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„Du Mafia?“

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Juni 042015
 

Basketball 20150511_114600

Hier an meiner neuen schönen Bleibe am Berg braucht es nicht viel, um Menschen kennenzulernen. Ein Ball genügt, ein bisschen Mut, auf Fremde zuzugehen, und ein bisschen Zeit am nahegelegenen Basketballplatz.

Heute lernte ich den kleinen Spiro und seinen Vater kennen. An ihrer Sprache erkannte ich als eingefleischter Slawophiler sofort, dass es Bosnier waren – ob sie nun Ekavisch, Ijekavisch oder Shtokavisch sprachen, vermochte ich nicht zu sagen. „Komm wir spielen!“ Ich schiebe den beiden meinen schönen neuen Ball zu. Der kleine Spiro, 4 Jahre alt, und sein Vater spielen locker mit. Spiro ist begeistert, dass er mit so einem schönen roten Ball spielen darf. Und wir Älteren kommen auch ganz hübsch in Trab. Ich selbst sage dasselbe, was ich seinen Vater auf Bosnisch sagen höre. „Igre! – Spiel!“ „Gut! – Dobar!“ Und so geht es hin und her. Ich spreche einfache deutsche Wörter, Spiro übt das Ballspielen und fängt sofort an, die deutschen Wörter nachzusprechen.

Und genau so habe ich auch letzten Sommer mit lauter Russen im Moskauer Umland Fußball gespielt! Ha! Ich war Munik der Bayer – der Mann aus Bayern Munik, geboren in München, wie ich wahrheitsgemäß und stolz angab.

Zum Schluss kommt er auf mich zu und fragt: „Du Mafia?“ Ich lache und sage auf Deutsch: „Nein, ich bin nicht die Mafia!“ „Was müssen die traumatisierten Kleinen Schreckliches erlebt haben, denke ich, dass sie schon im Alter von 4 Jahren von der Mafia sprechen! Man liest ja soviel!“ Spiros Vater lacht – und klärt mich auf: „Er sagt: You my friend?“ Jetzt versteh ich. Spiro hat mich gefragt, ob ich sein Freund bin! „Ja, ich bin dein Freund!“, versichere ich ihm und reiche ihm die Hand. Und wir plaudern auf kindlichster Stufe noch ein bisschen. Dann zeigen wir einander noch mit Händen und einfachen Sätzen, wo wir wohnen. Dann verabschieden wir uns mit dem hier üblichen Tschüß.

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Lernen, mit der Lücke zu leben: war die Sowjetunion ein Phantom?

 Hannah Arendt, Krieg und Frieden, Russisches, Ukraine, Vergangenheitsunterschlagung  Kommentare deaktiviert für Lernen, mit der Lücke zu leben: war die Sowjetunion ein Phantom?
Juni 032015
 

Auffällig an den zahlreichen Gedenkreden, Veranstaltungen und Veröffentlichungen zum 8. Mai 2015 war in Deutschland wie auch in Europa überhaupt eine fast völlige Nichtbefassung mit der Geschichte Russlands, der Geschichte der Sowjetunion, eine Nichtbefassung mit der kleinteiligen, durch rechts- und linksextreme Diktaturen aller Art geprägten osteuropäischen Staatenwelt der Jahre 1918-1939, – und ein obsessives Starren auf das Deutsche Reich und nur auf das nationalsozialistische Deutsche Reich, das bekanntlich den 2. Weltkrieg entfesselt hat, – was wir alle genug und übergenug wissen und was aus diesem Grunde auf Schritt und Tritt wiederholt wird.

Dafür, für diese Unwilligkeit also, sich mit der Geschichte der Sowjetunion zu befassen, greifen wir nur einige zufällige Beispiele heraus, die nahezu beliebig ins Unendliche erweiterbar sind:
„Das Zeitalter der Weltkriege“, eine fundamentale, mit dem Segen der Bundeszentrale für politische Bildung zum Preis von € 4,50 ausgegebene Überblicksdarstellung, erwähnt in der Zeitleiste fein säuberlich alle Angriffsfeldzüge des Deutschen Reiches und die meisten Angriffsfeldzüge der anderen europäischer Diktaturen in den Jahren 1914-1945. Und doch fehlt jeder Hinweis auf den Krieg gegen die soeben unabhängig gewordene Ukraine, den die neue russisch-sowjetische Regierung am 17.12.1917 entfesselt hat. Und doch fehlt der Hinweis auf die gemeinsame Siegesparade, die sowjetrussisch-kommunistische und nationalsozialistische Truppen am 22. September 1939 in Brest abhielten. Und doch fehlt jeder Hinweis auf den Finnisch-Sowjetischen Krieg, den „Winterkrieg“, also den Krieg, den die Sowjetunion am 30. November 1939 gegen das viel kleinere Finnland entfesselt hat.

Warum fehlt hier und auch sonst die Sowjetunion fast überall in den Gesamtdarstellungen? Warum verschweigen gerade unsere lieben Landsleute, die Deutschen immer, dass im Zeitalter der Weltkriege auch andere Staaten, insbesondere die Sowjetunion ab 1917 eine waffenstarrende, mörderische Unterdrückungspolitik gegen das eigene Volk betrieben und gegen benachbarte Staaten räuberische Angriffskriege entfesselten? War der finnisch-sowjetische Winterkrieg etwa kein Bestandteil des Zeitalters der Weltkriege? Waren die von der Sowjetunion ab 1917 bis 1941 gegen die Ukraine, gegen Finnland, gegen Polen, gegen Lettland, Litauen, Estland entfesselten Kriege und Terrormaßnahmen keine Kriege und keine Terrormaßnahmen?

