admin

Jan. 202008
 

marie_luise18012008.jpg Mit einigen Büchern und einem USB-Stick im Gepäck radelte ich zu Marie-Luise. Zum ersten Mal seit mehreren Jahren verspürte ich vor einem Vortrag oder Auftritt starkes Lampenfieber! Warum? Es war sicherlich ein titanisches Unterfangen, die Angst in einem Grenzgang zwischen Alt-Athen und Alt-Israel, zwischen Gegenwart und Antike, zwischen Psychologie, Literatur, Religion und Politik ausleuchten zu wollen. Aber es wurde ein sehr bewegender Abend für alle. Alle gingen mit starken Gefühlen schwanger – es war also keine theoretische Übung, sondern ein echtes Gastmahl für Kopf und Herz, zu dem jede und jeder etwas beitrug. Danke an euch alle, danke an Marie-Luise und Karl-Heinz!

Ein paar Folien, die man hier nachlesen kann, vermitteln einen ersten Eindruck von den Themen, dir wir erörterten: angst_eine-erregung.ppt

 Posted by at 20:11
Jan. 162008
 

bode_germanangst.jpg Entrüstungsmaximalismus – ein schönes Wort, das ich Sabine Bodes klugem Buch „Die deutsche Krankheit – German Angst“ entnehme (S. 251-3). Damals, im April 2006, ging es um das Attentat auf einen Deutsch-Äthioper in Potsdam. Heute geht es erneut um Jugendkriminalität, insbesondere bei jungen Männern. Damals wie heute werden einzelne Fälle herausgegriffen und überlebensgroß als Schreckensgemälde ausgespannt. Das ganze Angstszenario floß dann in politische Beratungen ein. Zitat aus dem Buch (S. 253):

Das zähe, jahrelange Verhandeln über ein Zuwanderungsgesetz ist ein Lehrstück darüber, wie nicht ausgedrückte Ängste eine vernünftige Politik blockieren können. Meiner Ansicht nach lag bei den Verfechtern der multikulturellen Gesellschaft wie auch bei den Befürwortern des Ausländerstopps dieselbe Ratlosigkeit zugrunde. Wäre die große gemeinsame Beunruhigung erkannt worden, dann hätte man sich eingestehen können: Wir haben Angst, weil wir nicht wissen, wie wir mit Fremden umgehen sollen.

 Posted by at 10:59
Jan. 152008
 

Für den Vortrag bei Marie-Luise am Freitag habe ich nunmehr die Textauswahl getroffen. Alle Zuhörer können sich vorab, so sie denn wollen und Zeit haben, mit diesen vorgeschlagenen Texten vertraut machen. Dies ist aber keine Bedingung – ich freu mich auf euch!

Aischylos: Perser insgesamt, jedoch besonders Einzugslied des Chores V. 1-155 vom Anfang und Monolog der Atossa, V. 598-622

Aristoteles: Rhetorik, 1382a-1383b; Poetik, 1449b-1450; 1453b11

Evangelium des Johannes: insgesamt, jedoch besonders 16,33

Biblia hebraica („Altes Testament“) in der griechischen Übersetzung der Septuaginta: Psalm 56 (Zählung der Septuaginta: 55, Zählung der evangelischen und katholischen Bibelausgaben: 56), Buch Genesis/Bereschit: Kapitel 3

Für alle Texte wird der griechische Text herangezogen, jedoch werden keine griechischen Sprachkenntnisse vorausgesetzt. Alles wird ins Deutsche übersetzt werden.

Gute deutschsprachige Literatur:

Sabine Bode: Die deutsche Krankheit – German Angst. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 2. Auflage 2007

Borwin Bandelow: Das Angstbuch. Woher Ängste kommen und wie man sie bekämpfen kann. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2006

Wolfgang Schmidbauer: Lebensgefühl Angst. Jeder hat sie. Keiner will sie. Was wir gegen Angst tun können. Herder Verlag, Freiburg 2005

 Posted by at 14:37

Die Perser gehen baden im Deutschen Theater

 Antike  Kommentare deaktiviert für Die Perser gehen baden im Deutschen Theater
Jan. 142008
 

Wir besuchten die vielgerühmte Inszenierung der Perser im Deutschen Theater. Die Schaupieler gaben sich redliche Mühe und sagten den wohleinstudierten, äußerst sperrig übersetzten Text mit großem handwerklichem Geschick ohne Stocken auf. Der Regisseur Gotscheff hatte sich offenbar viele Gedanken gemacht und überraschte mit manchem zirzensisch-hübschem Einfall.

