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Okt. 122015
 

Im Gränzenlosen sich zu finden,
Wird gern der Einzelstaat verschwinden,
Sich aufzugeben, ist Genuß!

So mag es einem wohl spielerisch in den Sinn kommen, nachdem man mit Hochgenuß die späten politisch-moralischen Gedichte Goethes durchgelesen hat.

Von „entgrenzter Demokratie“ schreibt sehr packend, sehr überzeugend der Düsseldorfer Politikwissenschaftler Stefan Marschall. Er erkennt, dass Phämomene wie „Europäisierung“ (gemeint ist jedoch nur der absolute Vorrang der EU-Rechtsakte vor den Rechtsakten der EU-Mitgliedsstaaten) und „Globalisierung“ den herkömmlichen westlichen Staatstypus zunehmend ins Abseits manövrierten und potenziell handlungsunfähig machten; in der Tat, so meine ich, Altertümlichkeiten wie etwa die Gewaltenteilung zwischen gesetzgebender, ausführender und rechtssprechender Gewalt werden in modernen Zeiten zunehmend außer Kraft gesetzt; gefragt ist in unseren Zeiten der wachsenden Anomie, der Widersprüchlichkeit unvereinbarer Rechtsordnungen wie etwa derjenigen der EU einerseits und der Nationalstaaten andererseits heute rasches, kühnes Zupacken, Raffen und Schaffen, auch wenn dieses „Schaffen“ oft nur ein „Abschaffen“ oder auch ein „Sich-Aufgeben“ ist, in diesem Fall also ein Abschaffen des herkömmlichen Souveränitätsgedankens der Territorialstaaten.

Wir zitieren Stefan Marschall (Hervorhebungen durch dieses Blog):

„In der Gesamtschau spricht vieles dafür, dass die Globalisierung der Gesellschaften und staatlicher Politik einen Beitrag zur Entparlamentarisierung, zur Schwächung des Bundestages im politischen System Deutschlands leistet und damit an die Substanz der parlamentarischen Demokratie geht.“

In scharfen Tönen, die nicht frei von Polemik sind, spricht der hochangesehene ehemalige Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust am 9.10.2015 von der „Kanzlerin ohne Grenzen“; der europäische Politiker Guy Verhofstadt wiederum geißelte kürzlich im EU-Parlament die derzeitige europäische Anomie als reinstes Chaos, in dem es nicht eine, sondern „mindestens zehn Unionen“ gebe.

Nun, ich meine: Die zutreffend erkannte „Entgrenzung“ oder auch Regellosigkeit der hohen Politik macht uns einfachen Bürgern zunächst einmal Angst. Wir einfachen Bürger wissen derzeit oft nicht mehr, woran wir sind – was gilt, beispielsweise in der Euro-Staatschuldenkrise, in der wirtschaftlichen Dauerkrise der Eurozone und der Massenmigration in die verschiedenen europäischen Sozialsysteme? Was hat Vorrang? EU-Recht? Deutsches Recht? Das Recht des Stärkeren? EZB-Recht? Eine Art permanentes Notfallrecht? Oder brauchen wir gar in Europa endlich wieder einmal eine starke Frau, die vernünftigen Sinnes alles lenkt und leitet, „legibus absoluta“, also oberhalb der Gesetze stehend, wie etwa Kaiserin Maria Theresia oder Zarin Katharina II.? Oder ist alles letztlich sowieso eins, im Sinne eines Goethe’schen „Eins und Alles“? Fragen über Fragen!

Hier meine ich: Wenn man manche Zuspitzung und im Eifer des Gefechts unterlaufende Übertreibung abzieht, sollte und müsste man die Bemerkungen und Einwürfe eines Johann Wolfgang Goethe, eines Stefan Marschall, eines Stefan Aust und eines Guy Verhofstadt durchaus ernst nehmen. Sind letztlich doch alles besonnene, welterfahrene Menschen!

Belege:

Stefan Marschall: „Die entgrenzte Demokratie – Europäisierung und Globalisierung“, in: Stefan Marschall: Das politische System Deutschlands. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2015, S. 234-259, hier bsd. S. 247, S. 255, S. 257

Rede Guy Verhofstadts im EU-Parlament vom 07.10.2015
https://www.youtube.com/watch?v=D_VbHfgPVlg (hier besonders 4:47)

Stefan Austs Artikel vom 09.10.2015:
http://www.welt.de/debatte/kommentare/article147423831/Angela-Merkel-Kanzlerin-ohne-Grenzen.html

Goethes Gedicht „Eins und Alles“ (mit einigen schweren Schreibfehlern!):
http://gutenberg.spiegel.de/buch/johann-wolfgang-goethe-gedichte-3670/243

Bild:
Lascia dir la gente
e va per la tua strada (Dante). Bild vom Havelland-Radweg, unterwegs zu dem Ribbeck von Ribbeck auf Havelland.
20151004_090713