Selbst der glänzende Historiker Heinrich-August Winkler, der doch die Geschichte Deutschlands so kenntnisreich wie kein zweiter zu erzählen vermochte, hat über die beispiellos mit Aggressivität aufgestaute, von wechselseitigen Angriffs- und Vernichtungsdrohungen geprägte europäische Staatenwelt der sogenannten Zwischenkriegszeit kein Wort verloren, als er die Feier des 8. Mai 2015 im Deutschen Bundestag maßgeblich prägte. Auch er stellte in seiner großartigen Rede letztlich die politische Entwicklung Deutschlands ausschließlich als endogenen Prozess dar, der von sich aus, aus der Tiefe der deutschen Nationalgeschichte heraus Elend, Not, Mord kurzum das Böse schlechthin über den Rest Europas gebracht habe.

Man möchte geradezu theologisch in lateinischer Sprache fragen: Estne Germania unica origo et vera incarnatio mali XX. saeculi? Ist Deutschland der einzige Urquell und die wahrhaftige Verkörperung des Bösen in der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts? Geht man durch die Straßen Berlins mit dem düsteren Denkmal, diesem faszinierenden Touristenmagnet an der Hannah-Arendt-Straße, möchte man dies so glauben!

Woher kommt dieser auffällige moralische Bonus, den die Sowjetunion Lenins, Trotzkis, Berijas, Swerdlows, Jeschows und Stalins in weiten Teilen der deutschen Historikerzunft und der deutschen Politologen genießt? Warum spricht man in Deutschland tagein tagaus vom Holocaust und fast nie vom Holodomor, der diesem doch vorausging? Speist sich der prosowjetische Bonus der Deutschen aus völliger Unvertrautheit mit den Grundtatsachen der Geschichte Osteuropas? Speist er sich aus einem tiefsitzenden, nagenden Schuldgefühl der Deutschen angesichts des Leides, das DIE Deutschen und nur DIE Deutschen (unter ihnen auch der Deutsche Albert Einstein, auch die Deutsche Hannah Arendt, auch der Deutsche Karl Jaspers, auch die Deutsche Margarethe Buber-Neumann, auch der Deutsche Thomas Mann, auch der Deutsche Bert Brecht, auch der Deutsche Walter Ulbricht) durch die Entfesselung der Weltkriege über den gesamten Rest der Menschheit gebracht haben?

Ist jeder Vergleich zwischen den beiden Großdiktaturen des 20. Jahrhunderts, zwischen der kommunistischen Staatenwelt unter Führung der Sowjetunion und der faschistisch-nationalsozialistischen Staatenwelt unter Führung des Königreiches Italien und des Deutschen Reiches unangemessen?

War die Sowjetunion ein Phantom? Müssen wir lernen, mit der Lücke zu leben, so wie die Deutschen und die Russen und die nationalsozialistisch-sowjetisch beherrschten Völker Osteuropas damals lernten, mit der Lüge zu leben?

Wachen wir Deutschen eifersüchtig darüber, dass keine andere Nation auch nur im mindesten an unsere Schuld und Schuldigkeit heranreicht?

Woher kommt der so deutlich ausgeprägte antideutsche Affekt bei einem großen Teil der deutschen Historiker und Politologen?

So viele Fragen!

Beleg:

„Zeittafel“, in: Ernst Piper (Hrsg.): Das Zeitalter der Weltkriege. Helmut Lingen Verlag, Köln 2014. Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Band 1553, Bonn 2015, S. 280-296

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Juni 012015
 

„Sonderfall Ukraine“, unter diesem zutreffenden Titel beschreibt Hugo Portisch in seinem phantastisch reich bebilderten Band über „Aufstieg und Fall des Sowjetkommunismus“ das in der Tat beispiellose Leiden der Ukraine unter der militärischen Bedrohung, der Unterdrückung und Zerstückelung der Ukraine durch Polen, durch das Russische Reich, durch die Sowjetunion und durch das Deutsche Reich in den Jahren 1917-1945. Wir fassen einige Grunddaten ukrainischer Geschichte zusammen:

Starke Bestrebungen, das Land aus russischer Herrschaft in die Unabhängigkeit zu führen, brachen sich nach der russischen Februarrevolution des Jahres 1917 Bahn. Alle ukrainischen Parteien – auch die linken Sozialdemokraten – forderten damals nationale Unabhängigkeit, wobei grundsätzlich der Verbleib innerhalb des Russischen Reiches nicht ausgeschlossen wurde. Nach dem gewaltsamen bolschewistischen Staatsstreich, der „Oktoberrevolution“ des Jahres 1917, verweigerte die ukrainische Rada den Bolschewiki Lenins die Anerkennung und erklärt die staatliche Eigenständigkeit. Die neue Sowjetregierung erklärt der Ukraine umgehend am 17.12.1917 den Krieg.

Am 9. Januar 1918 ruft die Zentralrada in Kiew die „Unabhängige Souveräne Ukrainische Volksrepublik“ aus. Danach marschieren die deutschen sowie die österreichisch-ungarischen Truppen ein. Am 1. November 1918 wird die „Westukrainische Volksrepublik“ proklamiert. Am 6. Februar 1919 marschiert die Rote Armee Trotzkis in Kiew ein, und die Ukraine wird am 8. April 1919 fester Bestandteil der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik. Am 25.04.1920 wiederum erteilt der polnische Diktator, der General Józef Piłsudski, den Befehl, Sowjetrussland entlang der gesamten Grenze anzugreifen.

Allein schon diese wenigen Daten zeigen, dass die Ukraine in der sogenannten „Zwischenkriegszeit“ mehrfach von Polen, Russland und Deutschland angegriffen wurde, ehe sie dann vorerst endgültig Teil der Sowjetunion wurde.

Doch das Schlimmste waren nicht die Kriege, die Russland, Polen und das Deutsche Reich gegen die Ukraine vom Zaun brachen, das Schlimmste war der sowjetisch-nationalsozialistische Doppelschlag aus erstens dem Holodomor und zweitens dem Holocaust. Letzterer, der Holocaust, füllt viele Buchregale, Videotheken und Bibliotheken, der erste, der Holodomor ist nahezu vergessen. Wie kam es dazu?

