutlu von den Grünen.

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Totgesagte leben länger

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Jan. 082011
 

Na, also lassen wir doch die Familie im Dorfe. Was Christina Brinck am 26.12.2010 in  der FAZ  schrieb, widerlegt das Reden vom Zerfall der Familie: 80% aller Kinder leben in Deutschland bei Vater und Mutter, nur jede fünfte Familie besteht aus Alleinerziehenden und Kindern.

Die Daten für das Bundesland Berlin sehen allerdings anders aus.  Es gibt einen signifikanten Zusammenhang zwischen „Alleinerziehend“ und Abhängigkeit von Sozialleistungen.

Besonders gut gefällt  mir der Abschnitt, den ich fett gedruckt habe.

Ein Plädoyer für „die Familie“: Totgesagte leben länger – Hintergründe – Politik – FAZ.NET
Wer die Texte der wildesten Hip-Hop-, Rap-, Punk- oder Rock-Musiker aufmerksam liest, wird ihnen kaum ein Plädoyer für die Patchworkfamilie, Alleinerziehung und Fremdbetreuung entnehmen können. Ganz im Gegenteil sind viele ihrer Texte ein Hilfeschrei nach der intakten, zuverlässigen Familie, nach Vätern, die sie nicht verlassen “Daddy, don’t leave, don’t leave us here alone“ von Pink: „Papa, geh nicht fort, lass uns nicht hier allein“, und Müttern, die sie nicht vernachlässigen “My father left me, my mother neglected me, I’ll never abandon my own child the way my parents did me“ von Eminem: „Mein Vater hat mich verlassen, meine Mutter mich vernachlässigt, ich werde mein Kind niemals alleinlassen, wie es meine Eltern mit mir getan haben“.

 Posted by at 19:21

Liebfrauenschule, oder: Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Inge Viett …: typische Intensivtäter?

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Jan. 082011
 

Als Intensivtäter gelten heute in Berlin solche Menschen, die in einem Jahr mit mindestens 10 erheblichen Delikten bei der Staatswanwaltschft geführt werden.

Als Ergebnis meiner Gespräche und Begegungen meinte ich in diesem Blog mehrfach feststellen zu dürfen: Zerrüttete Familien, abwesende, scheiternde Väter sind der wichtigste, vermutlich der auslösende Faktor für kriminelle Karrieren bei Jugendlichen.

Der fehlende oder abwesende Vater ist sogar einer der drei wichtigsten Risikofaktoren, wahrscheinlich der wichtigste Risikofaktor  für den Beginn und die Verstetigung von gewohnheitsmäßig ausgeübter Kriminalität.

Wenn das stimmte, was ich hier behaupte, dann müsste verantwortliche Präventionspolitik vor allem darauf gerichtet sein, Kindern das Aufwachsen in guten, in vollständigen Familien mit treusorgenden Vätern und Müttern zu ermöglichen.

Umgekehrt gilt: aus vollständigen Familien, in denen Mutter UND Vater sich verantwortlich und dauerhaft um die Kinder kümmern, wachsen keine Intensivtäter heran.

Wir haben in Berlin derzeit etwa 550 Intensivtäter, für die derzeit 6 geschlossene Heimplätze gebaut werden. Kosten pro Heimplatz und Tag: 300.- Euro. Gebraucht werden aber vermutlich 500 bis 600 Plätze.

Es ist spannend, die Biographien von erwachsenen „Intensivtätern“ wie etwa Andreas Baader, Ulrike Meinhof oder Inge Viett auf diese frühen Risikofaktoren zu erforschen. Wenn meine These zuträfe, dann müsste ja statistisch bei der Mehrheit aller Gewaltverbrecher, also auch der RAF-Mitglieder ebenfalls ein Vaterversagen oder Vaterfehlen in Kindheit anzutreffen sein, ein Aufwachsen in zerrütteten oder unvollständigen Familien.