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Er hat uns noch was zu sagen

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Okt. 102015
 

Eines der polnischen Lehnwörter in unserer schönen deutschen Muttersprache ist das Wort „Grenze“. Es stammt vom polnischen Wort „granica“ ab. Goethe selbst, der große Hochachtung für die slawischen Sprachen hegte, schrieb folgerichtig meist eigenhändig „Gränze“, so etwa in „Im Gränzenlosen sich zu finden“, obgleich schon damals die Schreibung „Grenze“ sich durchzusetzen begann. Säße der Knabe Goethe heute in einer Grundschule, dürfte er ebenfalls schreiben, wie er wollte, denn wer wollte einem Goethe vorwerfen, dass er kein richtiges Deutsch schreibe? Kaum ein Schüler lernt ja heute noch die deutsche Rechtschreibnorm zuverlässig. Wer vermöchte es ihm auch zu verdenken bei all der Anomie, die uns umgibt?

Entscheidend ist doch, daß wir die Gedichte Goethes wieder fleißig lesen, sie laut den Kindern vorlesen, sie selbst auswendig lernen und sie laut und deutlich, klingend und singend vortragen in Trepp und Kammer, in Kita und Schul und wer weiß sogar am Goethe-Gymnasium, in Aula und Saal, auf Schritt und Tritt.

Hören wir den greisen Goethe selbst. Er hat uns noch was zu sagen. Das Bild weiter unten zeigt das Arbeitszimmer Goethes in Weimar, wie wir es am 19. Juli 2015 vorfanden.

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Im Gränzenlosen sich zu finden: Goethes ursprüngliche Einsicht

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Okt. 102015
 

Eins und Alles

Im Gränzenlosen sich zu finden,
Wird gern der Einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruß;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt läst’gem Fordern, strengem Sollen,
Sich aufzugeben, ist Genuß.

Weltseele, komm, uns zu durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen,
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.
Theilnehmend führen gute Geister,
Gelinde leitend, höchste Meister,
Zu Dem, der alles schafft und schuf.

Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich’s nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges, lebend’ges Thun.
Und was nicht war, nun will es werden
Zu reinen Sonnen, farb’gen Erden;
In keinem Falle darf es ruhn.

Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht’s Momente still.
Das Ew’ge regt sich fort in allen:
Denn alles muß in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.

An Syriens Grenzen

 Antike, Europäisches Lesebuch, Flüchtlinge, Migration, Syrien  Kommentare deaktiviert für An Syriens Grenzen
Okt. 082015
 

Ein großes Vorbild und Muster europäischer Flüchtlingspolitik bietet zweifellos Aischylos in seiner Tragödie  Schutzsuchende (Ἱκέτιδες). Wir erleben 50 asylsuchende Frauen aus Ägypten, die sich der Zwangsverheiratung widersetzen, verfolgt von der Männer Wut, von Mordgeschrei und Kriegsdrohung. Bomben und Kanonen gab es damals nicht. Heute sind es junge Männer, damals waren es junge Frauen. Aber die geographische Herkunft ist dieselbe, nämlich Syrien und Ägypten samt den das Mittelmeer säumenden Nachbarländern, der Nahe Osten eben, die Levante.

So tragen die Asylbewerberinnen gleich zu Beginn bei Zeus ihre Herkunft so vor:

Ist ja sein das Land auch
An Syriens Grenzen, aus dem wir entflohn

Das Problem war bei Aischylos damals im 5. Jh. v.d.Z. im wesentlichen dasselbe wie heute in der Europäischen Union .

„Sollen wir die Masse Asylsuchender aufnehmen, auch wenn unser Gemeinwesen dadurch erheblichen Schaden erleidet? Ist die Aufnahme sittlich und rechtlich geboten, auch wenn es unserem Staate nicht nützt?“

Zitatnachweis:

Aischylos: Die Schutzsuchenden. In: Aischylos. Die Tragödien.  Übersetzungen mit Anmerkungen von Emil Staiger und Walther Kraus. Nachwort von Bernhard Zimmermann. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2002, S. 237-279, hier S. 237

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In ihrem Wohl liegt euer Wohl

 Antike, Armut, Flüchtlinge, Integration, Koran  Kommentare deaktiviert für In ihrem Wohl liegt euer Wohl
Okt. 082015
 

Gewissermaßen eine orientalisch-europäische Bibel der Flüchtlingsdebatte ist – neben und zugleich mit Aischylos‘ griechischer Tragödie Hiketiden („Asylbewerberinnen“) – die Bibel. Die Bibel – bestehend aus dem Alten und dem Neuen Testament – ist gespickt mit den Themen Vertreibung, Flucht, Überfremdungsangst, Multikulturalismus, sie ist angefüllt mit Ethnizitätskonflikten, mit Religionskonflikten, mit Gewalt und Gewaltverzicht, mit Terror und Barmherzigkeit. Barmherzigkeit gilt sowohl bei Aischylos‘ „Hiketiden“ wie in der Bibel (an sehr vielen Stellen bei Jesaias und Jeremias, und durchweg überall im Neuen Testament) als Antwort auf den Terror, der die Asylanten schlug. Eine Obergrenze der Barmherzigkeit gibt es nicht. Ganz im Gegenteil ist „Unendlichkeit“ eines jener Attribute, welches sowohl in der Bibel wie auch im Koran der Muslime der Barmherzigkeit beigelegt wird.