Ich dachte an jene glorreichen Zeiten, als die Griechen nach einer Tragödienaufführung der „Zerstörung Milets“ ihr Holztheater kurz und klein geschlagen hatten vor überschäumenden Emotionen. Daraufhin baute man steinerne Theater. Gestern abend blieb alles heil. Es war alles halb so schlimm. Wir gingen nachhause, ruhig, wie uns beschieden ward, nicht ohne vorher geklatscht zu haben.

Ich erstand dann noch eine sehr gute Publikation: Erika Fischer-Lichte / Matthias Dreyer (Hg.): Antike Tragödie heute. Vorträge und Materialien zum Antiken-Projekt des Deutschen Theaters, Deutsches Theater Berlin 2007. Am Abend las ich darin noch zwei erhellende Aufsätze von Susanne Gödde und Anton Bierl.

 Posted by at 15:45
Jan. 142008
 

clown-toti.jpg Am Wochende besuchten wir das hübsche neue Salontheater „Endstation Sehnsucht“ in der Kreuzberger Obentrautstraße gleich zwei Mal. Am Samstag lud unser Nachbar Laurenz Schlüter zur Premiere seines Kurzfilms ein. Was für ein Vergnügen! Wir sahen zahlreiche Bekannte, Nachbarn und Freunde als Darsteller in einem veritablen, ironisch-versonnenen Kurzfilm! Vorher und nachher: Geplauder, Händeschütteln, Wiedererkennungen en masse, genießerisches Suppelöffeln – vortrefflich!

Mit unserem syrischen Hofnachbarn konnte ich bei einer Flasche Bionade auch den arabischen Namen Haschem klären (dieses Blog diskutierte): Seiner Meinung nach kommt der männliche Vorname einfach vom uralten Stamm der Haschemiten und ist insofern nicht mit dem hebräischen ha-schem verwandt.

Am Sonntag sahen wir am selben Spielort das Stück „Die tollsten Abenteuer sind im Kopf“ mit Tara Stalter und Thomas Ulbricht. Wir wurden nach einem lustigen Vorgeplänkel, bei dem ein wahrhaft „auf-sässiger“ Liegestuhl dem Clown Toti böse Streiche spielte, in einen finsteren Zauberwald entführt, wo die böse Hexe Baba-Jaga den Menschen die Augen klaute! Recht schaurig, aber die Kinder im Raum wurden zu kühnen Kämpfern gegen die Angst, die uns Großen mit Singen, Lachen und Mitspielen halfen, die Bangnis zu vertreiben und die ungeliebte Baba-Jaga zu versöhnen. Unser Wanja beteiligte sich auch und brachte die Lieder, die wir seit Wochen singen, eigenständig in dieses bewegende Theatererlebnis ein! Der Zauber des Theaters wirkte auf mich ein – hier, unter den Kleinen, oft nicht genug Gewürdigten. Vielleicht deswegen, weil Clown Toti immer wieder uns Zuhörer einbezog, zum Mitmachen und Mitlachen anregte.

Stelle einen Menschen auf eine Bühne – und du kannst die Welt bewegen!

 Posted by at 09:49
Jan. 132008
 

Im heutigen Tagesspiegel lese ich ein sehr bewegendes Gespräch mit Sabriye Tenberken. Es geht um ihre Angst, und wie sie sie überwunden hat. Auszüge:

„Als Sie neun Jahre alt waren, sind Sie durch eine Erkrankung langsam erblindet. Hatten Sie Angst?

Ich hatte Angst vor der Reaktion der Leute. Angst, allein zu sein, nicht mehr ernst genommen zu werden. Nicht vor dem Nichtsehen. Als ich sehen konnte, habe ich mir Blindheit als Dunkelheit vorgestellt, und als ich dann wusste, dass ich erblinde, habe ich auf die Dunkelheit gewartet. Aber es wurde nie dunkel.“

Ein großartiges Zeugnis der Überwindung der Angst, des mühsam errungenen Vertrauens – ich bin begeistert!

