Dauerkrank wegen zu geringer Bezahlung? Wegen fehlender Verbeamtung?

 Geld, Gesundheit, Gute Grundschulen, Kinder, Mobbing in der Schule, Person, Sündenböcke, Verdummungen  Kommentare deaktiviert für Dauerkrank wegen zu geringer Bezahlung? Wegen fehlender Verbeamtung?
Feb. 272012
 

Immer wieder unterhalte ich mich seit 3 Jahrzehnten mit Kreuzberger und Berliner Lehrern über die Belastungen ihres Berufes. Viel zu viele habe ich dauerkrank werden sehen, andere haben eines jener berühmten Umsetzungsgesuche gestellt und verabschieden sich in andere Bezirke oder wechseln an private Schulen über. 5% der Berliner Lehrer sind dauerkrank geschrieben, selbstverständlich kommen dazu noch die üblichen zeitweilig Kranken, so dass sich insgesamt an den Schulen ein Krankenstand von weit über 10 % ergeben kann.

Bei so einem hohen Kankenstand würden in jedem Unternehmen die Alarmglocken schrillen. Etwas stimmt dann im Betrieb nicht.

Mein Haupteindruck:  Die Berliner Lehrer an staatlichen Schulen werden zu wenig gewürdigt, ihnen wird zu wenig zugehört. Ein Recht, sich öffentlich zu melden, haben sie als einzelne nicht. Selbst einen Leserbrief über die Situation an Kreuzberger Schulen dürfen sie nicht schreiben, das wäre eine Verletzung des Dienstgeheimnisses. Ich kenne kaum eine Berufsgruppe, die so viel schlucken muss.

Aber es gibt ja die Gewerkschaften! Wie erklärt GEW-Vorsitzende Sigrid Baumgardt den hohen Krankenstand und die Abwanderung der Lehrer? Ihre Antwort steht heute – passend zu einem Gespräch mit Schulsenatorin Scheeres – in der Morgenpost auf S. 11. Demnach wären die Lehrer durch die vielen Reformen, durch erhöhte Dokumentationspflichten, durch mangelnde Verbeamtung und durch zu geringe Bezahlung unter Druck und würden dadurch krank.

Die GEW fordert also: Weniger Pflichtstunden, mehr Gehalt! So weit die eingängige, gut klingende Lösung der GEW. Ja, darin ist die GEW gut, so etwas zu fordern – zumal, da die Lehrer Schlange stehen, um endlich in Berlin arbeiten zu dürfen, und die Kassen der Stadt prall gefüllt sind! Es fehlt noch die Forderung nach kleineren Klassen, hüstel.

Ich würde die Senatorin Scheeres bitten, erst einmal von innen hinzusehen, hinzuhören und die einzelne Lehrerin, den einzelnen Lehrer zu fragen: „Was macht Sie krank?“

Die Senatorin würde dann andere Antworten bekommen als von der GEW. Weitere zielführende Fragen:

„Würde es Ihnen helfen, wenn Sie mehr Gehalt bekämen?“

Ich vermute: Die zahlreichen Dauererkankungen der Berliner Lehrer entspringen vor allem dem Schulalltag, dem Umgang mit den immer schwieriger werdenden Schülern und den immer schwieriger werdenden Eltern, verbunden mit dem Gefühl, vom Senat und der Schulpolitik verschaukelt zu werden und von den Gewerkschaften ebenfalls nicht vertreten zu werden. Manche Lehrer an den staatlichen Schulen Berlins haben offenkundig das Gefühl, auf verlorenem Posten zu kämpfen, als einzelne Persönlichkeiten einfach nicht wahrgenommen zu werden.

„Sind Sie wegen mangelnder Verbeamtung dauerkrank?“ Eine unsinnige Frage. Gerade verbeamtete Lehrer sind häufig dauerkrank.

Und die Situation an Kreuzberger und Neuköllner staatlichen Schulen? Ist und bleibt nicht so rosig, wie sie aus nötigem Zweckoptimismus zu Recht meist dargestellt werden muss. Ich meine: Über weite Strecken ist die Lage unhaltbar. Die wenigen Schüler ohne den richtigen Migrationshintergrund werden vielfach gnadenlos rausgedrängt oder rausgemobbt. Und da dies nicht offen diskutiert werden darf, weil dann sofort der Vorwurf des Rassismus oder der Islamophobie erhoben wird, schweigen viele Lehrer und flüchten in Dauer-Krankheit, oder sie stellen die berühmten Umsetzungsgesuche.  Erst kürzlich hat wieder ein kleines Häufchen von Schülern, die leider Deutsch als Muttersprache haben und dafür nichts können, eine vielgerühmte Kreuzberger Schule, an der nach Presseberichten alles gut läuft, geschlossen verlassen.

Not tut ein offenes Gespräch. An mangelnder Bezahlung werden die Lehrer nicht krank, auch nicht an zu hohen Arbeitszeiten.

Nur vertrauensvolle, nichtöffentliche und unter Datenschutz erfolgende Gespräche mit den kranken Lehrern, – bitte nicht mit der GEW oder sonstigen ihr eigenes Verbandssüppchen kochenden Funktionären –  können der Senatorin ein zutreffendes Bild über die Ursachen der vielen Dauer-Krankschreibungen liefern.