Im Jahr 1929 fordern die sowjetischen Kommunisten wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage die Vernichtung eines Großteils der ukrainischen Landbevölkerung, der sogenannten Kulaken.

Die bäuerliche Landwirtschaft wird von der kommunistischen Führung im Zuge der Zwangskollektivierung systematisch zerstört. Die Kulaken – also die selbständige ukrainische bäuerliche Bevölkerung – werden teils sofort erschossen, teils in Lager deportiert, aus denen sie meist nicht wiederkehren. Andere Kulaken werden verbannt, die Menschen werden in Viehwaggons eingepfercht, „in eisiger Kälte oder in brütender Hitze ohne Wasser“. Die Ärmsten unter den Kulaken werden obdachlos gemacht, sie vegetieren in den 30er Jahren unter sowjetischer Herrschaft auf den Straßen dahin und sterben wie die Fliegen.

Es gibt Augenzeugenberichte und Fotos darüber, wie hungernde ukrainische Familien in ihrer abgrundtiefen Verzweiflung nach und nach die Schwächsten töteten und danach verspeisten. Kannibalismus, Menschenfresserei aus Hunger – von Trotzki ausdrücklich gutgeheißen – war unter der Herrschaft der sowjetischen Kommunisten in der Ukraine, der einstigen Kornkammer des Russischen Reiches, ein nicht nur vereinzeltes Phänomen.

Berichte über diese Massenmorde, über die Vernichtung eines großen Teils der ukrainischen Bevölkerung erreichten sehr wohl regelmäßig das Ausland. Doch keine ausländische Macht griff ein.

Etwa 10 Millionen Ukrainer wurden in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts durch die sowjetische Führung planmäßig durch Massenerschießungen, durch Vertreibungen und Zwangsarbeit sowie durch gezieltes Verhungernlassen vernichtet. Massenerschießungen, Deportationen, häufig zum Tod führende Zwangsarbeit in der Sowjetunion: Es handelt sich zusammen mit den Kolonialgreueln in Kongo unter dem belgischen König Leopold und zusammen mit dem nationalsozialistischen Holocaust an den europäischen Juden wohl um den schrecklichsten Genozid im Europa des 20. Jahrhunderts. Je nach Bewertungsmaßstab übertrifft der Holodomor am ukrainischen Kulakentum den Holocaust an den europäischen Juden in Grausamkeit und Brutalität sogar noch oder kommt ihm nahe. Der Holodomor ist zweifellos grausamer und schrecklicher gewesen selbst noch als die auf ihn folgenden „Säuberungen“ des sowjetkommunistischen Systems der späten 30er Jahre. Denn der Holodomor dauerte länger als die Säuberungen, der Holodomor forderte nach Schätzungen 8 bis 10 Mal so viele Menschenleben, er betraf eine gesamte Bevölkerung. Und es gab fast keine Überlebenden. Selbst heute ist dieser Genozid am ukrainischen Volk, der ungesühnt und kaum erinnert dem ebenso schrecklichen Holocaust vorausging, selten Gegenstand der öffentlichen Erinnerung außerhalb der Ukraine.

Der Bildband von Hugo Portisch (ich kaufte ihn gestern auf dem Flohmarkt am Rathaus Schöneberg für € 1.-) sei allen empfohlen, die sich für eine vollständige Schreckensgeschichte des 20. Jahrhunderts im Zeitalter der Weltkriege interessieren und insbesondere das militärisch-politische Zusammenspiel zwischen der kommunistischen Sowjetunion und dem Deutschen Reich in den Jahren 1924 bis 1941 näher erkunden möchten.

Hinweis:
Hugo Portisch: „Sonderfall Ukraine“, „Die Vernichtung der Kulaken“, in:
Hugo Portisch: Hört die Signale. Aufstieg und Fall des Sowjetkommunismus. Mit einem Nachwort zur Taschenbuchausgabe. Mit zahlreichen Schwarzweißfotos. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1993, S. 124-131 sowie S. 220-223

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Bronsteins Kinder, oder: die Macht des Menschen über Leben und Tod

 1917, Antike, Europäische Bürgerkriege 1914-????, Hebraica, Krieg und Frieden, Mutterschaft, Opfer, Religionen, Tod, Ukraine  Kommentare deaktiviert für Bronsteins Kinder, oder: die Macht des Menschen über Leben und Tod
Mai 292015
 

Von der ungeheuren Macht, besser: der grenzenlosen Selbstermächtigung des 1879 im damaligen Neurussland, heute ukrainischen Janowka geborenen kommunistischen Revolutionärs Lew Davidovitsch Bronstein, besser bekannt als Trotzki, zeugt der folgende Wortwechsel zwischen einem (hier nicht näher bestimmten) Prof. Kusnetzow und Trotzki aus dem Jahr 1919. Zur Erinnerung: Wir stehen im Bürgerkrieg zwischen Roten und Weißen, Moskau wird belagert und ausgehungert. Der militärische Chef der Roten ist Trotzki, der unumstrittene Führer der Roten Armee.

Professor Kusnetzow schreibt an Trotzki: „Moskau stirbt buchstäblich vor Hunger“. Trotzkis überlieferte Antwort: „Das ist kein Hunger. Als Titus Jerusalem einnahm, aßen jüdische Mütter ihre eigenen Kinder. Wenn ich also Ihre Mütter zwinge, ihre eigenen Kinder zu essen, dann können Sie kommen und sagen: „Wir hungern“.