„Bekommen Sie Höhenangst?

Man kriegt nur Höhenangst, wenn man Zeit hat, sich auf die Höhe zu konzentrieren. Aber ich muss ständig auf meine Füße achten: Ist der Untergrund fest oder schlammig, Schnee, Eis oder Geröll? Und auf die Ohren: Jeder Blinde hatte ja einen sehenden Begleiter, bei mir war das Paul, und an seinem Rucksack hing ein Glöckchen, das mir die Richtung anzeigt.

Da müssen Sie dem Vordermann ja eine ganze Menge Vertrauen entgegenbringen.

Klar, wenn er einen Abgrund runterspringen würde, dann spränge ich hinterher im Glauben, es ginge nur eine Stufe hinunter. Aber er wäre ja blöd, das zu tun. Als Blinder muss man sowieso Vertrauen haben. Wir haben bei uns zum Beispiel eine sehr gefährliche Straße, da rasen die Autos mit 100 Sachen. Ich sage den Kindern: Keine Angst, die Leute helfen euch rüber.

Wie merken Sie, dass Sie jemandem vertrauen können?

Ich vertraue so ziemlich jedem. Das geht sogar so weit, dass ich beim Bezahlen das Portemonnaie offen hinhalte und sage: Such dir raus, was du brauchst. Die Leute sind so überrascht über dieses Vertrauen, dass sie es nicht missbrauchen. Wenn du dich als blinder Mensch mit Selbstverständlichkeit bewegen willst, führt Misstrauen zu nichts.“

Ich lese das Interview so: Der Gegensatz zu Angst ist nicht Mut oder Tollkühnheit, sondern Vertrauen. Dieses Vertrauen lässt sich nicht rational begründen, sondern nur beispielhaft am eigenen Leib erfahren, am besten durch das Vorbild eines anderen Menschen.

„Wenn Sie die Wahl hätten, sehen zu können oder blind zu sein, wofür würden Sie sich entscheiden?

Ich weiß nicht. Dadurch, dass ich etwas verloren habe, habe ich auch vieles gewonnen: Ich kann mich sehr lange stark konzentrieren. Und ich habe meine Angst verloren. Wenn man sehen kann, sieht man ein Problem, eine Sackgasse, und denkt: Da geht es nicht weiter. Ich habe diese Vorhersicht nicht, ich lasse mir Zeit und stelle mich ganz anders auf Leute und Probleme ein. Aus der Ferne scheinen Probleme manchmal unlösbar. Und wenn man davorsteht, dann begreift man erst: Hier ist eine Lücke, da kann ich durch.“

Wir müssen uns Sabriye Tenberken als einen glücklichen Menschen vorstellen.

 Posted by at 11:53

Windows on the World: Ein postmoderner Roman über die Angst zum Tode

 Sprachenvielfalt  Kommentare deaktiviert für Windows on the World: Ein postmoderner Roman über die Angst zum Tode
Jan. 122008
 

Der Roman Windows on the World schildert die letzten 2 Stunden eines Vaters, der am 11. September 2001 zusammen mit seinen beiden Söhnen die Attentate auf die Zwillingstürme erlebt – ein fiebriger, überhitzter Abriss der letzten Gedanken eines weißen Amerikaners über die letzten Dinge. Ein einziger weitgespannter Essay-Roman über die Angst, Angst vor dem Nichtsein, Angst davor, umsonst gelebt zu haben, und davor, den Sinn (aber was ist das?) zu verfehlen. Mannigfaltig sind die offenen und versteckten Bezunahmen auf die Traditionen der alten Welt – insbesondere das Alte Testament, Buch Genesis, und die attische Tragödie. Zitat aus dem Kapitel 10 h 24: „Ce roman utilise la tragédie comme une béquille littéraire.“ Dieser Roman stützt sich auf die Tragödie als einen literarischen Krückstock.