Machen Sie sich ein Bild, Frau Senatorin!

Lehrermangel – GEW fordert mehr Gehalt für Berliner Lehrer – Berlin Aktuell – Berliner Morgenpost – Berlin

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Feb. 252012
 

Ismail Yozgat hat neben anderen Rednern im Schauspielhaus meine Hochachtung errungen. „Wir bewundern ihn“, – gemeint war Christian Wulff. Das zeigt Anstand, wenn man zu seinen Meinungen und Gefühlen steht.

Es war doch ein mediales Scherbengericht, nicht anders als dasjenige, welches über Sarrazin veranstaltet wurde. Gut auch, dass Gauck sich als einer der ganz wenigen im öffentlichen Leben nicht auf die Seite der Verfolger in den causis Sarrazin und Wulff geschlagen hat. Gut! Die Italiener kommen aus dem fassungslosen Kopfschütteln über die Deutschen nicht mehr heraus. Auch die Schweiz wundert sich. Lest hier den Artikel von Jürg Dedial in der NZZ:

Zur Strecke gebracht (Startseite, NZZ Online)

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Feb. 252012
 

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Yaşamak bir ağaç gibi
tek ve hür ve bir orman gibi
kardeşçesine,
bu hasret bizim.

Gute, ergreifende Reden  von Gamze Kubasik, die obenstehende Zeilen Nazim Hikmets zitierte, von Ismail Yozgat, Semiya Simsek und Angela Merkel auf der Gedenkveranstaltung im Schauspielhaus! Wie der arme Kreuzberger Blogger erhofft hatte, standen die Menschen in ihren Gefühlen, in ihrer Verletztheit im Mittelpunkt. Mitempfinden, Mitleiden, Mitnachvollziehen durch Erzählen – genau das ist es. „Wir fühlen mit Ihnen, wir trauern mit Ihnen.“ So sagte es die Bundeskanzlerin.

Aller Rednerinnen und Redner waren von diesem Geist der Menschlichkeit geprägt. Die güldene Sonne der Mitmenschlichkeit!

Alle Redner riefen uns alle gemeinsam dazu auf, diese güldene Sonne mehr walten zu lassen, uns mehr einzusetzen, und sie verpflichteten sich selbst an erster Stelle – statt anklagend auf andere zu zeigen.

Anrührend auch die Sprache der Gesten, die etwa Joachim Gauck zeigte. Semiya Simsek hatte die Erfahrung gemacht, dass der Staat ihren Vater nicht schützen konnte.  Und auch Gauck musste als Kind erfahren, dass der Vater verschwand – wenn auch nicht für immer, so doch für mehrere Jahre, weil der Staat ihn nicht schützen wollte.

Mir fielen dazu die Verse eines  deutschen Dichters ein:

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich tröstend und traurend die Hand,
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt.

Bild: Die Säule des Erinnerns in Berlin-Lichterfelde

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Magenta oder Cyan?, oder: Impuls auf den Schädel

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Feb. 212012
 

Wie schwer fällt es oft, eigene Irrtümer zuzugeben! So geriet ich vor zwei Tagen in eine Auseinandersetzung über die Farbe der Jacke des Vorsitzenden des ADFC Deutschlands, Ulrich Sybergs, der im aktuellen SPIEGEL auf S. 115 abgebildet ist. „Guter Kontrast zwischen dem Magenta der Jacke und dem Bonbonrot des Fahrradhelms – auf die modische Kleidung beim Fahrradfahren kommt es an! Es gibt jetzt sogar Fahrradhelme mit Aussparungen für Zöpfe!“, behauptete ich treuherzig.

„MAGENTA! Du verwechselst da etwas“, war das schroffe Urteil meines Gegenübers. Ich widersprach. Es fiel mir schwer meinen Fehler zuzugeben. Doch letztlich bricht einem ja kein Zacken aus der Krone. Heute lache ich darüber. Die Jacke ist Cyan, nicht Magenta! Heute kenne ich den Unterschied zwischen Cyan und Magenta wie kein zweiter! Aus eigenen Fehlern kann man viel lernen. Wer keine Fehler macht, lernt auch nichts. Ein guter Impuls für den geborenen Dickschädel!

Quellenangabe:
Christian Wüst: Impuls auf den Schädel, in: DER SPIEGEL, Nr. 8, 18.02.2012, S. 114-115

ADFC Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club e. V.

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Ich trau es ihm zu!

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Feb. 202012
 

Große Erleichterung und Freude überkommt mich, wenn ich bedenke, dass vier der fünf maßgeblichen Parteien Deutschlands sich nunmehr auf einen neuen Bundespräsidenten verständigt haben, der über die letzten Jahre hinweg so nahe an meinem Denken unterwegs war wie kaum ein anderer Mensch des öffentlichen Lebens.

„Er lässt sich nicht steuern„, wird gegen Joachim Gauck eingewandt. Hurra, genau das erwarte ich von einem Bundespräsidenten und von einem wahrhaft freien Menschen.