„Wenn ich eure Mütter zwinge, ihre Kinder zu essen …“ Dieser hammerartig niederfallende Nebensatz scheint mir geradezu emblematisch die Signatur des frühen 20. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Weltkriege und Revolutionen zu sein. Trotzki, der hochintelligente, rhetorisch brillante, rundum gebildete, kluge Mensch, der sowohl den jüdischen Cheder in der ländlichen Ukraine wie auch die lutherische deutsche St.-Paulus-Schule in Odessa besucht hatte, gibt damit den Ton der Selbstermächtigung durch die Revolution im Zeichen von Hammer und Sichel an. Er sagt gewissermaßen: „Ich, Trotzki, erteile mir hiermit die Macht über Leben und Tod, die Macht über Mütter und deren Kinder.“

Trotzki, der sich in der Kommunistischen Partei handschriftlich unter seiner Volkszugehörigkeit Jude eingetragen hat, ordnet darüber hinaus die russische Oktoberrevolution ganz bewusst in die welthistorische Ereigniskette ein. Er stellt somit die von ihm maßgeblich bewirkte russische Oktoberrevolution auf eine Stufe mit der verheerenden Niederlage und Zerstörung des Judentums, mit der Zerstörung des Tempels im Jahr 70! Das ist der Hammer, das ist die Sichel.

Das durch den jüdischen Historiker Flavius Josephus im 6. Buch seines „Jüdischen Krieges“ erzählte Geschehen, wonach im Jahr 70 unter der Belagerung und Aushungerung Jersualems durch die Römer eine jüdische Mutter ihr eigenes Kind schlachtete, briet und verzehrte, wird durch Trotzki in bewusster Übertreibung noch überboten: In der kommunistischen Revolution, im Kampf zwischen Roten und Weißen wird also nicht nur der Hunger als bewusstes Kampfmittel eingesetzt, vielmehr wird das erste und innigste Band der Menschen untereinander, das zwischen Mutter und Kind, durch Gewalt ganz bewusst zerstört.

Hier im Original das Zitat, wie es Swetlana Alexijewitsch wiedergibt. Die originale Fundstelle habe ich bisher allerdings nicht gefunden. Die Echtheit des Zitats kann ich somit nicht bezeugen. Ich halte es für durchaus für möglich, dass diese Zitate echt sind.

«Москва буквально умирает от голода» (профессор Кузнецов — Троцкому). «Это не голод. Когда Тит брал Иерусалим, еврейские матери ели своих детей. Вот когда я заставлю ваших матерей есть своих детей, тогда вы можете прийти и сказать: “Мы голодаем”» (Троцкий, 1919).

http://pda.litres.ru/svetlana-aleksievich/vremya-sekond-hend/chitat-onlayn/

Die obenstehende Übersetzung des Trotzki-Zitates aus dem Russischen hat der hier Schreibende angefertigt.

Eine andere gedruckte deutsche Übersetzung des Zitates findet sich hier:

Swetlana Alexijewitsch: Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2013. Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, hier S. 11

Eine handschriftliche Selbstauskunft Trotzkis aus dem Jahr 1922 anlässlich des 10. Kongresses der Sowjets findet sich in folgendem Buch:
Robert Service: Trotsky. A biography. Pan Macmillan Books, London 2010, Abbildung Nr. 14, digitale Ausgabe Pos. 15528

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Jesus bleibet meine Freude

 Freude, Hebraica, Jesus Christus, Schöneberg, Singen  Kommentare deaktiviert für Jesus bleibet meine Freude
Mai 262015
 

Tewahedo Gemeinde 20150525_114736

Gestern gutes, umfassendes, einbeziehendes Mitfeiern des Gottesdienstes mit der vielsprachigen Gemeinde vor dem Rathaus Schöneberg am John-F.-Kennedy-Platz. Der Koreanische Musikerchor unter Leitung von Youngwook Kim rief mich. Er setzt sich mühelos gegen den unaufhaltsam vorbeirauschenden Autolärm durch. Er übertönt das Brausen der Autos, aus ihm bricht Dank, Gedenken, Freude und Erkenntnis hervor. Die Bürgermeisterin des Bezirks, in den ich zugewandert bin, Angelika Schöttler, trägt in ihre Muttersprache Deutsch übersetzt Genesis 11,1-9 vor: „Allons! Bâtissons-nous une ville et une tour dont le sommet pénètre les cieux!“ Einige Anstöße regen zum Nachdenken über das Fremdsein an – einen dauernden Zustand, der uns von früh bis spät begleitet. „Kommtm anach hie miteu armtor nister!„, wer verstünde heut und hier diesen Münsteranischen Satz? Wir verstanden ihn und wir lachten.

Pastor Kienberger trägt in der Muttersprache John F. Kennedys aus Apostelgeschichte 2,1-11 eine Völkerliste der damaligen und heutigen Welt vor: Parthians, Medes, Elamites, and residents of Mesopotamia, Judea and Cappadocia, Pontus and Asia, Phrygia and Pamphylia, Egypt and the parts of Libya belonging to Cyrene, and visitors from Rome, both Jews and proselytes, Cretans and Arabs.

Aus Äthiopien, das in der Antike zeitweise als Teil Ägyptens galt, trägt uns die Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Gemeinde einen fröhlichen Tanz mit Gesang vor. Die Botschaft ist dieselbe.

Ein Kantor der syrisch-orthodoxen Gemeinde Mor Dodo trägt uns singend in der Sprache, in der die Mutter Jesu Christi sprach, also auf Aramäisch, das aus dem Griechischen übersetzte Matthäusevangelium 25,31-40 vor: Ὅταν δὲ ἔλθῃ ὁ υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου ἐν τῇ δόξῃ αὐτοῦ καὶ πάντες οἱ ἄγγελοι μετ᾽ αὐτοῦ, τότε καθίσει ἐπὶ θρόνου δόξης αὐτοῦ αὶ συναχθήσονται ἔμπροσθεν αὐτοῦ πάντα τὰ ἔθνη.“

Dies war für mich der erhebendste Augenblick, diesen frei schwebenden, diesen die Töne verschmelzenden, verbindenden, diesen kantillierenden Sprechgesang zu hören. Ja, so ungefähr muss es damals geklungen haben, so ungefähr singen auch heute noch die Kantoren der jüdischen Gemeinden, so hörte ich einst den Berliner Kantor Estrongo Nachama singen, so ungefähr hörte ich einst in Russland auch die Priester in den russisch-orthodoxen Gottesdiensten das Evangelium Jesu Christi verkünden. Und mit eben dieser graziösen Wucht hörte ich den Muezzin in Kadikalesi die Gläubigen zum Gebet rufen.