Wie steht es mit der Todesangst? Ist sie die größte, umfassendste Angst? Ist sie das eigentlich Menschliche, das uns vom Tier abhebt? Der fiktive Erzähler-Autor scheint dieser Ansicht zuzuneigen, und der Roman, der ja nicht zwei Stunden, sondern nur 1 Stunde 59 Minuten dauert, führt den Leser zielstrebig auf den Zeitpunkt 10 Uhr 30 zu – exakt die Minute, in welcher der Erzähler mit seinen Söhnen stirbt. Die Leser sollen also selber eine Art Todeserfahrung erleben. Um 10 Uhr 16 heißt es:

J’ai peur de la mort. Je suis fier de ma lâcheté. Mon absence totale de courage physique m’oblige à vivre sous la permanente protection de la police et de la loi. Mon absence totale de courage physique est ce qui me distingue de l’animal.

Frédéric Beigbeder: Windows on the World. Roman. Bernard Grasset, Paris 2003

 Posted by at 09:44

Vorfreude auf Die Perser im Theater

 Theater  Kommentare deaktiviert für Vorfreude auf Die Perser im Theater
Jan. 102008
 

Soeben habe ich zwei Karten für die Aufführung der Perser im Deutschen Theater Berlin bestellt. Am kommenden Sonntag, den 13. Januar, gehen wir hin. Ich bin schon gespannt, empfinde aber – noch – keinerlei Angst. Regisseur Dimiter Gotscheff beruft sich ausdrücklich auf die antike Katharsis-Deutung. Wird er uns wohlige Schauer des Entsetzens über den Rücken jagen? Am nächsten Sonntag wissen wir mehr! Wieso aber wohlige Schauer des Entsetzens?

Nun, Aristoteles bestimmt das Wirkungsziel der attischen Tragödie in seiner Poetik wie folgt:

Eine tragödienspezifische Lust, die im Erlebnis eines eigenartigen Gereinigtwerdens von zuvor in tieferschütternder Wucht empfundenen Affekten, an deren Spitze die besonders stark aufwühlenden Grund-Affekte ‚Mitleid‘ und ‚Furcht‘ (eleos kai phobos) stehen.

Hier frei zitiert (mit Auslassungen) nach folgender, nachdrücklich zu empfehlender Hinführung: Joachim Latacz, Einführung in die griechische Tragödie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993 [=UTB 1745], S. 65-66

So wiederum kündigt das Deutsche Theater Berlin selbst sein Unterfangen an:

DIE PERSER
480 v. Chr. verloren die Perser in der Schlacht bei Salamis gegen die von ihnen lange unterdrückten Griechen. Acht Jahre später schrieb ein Grieche aus der Sicht des besiegten Feindes die älteste überlieferte Tragödie der Weltliteratur. Die Perser: Ein Volk begreift, dass es ausgespielt hat. Ein »organisierter Nervenzusammenbruch«, so Durs Grünbein, ein einziger langer Schrei, übertragen in Worte. Aischylos lässt die Verantwortlichen für das Fiasko auftreten, vom Chor des Ältestenrates bis zu Xerxes, dem geschlagenen Feldherrn und König. Er wagt einen Blick auf gegenwärtige Geschichte, der Vergangenheit und Zukunft einbezieht. Die Sieger von heute sind bald wieder die Besiegten von morgen. Auch wenn die Toten verscharrt werden, sind sie präsent. In seiner Theaterarbeit ging es Dimiter Gotscheff stets um die klassisch griechische Tragödienwirkung einer umfassenden, auch körperlichen Reinigung.

 Posted by at 17:45

Angst vor etwas – warum eigentlich VOR?