„Er hat nur ein großes Thema, die Freiheit„, wird gegen ihn eingewandt. Und das spräche für ihn, wenn es so wäre. Ich sehe ihn aber auch als Verkörperung einer für heutige Verhältnisse ungewöhnlichen Redlichkeit. Er hat es gewagt, für die Verprügelten und Verfemten sein Wort zu ergreifen, indem er ihnen Mut zusprach. Wenn er sich immer wieder und so herausgehoben zu diesem Leitwert bekannt hat, dann doch wohl deswegen, weil Freiheit in dieser Gesellschaft zu kurz kommt und zu stiefmütterlich behandelt wird. Mindestens für das Bundesland Berlin vertrete ich diese Überzeugung mit großer Leidenschaft.

„Er wurde von Grünen, der SPD und der FDP vorgeschlagen!“ – Um so besser. Im Grunde ist Joachim Gauck allerdings ein Christdemokrat reinsten Wassers – nämlich einer ohne Parteibuch. Den zentralen Werten der Christdemokratie, nämlich der Freiheit und der Verantwortung, kann er sicherlich von außerhalb der CDU einen hervorragenden Dienst erweisen. Jede Parteimitgliedschaft, die ja immer zu Kompromissen, zum schmerzhaften Verzicht auf die Durchsetzung aller eigenen Ansprüche nötigt, würde seinem Weg etwas von seiner Strahlkraft nehmen. Aber dass ein Christdemokrat wie Joachim Gauck, getragen von sehr großer Zustimmung, in das höchste Amt des Staates gelangen wird, zeigt doch nur, dass längst ein unterschwelliger Konsens besteht, was Gesellschaft und Staat in Deutschland zusammenhält, nämlich nicht die linke Staatsgläubigkeit, sondern der Glaube an den überragenden Rang der Freiheit der Person, an das unverzichtbare Korrektiv und das Begrenzungsmoment der Freiheit, nämlich die Verantwortung für den Nächsten.

Diese Zusammenhänge zwischen Freiheit in Verantwortung ergaben sich meinem geistigen Auge recht deutlich vor zwei Jahren bei einem Besuch in Wittenberg, und ich vertraute sie zu Ostern 2011 mit folgenden Worten auch diesem Blog an:

Ich traue dir. Du traust mir. Vertraue dir selbst. Vertraue dem anderen Menschen. Sorge für einen anderen Menschen oder für deine nächsten Mitmenschen, das wird auch deinem Leben einen Sinn geben. Befreie dich und andere aus der falschen Abhängigkeit vom Staat. Sei frei. Kümmere dich. Ich trau es dir zu!

Armes Kreuzberger Blog » Blog Archive » Ich trau es dir zu!

Bild: Otto-Lilienthal-Denkmal von Peter Breuer (1914), Bäkestraße 14a in Berlin (Steglitz), aufgenommen gestern auf dem gemeinsamen Wandertag von Eltern und Kindern unserer Grundschule

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Fragen eines lesenden Geistesarbeiters

 1968, Sozialismus  Kommentare deaktiviert für Fragen eines lesenden Geistesarbeiters
Feb. 202012
 

Guter Hintergrundbericht von Hans Leyendecker heute in der Süddeutschen Zeitung auf S. 6! Er zieht endlich den längst überfälligen Vergleich zwischen der NSU und der RAF, wobei er leider die Frühphase der RAF unterschlägt, die ohne wesentliche Zuarbeit der staatlichen Organe der DDR nicht denkbar ist. In der DDR boten die Staatsapparate der Polizei und der Stasi Förderung, Unterschlupf und neue Identitäten für RAF-Terroristen – Terroristen damals von links, Terroristen später offenbar von rechts. Es wäre interessant, die Kontinuitäten zwischen damals und heute aufzuspüren.

Für die Angehörigen der Nazi-Opfer ist es gleich. Sie haben einen Vater, Bruder, Sohn verloren, unermessliches Leid ist ihnen zugefügt worden, die staatlichen Behörden haben ihnen offenkundig noch zusätzliches Leid zugefügt, indem sie in falsche Richtungen ermittelten. Und jetzt werden sie noch auf die Bühne des Staatsaktes katapultiert und wissen nicht, wie ihnen geschieht.

Glaubwürdige Zeichen der Empathie, wie das Kenan Kolat nannte, sind jetzt das A und O.  Empathie heißt Mitempfinden mit dem Leiden des einzelnen Menschen, heißt Mit-Trauern, heißt aber auch, dass das Leiden und die Trauer nicht für rhetorische Staatsaktionen dienstbar gemacht wird.

Nicht dass heimtückische Morde geschehen, ist das politisch Skandalöse. Jedes Jahr werden in Deutschland Hunderte von Morden verübt. Jeder Mord ist böse. Man kann in der PKS, der polizeilichen Kriminalstatistik die verschiedenen Täter- und Opfergruppen aufgeschlüsselt erhalten, wobei auffällt, dass Kategorien wie terroristischer Mord, rassistischer Mord, Fememord oder Ehrenmord fehlen. Das Raster ist nicht so feinmaschig angelegt, diese Unterkategorien aufzuschlüsseln. Mord bleibt Mord, also heimtückische Tötung eines Menschen aus niederen Beweggründen.