Inge Viett hat ja heute wieder einen großen Auftritt in der Urania bei dem Rosa-Luxemburg-Kongress, geadelt durch eine außerordentlich beliebte Lichtenberger Bundestagsabgeordnete.

Bei Andreas Baader, dessen Vater kurz nach seiner Geburt starb, ergibt sich: er wuchs vaterlos in einem reinen Frauenhaushalt auf.  Er wurde im Liebfrauenhaushalt verhätschelt und verwöhnt. Ihm wurden keine Grenzen gesetzt. „Was ihm an Essen nicht schmeckte, warf er an die Wand.“ Mit 17 Jahren wollte er ein Buch über „bessere Erziehungsmethoden“ schreiben, wie Stefan Aust in seinem Buch „Baader Meinhof Komplex“ berichtet.

Ulrike Meinhof wuchs ebenfalls nach dem frühen Tod ihres Vaters in einem reinen Frauenhaushalt auf. Ihre Mutter und Renate Riemeck waren ihre wesentlichen Bezugspersonen. Die Schule, die sie besuchte, hieß „Liebfrauenschule“. Ihre politische Radikalisierung erlebte sie, als sie ihr Stück Bambule über schwer erziehbare Mädchen in einem autoritär geführten Mädchenerziehungsheim schrieb.

Inge Viett wuchs zunächst ebenfalls vaterlos in einem Erziehungsheim auf. Der Pflegefamilie, der sie zugewiesen wurde, lief sie weg. Auch ihr fehlte also in der frühen Kindheit die väterliche Instanz, das verbietende Prinzip, welches in die „Liebfrauenschule“ der frühen Kindheit einbricht.

Ich stelle folgende Behauptung zur Diskussion:

1) Die Neigung zu habituellem Gewaltverbrechen, also nicht zum einmaligen „Ausraster“ im Affekt, entspringt ursächlich meist dem Fehlen einer verbietenden Instanz in der Kindheit, also meist dem Ausfall oder dem Versagen des Vaters. Weder Armut noch Hartz IV noch die soziale oder materielle Lage  spielen in Europa eine ursächliche Rolle beim Entstehen von Kriminalität. 

2) Aus welchem Anlass diese erworbene Disposition zur Gewaltkriminalität sich entfaltet, ist sekundär. Es kann linker oder rechter Radikalismus sein, es kann die Hoffnung auf schnelles Geld sein, es kann die Erfahrung einer Enttäuschung sein, es kann der islamistische Terrorismus sein. Die politische Motivation ist aber stets nur vorgeschoben, sie ist nicht das eigentliche Drama, das sich abspielt. Sie ist eine Verkleidung und eine Metamorphose des Konfliktes, der in der frühen Kindheit angelegt wurde.

Dass sowohl Hitler als auch Stalin ebenfalls vaterlos großwurden, darf nunmehr nicht überraschen.

Ich halte es für nachweisbar, dass die allermeisten kriminellen Karrieren mit einem ganz offenkundigen, schweren Fehlen oder Versagen des Vaters zu tun haben.

3) Terroristische Gruppen üben auf gerade diese Kinder einen magischen Bann aus.  Wieso wurde Baader ein Terrorist, aber Bernward Vesper, der ganz ähnliche politische Ansichten wie Baader hatte, nicht? Nun: Vesper HATTE den Vater, mit dem er sich intensiv auseinandersetzen konnte. Man lese sein Buch „Die Reise“! Baader nicht. Ihm fehlte der Vater.

4) So halte ich es für wahrscheinlich, dass der strenge Drill, die militärisch-harte Manneszucht in den Fatah-Ausbildungslagern auf Menschen wie Andreas Baader gerade deswegen so attraktiv wirkten, weil sie eben durchherrscht waren von dieser Unterwerfung unter den Befehl: sie ermöglichten den vaterlos aufgewachsenen Männern die nachholende Errichtung eines männlichen, eines streng strafenden Vater-Ichs.