 Angst, Antike, Philosophie  Kommentare deaktiviert für Angst vor etwas – warum eigentlich VOR?
Jan. 102008
 

Der aktuelle Spiegel (Nr. 2 vom 7.1.2008) bringt auf S. 143 unter dem Titel Willkommen, oh Schattenreich eine gute Besprechung der Tagebücher Peter Handkes. Handke schreibt demnach in seinem Tagebuch:

„A. hat Angst vor meiner Unbeherrschtheit, noch bevor ich die Beherrschung verliere (auch so ein kleiner Teufeskreis).“

Ein vortrefflicher Satz! Er spiegelt genau das wider, was die Angst oft so schrecklich macht: Die Erwartung eines Unheils, das man schon von irgendwoher zu kennen meint, das aber noch bevorsteht. Angst scheint stets in die Zukunft gerichtet zu sein. Vor etwa vollständig Vergangenem, einem Unheil, das endgültig abgeschlossen ist, empfindet man keine Angst, sondern Trauer, Wehmut oder ähnliches. Bereits in der Behandlung der Angst (phobos) bei Aristoteles, in der Rhetorik (1382b-1383a), wird das Wägend-Ungewisse, das in die Zukunft Vorgreifende der Angst sehr schön herausgearbeitet, und zwar so, dass auch wir modernen Menschen jeden Satz daraus verstehen und nachvollziehen können.

Tritt das Wovor der Angst dann endlich ein, dann erscheint die Angst sofort gemindert – oder sie verschwindet gänzlich. Dies haben viele Verbrechensopfer, aber auch Soldaten berichtet.

Wahrscheinlich heißt es deswegen: Angst vor etwas haben, nicht nach etwas.

 Posted by at 16:40
Jan. 092008
 

csr900.gif Die britische Zeitschrift „The Economist“ widmet in ihrer aktuellen gedruckten Ausgabe (January 5th-11th 2008) mehr als 14 Seiten dem Thema Einwanderung. Das Fazit sei vorweggenommen: Die Volkswirtschaften der westlichen Länder brauchen sowohl quantitativ wie qualitativ noch weit stärkere Einwanderung, wenn sie ihren Wohlstand sichern wollen. Zu diesen Volkswirtschaften gehören ohne jede Einschränkung die Bundesrepublik Deutschland und die anderen EU-Staaten. Der Economist wirft den Politikern fast aller westlicher Länder eine grundsätzlich viel zu zögerliche Haltung bei der Öffnung der Grenzen und eine zu geringe Bemühung bei der Integration der Zuwanderer vor.

Es lohnt sich, diese Positionen des Magazins mit den Stellungnahmen der Spitzenverbände der deutschen Industrie, also etwa des BDI, zu vergleichen. Ergebnis: Weitgehend identisch mit den Empfehlungen des Economist! Die deutsche Wirtschaft hat sich stets für eine weitestgehende Öffnung der Grenzen, sowohl für Menschen als auch für Kapital, ausgeprochen. So fordert sie seit langem ein flexibleres Zuwanderungsrecht. So lehnt sie aber auch den jüngsten Beschluss des CDU-Parteitags zur Beschränkung ausländischer Investoren ausdrücklich ab. Es tut (mir mindestens) gut, derartige vernünftige Stimmen in aufgeregten Wahlkampfzeiten, wo viele wild durcheinander gestikulieren und aufeinander einschlagen, zur Kenntnis zu nehmen.

Lesen Sie nachstehend Auszüge aus dem Leitartikel des Economist im Original. Ich halte ihn nach Inhalt, Stil und sprachlicher Gestalt für vorbildlich.

Jan 3rd 2008
From The Economist print edition

Keep the borders open!

The backlash against immigrants in the rich world is a threat to prosperity everywhere

ITALIANS blame gypsies from Romania for a spate of crime. British politicians of all stripes promise to curb the rapid immigration of recent years. Voters in France, Switzerland and Denmark last year rewarded politicians who promised to keep out strangers. In America, too, huddled masses are less welcome as many presidential candidates promise to fence off Mexico. And around the rich world, immigration has been rising to the top of voters‘ lists of concerns—which, for those who believe that migration greatly benefits both recipient and donor countries, is a worry in itself.

As our special report this week argues, immigration takes many forms. […]

History has shown that immigration encourages prosperity. Tens of millions of Europeans who made it to the New World in the 19th and 20th centuries improved their lot, just as the near 40m foreign-born are doing in America today. […] Letting in migrants does vastly more good for the world’s poor than stuffing any number of notes into Oxfam tins.