Der eigentliche politische Skandal um die Neonazi-Morde liegt selbstverständlich in der denkbaren Verstrickung oder gar der möglichen schuldhaften Deckung der Taten durch staatliche Organe der Bundesrepublik Deutschland.

Und hier rächt es sich, dass die Verstrickung staatlicher Organe der DDR in den Aufbau, die Förderung die Deckung der RAF von den Journalisten so zögerlich aufgearbeitet worden ist. Der westdeutsche Terrorismus wurde ab 1955 durch die DDR-Organe gezielt finanziert, angefüttert, aufgebaut und unterstützt.

Karl-Heinz Kurras erschoss Benno Ohnesorg.
Er allein?
Hatte er nicht wenigstens einen Hintermann in den Dienststellen?

Dass die Erschießung Benno Ohnesorgs  durch einen hochrangigen Stasi-Agenten erfolgt ist, dass die Staatssicherheit ihre Leute überall in den West-Berliner und westdeutschen Apparaten, den Parteien und Dienststellen platzieren konnte, dass der Stasi-Agent Kurras offenkundig von Angehörigen der Polizei gedeckt wurde – warum stecken die Journalisten da nicht ihre Nasen hinein?

Der frühere linke Terrorist Horst Mahler, überzeugtes Mitglied des SDS, Mitgründer der RAF, zusammen mit Hans-Christian Ströbele Mitbegründer des Sozialistischen Anwaltskollektivs, wandelt sich im Lauf der Jahre vom RAF-Verteidiger zum  NPD-Unterstützer und Holocaustleugner. Er allein? Hatte er nicht wenigstens einige Gesinnungsgenossen bei sich?

Hans-Christian Ströbele, der Charlottenburger Bundestagsabgeordnete, der meinen Heimatbezirk Friedrichshain-Kreuzberg im Bundestag vertreten soll oder zumindest sollte, zeigt sich immer wieder überrascht, dass so etwas möglich war. Warum so überrascht, Herr Ströbele? Sollte ihm die innige Verquickung der DDR-Staatsorgane mit seinen Mandanten, Genossen und Schützlingen von der RAF, mit seinem Kollegen und Genossen Horst Mahler wirklich über Jahre hinweg entgangen sein? Sollte er tatsächlich die Augen davor verschlossen haben, dass damals ein stetes Kommen und Gehen zwischen Staatssicherheit und RAF, zwischen Polizei und Terroristen herrschte?  Ist Ströbele nicht ein umsichtiger, kluger, hellwacher, mit allen Wassern gewaschener Mann? Warum nehmen die Journalisten Hans-Christian Ströbele seine Überraschung über die Aufdeckung dieser und vieler anderer Tatsachen so gutgläubig ab?

So viele Berichte
So viele Fragen.

Die Selbstkritik des redlichen Hans Leyendecker ist Anlass zur Hoffnung.

Aktenlage – Zwickauer Terrorzelle – Ein Stück eigenes Versagen – Politik – sueddeutsche.de

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Feb. 192012
 

Der arme Blogger bleibt begeistert von den Kolumnen der Tagesspiegel-Autorin Hatice Akyün! Vorbildlich finde ich das klare Bekenntnis der Berlinerin zu ihrer Vaterstadt Duisburg – Zugehörigkeit auch in schwierigen Zeiten, davon lebt das Gemeinwesen. Ob man nun aus Duisburg, Augsburg, Bamberg oder Rostock stammt – diese Vaterstädte haben uns geprägt, peinlich ist es, wenn wir uns bemühen, diese Herkunft aus der deutschen Provinz zu überwinden.

Pflege der Zugehörigkeit, Pflege der eigenen Geschichte, Weitergabe der Weisheit – auch im Streit – der Väter und Mütter. Nur so entsteht Heimat. Auch ihren ständigen Dialog mit ihrem Vater mag ich. Kein Abrechnen mit der Schuld des Vaters, keine „Ich-weiß-es-besser-als-du“-Haltung, die mir bei uns Wohlstandskindern in Deutschland so häufig unangenehm aufstößt, die wir die eigene moralische Überlegenheit aus der Gnade der späten Geburt glauben ableiten zu dürfen.

Sie schafft es, in einem kleinen Absatz die griechischen Ursprünge der Demokratie und türkische Volksweisheiten zu nennen. Eine sehr schöne Versöhnungsleistung der früher verfeindeten Völker!

Manche dieser kristallisierten Gespräche erinnern mich an eigene Gespräche mit Kreuzberger Vätern, mit all den Schustern, Schneidern, Müllwerkern und Handwerkern, denen keine Wege zur weiterführenden Schule offenstanden und die nun oft erkennen müssen, dass die hochfliegenden Söhne die Türen nicht nutzen, die ihnen weit offenstehen.