5) Eine Ausnahme sind selbstverständlich die Fälle der organisierten Kriminalität, wo Kinder in kriminellen Familien schon von klein auf in die Fußtapfen der Väter hineinwachsen. Diese mafia-artigen kriminellen Familienstrukturen, die vielerorts entstehen, sind von außen kaum mehr zu beeinflussen.

Anders hingegen die vielen Fälle des „Abgleitens“ von Jugendlichen in die kriminelle Karriere: Wenn kein Vater da ist, wenn der Vater versagt, muss die Mutter oder eine männliche Person oder „die Gesellschaft“ ihn unter größter Mühe ersetzen, was manchmal gelingt und manchmal scheitert.

6) Der Umkehrschluss trifft selbstverständlich nicht zu: Auf keinen Fall werden alle Kinder, die vaterlos aufwachsen, kriminell! Aber die Mütter haben es mit Sicherheit deutlich schwerer, ihren Kindern Grenzen aufzuzeigen. Die Mütter, oder die Institutionen wie Schule, Heim oder Internat haben buchstäblich alle Hände voll zu tun, die fehlende oder versagende Instanz „Vater“ mehr oder minder zu ersetzen.

7) Wenn ein jugendlicher Krimineller „die Kurve kriegt“ und den Weg zur Gesetzestreue findet, so hat es fast immer mit der Begegnung mit einem einzelnen männlichen Menschen zu tun, der ihm oder ihr glaubwürdig das Prinzip der Regelsetzung vorlebt.

Wenn meine Behauptungen zutreffen, hätte das erhebliche Konsequenzen für die Sozial- und Familienpolitik, für die Verbrechensprävention und für die gesamte Erziehungslandschaft, für die Jugendhilfe und die Sozialarbeit.

Ich konstatiere: Keine politische Partei, weder in Deutschland noch in Berlin, nimmt diese Einsichten vom überragenden Rang der Familie derzeit ernst. Warum? Ich vermute: Weil „Familie“ zopfig klingt. Lieber sagt man als guter Deutscher family, als wäre das Wort Familie tabu. Weil es cooler ist, neue Programme für Hunderte Millionen Euro aufzulegen statt von den Vätern irgend eine Mehrleistung zu verlangen – ohne Bezahlung selbstverständlich!

Man schreit lieber nach mehr Polizei oder mehr Sozialstationen. Nach geschlossenen Heimen ohne Ende. Dabei gilt doch: Die gute Familie ist unersetzlich für den Zusammenhalt und die Reproduktion der Gesellschaft. Faschismus, Sozialismus, Nationalsozialismus und Kommunismus haben es in Teilen darauf angelegt, die Familien zurückzudrängen, weitgehend zu ersetzen oder gar zu zerstören – etwa durch die Machenschaften der Stasi oder des KGB. Der Preis dafür ist riesengroß.

Alle Versuche, die Familie ganz oder teilweise überflüssig zu machen, sind unbezahlbar teuer.

Wenn das alles stimmte, dann müsste es so etwas wie Familienerziehung in den Schulen geben – einschließlich Gegenständen wie Säuglingspflege, Kindererziehung, Kochen für Mädchen UND Jungen, Haushaltsführung, Werteerziehung, Kranken- und Altenpflege. Da geschieht aber – fast – nichts! Leider!

Ich ersuche um vorurteilslose Prüfung meiner Behauptungen.