Jeder hörte die eigene, seine eigene zeitumspannende Botschaft heraus, jeder hörte seine völkerumspannende Botschaft hinein! Koreaner, Syrer, Schöneberger, Kreuzberger, Äthioper, Ägypter, Araber, Münsteraner, Amerikaner – sie alle waren einen Augenblick lang, ein paar Silben lang eine Gemeinde. Sie verstanden einander, mindestens einen Augenblick lang.

Und irgendwann, beim griechisch gesungenen Kyrie Eleison Kyrie eleison Kyrie Eleison, verschmolz auch die singende Stimme des hier Schreibenden in diesen einzigen, einigenden großen Gesang.

Bild: Die äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Gemeinde beim Ökumenischen Gottesdienst evangelischer, katholischer, freikirchlicher und orthodoxer Kirchen in Schöneberg und Tempelhof, 25. Mai 2015, Rathaus Schöneberg

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Happy birthday to you, Grundgesetz!

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Mai 252015
 

Etwas merkwürdig Verhuschtes, Verunsichertes, ja etwas fast schon Suizidales haftet unserem Staat, der Bundesrepublik Deutschland, an. So habe ich vorgestern und gestern meine kleine Umfrage zum 23. Mai fortgesetzt. Für mich ist dies (wie ich unumwunden einräume) unauslöschlich der Tag, an dem feierlich das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verkündet worden ist. Ich bekenne: Der 23. Mai 1949 steht mir näher als der 9. November 1918, er steht mir näher als der 25. Dezember 800, als der 30. Januar 1933, als der 28. Juni 1675. Ja, er liegt mir näher! Was ist so schlimm daran, an diesem 23. Mai 1949, an diesem 23. Mai 2015, dass er wieder einmal so sang- und klanglos verstrichen ist?

Sicherlich: Einige wenige, z.B. promovierte Historiker und Navid Kermani wissen es, dass der 23. Mai 1949 der Gründungstag der Bundesrepublik Deutschland ist. Dennoch: Fast niemand feiert dieses Datum. Warum eigentlich?

Navid Kermani hat doch einmal – vor wenigen Jahren – begeisternd und begeistert im Deutschen Bundestag den überragenden Rang des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland hervorgehoben. Ist er der Einzige?

Umgekehrt sei als Beleg der suizidalen Neigungen der heutigen deutschen Gesellschaft angeführt: An der Berliner Philharmonie haben sie jetzt vor wenigen Wochen originale Nazi-Propaganda als bläuliches „Denkmal“ für die Euthanasieprogramme der Nationalsozialisten eingerichtet und wieder lesbar gemacht. Nicht nur Schautafeln verkünden die Ermordung „lebensunwerten Lebens“, nein, jetzt werden sogar akustische Zeugnisse aus jener Zeit vorgespielt – kommentarlos. Nazi-Propaganda ungefiltert im öffentlichen Raum in Berlin – heute! Unfassbar. Entsetzlich. Was sollen unvorbereitete Kinder denken? Was sollen sich Menschen denken, die in jenen entsetzlichen Euthanasieprogrammen damals einen Verwandten verloren haben, wie z.B. der hier Schreibende? Man fragt sich, wie lange man noch die Musik eines Johann Sebastian Bach, eines Johannes Brahms, die Verklärte Nacht eines Arnold Schönberg ungehindert in der Berliner Philharmonie wird hören können. Werden sie irgendwann Hitlers Originalreden als Pausengedenken in den Wandelgängen der Scharounschen Philharmonie abspielen? Zuzutrauen wäre es den Deutschen! Sie wühlen sich tiefer und tiefer hinein in den braunen Sumpf – ja, das soll man ruhig tun. Aber man muss auch mal wieder auftauchen können!

Ein würdiges Feiern des 23. Mai 1949 wäre ein Schritt dazu. Er sollte ein Feiertag der Deutschen sein.

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„Schreiben Sie die Wahrheit – damit meine Stimme bleibt!“

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Mai 232015
 

(Plötzlich ganz deutlich:) Das ist mein letzter Wunsch – schreiben Sie die Wahrheit. Aber meine Wahrheit … nicht Ihre eigene … Damit meine Stimme bleibt.

Zitiert aus:
Von einer anderen Bibel und anderen Gläubigen. Wassili Petrowitsch N.- Mitglied der Kommunistischen Partei seit 1922, 87 Jahre alt

In: Swetlana Alexijewitsch: Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2013. Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, S. 191-214, hier S. 200

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Jahrestage: „Was bedeutet dir der 23. Mai?“

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Mai 222015
 

Jeder kennt wohl die Bedeutung des Jahrestages vom 8. Mai, jeder weiß doch wohl, was damals alles so passiert ist. Der Tag ist uns sehr sehr nahe, allerorten wird er feierlich begangen. Der 8. Mai ist uns sehr nahe, er liegt uns mehr am Herzen als jeder andere Gedenktag im Monat Mai!

„Richtig, der 8. Mai, das war doch …!“

„Du bist Spitze! Und nun das: Was fällt dir zum 23. Mai ein? Bedeutet dir das Datum irgendetwas?“ So fragte ich gestern harmlos und listig einen Mitreisenden, hingekauert auf den Trittstufen des deutlich überfüllten ICE, während draußen die kaltgelben, fetten Rapsfelder um Wittenberge und Fehrbellin vorbeiflogen.