Einen weiteren vorbildlichen Menschen lernte ich heute erneut kennen: Otto Lilienthal. Setzte sich für die Arbeiter seiner Dampfkessel- und Maschinenfabrik Otto Lilienthal ein, erarbeitete kühne, weitreichende Gedanken, bosselte, werkelte, schuf, schrieb und arbeitete unermüdlich! Er glaubte an die Kraft des Gedankens, er vertraute seinen Kräften und den Kräften der Natur. Ein großer Deutscher! Das Bild zeigt den „Fliegeberg“ in Berlin-Lichterfelde, den ich heute mit eigener Kraft erklomm. Ein vorbildliches Technikdenkmal, von denen es leider viel zu wenige gibt in Deutschland.

Hatice Akyüns Kolumne: Sauerlands Abwahl: Von Duisburg lernen – Meinung – Tagesspiegel
Duisburg hat als Autokennzeichen DU. Das bedeutet für mich, zuerst darüber nachzudenken, was ich für Duisburg tun kann, und nicht, was Duisburg für mich tun kann.

 Posted by at 21:19

Darf man Amtsgeschäfte mit dem Fahrrad statt mit Dienst-BMW erledigen?

 Armut, Aus unserem Leben, BVG-Streik, Fahrrad, Jesus von Nazareth  Kommentare deaktiviert für Darf man Amtsgeschäfte mit dem Fahrrad statt mit Dienst-BMW erledigen?
Feb. 182012
 

„Im Sommer sah man Woelki Amtsgeschäfte mit dem Fahrrad erledigen, er fährt gerne mit U- und S-Bahn …“ – so berichtet es heute der Tagesspiegel auf Seite 19 über den Berliner Erzbischof Rainer Maria Woelki. Diese Haltung gefällt mir. Von Jesus selbst wird ja auch immer wieder berichtet, dass er hinauf „ging“ oder „wanderte“ nach Jerusalem. Die Evangelien sind geradezu geprägt vom Wandern, vom Zu-Fuß-Gehen zwischen der ländlichen Heimat im Norden und der fernen, schwierigen, bis heute so geschichtsgeplagten Großstadt Jerusalem. Hätte Jesus einen PS-starken Dienstwagen benutzt, so hätten sich die Dutzenden von Reisebegegnungen und Pilgergesprächen, aus denen die Evangelien bestehen, nie und nimmer ergeben.  Von Sänften und Tragen, von stolzen PS-starken Mobilen wird nichts berichtet, die waren der reichen Oberschicht vorbehalten. Nur einmal nutzte Jesus in symbolischer Absicht den reisewegerleichternden jungen Esel, der allerdings auch nur – mit zweifelhaftem Rechtsanspruch – entliehen, kein Privatbesitz war.

Und kaum eine Lehre des Jesus ist so eindeutig bezeugt wie die Warnung vor dem Reichtum: „Eher geht ein Reicher durch ein Nadelöhr …!“

Dass eine Frau oder ein Mann heute alle ihre Amtsgeschäfte zu Fuß erledigt, ist kaum denkbar, selbst heute, wo die braven BVG-MitarbeiterInnen für bessere Bezahlung streiken und uns sanft zum Wandern und Radfahren, auf den rechten Pfad der Demut also zwingen. Aber das Fahrrad, die Busse und die Bahnen, die Eisenbahn und die Economy-Klasse des Flugzeugs reichen doch während der streikfreien Zeiten in den allermeisten Fällen für einen povero cristiano vollkommen aus.

Ich sehe im Verzicht auf den Privat-PKW, in der Bevorzugung von Fahrrad, Bussen und Bahnen ein kleines, wenn auch untrügliches Zeichen der Öffnung des Menschen zu den Menschen hin. Ich selbst bin dankbar, dass wir – meine Familie und ich – kein Auto mehr haben. Das Fahrrad, Busse und Bahnen ermöglichten mir schon tausende von kleinen und kleinsten Gesprächen, aus denen sich in meinem Geist nach und nach ein lebendiges Bild der Stadt ergibt.

Ein lebendiges Bild der Menschen in unserer Stadt! Genau das wünsche ich von Herzen auch dem Berliner Erzbischof, der heute in einer Messe in der fernen, schwierigen, geschichtsbeladenen Großstadt Rom zum Kardinal erhoben wird. Er sei immer auf gutem Wege!

Berliner Erzbischof : Woelki wird von Papst Benedikt zum Kardinal ernannt – Berlin – Tagesspiegel
Er wohnt mittendrin im Kiez, in einer Dachgeschosswohnung in der Osloer Straße in Wedding. Im Sommer sah man Woelki Amtsgeschäfte mit dem Fahrrad erledigen, er fährt gerne mit U- und S-Bahn und für Fernreisen lieber mit dem Zug als mit Chauffeur und Dienstwagen. Seine Bescheidenheit und Offenheit hat sich bis nach Polen herumgesprochen, wo ihn Zeitungen dafür loben, dass er die Brötchen beim türkischen Bäcker kauft.

Quellenverzeichnis:
Claudia Keller: Der Kardinal aus der Osloer Straße, in: Der Tagesspiegel, 18.02.2012, S. 19

Hier geht’s zum Live-Ticker zum BVG-Streik!