 Posted by at 15:29

Untaugliche Klischees

 Familie, Faulheit, Person, Samariter, Sozialstaat  Kommentare deaktiviert für Untaugliche Klischees
Jan. 042011
 

Munteres Geplauder mit unserer einfühlsamen Sozialsenatorin Carola Bluhm heute auf S. 32 der gedruckten Welt. Auszug:

mobil.morgenpost.de
Momentan fehlen die Arbeitsplätze, insbesondere solche, auf denen die Leute so viel verdienen, dass sie aus dem Transferbezug rauskommen. Alle Studien sagen, dass die Leute in der Regel Arbeit suchen. Aber es wird ihnen schwer gemacht. Zum Beispiel beim Übergang aus dem Hartz-IV-Bezug für ganz junge Leute, die Kinder kriegen, ein Jahr lang Elterngeld bekommen und dann eine Ausbildung machen wollen. Das hat erhebliche Einkommenseinbußen zur Folge, weil die für die Ausbildung weniger Geld bekommen als mit Hartz IV. Es ist ein untaugliches Klischee, dass immer mehr Leute sich ausruhen. Arbeitslosigkeit macht auch nicht froh.

Jugendliche bekommen Kinder – und dann wollen sie eine frische Ausbildung anfangen. Der Staat muss dafür zahlen. Das nennt sich „Solidarität“.

Dieses Beispiel der Senatorin zeigt, wie unser Sozialstaat funktioniert: Er muss alle, wirklich alle Lebensentscheidungen aller Menschen ausbügeln, großzügig mittragen, unbegrenzt Solidarität üben. „Der Staat hat sich nicht einzumischen in unsere Entscheidungen, wie wir leben wollen.“ So hört man das immer wieder. Dem mag so sein.

Aber ich vertrete die Meinung:  Die Folgen des eigenen Tuns müssen die Menschen, besser gesagt: die Familien dann auch selbst tragen. Wer Kinder bekommt, sollte sie ernähren können. Wenn er es selbst nicht kann, dann sollte die erweiterte Familie einspringen: Eltern der frischgebackenen Eltern, Geschwister der frischgebackenen Eltern, Freunde der frischgebackenen Eltern. Die Familien sind das primäre Netz der sozialen Sicherheit, nicht der Staat. Die Gesellschaft, der Staat sollte dem entgegenwirken, dass Familien bewusst in Hartz IV hinein geplant werden – wie es mittlerweile sehr häufig geschieht.

Übrigens geht es nicht um persönliche Vorwürfe an irgendjemanden! Ich werfe den Hartz-IV-Beziehern nicht persönliches Fehlverhalten oder gar Faulheit vor. Ich werfe nur unseren Politikern massive Fehlsteuerungen im Sozialstaat vor, unter anderem das Heranzüchten eines maßlosen Anspruchsdenkens: Der Bürger macht, was er will, der Staat muss gefälligst dafür zahlen. Der deutsche Sozialstaat in seiner jetzigen Form fördert Bequemlichkeit, Entmündigung und Entsolidarisierung.

Das kann so nicht weitergehen. Gefordert ist, die Familien zu ertüchtigen. Kinder brauchen Väter und Mütter, die für ihr Wohl sorgen. Die Familien müssen grundsätzlich selbst für ihr Einkommen sorgen. Der Staat sollte nur in begründeten Ausnahmefällen für befristete Zeit einspringen.

 Posted by at 16:33
Jan. 022011
 

Freiheit und Fürsorge – mein Willkommen gilt jedem Menschen.

Unter dem Eindruck meiner Begegnungen mit Kranken, Alten und Armen in Augsburg fand ich gestern in der Kirche Maria Birnbaum die Worte, die ich als meine persönliche Jahreslosung darbringe und an der ich mich messen lasse.

Fürsorge, das heißt Für-Sorge. Sorge für jemanden Bestimmten, Sorge für etwas Bestimmtes, nicht Versorgung, nicht Entsorgung eines Problemfalles. Fürsorge verstehe ich personal als Akt der Zuwendung zum Nächsten, der Ermächtigung des anderen, des Vertrauens in die Kräfte des anderen.

Der Baumeister Franz Mozart, ein Urgroßvater von Wolfgang Amadeus Mozart, verbrachte einen Teil seines Lebens in Armut und Not. Er zog in die älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt, in die Augsburger Fuggerei ein. Er war ein echter „Sozialfall“ geworden. Er zahlte einen holländischen Gulden Jahresmiete (heute etwa 0,88 Euro) und verpflichtete sich, einen anständigen Lebenswandel zu führen und täglich drei Gebete für den Stifter Jakob Fugger und seine Familie zu sprechen.