The movement of people also helps the rich world. Prosperous countries with greying workforces rely ever more on young foreigners. Indeed, advanced economies compete vigorously for outsiders‘ skills. […] It is no coincidence that countries that welcome immigrants—such as Sweden, Ireland, America and Britain—have better economic records than those that shun them.

Face the fears

Given all these gains, why the backlash? Partly because politicians prefer to pander to xenophobic fears than to explain immigration’s benefits. But not all fear of foreigners is irrational. Voters have genuine concerns. Large numbers of incomers may be unsettling; economic gloom makes natives fear for their jobs; sharp disparities of income across borders threaten rich countries with floods of foreigners; outsiders who look and sound notably different from their hosts may find it hard to integrate. To keep borders open, such fears have to be acknowledged and dealt with, not swept under the carpet.

[…]
Politicians in rich countries should also be honest about, and quicker to raise spending to deal with, the strains that immigrants place on public services.

It is not all about money, however. As the London Tube bombers and Paris’s burning banlieues have shown, the social integration of new arrivals is also crucial. The advent of Islamist terrorism has sharpened old fears that incoming foreigners may fail to adopt the basic values of the host country. Tackling this threat will never be simple. But nor would blocking migration do much to stop the dedicated terrorist. Better to seek ways to isolate the extremist fringe, by making a greater effort to inculcate common values of citizenship where these are lacking, and through a flexible labour market to provide the disaffected with rewarding jobs.

Above all, perspective is needed. The vast population movements of the past four decades have not brought the social strife the scaremongers predicted. On the contrary, they have offered a better life for millions of migrants and enriched the receiving countries both culturally and materially. But to preserve these great benefits in the future, politicians need the courage not only to speak up against the populist tide in favour of the gains immigration can bring, but also to deal honestly with the problems it can sometimes cause.

 Posted by at 13:32

Aischylus – der erste von uns anmaßend-überheblichen Europäern?

 Europäische Bürgerkriege 1914-????, Griechisches  Kommentare deaktiviert für Aischylus – der erste von uns anmaßend-überheblichen Europäern?
Jan. 082008
 

Die folgende Behauptung des großartigen Historikers Norman Davies verblüffte mich heute kurz nach dem Frühstück:

In his Persae, Aeschylus creates a lasting sterotype whereby the civilized Persians are reduced to cringing, ostentatious, arrogant, cruel, effeminate, and lawless aliens. Henceforth, all outsiders stood to be denigrated as barbarous. No one could compare to the wise, courageous, judicious, and freedom-loving Greeks.

Davies benennt vor allem die attische Tragödie als Quell jener abendländischen Überheblichkeit gegenüber den Barbaren, die dann im Laufe der Jahrtausende zu so viel Unheil geführt habe. Ich frage: Ja, sind denn die Griechen in der Orestie des Aischylos etwa auch nur einen Deut besser? Sind sie nicht verschlagen, verblendet, angsterfüllt, hinterlistig, feige, grausam, verbrecherisch? Ich glaube, in seinem Verdikt über Aischylos irrt Davis, wie sonst eigentlich ganz selten. Sein meisterhaftes Buch über europäische Geschichte kann ich trotzdem nur mit allergrößtem Nachdruck empfehlen. Das Zitat findet sich auf S. 103.

Norman Davies: Europe. A History. 1365 Seiten, Pimlico, London 1997

Ebenso meisterhaft widerlegt im heutigen Tagesspiegel die Berliner Gräzistin Gyburg Radke die in diesem Blog bereits am 22.12.2007 angezeigten Thesen des Raoul Schrott zum „endlich gelüfteten Geheimnis“ Homers. Sowohl Davies‘ als auch Radkes Ausführungen treten mit einer zentralen These zum europäischen Geistesleben hervor: Aischylus habe seine Tragödien in schroffer Abgrenzung von der barbarischen Außenwelt geschaffen, so Davies. Demgegenüber kann Radke darauf verweisen, dass die hohe Kunst Homers gerade in der sorgfältigen Sichtung und Komposition ganz unterschiedlicher Traditionsstränge aus verschiedenen Kulturen bestanden habe. Zitat:

Schrotts Eingebung, die These der oral poetry sei falsch, weil das große Kunstwerk „Ilias“ nicht Produkt der mündlichen Überlieferung, sondern nur der Fleißarbeit eines Schriftgelehrten sein könne, verfehlt gerade das, was Homer zum größten aller Dichter macht. Nicht das Sammeln macht ihn besonders, sondern im Gegenteil seine strenge Auswahl. Dass er neu ordnet und eine neue, vollständige und individuelle Geschichte erzählt, darin liegt die Faszination Homers. Deshalb sprechen wir noch heute von ihm, nach 2800 Jahren.