Heute fällt mir wieder der Brief des Jeremias ein, den er an die Verbannten und Vertriebenen seines Volkes  im Babylonischen Exil schrieb. Wann schrieb er den Brief? Wohl nach 597 v.d.Z., kurz nach der Massen-Deportation und Massen-Flucht von Jerusalem nach Babylon. Rechtschaffenheit, Dienst am Gemeinwohl, Integration in eine fremde Umgebung waren in der Stimme des Jeremias die Gebote der Stunde. Sie waren das rechtlich und moralisch Gebotene in Zeiten der Not, des Krieges und der Flucht. Wie das dann im einzelnen zu schaffen war, lag selbstverständlich in den Händen der Beteiligten. Entscheidend ist, dass den ganzen Brief des Jeremias der Geist des „Wir schaffen das“ prägt und trägt. Er trug und trägt die Traglufthalle der Erstaufnahmeeinrichtung.

Teile des Jeremias-Briefes (nämlich Kap. 29, Vers 76) waren groß aufgemalt an der Decke der Berliner Notunterkunft, die wir im Mai dieses Jahres zum Singen und Spielen besuchten.

Bemerkenswert: Jeremias fordert von den Flüchtlingen von Tag 1 des Babylonischen Exils an Arbeit, Integration, Fleiß und Mühsal.

Die entsprechenden Verse seien hier angeführt:

Baut Häuser und wohnt darin, pflanzt Gärten und esst ihre Früchte!

Nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, damit sie Söhne und Töchter gebären. Ihr sollt euch dort vermehren und nicht vermindern.

Bemüht euch um das Wohl der Stadt, in die ich euch weggeführt habe, und betet für sie zum Herrn; denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl.

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Barfußpfade – eine gangbare Alternative zum Hochgebirgswandern?

 Barfuß, Berchtesgaden, Faust, Goethe, Südtirol, Wanderungen  Kommentare deaktiviert für Barfußpfade – eine gangbare Alternative zum Hochgebirgswandern?
Okt. 062015
 

Barfuß 20151004_120517

Statt eines steil ausgesetzten Höhenkamms – den man nicht haben kann im Umland von Berlin – führte uns der Weg am Sonntag von Ribbeck im Havelland auf dem Barfußpfad über eine Länge von 2 km zum Kinderbauernhof Marienhof. Ohne Schuhe und ohne Socken stapften wir durch Sumpf und Luch, über Stock und Stein, immer am Rand des Wirtschaftsweges entlang. Mancherlei Hindernisse stellten sich uns in den Weg, von der knuppeligen Baumwurzel über steil aufragende Altreifen, von der schottrigen Grauwacke über einen schwanken Steg aus zwei Balken bis hin zum umgestülpten Mehrweggetränkeflaschentragl.

Barfuß 20151004_121810

Die nackten Füße erfuhren Erdgeschichte, erfuhren den ersten Kältehauch des Herbstes im tief quatschenden Sumpf, ertasteten noch die gespeicherte Wärme des Sonnentages im feinkörnigen Mergel und im aufgeschütteten Schluff. Und ja, dieses ständige Fassen und Nehmen der Fußsohle am Boden, das Weichen und Nachgeben, das Drücken und Zwicken des Erdbodens entfalteten eine konzertante Gesamtwirkung auf den gesamten Bewegungs- und Halteapparat aus Zehen, Füßen und Beinen, dass ich mich danach an die wohlig walkende Wirkung eines Höhenpfades in 2.000 m erinnert fühlte. Das gesamte Alpenpanorama dacht‘ ich mir dazu – etwa mit folgenden Versen:

Der Einsamkeiten tiefste schauend unter meinem Fuß
Entlassend meiner Wolken sanftes Tragewerk
Betret‘ ich wohlbedächtig dieser Gipfel Saum

— und die Südtiroler Herrlichkeit vergegenwärtigte mir ein Buch, das ich im Sammelregal gebrauchter Bücher im Schloß Ribbeck fand und erstand, nämlich den packenden Schicksalsroman „Zwei Menschen“ von Richard Voß, 1911 zuerst erschienen in Stuttgart, 1959 wieder aufgelegt durch den Fackelverlag Olten. Eine prachtvolle, in vollem Selbstbewusstsein schaltende und waltende Frau ist sie, diese Judith vom Platterhof! Ein Leckerbissen für Genderforscherinnen aller Geschlechter!