Ein ausführlicher Besuch führte uns vorgestern durch diese Anlage. Wie lohnend ist ein Vergleich mit heute bestehenden Sozialsiedlungen, etwa den IBA-Bauten im Fanny-Hensel-Kiez, den Sozialbauten am Kotti in Kreuzberg, den riesigen Sozialquartieren in Neukölln oder im Märkischen Viertel.

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Die gesamte Außendarstellung der Fuggerei hat sich seit meinem Volksschulunterricht im Fach Heimatkunde sehr gewandelt – zum Besseren. Spannend, spannend! Es gelingt den äußerst geschickten Kuratoren, die gesamte Sozialstaatsdebatte unsere Tage in der Beschreibung dieses Schmuckkästchens einfließen zu lassen! Ich fasse die Neuigkeiten, die ich bei unserem Besuch der Fuggerei las und hörte,  wie folgte zusammen:

1. Fordern und Fördern. Es wurde erwartet, dass die Bewohner der Stiftung  sich bemühten, einen auskömmlichen Lebensunterhalt zu erzielen und die Siedlung dann wieder zu verlassen. Dies gelang auch sehr oft. Franz Mozarts Nachkommen lebten und wohnten schon wieder auf dem freien Wohnungsmarkt. Sie „bissen sich durch“. Einer der Enkel wurde Musikus und wanderte aus nach Salzburg, da er in Augsburg für seine Kunst nicht genug Entfaltungsmöglichkeiten sah.

2. Leistung und Gegenleistung! Die Bewohner verpflichteten und verpflichten sich vertraglich beim Einzug, jeden Tag drei Gebete für die Stifter zu sprechen. Sie erbrachten und erbringen also für die Sozialhilfe eine wertvolle kulturelle Gegenleistung. Ob wir heute das noch als echte messbare Gegenleistung empfinden, ist völlig unerheblich. Dass Beten zum Seelenheil hilft, war damals, 1521, als die Stifung gegründet wurde, eine allgemein geteilte Ansicht. Das Sozialmodell der Fugger war also zum wechselseitigen Nutzen angelegt.

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3. Sittliche Pflichten. Alle Bewohner verpflichteten sich vertraglich, einen sittlich einwandfreien Lebenswandel zu führen. Grobes Fehlverhalten konnte nach einer einzigen Abmahnung jederzeit zur Ausweisung aus der Sozialsiedlung führen. Dies galt bis ins 20. Jahrhundert, wie eine ausgestellte Hausordnung aus dem Jahr 1955 belegt. Das Recht, in der Siedlung zu leben, hing von Gesetzestreue und Anständigkeit ab.

Was folgt für uns daraus? Was folgt für die große Hartz-IV-Debatte am 7. Januar im Deutschen Bundestag? Ich meine folgendes:

1. Sozialhilfe sollte wie bei der Fuggerei grundsätzlich als befristete Lösung gesehen werden. Grundsätzlich sollen die Familien ihren Lebensunterhalt durch legale Erwerbsarbeit bestreiten.

2. Soziale Leistungen, ob von einer mildtätigen Stiftung oder vom Staat erbracht, sollten stets unter der Auflage kultureller oder gemeinnütziger  Gegenleistungen erbracht werden. Die Fürsorge der Fugger wurde als kündbares Vertragsverhältnis auf Gegenseitigkeit ausgestaltet! Genau dies wird im jetzigen SGB immer noch sträflich vernachlässigt. Folge: Der Empfänger wird entmündigt, zum passiven Objekt herabgewürdigt. Er wird „befürsorgt“ statt „ermächtigt“, wie dies Joachim Gauck vor wenigen Minuten so treffend in der ZDF-Sendung „Berlin direkt“ bemerkte.