So verlockend es ist, ein anschauliches Bild von seiner Lebenswirklichkeit zu gewinnen und mehr über den Kulturaustausch zwischen Griechen und dem Alten Orient zu erfahren, so bleibt dies doch lediglich der Rahmen für das, was uns Homer wirklich näherbringt. Die assyrischen Einflüsse auf die Entwicklung der griechischen Dichtung zu kennen, ist ein großer Erkenntnisfortschritt, den nicht Raoul Schrott, sondern die Forschung erbracht hat. Doch sollte uns Homer dadurch nicht exotisch und fremd werden, sondern vertrauter: als Höhepunkt der Dichtkunst, die Europa im Dialog mit anderen Kulturen hervorgebracht hat.

 Posted by at 22:03

Glückwunsch Ira!

 Freude, Kinder, Russisches, Singen, Theater, Vorbildlichkeit, Willkommenskultur  Kommentare deaktiviert für Glückwunsch Ira!
Jan. 082008
 

2112_14067_nbh_potapenko_190.jpg Zufällig entdecke ich auf der Homepage des Nachbarschaftsheims Schöneberg einen Bericht über Ira, die in der Kita am Kleistpark verschiedene Theateraufführungen gemacht hat. Glückwunsch, Ira! Wir sind stolz auf Dich!

Zitate:

Die Opernsängerin Irina Potapenko, Mutter eines Kindes in der Kita Am Kleistpark, hat dort vieles angestoßen. Gemeinsam mit dem Team initiierte sie das Projekt „Der kleine Amadeus“. Mittlerweile gibt es eine feste Kooperation mit der Musikschule des Bezirks, eine Musikpädagogin arbeitet in der Kita. Die aus Moskau stammende Alt-Sängerin musiziert in ihrer Freizeit ebenfalls weiter mit den Kindern.

Frau Potapenko, gerade haben Sie mit Kitakindern Mozarts Zauberflöte aufgeführt. Wie geht das mit Vierjährigen?
Wir haben mit acht Kindern und sechs Puppen gespielt, alles hat gut geklappt. Wir werden das wiederholen. Die Kinder, die mitgemacht haben, waren begeistert. Alle anderen haben gebannt zugehört. Dass sie klassische Musik kennenlernen, ist so wichtig! Es sollte sogar eine Selbstverständlichkeit sein. Dafür engagiere ich mich.

Das hört sich energisch an. Reißen Sie immer viele Menschen mit?
Ich muss zugeben, als mein Sohn im Jahr 2005 in die Kita kam, habe ich mich sofort eingemischt. „Wo ist das Klavier?“, war meine erste Frage. Es gab keins. Dann wurde es angeschafft, das hat etwas in Gang gesetzt. Gemeinsam mit meinem Mann Johannes Hampel, der Geige spielt, habe ich Konzerte auf den Fluren der Kita gegeben. Das war im Mozartjahr 2006. Jetzt folgte als weiterer Höhepunkt die Zauberflöte.

Sie haben auch die Figuren gebastelt?
So fing es an. Die Königin der Nacht habe ich aus Pappmaschee gemacht, dann konnte ich nicht mehr aufhören. Als ich die Puppen hatte, habe ich die Oper auf 40 Minuten Länge gekürzt. Die Arie der Pamina singt eine befreundete Sopranistin, die Orchesterbegleitung kommt von der CD. Ein Kita-Vater ist Tonmeister, er hat alles zusammengeschnitten. Alle Kinder sind wieder voll dabei, sie singen, malen, dekorieren. Auch die, die zu Hause mit Kultur oder Musik womöglich gar nichts zu tun haben. Genauso die Kinder, die zum Beispiel sprachliche Probleme haben. Die Sprache der Musik versteht jeder.