Der Roman spielt in Vahrn am wild schäumenden Eisack, wo ich meine letzten Bergabenteuer erlebt habe, und der Autor starb 1918 in seiner Wahlheimat Berchtesgaden, wo man sich seiner noch heute erinnert. Ebenfalls erwähnt wird in dem Buch das Kloster Neustift, aus dem ich drei Flaschen Wein mit nach Berlin brachte.

Wer mochte dies Buch dort wohl für mich hinterlegt haben?

Ergebnis: Ja, Barfußpfade sind eine taugliche Alternative für alle jene, die es nicht schaffen, am Wochenende ins Hochgebirg zu fahren, um starre, zackige Felsengipfel zu erklimmen.

Der Havelland-Radweg führt bequem, still und geräuschlos rollend von Nauen bis Ribbeck ans Ziel.

https://www.youtube.com/watch?v=PmvBOAlpwPE

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Poco adagio, cantabile. Sempre piano

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Okt. 032015
 

Schwarz rot gold 20150926_143526

Bei einem der letzten Male des Festes der deutschen Einheit am 3. Oktober trat Coca Cola als mächtigster Hauptsponsor des Festes der deutschen Einheit auf. Coca Cola baute am 2. Oktober 2011 ein HAPPINESS MONUMENT, einen Glücksturm in Berlin auf der Straße des 17. Juni auf. Was bedeutet Glück? Auf der Bühne war kein einziges deutsches Wort zu hören, die gesamte Beschallung aus den wummernden Subwoofern und auch die Talks fanden nur auf Englisch statt. Ich fotografierte den Glücksturm von Coca Cola, berichtete darüber in diesem Blog am 2.10.2011. „Trinkt Coca Cola, singt und redet Englisch und ihr werdet glücklich“ – das war überdeutlich und überlebensgroß die damalige Glücksverheißung. Mich fror dabei. In mir schalt es und schimpft‘ es wie eine tschilpende Schar Rohrspatzen: „Universal happiness through Coca Cola? Not my stuff!“

Ich selbst wähle heute eine geradezu hinterlistig schlaue Art, ihn, diesen guten sonnigen Tag, zu begehen: ich spiel einfach die Stimme der ersten Geige des zweiten Satzes aus dem Streichquartett Nr. 42, op. 76 Nr. 3 des Österreichers Joseph Haydn. … Wieso hinterlistig? Nun, ich spiele nur die Variationen, nicht jedoch die Melodie des Österreichers! Gibt es noch genug hörende Ohren und hörende Herzen in Deutschland? Hört jemand die Melodie des Österreichers heraus? Niemand wird gezwungen, die österreichisch-ungarische Melodie herauszuhören, geschweige denn den Wortlaut des Liedes; jeder darf sie hineinhören. Das ist wahre Freiheit!

Haydn schreibt: poco adagio, cantabile. Dolce. Sempre piano. Ein herrlicher Dreifachsinn! Eine Ermahnung zu Takt und Sitte, zu Maß und Mitte. Man kann hineinhören: Certe melodie vanno prese adagio, also: gewisse Melodien spiele man mit Behutsamkeit, aber doch gesanglich. Singen ja, aber nicht mit wummernden Subwoofern, sondern ohne elektrische Verstärkung, ohne Tingeltangel, ohne Glanz und Gloria, ohne Tschingdarassabumm.

Yes. Unplugged! Dolce! Cantabile!

Si sente un certo disagio oggi. Eppur si canta.

 

Bild: Menschen vor schwarz-rot-goldenem Hintergrund. Aufnahme aus dem Treppenhaus des Bauhauses in Dessau. 26. September 2015 beim Engelsgesang-Ausflug des Elternchores der Beethoven-Schule Berlin

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Die zwei Schwestern im Garten. Eine Sichtachse

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Sep. 302015
 

Toleranzblick 20150926_104508

 

„Hier ists ietz unendlich schön. Mich hats gestern Abend wie wir durch die Seen Canäle und Wäldgen schlichen sehr gerührt wie die Götter dem Fürsten erlaubt haben einen Traum um sich herum zu schaffen. Es ist wenn man so durchzieht wie ein Mährgen das einem vorgetragen wird und hat ganz den Charackter der Elisischen Felder in der sachtesten Mannigfaltigkeit fliest eins in das andre, keine Höhe zieht das Aug und das Verlangen auf einen einzigen Punckt, man streicht herum ohne zu fragen wo man ausgegangen ist und hinkommt. Das Buschwerck ist in seiner schönsten Jugend, und das ganze hat die reinste Lieblichkeit.“