Hier geht’s zur Geschichte mit dem entliehenen Esel!
Neue Jerusalemer Bibel. Einheitsübersetzung mit dem Kommentar der Jersualemer Bibel. Neu bearbeitete und erweiterte Ausgabe. Deutsch herausgegeben von Alfons Deissler und Anton Vögtle. In Verbindung mit Johannes M. Nützel. Herder Verlag, Freiburg, Basel, Wien 2007, S. 1447 (=Markus 11, 1-11)

Warnung vor dem Reichtum:
Neue Jersualemer Bibel, ebenda, S. 1412 (=Matthäus 19, 21-26)

Bild:

Das Fahrradparkhaus am Bahnhof Brandenburg/Havel, gesehen am 15.02.2012 (so etwas bräuchten wir in Friedrichshain-Kreuzberg aber auch … !)

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Feb. 162012
 

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Weiterhin gut behauptet: unser heimatliches Kreuzberg im aktuellen Economist auf Seite 29, der Zeitschrift für alle Länder der Welt, die nach eigenem Bekunden der Bundespräsident Richard von Weizsäcker so gern las.  Zwischen dem Titelthema Syrien, der endlosen Griechenland-Geschichte, der Religionspolitik der Kommunistischen Partei Chinas und einem Nachruf auf die Nobel-Preisträgerin Szymborska, die auch mehrere Elogen auf Stalin und die kommunistischen Schauprozesse verfasst hat, erscheint unser Heimatbezirk mit einem neuen Dialekt: Kiezdeutsch.

Die in Kreuzberg wohnende Professorin Heike Wiese beobachtet fasziniert, wie sich unter unseren Augen ein neuer Dialekt heranbildet. Prof. Helmut Glück von der Uni Bamberg widerspricht: Kiezdeutsch sei eine Sprechart, kein Dialekt.

Ich meine, beide habe irgendwo recht. An Kindern habe ich selber bemerkt, wie sie sich anpassen an die typische Kreuzberger Sprechweise. Ortsüblich ist zum Beispiel die häufige Beschwörungsformel: „Isch schwörs dir!“ Ganz typisch für die Kreuzberger Kinder scheint mir auch die frühe Bekanntschaft mit vielen Ausdrücken aus den Bereichen Erwachsenensexualität, für die wir früher eine scharfe Zurechtweisung erhalten hätten. Diese intimen Kenntnisse zeigen die Jungen bereits ab 6 oder 7 Jahren mit großem Stolz.

Manche Lehrer an Kreuzberger Gymnasien sagen mir, manche Schüler verstünden in allen Stufen oft schon die Aufgabenstellungen nicht, geschweige denn, dass sie imstande wären, eine sinnvolle Antwort zu formulieren.

Ich meine, Kinder und Jugendliche sollen ruhig wie Jugendliche aller Zeiten und Völker ihre Gruppensprache sprechen. Wichtig wäre aber auch, dass alle Standardsprache, also Hochdeutsch lernten.  Ich glaube, gute Kenntnisse der üblichen deutschen Sprache wären eigentlich unabdingbar.

Spannend!

Bild: Russisches Denkmal für die ruhmreichen Söhne der sowjetischen Heimat in Brandenburg/Havel

German dialects: Teenagers’ argot | The Economist

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Feb. 162012
 

Cooler Link der Stanford University! Was die Deutschen kaum mehr haben wollen, dafür interessieren sich immerhin die Amis: die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. Hier einmal nur als Text geboten – warum nicht? Gut zu lesen!

Nr. 30 „Wo ist denn dein Freund hingegangen?“ Der Überbringer der Botschaft vom Menschen wird als reines Du dargestellt, als Freund, den man immer wieder verlieren, immer wieder suchen kann! Man kann ihm die Ferse zuwenden und ihn dann doch wiederfinden. Man mag ihn als Balkensepp beschimpfen und aufspießen, wie es die spießigen Tazzler  aus der Rudi-Dutschke-Straße gerne tun und getan haben. Er hat schon Schlimmeres überstanden.

Dieser Glaube an den vorbildlichen Menschen entspringt der ständigen Gefährdung menschlicher Beziehungen, er ist im Grunde ein ständiges Ringen mit dem reinen Du.

Ganz ähnlich der Geist, aus dem der arabische Dichter Hamza Kaschgari in seinem zutiefst anrührenden Geburtstagsgruß schöpft. Für den gläubigen Moslem vermag der Sendbote ebenso zum freundlichen Du des reinen Mitmenschen zu werden wie sein Sendbote für den gläubigen Christen. -„Ich spreche zu dir als einem Freund!“ Vgl. hierzu Sure 18, 110: „Ich bin ja nur ein Mensch wie ihr!“ Man kann ihm die Ferse zuwenden und ihn dann doch wiederfinden. Aus genau diesem Menschen-Bewusstsein spricht Hamza Kashgari:

„I shall smile at you as you smile at me. I shall speak to you as a friend.“

Sehr bewegend auch das sehenswerte Selbstporträt auf Seite 1 der heutigen Süddeutschen Zeitung! Wer ist dargestellt? Viele werden sagen: „Das ist aber Jesus, wie ihn die Renaissance sah!“ Andere werden sagen: „Das ist aber Dürers Selbstbildnis aus dem Jahre 1500.“

Wer hat recht? Beide haben recht. Das Bild des Menschen schlechthin verschmilzt hier mit dem unverwechselbaren Selbstbild. In diesem Bildnis des Menschen selbst mögen Risse auftreten, es ist und bleibt aber sehr reisetauglich. Wiederfinden macht Freude.