Weil sie die Seele wirklich öffnet, so wie Mozart es meint?
Kinder lügen in diesem Alter nicht, ihre Reaktion ist direkt und ehrlich. Wenn die Botschaft dieser Musik nicht ankäme, würde man es ihnen sofort anmerken. Aber sie kam bisher noch jedes Mal an, also habe ich immer weitergemacht. So machen wir mit der Kita auf uns aufmerksam. Für Eltern und Erwachsene aus der Nachbarschaft werden wir die Zauberflöte noch einmal aufführen. Das Haus soll ein Familienzentrum werden. Das unterstütze ich sehr

 Posted by at 00:59
Jan. 072008
 

Anhand der neuesten Forschungsliteratur überprüfe ich meinen aus dem Kopf verfassten Eintrag vom 30. Dezember, in dem das in Augsburg entdeckte hebräische Graffito יהוה dokumentiert und besprochen wurde. Ein vortreffliches, neu erschienenes Handbuch lege ich hierzu auf meinen Schreibtisch:

Jan Christian Gertz (Hg.): Grundinformation Altes Testament. Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments. 2., durchgesehene Neuauflage, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007 [=UTB 2745]

Auf Seite 122 lese ich dort zum Problem des Augsburger Graffito:

Nicht unerheblich ist die Frage nach der Bedeutung des Namens: Nach Ex 3,14 in masoretischer Vokalisation liegt eine Ableitung von der hebräischen Wurzel HYY „sein, werden“ im Grundstamm vor, doch wird seit Julius Wellhausen die arabische Wurzel HWY „wehen“ als plausibler angenommen, u.a. weil sie dem theologischen Profil des Jhwh als eines urspünglichen Wettergottes (vgl. Ri 5,4f; Hab 3,3; Ps 68,8f.; Dtn 33,2) eher entspricht. Philologisch ist von der Basis HWY aus beides möglich. Daraus ergibt sich für den Namen Jhwh die Alternative einer Deutung als finite Verbalform des Langimperfekts 3. P. m. Sg. im Grundstamm „er wird/ist“ oder „er weht“. Bei JHW handelt es sich um die entsprechende Form im Kurzimperfekt bzw. Iussiv „er sei/werde“ oder „er wehe“. Nimmt man anstelle des Grundstammes einen Kausativstamm an, erweitern sich die Deutungsmöglichkeiten (Jhwh: „er lässt sein“ bzw. „schafft“ [s. W. F. Albright] oder „er lässt wehen“. Die Übersetzung der LXX von Ex 3,14 „Ich bin der Seiende“ ist der griechischen Ontologie verpflichtet.

Für einen derartig gedrängten, mit mannigfachen Belegen untermauerten semantischen Abriss des hebräischen Gottesnamens kann man gar nicht dankbar genug sein. Ich empfehle das genannte Werk allen jenen, die die Hebräische Bibel (oder, wie manche sagen: das Alte Testament) mit Handreichungen durch die moderne Wissenschaft neu entdecken wollen.

Was ich allerdings in dem Band bisher nicht gefunden habe, ist eine fundamentale kritische Auseinandersetzung mit dem sicherlich anfechtbaren Begriff „Altes Testament“. Der Buchtitel „Altes Testament“ ist der Sammlung antiker Schriften nachträglich angeheftet und höchst problematisch. Manche Juden meinen mit gutem Grund, schon durch den Namen „Altes Testament“ werde ihnen ihre Schrift, ihre Bibel gewissermaßen enteignet. Selbst die frühen Christen nannten die Sammlung ihrer verbindlichen Schriften (Tora, Ketubim, Nebiim), zu denen nach und nach frühe Bekenntnisschriften der Jesusgemeinden hinzutraten, bis weit ins zweite Jahrhundert hinein nicht Altes und Neues Testament. Das hier angezeigte Buch hält sich übrigens dankenswerterweise von der früher häufig vorherrschenden rein christologischen Lesart der Hebräischen Bibel weit entfernt.

Nebenbei: Der Eintrag vom 30. Dezember in diesem Blog bedarf keiner sachlichen Korrektur.

 Posted by at 13:37