Mit diesen Worten schilderte Goethe am 14. Mai 1778 in einem Brief an Charlotte von Stein seine Eindrücke in den Wörlitzer Anlagen. Letzten Samstag führt uns der Weg dorthin. Es war einer jener herrlich strahlenden durchwärmten Nachsommertage, an denen erste Verfärbungen das Kommen des farbenprangenden Herbstes ankündigen. Ein letzter Scheideblick des Sommers! Wir? Das war in diesem Fall der Elternchor der Beethoven-Schule Berlin. Unser Ziel: Ein Konzert mit Engelsgesang zu Füßen des Kirchhofengels in Vockerode. Die ganze herrliche Landschaft lag ausgebreitet vor uns, wir ließen uns fangen und leiten, die muntre Gästeführerin erzählte, erklärte, pries und zeigte uns vieles, wenn auch nicht alles; wie hätten wir sonst wohl auch die klug und bedacht errichteten „Sicht-Achsen“ wahrnehmen können?

Das Bild oben zeigt eine solche Sichtachse, nämlich den „Toleranzblick“ von jener Stelle aus, wo der 29-jährige Goethe damals niedersaß um seine melodisch dahinfließenden Zeilen niederzuschreiben, die wir oben unverändert in seiner eigenhändigen Rechtschreibung und Zeichensetzung wiedergeben (siehe WA IV/3, S. 222f.). Wir sehen rechts genau in der Sichtachse die Synagoge, die Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau 1787-90 für das jüdische Volk von Wörlitz und Oranienbaum errichten ließ, und wenn das Aug von da ausgeht ohne Punckt und ohne Komma ohne zu fragen wo es hinkommt schleicht es weiter zur später errichteten, hier teilweise verdeckten Kirche Sankt Petri mit dem Bibelturm, der nicht weniger als 60 Bibeln in verschiedenen Sprachen hegt und birgt.

Ich erzählt‘ einer empfindsamen guten Seele in Berlin von all den Herrlichkeiten und fügte hinzu: „Den Bibelturm möcht ich einmal von innen seh’n, denn da sind 60 Bibeln ausgestellt.“ Die Antwort lautete: „Schau dich nur um bei dir zuhaus, du hast sie doch schon. Aber du weißt nicht wo.“

 

 

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Sep. 292015
 

Ein paar Gedanken mögen sich hier anschließen, wie sie mir im Nachklang des Abends in der Katholischen Akademie vom letzten Donnerstag einfallen:

1. Die Sprachlichkeit der Leib-Rede, die Leiblichkeit des gesprochenen Wortes wurde im Vorbeigehen belichtet. Begriffe wie Vergleich, Metapher, Symbol, Sakrament tauchten immer wieder auf.

2. Welche Bedeutung hat das Glauben für die Ein-Leib-Metapher? Die Metapher verlangt als solche keinen Glauben, sondern ein Verstehen. Metaphern sind Stilmittel der Rede, mit denen der Sprechende eine Wirkung erreichen will. „So wie der Körper viele Organe hat, so hat auch das Gemeinwesen viele Organe, deren jedes seine ihm zugewiesene Funktion hat. Der Magen kann nicht sagen: Ich mache nicht mehr mit. Er muss seinen Dienst als Magen verrichten, damit es allen Organen gut geht.“  So überzeugte, oder besser: „überredete“ Menenius Agrippa im Jahr 494 v. Chr. die unzufriedenen Plebejer.  Sie kehrten in die Stadt Rom zurück. Er verwendete die Metapher – „ein gutes Gemeinwesen ist wie ein einziger Leib“ – dieses eine Mal als Mittel im Dienste der Überzeugungsarbeit. Er setzte damit aber kein wiederholbares sinnstiftendes Zeichen, er stiftete kein Sakrament und keinen Ritus.

3. „Das ist mein Leib“ (Mt 26,26), diese Worte sind nicht als Metapher zu verstehen und auch nicht als Symbol. Sie sind vielmehr ein „Zeichen höherer Art“, das durch eine sprachlich verfasste Tathandlung „gesetzt“ wird; der übliche Ausdruck für ein derartiges gesetztes oder „eingesetztes“, „gestiftetes“ Zeichen höherer Art, das im Vollzug des Ritus wiederholbar wird, lautet Sakrament.

4. Sakramente sind im Gegensatz zu Metaphern wiederholbare, stets an den sprachlichen Vollzug gebundene Handlungen, die über die Metapher hinausweisen. Sakramente, „geheiligte Tathandlungen“ also, sind nicht bloß metaphorisch zu verstehen, sondern reichen jenseits der Metapher hinaus. Ihr Reich ist gewissermaßen „nicht nur von dieser Welt“.  Sie sind – sofern man sie glaubt und in ihnen lebt – eine Wirklichkeit jenseits der sprachlich abbildbaren Wirklichkeit, also eine „nur“ geglaubte, „nur“ gelebte Wirklichkeit.

5. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat wie Pasolini diesen Schritt über die Grenzen der metaphorischen Rede hinaus versucht, aber – im Gegensatz zum Künstler – vorerst nicht vollzogen. Wenn er einerseits schreibt: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ und dann weiterschreitet: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische„, dann entzog sich ihm, als er den Tractatus logico-philosophicus verfasste, noch der Sinn für den Vollzugscharakter des Sprachhandelns, also das „Performative“, wie man modischerweise heute sagt.

6. L’umanità di Cristo è spinta da una tale forza interiore, da una tale irriducibile sete di sapere e di verificare il sapere, senza timore per nessuno scandalo e nessuna contraddizione, che per essa la metafora «divina» è ai limiti della metaforicità, fino a essere idealmente una realtà.

Von den „Grenzen des Metaphorischen“ schreibt Pasolini am 12. Mai 1963 an Alfredo Bini.  Ein großes Zeugnis einer großen Liebe: „… amando così svisceratamente il Cristo di Matteo…“ Irgendwann wird seine Stunde kommen. Wann? Wir wissen es nicht.

Quellen:

Ludwig Wittgenstein: Tracatatus Logico-Philosophicus, o.O., o.J., Sätze 5.6, 6.522
http://tractatus-online.appspot.com/Tractatus/jonathan/D.html

Brief Pier Paolo Pasolinis an Alfredo Bini vom 12. Mai 1963, zitiert nach: Gianni Borgna u.a. (Hrsg.): Pasolini Roma. Verlag Skira, Roma 2014 [Ausstellungskatalog], Seite 167

 

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πολλὰ ὄντα ἕν ἐστιν σῶμα; Ein Leib aus vielen Gliedern? (1)

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Sep. 252015
 

Leviathan 20150814_171225[1]

 

 

 

 

Gestern besuchte ich in der Katholischen Akademie in Berlin die Podiumsdiskussion:

Kirche. Leib. Körper. Organismus
Zur Kritik einer Metapher
Die Einladung sei im Wortlaut wiedergegeben: „Religiöse oder politische Körper geben Antworten auf die Frage nach Identität und Gemeinschaft. Das wird anschaulich bei Barack Obama und Johannes Paul II, beim Leviathan und bei dem Bild der Kirche als Leib Christi. Das demokratische Denken begegnet diesen kollektiven Einheitsbildungen seit jeher kritisch: sind diese körperlich vorgestellten Gemeinschaften nicht zu sakral, zu exklusiv, zu männlich und letztlich zu integralistisch? Die Sehnsucht nach leiblich imaginierten Gemeinschaften ist trotz dieser Kritik nicht verschwunden. Im Gespräch von Theologie, Kulturwissenschaft und Soziologie geht der Abend der Bedeutung der religiösen und politischen Körper nach und fragt, wie sich die Rede von der Kirche als Leib Christi heute verstehen lässt.“

Es diskutierten gestern abend Prof. Dr. Matthias Reményi, Juniorprofessor für Systematische Theologie, Prof. Dr. Heinz Bude, Makrosoziologie (Kassel), Prof. Dr. Thomas Macho, Kulturgeschichte (Berlin) und Dr. Aurica Nutt, Katholische Theologie (Köln). Es moderierte Joachim Hake.

Das Thema fand ich aufregend, elektrisierend im Blick auf die neuesten Entwicklungen auf der Welt und im eigenen Ich-Du-Verhältnis. Ich musste da einfach hin. Zur Vorbereitung betrachtete ich mir noch einmal zwei Stellen im Neuen Testament, meinem langjährigen, griechisch verfassten Leib-und-Magen-Buch. Ich empfinde sie als besonders sprechend, nämlich erstens die Ein-Leib-Rede im ersten Korintherbrief (12,12):

Καθάπερ γὰρ τὸ σῶμα ἕν ἐστιν καὶ μέλη πολλὰ ἔχει, πάντα δὲ τὰ μέλη τοῦ σώματος πολλὰ ὄντα ἕν ἐστιν σῶμα, οὕτως καὶ ὁ Χριστός.

Also zu Deutsch ungefähr: „So wie nämlich der Leib Einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes – so viele sie sind – Ein Leib sind, so auch der Christus.“

Und zweitens die Abendmahlsrede, wie sie sich mit leichten Abwandlungen in den drei Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas findet, hier sei zitiert Mt 26,26 in der Nestle-Ausgabe:

Ἐσθιόντων δὲ αὐτῶν λαβὼν ὁ Ἰησοῦς ἄρτον καὶ εὐλογήσας ἔκλασεν καὶ δοὺς τοῖς μαθηταῖς εἶπεν· λάβετε φάγετε, τοῦτό ἐστιν τὸ σῶμά μου.