3. Die Grundeinheit der sozialen Sicherung ist die Familie, nicht der Staat! Die Familien, also die „Bedarfsgemeinschaften“, wie sie heute heißen, sind das Gewebe der sozialen Sicherheit, das die Gesellschaft als ganzes zusammenhält und dem Einzelnen in Kindheit und Greisenalter ein würdiges Leben sichert. Der Staat tritt nur dann ein, wenn und solange die Familien als ganze nicht das Fortkommen aller Mitglieder sichern können.

4. Soziale Hilfe sollte den Empfänger mit der klaren Erwartung konfrontieren: „Lebe anständig. Schummle nicht.“

5. Aber am allerwichtigsten scheint  mir die Botschaft an die Familien mit arbeitsfähigen Menschen zu sein: „Wir glauben, dass ihr es schaffen könnt, die Sozialsiedlung wieder zu verlassen. Wollt den Wandel! Hartz IV ist ein Übergang, kein Dauerzustand.“

In einer trefflichen Formulierung Bert Brechts, die ich ebenfalls vorgestern in Augsburg las:

Wenn das so bleibt was ist
seid ihr verloren.
Euer Freund ist der Wandel.

 Posted by at 21:52
Dez. 292010
 

28122010191.jpg La famiglia cristiana – dieses erbauliche Familienblatt der italienischen Bischöfe sah ich während meiner 3 italienischen Gastarbeiterjahre immer wieder an den Schriftenständen katholischer Kirchen stehen. Ich griff nie dazu. „Die christliche Familie“ – das klang mir etwas altbacken und muffig. Zu unrecht. Viele meiner italienischen Freunde rümpften wie ich ebenfalls die Nase bei der Wendung „La famiglia cristiana“. Zu unrecht, wie ein Blick auf den Internetauftritt des Blattes sofort belegt. Familie und Christentum scheinen unverbrüchlich zusammenzupassen wie Schloss und Riegel, wie Wald und Wiese, Kind und Kegel.

Eine bohrende Frage drängt sich dennoch auf: Ist das Christentum ursprünglich wirklich die Religion der Familie?

Hans Conrad Zander stellte in einem Hörfunkgespräch am Fest der Hl. Familie zu recht heraus, dass das Christentum, im Gegensatz etwa zum Judentum oder dem Islam, gerade nicht die Familienreligion schlechthin ist.

Deutschlandradio Kultur – Thema – Jesus, der überzeugte Single
Kassel: Wie weit ist denn das gegangen? Im Untertitel nennen Sie Ihr Buch ja tatsächlich auch „Jesus, der Familienfeind“. Hatte er nur Probleme mit seiner eigenen Familie, oder war er wirklich so, wie Sie das herauslesen aus der Bibel, ein Gegner der ganzen Institution Familie?

Zander: Er hat auf die Familienbindungen seiner Jünger nicht die geringste Rücksicht genommen und das in einer Weise, die überaus schockierend war für seine Zeit. Da ist ein Jünger, der ihm nachfolgen will, der ihm aber sagt: Mein Vater ist gerade gestorben, ich möchte meinen Vater begraben. Und bedenken Sie, das ist nicht, wie wenn heute ein junger Deutscher seinen Vater rasch einäschert, das war fürs jüdische Empfinden die wichtigste Verpflichtung gegenüber den Eltern, dass er ihn begräbt. Und Jesus sagt voller Verachtung: „Lass die Toten die Toten begraben.“

Ich selbst sprach öfters mit christlichen Ordensleuten, die selbstverständlich bei jeder, auch bei wichtigen Familienfeiern zuerst die Erlaubnis der Oberen einholen mussten, ehe sie ihre Herkunftsfamilie besuchen und mit ihr feiern durften.

Zanders Belege sind mächtig – und wenn dem Christentum der Titel Familienreligion aberkannt werden muss, welcher Titel ist es dann, der ihm eher zukommt?