„Hmm … 23. Mai … sagt mir nichts!“ Die Rapsfelder waren verflogen, jetzt kamen Hütten, Gehöfte, Weggabelungen! O Schönheit der Mark Brandenburg!

Also, raten wir doch einmal – hier kommen von a) bis k) elf Ereignisse der deutschen Geschichte und von 1) bis 6) einige Jahrestage zur Auswahl! Teste Dein Wissen! Was bedeutet was? Welches Datum ist dir am nächsten? Erkläre in ein bis zwei Sätzen die Bedeutung dieses Jahrestages für unser Land, die Bundesrepublik Deutschland!

Dalli – dalli!, würde Hans Rosenthal sagen, nach dem das Stadtbad Schöneberg benannt ist, in dessen unmittelbarer Nähe wir dieses Quiz ausgeheckt haben… 🙂

a) Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (im Jahr 1949)
b) Schlacht bei Fehrbellin (im Jahr 1675)
c) Kaiserkrönung Karls des Großen (im Jahr 800)
d) Annahme des Grundgesetzes durch den Parlamentarischen Rat mit 53 gegen 12 Stimmen (1949)
e) Kapitulation der Deutschen Wehrmacht in Reims (1945)
f) DDR öffnet die Grenzen zur Bundesrepublik und zu West-Berlin (1989)
g) Verkündung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland (1949)
h) Abdankung Kaiser Wilhelms II./Ausrufung der Republik (1918)
i) organisiertes Judenpogrom (sog. „Reichskristallnacht“) (1938)
j) Attentat von Sarajewo auf Erzherzog Franz Ferdinand (1914)
k) 40-Jahr-Feier der DDR

1) 8. Mai
2) 23. Mai
3) 28. Juni
4) 7. Oktober
5) 9. November
6) 25. Dezember

DALLI DALLI!

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„Ihr seid — SPITZE!“ Konzert der Flüchtlinge in der Notunterkunft

 Flüchtlinge, Freude, Integration, Kinder, Vertreibungen  Kommentare deaktiviert für „Ihr seid — SPITZE!“ Konzert der Flüchtlinge in der Notunterkunft
Mai 172015
 

„Müht euch um das wol der Stad / in die ich euch gefürt / vnd in die ich euch verbannt habe / vnd betet für sie zum Herrn / denn wens jr wol gehet / so gehets euch auch wol.“ Seit 2100 Jahren etwa kennen die Verbannten, die Wanderer, die Schutzflehenden diesen Spruch des Jeremias. Seit 120 Jahren lautet so das Motto der Stadtmission! Das Leitwort empfing uns gestern in der Notunterkunft für Flüchtlinge, die die Stadtmission betreibt. Freunde hatten uns dorthin eingeladen, Freude brachten die Flüchtlinge uns, Freunde fanden wir dort.

Eine Traglufthalle ist aufgespannt. Sie gleicht von außen irgendwie dem Tropical Island bei Brand in der Mark Brandenburg. Eingang und Ausgang werden bewacht. Wir betreten die Halle durch eine Luftdruckschleuse. Alles ist wohlgeordnet, sauber, geregelt.

Es herrscht ein leichter Innendruck, der die sinnreiche Konstruktion, die durch Stahlgurte von außen gehalten wird, aufspannt und sicher trägt. Die Flüchtlinge verbringen in dieser großen Halle gleich nach ihrer Ankunft einige wenige Tage, ehe sie dann weiter geführt werden.

Es herrscht ein stetes Kommen und Gehen. Die Flüchtlinge sitzen, gehen, stehen, spielen Tischtennis oder Kicker, die Kinder der Flüchtlinge rennen umher, staunen uns an.

Wir stellen unser Casio-Keyboard auf, packen unsere beiden Geigen aus. Mascha gibt uns das A, Ira zieht sich das Opernsängerinnenkleid an. Ich begrüße alle in deutscher Sprache, dann geht es auch schon los mit Carl Maria von Webers Jägerchor. Wanja spielt dann den langsamen Satz aus Vivaldis Violinkonzert a-moll, Ira singt Mon cœur s’ouvre à ta voix, und das großartige Почему … Любовь … , dann folgt das Gloria patri et filio et spiritui sancto von Vivaldi. Dann der eine oder andere Tanz.

Die Kinder fangen an zu tanzen und mitzuklatschen. Einige Kinder ahmen unsere Geigenbewegungen mit Stäben und Stöcken nach. Nach und nach fangen die Erwachsenen an mitzuklatschen. Nach jeder Nummer wird der Beifall lauter. Neue Kinder kommen dazu. Der Kickertisch verwaiste, er klackerte nicht mehr, wir zogen die Kickerspieler ab zu uns her, sogar das brummende Gebläse der Traglufthalle hatte sein Brummen eingestellt. Dann spannte der Schwan von Camille Saint-Saëns als Violinsolo seine weiten weißen Flügel aus und flog durch die weite weiße Traglufthalle, als flöge er nachhaus.

„Ihr seid alle — SPITZE, ihr macht uns große FREUDE“, rufe ich zwischen den Stücken in die Traglufthalle hinein und springe dabei dalli dalli mit beiden Beinen hoch in die Luft, als wollte ich an die Decke der Traglufthalle reichen. Und zum Schluss spielen wir als Violinduett das bekannte Wiegenlied von Johannes Brahms, und dann singe ich zwei Mal mit lauter Stimme in die Traglufthalle hinein das Lied „Guten Abend gut Nacht“ in deutscher Sprache, immer in der Hoffnung, dass schon irgendwann irgendjemand dieses Lied irgendwie mitbrummen, mitsummen, mitsingen wird. „Was redest du da? Was singst du da? Sie können doch kein Wort Deutsch!“, belehrt mich ein Kind. Irrtum, Madjida unterrichtet ja schon Deutsch mit großem Erfolg – ehrenamtlich.