Zu Deutsch ungefähr: „Während sie aßen, nahm Jesus das Brot, und nachdem er gesegnet, gebrochen und den Schülern gegeben hatte, sagte er: Langt zu, esst, das ist mein Leib.“

Ich war neugierig wie nur je ein Schüler sein kann: In welchem Verhältnis würden sich diese beiden, von mir vorab bereits als zentral, ja als Dreh- und Angelpunkt empfundenen Stellen in den Gesprächen der Gelehrten wiederfinden?

 

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EU-Recht bricht nationales Recht, oder: von der Selbstentmächtigung der Parlamente

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Sep. 232015
 

Rechtssicherheit ist eine der Grundlagen staatlichen Zusammenlebens. Auch oberhalb der staatlichen Ebene, etwa in der EU, wird Rechtssicherheit verlangt. Oft herrscht dagegen im Gegeneinander von EU und Nationalstaaten Anomie, also ein Zustand der Rechtsunsicherheit bzw. der Rechtsabwesenheit.  Bei der Migrations-, Einwanderungs-, Flüchtlings-, Abschiebungs- und Asylpolitik tritt dies derzeit überdeutlich zutage. Man weiß als Bürger sehr oft nicht, was als Recht gilt: Dublin III oder nationales Recht? Es ist a bisserl so wie mit der überflüssigerweise krummgeprügelten (oder überflüssiger Weise krumm geprügelten?) mehrfach reformierten deutschen Rechtschreibung.  Keiner weiß mehr bescheid (Bescheid?).

Und hier gilt es nun laut und vernehmlich zu sagen: EU-Recht bricht nationales Recht! Die EU-Staaten haben nicht das Recht, EU-Recht zu ignorieren. Den Verordnungen und Richtlinien der EU ist Folge zu leisten. Insbesondere ist die EU-Kommission als oberste gesetzgebende, gesetzgebungsausführende und gesetzgebungsausführungsüberwachende Behörde anzuerkennen. Es gibt kein Abwehrrecht der Staaten und noch weniger ein Abwehrrecht der verfassungsrechtlich das Volk vertretenden Parlamente gegen die EU, wie es der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Roman Herzog einmal zu Recht (zu recht?) hervorgehoben hat.

“Vorgaben der EU wollen wir 1 zu 1 umsetzen!” So steht es im derzeit geltenden, feierlich unterzeichneten Koalitionsvertrag der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD (S. 15)!  Und der einfache Bürger fragt: Und nun? Warum geschieht dies nicht? Warum lässt der Bundestag seiner hoch und heilig erklärten Selbstentmächtigung und Selbstunterwerfung unter die Vorgaben der EU nicht die entsprechenden Taten folgen? Das grenzt an Anomie!

Aus diesem Grund leitet – wie wir soeben erfahren – die EU-Kommission völlig  zu Recht 40 Vertragsverletzungsverfahren wegen der Asylpolitik gegen 19 EU-Staaten ein, darunter Deutschland, Frankreich, Ungarn und Italien. Die 19 Länder sind ihrer vertraglichen Pflicht zur Umsetzung von EU-Recht in nationales Recht nicht nachgekommen.

Endlich! Was Recht ist, muß recht bleiben. Wo Rechtsunsicherheit oder Rechtsabwesenheit herrscht, muß Rechtssicherheit einkehren.

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3 Mädchen haben es mit 57 jungen Männern schwer

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Sep. 192015
 

Immer wieder bemerke ich bei meinen Begegnungen mit geflüchteten Menschen, dass es unter den vielen Flüchtlingen gerade die  jungen Männer sind, die den Weg zu uns nach Deutschland schaffen. Auch die amtlichen Statistiken belegen dies, wenngleich die liebevollen Medien natürlich liebend gern Kinderfotos (auch schon mal von einem toten Kind, das wirkt besonders stark) und Familienfotos zeigen – das wirkt halt einfach besser. Die Masse der Flüchtlinge ist jedoch tatsächlich zweifellos männlich, jung und – relativ zum Herkunftsland gesehen – wohlhabend.