Bach Matthäuspassion Textbuch

 Posted by at 12:15
Feb. 092012
 

„In Friedrichshain-Kreuzberg sterben die Kinder und werden massenhaft verprügelt wegen der Verarmung durch Hartz IV! – Den Deutschen ist es doch egal, wenn Millionen Rentner in Griechenland sterben! – Massenelend und Massenverarmung in Deutschland und Griechenland wegen der Politik der deutschen Bundesregierung! – Im deutschen Schulsystem werden Kinder erbarmungslos nach Schulformen selektiert wie an der Rampe in Auschwitz! – Deutschland verrecke!“

Wörtlich so oder so ähnlich kann man es im griechischen Fernsehen und auf Kreuzberger Flugblättern und sogar auf einem Friedrichshainer Hausdach hören und lesen.

Nichts davon ist wahr. In Griechenland verhungern keine Millionen Rentner, kein einziger Rentner verhungert in Griechenland. In Kreuzberg gibt es keine Armut, keine verhungernden Kinder, das Hauptproblem der Kreuzberger Kinder sind – wie gesagt – die pflichtvergessenenen Eltern der Kinder, namentlich die Väter, die sich in der Weltgeschichte herumtreiben, statt sich um ihre Ehefrauen und Kinder zu kümmern, die sie dauerhaft im üppigen deutschen Sozialsystem geparkt haben.

Aber derartige antideutsche Hetze hinterlässt Wirkung.

Hier meine ich, dass man sich nicht ins Bockshorn jagen lassen darf. Besonders wohltuend die scharfsinnige Analyse eines britischen Historikers, der von der Insel aus manches deutlicher sieht – Timothy Garton Ash. Lest selbst:

Angela Merkel needs all the help she can get | Timothy Garton Ash | Comment is free | The Guardian

 Posted by at 13:40

Nach Leipzig! Wir fahren mit dem Rad nach Leipzig!

 Fahrrad, Friedrichshain-Kreuzberg, Nahe Räume  Kommentare deaktiviert für Nach Leipzig! Wir fahren mit dem Rad nach Leipzig!
Feb. 092012
 

Interessante Sache das, heute abend, weiß nicht, ob ich es noch dorthin schaffe! Hier die Einladung des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg:

Pressemitteilung Nr. 061 vom 01.02.2012

Der so genannte „Flaschenhals“ ist ein Teilstück des Gleisdreiecks. Er befindet sich südlich der Yorckbrücken zwischen Yorckstraße und Monumentenstraße im Bezirk Tempelhof-Schöneberg.

Mit dem 2. Bauabschnitt des Bauvorhabens „Fernradweg Berlin-Leipzig“ wird die aus dem Gleisdreieck kommende überregionale Radwegeverbindung über den Flaschenhals fortgesetzt und ein weiterer wichtiger Schritt zum Lückenschluss für den Nord-Süd-Grünzug unternommen.Informationsveranstaltung zum Baubeginn
am 09.02.2012 um 18.30 Uhr
im Rathaus Schöneberg, Louise-Schroeder-Saal (Raum 195)
John-F.-Kennedy-Platz, 10825 Berlin

http://www.berlin.de/ba-tempelhof-schoeneberg/presse/archiv/20120201.1215.365686.html

Hier ein paar Gedanken:

Monumentenbrücke:

Das Verkehrsaufkommen scheint mir nicht so hoch, dass eine aufwendige, teure gesonderte Ampelschaltung für den Linksverkehr zu rechtfertigen wäre. Lieber alles etwas einfacher, übersichtlicher, als für jede Bedarfslage die richtige Sonderlösung! Ich persönlich bin deshalb nach jetzigem Diskussionsstand für einen vorgezogenen Aufstellstreifen für alle Richtungen des Radverkehrs VOR der Ampel.

Ich bin gegen eine Verschmälerung des Bürgersteiges.

Zufahrten in den Park allgemein:

In jedem Fall würde ich die – mutmaßlichen – Wünsche der Anwohner ernst nehmen. (Ich bin selbst unmittelbarer Anwohner.) Hecken und Büsche, so meine ich, müssen nicht entfernt werden, damit die Zufahrten zum Radfernweg möglichst rasch und zügig befahren werden können. Wir werden auf dem Fernweg selbst genug Platz haben, um uns zu tummeln.