Jetzt verstehen sie die Worte noch nicht, aber sie verstehen doch schon den Geist, der in dieser Traglufthalle weht und bläst.

Größten Wert lege ich auf einige Gespräche mit Flüchtlingen. Ich lasse mir ihre Geschichten erzählen, blicke in dunkle, in helle, in strahlende, in traurige, fragende, zuversichtliche Augen. Augen, immer wieder Augen! Die Augen der Flüchtlinge sind tausend Fenster zum Du.

Wir stellen uns vor: der kleine Jahja, der kleine Mahmoud, der kleine Ivan, der Johannes — na, kuckstu ma hier, drei dieser Namen sind dieselben, einmal auf Arabisch, einmal auf Russisch, einmal auf Deutsch. Denk darüber nach: Übersetzbarkeit der Vornamen! [Bedenke: In der polytheistischen Antike wurden die Namen der vielen Götter ineinander übersetzt, in der monotheistischen Moderne lassen sich die Vornamen fast aller Flüchtlingskinder ineinander übersetzen.]

Großes Händeschütteln, großes Lachen, großes Abschiednehmen. So geht das Konzert der Flüchtlinge in der Traglufthalle im Gefühl großer Freude zuende.

Ich bin zuversichtlich, irgendwann werden sie, diese Kinder, diese Menschen beim Wiegenlied „Guten Abend gut Nacht“ von Johannes Brahms mitbrummen, mitsummen, mitsingen, auf Arabisch, Russisch oder Deutsch. Ist ja eh alles übersetzbar. Es ist zu schaffen. Ja, es ist möglich. Wir schaffen das.

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Abschied vom Tage, vom heut gewesenen Tage

 Deutschstunde, Europäisches Lesebuch, Vergangenheitsbewältigung  Kommentare deaktiviert für Abschied vom Tage, vom heut gewesenen Tage
Mai 142015
 

„Gelassen stieg die Nacht ans Land“ – dieses Gedicht verströmt etwas unfassbar Tröstliches – es ist ein Ausbalancieren des Dunklen und Hellen in ihm zu spüren, wie es sonst vielleicht nur im Flug eines Reihers über einer trüben Teichfläche zu finden ist:

Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand,
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied,
Sie achtet’s nicht, sie ist es müd;
Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
Der flüchtgen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

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Daß du das Leben erwählest

 Hebraica, Nachtigall, Natur-Park Schöneberger Südgelände, Russisches  Kommentare deaktiviert für Daß du das Leben erwählest
Mai 142015
 

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„Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, daß du das Leben erwählest.“ So ungefähr steht es im 5. Buch Moses, XXX, 19.

Wladimir Solowjev zitiert diese Stelle am 17.4.1888.

Eine großartige Wanderung unternahm ich am Herrentag quer durch Schöneberg und Steglitz. Die Bergschuhe trugen mich mühelos Kilometer um Kilometer voran, nicht ich trug sie! Nachtigallen schmetterten ihr Lied. Schafe weideten die Langgraswiesen ab. Arkadien lachte. Im Südpark sah ich, wie die Gleise sich trennten – nach rechts ging es hinein in einen dunklen Tunnel, dessen Ausgang ungewiss war. Das war die Vernichtung. Nach links führte der Weg ins Grüne, ins Freie, ins Offene. Das ist das Leben.

Wähle das Leben!

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Genozidale Dynamik als Merkmal erkennen

 1917, Lenin, Rosa Luxemburg, Russisches, Sozialismus  Kommentare deaktiviert für Genozidale Dynamik als Merkmal erkennen
Mai 142015
 

„Die Revolution wird nicht mit Rosenwasser getauft.“ Ein berühmtes Zitat von Rosa Luxemburg, das freilich keineswegs allein steht!

Nach und nach treten neue, schlagende Belege für den Einsatz von Terror und Gewalt als unerlässlichen Mitteln zur Durchsetzung der kommunistischen, faschistischen und nationalsozialistischen Politik im 20. Jahrhundert hervor. Die russische Journalistin Swetlana Alexijewitsch zitiert in ihrem Buch Время секонд хэнд („Secondhandzeit“) aus den Schriften und Briefen der führenden Kommunisten jener frühen Jahre.

All jene, die glauben, erst mit Stalin oder dem Stalinismus sei der systematische, fortgesetzte Terror gegen Hunderttausende von russischen Bürgern zum Mittel kommunistischer Politik geworden, mögen sich durch die folgenden, für 1918 und 1919 belegten Zitate von Wladimir Iljitsch Lenin, Leo Trotzki, Grigori Sinowjew eines besseren belehren lassen. Jeder mag danach überlegen, ob die bekannten und die noch unbekannten Massenmorde des Kommunismus einzig und allein Stalin oder dem Stalinismus anzulasten sind.

Ganz sicher haben die führenden Kommunisten in Russland Gewalt und Terror (Ermorden, Massenerschießungen, gezieltes Verhungernlassen von Volksmassen durch Wegnahme der Nahrung, Deportationen) gegen riesige Menschengruppen bereits ab 1918 ohne jede Bedenken befürwortet und später dann auch praktiziert. Die führenden Kommunisten der Sowjetunion (z.B. Sinowjew, Lenin, Trotzki) wurden damit Teil jener gesamteuropäischen „genozidalen Dynamik“, von der Bundespräsident Gauck kürzlich anlässlich der Erinnerung an die Armenienmassaker von 1915 sprach – und die später noch einige andere Länder erfassen sollte.