Darüber hinaus sind es wie gesagt die besser Gestellten, die relativ gesehen Reicheren, die sich durchsetzen. Die Alten, Schwachen, Armen und Kranken, die Frauen sind unter den Flüchtlingen deutlich in der Minderzahl. Aus einem Berliner Flüchtlingsheim erfahre ich beispielsweise, dass 3 afghanische Mädchen zunächst einmal zusammen mit 57 jungen afghanischen Männern zusammen untergebracht wurden, ehe sie dann einzeln von Familien aufgenommen wurden. Es ist klar, dass die Männer wie zuhause auch den Frauen vorschreiben wollen, wie sie sich zu benehmen haben, dass sie den Schleier zu tragen haben usw. usw.   Die Mädchen hoffen hier auf ein freies, selbstbestimmtes Leben und werden hier von den alten Clan- und Stammesstrukturen aufgenommen, die sich wunderbar in den staatlichen Hilfesystemen etablieren können. So geschieht dies seit vielen vielen Jahren. – Ein selbstbestimmtes Leben der Frauen wird aber nur möglich sein, wenn  sich eine deutsche hier beheimatete Familie außerhalb der afghanischen Volksgruppe ihrer annimmt und konsequent den Alltag der Mädchen stützt und begleitet.
Die Flüchtlinge reisen grundsätzlich in ihren Volksgruppen, sie kommen nicht als einzelne an, sondern als Kollektiv, das hier in Deutschland dank staatlicher Hilfe das gewohnte Leben mit den herkömmlichen Normen nahezu ungestört über die Landesgrenzen hinweg fortführt. Dies gilt insbesondere für  Kurden,  Afghanen und  Palästinenser.  Ein „Ausbrechen“ oder „Aussteigen“ aus den traditionellen patriarchalischen Verhältnissen ist für die Frauen in manchen Flüchtlingsgruppen grundsätzlich fast unmöglich, zumal ja die Männer deutlich die Mehrzahl stellen. Oft bleibt dann den Frauen nur die Annahme einer neuen Identität und das Umziehen in eine neue Stadt.
Hilft es da, wenn man von Staats wegen unter den jungen Männern das Grundgesetz auf Hoch-Arabisch verteilt, wie es Ayman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland vorschlägt? Ich meine, das könnte allenfalls ein Mosaikstein sein. Wichtiger ist jedoch das konkrete Handeln und Helfen. Das können nur einzelne Menschen bewirken. Der Staat allein schafft dies nie und nimmer.
 Posted by at 19:25

Was ist europäischer Transformismus? Eine Definition

 Europäische Union, Systemfrage, Trasformismo europeo, Verdummungen, Verfassungsrecht  Kommentare deaktiviert für Was ist europäischer Transformismus? Eine Definition
Sep. 122015
 

Unter europäischem Transformismus verstehen wir das allmähliche Umformen vorhandener institutioneller Regelungen und geltender Vereinbarungen auf EU-Ebene durch die Beförderung, das Zulassen oder das  Erdulden von Entwicklungen, die mit den bestehenden Regelungen unvereinbar sind oder diese nach und nach zu sprengen drohen. Es droht dann stets Anomie, also ein regelloser Zustand, der freilich mehr oder minder über Nacht ohne Einhaltung demokratischer Fristen und häufig ohne Beschreitung rechtsstaatlicher Bahnen unter Verweis auf den enormen Zeitdruck und unabweisbare Handlungszwänge geheilt wird. Es entsteht dann etwas unvermutet Neues, eine Art kontrafaktische Verfassungsnorm. Nicht durch Revolution vollzieht sich das, sondern durch teils schleichenden, teil sprunghaften Wandel.

So führt die faktisch vollständige gegenwärtige Öffnung der EU-Außengrenzen zu einem Zustand, in dem sowohl die vorhandenen Schengen-Verträge als auch die EU-Verordnung (EG) 604/2013 vom 26.06.2013 („Dublin III“) gleichzeitig nicht mehr einzuhalten sind. Die Staaten der EU verlieren in diesen Tagen die Kontrolle über ihr Territorium, ohne dass doch der Staatenverbund, die Europäische Union, imstande wäre, andere, umsetzbare Regelungen zu vereinbaren oder durchzusetzen.

Ähnlich geschah dies bereits mehrfach bei den Euro-Rettungsaktionen, zuletzt vor wenigen Wochen beim Griechenland-III-Rettungspaket.

Der Prozess des europäischen Transformismus ist iterativ, lässt sich also – im Gegensatz zu Revolutionen – beliebig oft wiederholen. Nicht zufällig erscheinen derartige Transformationsprozesse unter Serienfertigungsbezeichnung: Dublin I, II, III, Griechenlandrettung I, II, III – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, ebenso wenig wie dem zweiten Peanoschen Axiom, wonach auf jede natürliche Zahl n stets die Zahl n+1 folgen muss.

Die vermutlich klassische, mindestens zeitenüberdauernde Formulierung dieses europäischen Transformismus verdanken wir übrigens Jean-Claude Juncker, dem heutigen Präsidenten der EU-Kommission. Er hat bereits 1999, also recht früh erkannt, nach welchen Mechanismen der Trasformismo europeo funktioniert, und wir EU-Bürger sollten ihm und auch dem SPIEGEL-Redakteur Dirk Koch dankbar dafür sein, dass es zu dieser prägnanten, geradezu genial zu nennenden Formulierung gekommen ist.

Der SPIEGEL 52/1999 vom 27. Dezember 1999 (S. 136) veröffentlichte in der Tat folgende Äußerung von Jean-Claude Juncker: „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“

Zitat:
Dirk Koch: Die Brüsseler Republik. Der Spiegel, 27.12.1999
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-15317086.html

 

 

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