Ich sehe das so: Das Christentum ist wohl eher die Religion des Kindes als die der Familie, mehr die Religion des Nächsten als des Fernsten, mehr die Religion der freien Entscheidung als der Institutionen, mehr die Religion der Gemeinde als der Familie. Gemeinde ist fast noch wichtiger als Familie, die freie Entscheidung des Individuums ist wichtiger als die Institutionen. Freie Entscheidung wird geboten, nicht Unterwerfung. Das Wohlergehen des Kindes ist wichtiger als der Zusammenhalt der Familie.

Familie ist gut und gerechtfertigt, weil und solange sie auf unvergleichliche, unübertroffene Weise dem Wohl des Kindes dienen kann. Institutionen sind wichtig, weil und solange sie dem lernenden, wachsenden Individuum ermöglichen, freie Entscheidungen zu treffen – dies gilt etwa für die Schule.

Institutionen „dienen“ dem Einzelnen. Die Familie mit Vater und Mutter „dient“ dem Kinde. Die Einrichtungen der bürgerlichen Gesellschaft  haben „stützende“, nicht aber letztbegründende Aufgaben, wie dies etwa der Soziologe Arnold Gehlen sagte.

Woher kommt aber nun der überragende Siegeszug der Familie? Hierzu meine ich: Die Familie ist das stabilste Modell für das Aufwachsen von Kindern. Es gibt nur sehr wenige Gesellschaftsmodelle, die wirklich die frühe Herauslösung der Kinder aus den Familien verlangen und verkünden. Dazu gehört die staatliche Kleinkind-Erziehung im antiken Sparta und in der Utopie Platons, die osmanische Knabenlese, der Lebensborn der NS-Ordensburgen. Keines dieser Beispiel ist erstrebenswert. Im Gegenteil. Sie sind abschreckend.

Das teure gesellschaftspolitische Ziel eines möglichst flächendeckend vorgehaltenen staatlichen Kleinstkindbetreuungsangebotes für möglichst viele, möglichst immer jüngere und immer kleinere und kleinste Kinder muss hinterfragt werden. Unsere Kommunen ächzen jetzt schon unter drohender Zahlungs- und Handlungsunfähigkeit, muss ihnen dann noch die Last der Kleinstkinderziehung aufgebürdet werden?

Uneingeschränkt befürworten würde ich aber den Grundgedanken einer weitgehenden Zusammenarbeit der Familien und der staatlichen Institutionen. Die Familien und die Schulen sollten viel enger ineinandergreifen, gerade hier in Berlin. Stets unter der einen großen Leitfrage:

Was dient dem Kind? Wie werden die Kinder, unsere geliebten „Zwerge“, zu selbstbewussten, fröhlichen, klugen und glücksfähigen Erwachsenen? Die Familie hat dabei sicherlich nicht ausgedient. Sie bedarf im Gegenteil heute mehr denn früher der Stärkung und der Festigung.

So meine ich, dass die grundlegende Erziehung, das Erlernen der Landessprache, die Einübung von grundlegenden Verhaltensmustern, Erziehung zu Respekt, liebevollem Umgang, das Erlernen von Gehen, Sitzen, Laufen, Springen und Singen weiterhin im Wesentlichen eine Aufgabe der Familien ist und bleiben sollte.

Je älter das Kind wird, desto mehr treten andere, stützende Einrichtungen oder besser „Gemeinden“ hinzu. Familie ist nichts Starres, sie öffnet sich zum unmittelbaren Umfeld, tritt zu anderen Familien, zu anderen Institutionen in Kontakt.

Dazu sollte auch die Gesellschaftspolitik ihr Scherflein beisteuern. „Einbeziehen – nicht ausgliedern!“ lautet das Zauberwort.

Bild: Schlosspark Sanssouci, Potsdam, Blick auf das Chinesische Haus, heute

 Posted by at 00:08