Bei diesem Park am Gleisdreieck versuchen die Planer offenbar tatsächlich, Fuß- und Radverkehr durch großzügige Platzaufteilung zu einem schiedlich-friedlichen Miteinander zu ermuntern, und zwar weitgehend ohne Vorschriften. Es soll jetzt mal beobachtet werden, ob das klappt. Grundgedanke scheint zu sein, durch sinnvolle Aufteilung der Räume eine Überregulierung der Verkehrsströme überflüssig zu machen, die Radfahrer und die Fußgänger zu ständiger Vorsicht und Rücksicht zu ermuntern. „Mach’s einfach, klar, unmissverständlich!“ 

Nebenbei: Das Grünanlagengesetz des Landes Berlin vom 24.11.1997 verbietet in § 6, Abs. 2 Satz 1 neben anderen Tätigkeiten ausdrücklich auch das Radfahren in geschützten Grünanlagen. Nur auf gesondert ausgewiesenen Flächen ist das Radfahren zulässig. Der neue Park am Gleisdreieck ist eine solche geschützte Grünanlage. Die Wege sind allerdings breit genug, um Fußgängern, Joggern und Radfahrern ein friedliches Miteinander zu ermöglichen. Streng rechtlich gesehen ist das Radfahren im wunderschönen neuen Park derzeit nicht erlaubt.

Persönlich bin ich ein großer Anhänger dieser Konzeption, würde in jedem Fall die Grundgedanken der Parkplaner unterstützen – es sei denn, es stellte sich in einigen Monaten heraus, dass es so nicht klappen kann.

 Posted by at 13:08
Feb. 072012
 

Um Griechenland zu verstehen, muss man mit den Griechen selbst, mit kenntnisreichen Auslandsgriechen, aber auch mit Reisenden und Kaufleuten anderer Nationen sprechen, die das Land gut kennen, dort gelebt und gearbeitet haben, die Sprache sprechen. Man muss Griechenland bereisen, sich buchstäblich ins kαφενεíο setzen und den Menschen zuhören – wie es wohl Herodot einmal bei den fernen Skythen und den Ägyptern machte. Tut man dies, so wird man – als Herodot unserer Tage – etwa folgende Geschichte erzählen können, wie sie die Menschen, die sich auskennen dürften, auf den Tisch der Tavernen legen:

1) In Griechenland, so wurde mir erzählt, herrsche seit vielen Jahrzehnten eine kleine, begüterte Oberschicht, bestehend aus nicht mehr als 20 Familien, die den Großteil des privaten Vermögens besäßen und über die Verteilung staatlicher Mittel entschieden. Die beiden großen Parteien ND und PASOK seien ebenfalls im Besitz dieser Familien. Es herrsche ein unbeschreibliches Maß an Korruption und Vetternwirtschaft. Eine gute chirurgische Operation bekomme man nicht ohne vorher 20.000 Euro schwarz und in bar auf den Tisch des Chirurgen zu legen. Alle Chirurgen besäßen – trotz offiziell bescheidenster Gehälter – Luxus-Jachten. Die Korruption sei endemisch und durchziehe das ganze System.

2) Die demokratischen Gremien – Parlament, Regierung, Gewerkschaften, Parteien – seien mehr oder minder Staffage für interne Ressourcenverteilungskämpfe. Es herrsche in ganz Griechenland ein nahezu unbeschreiblicher Klientelismus.

3)  Die griechische Gesellschaft sei weiterhin zutiefst gespalten, der verheerende Bürgerkrieg von 1946-1949 sei übertüncht, aber nicht aufgearbeitet. Vom italienischen Überfall auf Griechenland an, der Griechenland in den Weltkrieg gerissen habe,  über die Besetzung durch Deutschland werde die gesamte Zeitgeschichte in lügenhafter Verzerrung dargestellt, die darauf abziele, Griechenland als Opfer fremder Mächte statt als bürgerkriegsgeschüttelte Gesellschaft zu zeigen. Selbst Besatzung und Widerstand seien in Wahrheit teilweise als innergriechischer Bürgerkrieg zu sehen.

4) Seit Jahrzehnten, so wird erzählt, würden immer wieder die Deutschen als Sündenböcke für eigene Unzulänglichkeiten und Staffage für eigene Großmannsträume hergenommen.

5) Die Deutschen wiederum hätten sich durch kaltherzige Besserwisserei und Schulmeisterei im Griechenland unbeliebt gemacht. Sie hätten kein Zeichen der Empathie gesetzt. In London kauften die Superreichen Griechenlands mit EU-Mitteln ganze Straßenzüge auf, zuhause in Griechenland wüchsen Arbeitslosigkeit, Verschuldung und gerechter Zorn, und die Deutschen setzten den Griechen jetzt die Daumenschrauben an.

5) Hauptursache der Staatsverschuldung in Griechenland scheine nicht so sehr der Staatshaushalt zu sein als vielmehr die durchweg akzeptierte Mitnahme- und Selbstbereicherungsmentalität der griechischen Oberklasse, die von ganz oben bis nach ganz unten durchsickere. Die politische Klasse des Landes sei nicht vertrauenswürdig.

6) Die griechische Oberklasse, so wird berichtet, schaffe in diesen Wochen verstärkt in riesigen Mengen staatliches Geld, vor allem auch EU-Geld beiseite, investiere dies in Immobilien im Ausland, namentlich in Deutschland, Großbritannien und USA.

7) Die bisherigen EU-Hilfen schienen dieses durch und durch korrupte System zu stützen und zu verstetigen.

8) Derartige Wahrheiten würden aber öffentlich kaum ausgesprochen, da jeder Grieche, der dies täte, sofort als Nestbeschmutzer verschrieen würde.

 

Kafenio – Wikipedia
Καφενεíο

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