Die genozidale Dynamik wurde also in den berüchtigten Bloodlands – so müssen wir annehmen – nicht erst durch Stalin oder Hitler, nicht erst durch den Stalinismus oder den Hitlerismus in Gang gesetzt. Sie war offenbar von Anfang an integraler Bestandteil der Gedankenwelt und der Politik der russischen Kommunisten ab 1918.

Aber lest selbst die originalen Zitate, die Swetlana Alexijewitsch in ihrem Buch anführt:

«Мы должны увлечь за собой 90 миллионов из ста, населяющих Советскую Россию. С остальными нельзя говорить — их надо уничтожить» (Зиновьев, 1918).

«Повесить (непременно повесить, дабы народ видел) не меньше 1000 завзятых кулаков, богатеев… отнять у них весь хлеб, назначить заложников… Сделать так, чтобы на сотни верст кругом народ видел, трепетал…» (Ленин, 1918).

«Москва буквально умирает от голода» (профессор Кузнецов — Троцкому). «Это не голод. Когда Тит брал Иерусалим, еврейские матери ели своих детей. Вот когда я заставлю ваших матерей есть своих детей, тогда вы можете прийти и сказать: „Мы голодаем“» (Троцкий, 1919).

http://ibooks.prokhorovfund.ru/nose/2014/2481/files/assets/basic-html/page6.html

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Mai 122015
 

Von der „deutsch-sowjetischen Doppelaggression“ im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes, deren Opfer „unsere ostmitteleuropäischen Nachbarn“ geworden seien, sprach in seiner bewegenden Rede am 8. Mai 2015 der Historiker Heinrich August Winkler im Deutschen Bundestag. Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?

Ist denn nicht das nationalsozialistische Deutsche Reich der Urquell aller politischen Verbrechen, aller militärischen Aggressionen in all den Jahren von 1933-1945? Hat denn die sozialistische Sowjetunion, haben denn die Tscheka und der NKWD, hat denn die Rote Armee in all den Jahren 1918-1945 und dann bis 1989 auch nur einem anderen Staat (heiße er nun Polen, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien … oder Afghanistan) in einem Angriffskrieg auch nur ein Härchen gekrümmt?

Bei der Beantwortung dieser Rätselfrage sagen zwei Bilder mehr als tausend Worte!
Ein reich bebildertes Buch, ein Versuch, das gesamte Zeitalter der Weltkriege zu umspannen, liegt vor mir. Es enthält zwei Fotos, die allein schon den moderaten Kaufpreis von € 4,50 lohnen:

Ernst Piper (Hrsg.): Das Zeitalter der Weltkriege. Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Band 1553, Bonn 2015

Das erste Foto (S. 95), aufgenommen am 22. September 1939 in Brest-Litowsk (heutiger Name: Brest), zeigt von links nach rechts
a) den sowjetischen Brigadegeneral Semjon Moissejewitsch Kriwoschein; daneben, ihm freundschaftlich lächelnd zugewandt
b) den deutschen General Heinz Guderian, und rechts daneben
c) den österreichischen General Mauritz von Wiktorin

Das zweite Foto (S. 217) zeigt exemplarisch die freundschaftliche, von guter Zusammenarbeit geprägte Atmosphäre, in der sich deutsche und sowjetische Generäle und Offiziere in all den Jahren von 1926 bis 1941 begegneten. Der sowjetische Kommissar Borowenskij ist soeben aus seinem Panzerauto gestiegen. Ort: ebenfalls Brest-Litowsk, Tag: 20.09.1939. Die Zerschlagung Polens, das Gemeinschaftswerk deutscher und sowjetischer Truppen, ist gelungen, man freut sich des raschen gemeinsamen Sieges über den unterlegenen Nachbarn.

Bei genauem Hinsehen wird der Betrachter den Geist lächelnden Einverständnisses zwischen den deutschen, dem österreichischen und den sowjetischen Offizieren erkennen.

Die enge militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und dem Deutschen Reich, die ununterbrochen von 1926 bis zum 21. Juni 1941 dauerte, manifestierte sich in zahlreichen Begegnungen auf hoher und höchster Ebene sowie einer ganzen Reihe von Abkommen zur wirtschaftlichen und wehrtechnischen Zusammenarbeit, deren letztes das deutsch-sowjetische Wirtschaftsabkommen vom 10. Januar 1941 darstellt.

Im Sommer 1941 verriet jedoch das nationalsozialistische Deutsche Reich seinen stärksten Bundesgenossen und wichtigsten Waffenbruder im Kriege, nämlich die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UDSSR); hatte sich der neue europäische Krieg bisher als Angriffskrieg des faschistischen Italien, des nationalsozialistischen Deutschen Reiches und der kommunistischen Sowjetunion gegen deutlich schwächere Nachbarstaaten wie etwa Albanien, Polen und Finnland („Winterkrieg“ der kommunistischen Sowjetunion gegen Finnland ab 30.11.1939!) entwickelt, so weitete sich das Geschehen nun, ab 22.06.1941, schlagartig zu einem echten Weltkrieg aus.

Mt seiner Wendung von der deutsch-sowjetischen Doppelaggression, die mancher leicht links (oder gar in der Kommunistischen Plattform) sitzenden Bundestagsabgeordneten ungewohnt aufgestoßen haben mag, traf der Historiker Winkler also durchaus ins Schwarze. Unter Historikern unterliegt es heute keinem Zweifel mehr: Neben dem Königreich Italien – das leider allzu oft links liegen gelassen wird und das derzeit sträflich unterbelichtet ist – leistete 1939 auch die sozialistische Sowjetunion (UDSSR) einen entscheidenden, einen geradezu proaktiven Beitrag zur Entfesselung des Zweiten Weltkrieges.

Auch darin hatte Winkler bei seiner großen Rede im Deutschen Bundestag am 8. Mai 2015 recht.

Ernst Piper (Hrsg.): Das Zeitalter der Weltkriege. Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Band 1553, Bonn 2015

 Posted by at 10:09