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Braucht Berlin einen Bürgeraustausch?

 Sezession  Kommentare deaktiviert für Braucht Berlin einen Bürgeraustausch?
Apr. 282009
 

Ich meine: ja, wir brauchen mehr Austausch zwischen den verschiedenen Inseln, in die unsere Stadt zunehmend zerfällt. Man sollte mehr reden, Gedanken austauschen. Habt ihr etwa Anne Will am letzten Sonntag gesehen? Das Thema DDR diskutierten Wolfgang Schäuble, Wolfgang Thierse, Ulrich Maurer und Hubertus Knabe. Auch da war dasselbe zu beobachten: ein Gespräch zwischen Deutsch-Ost und Deutsch-West kam einfach nicht in Gang! Absolut sehenswert!  Jeder versuchte dem anderen zu beweisen, wie sehr er recht hat. Genau so läuft es oft, wenn Berlin Ost auf Berlin West trifft.

Hajo Schumacher stimmt in der heutigen Morgenpost mit den in diesem Blog angestellten Analysen überein: Berlins Bevölkerung driftet auseinander, die Unterschiede zwischen den Sozialmilieus verwischen sich nicht – im Gegenteil. Neue Teil-Inseln kommen hinzu. Völlig vergessen hat Schumacher auch die verschiedenen national geschiedenen Ausländergruppen, die ebenfalls zunehmend eigene Sondermilieus entwickeln: DIE Russen, DIE Polen, DIE Türken, DIE Araber.

Ich selber – fühle mich übrigens keinem dieser Milieus zugehörig, sondern bin längst ein dauernder Migrant zwischen ihnen. Weder Parteien noch Beruf noch ein Verband können mir zu einer verlässlichen „soziokulturellen Zugehörigkeit“ verhelfen. Wie oft habe ich das Gefühl: Ja wo bin ich denn hier gelandet? Geht’s noch?!

Nur die Familie könnte das schaffen. Als Familie sind wir jedoch Ost-West-Mischung in Reinkultur. Klare Milieuverankerung – Fehlanzeige! Ein  Leben ohne Milieuzugehörigkeit, wir sind Bürger zwischen den Fronten: spannend!

Nach Pro Reli – Berlin braucht einen Bürgeraustausch – Berlin – Berliner Morgenpost
Von außen als hipper Monolith wahrgenommen, zerfällt die Hauptstadt in drei Teile, die sich anhand der Wahlergebnisse nahezu mathematisch bestimmen lassen: in Ost und West siedelt jeweils ein gutes Viertel Mobilisierungsbereiter, die Resthälfte machen die Neuen aus. Die Menschen haben zwar denselben Bürgermeister, das gleiche Autokennzeichen und einen gemeinsamen Hauptbahnhof – doch ihr kulturelles, historisches und alltägliches Lebensgefühl ist auseinandergedriftet. Die Stadt besteht aus Inseln, jede mit ihrer eigenen Realität und ohne viel Bereitschaft, die Wirklichkeit der anderen wahrzunehmen. Der frühere Mauerstreifen bildet in jeder Wahlgrafik eine relativ verlässliche Trennlinie.

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Apr. 282009
 

„Wo sind die Väter?“, diese Frage stellte ich mir schon häufig: in den Elternversammlungen in der Kita, wo nur die türkischen Mütter erschienen, im Spreeewaldbad, im Prinzenbad. Die Kreuzberger Jungs wirken auf mich häufig wie verwaist, vollkommen alleingelassen. Und sie dürsten bei allem coolen Macho-Gehabe wirklich nach Gesprächen mit erwachsenen Männern. Versucht es, sprecht mit ihnen! Heute finde ich einige Antworten. Christian Füller zitiert Wiesbadener Sozialarbeiter: „Väter gibt es hier kaum. Es gibt immer wieder Männer, aber das sind quasi durchlaufende Posten. Eze spricht lieber ein bisschen über seinen echten Vater, der sich nach Nigeria aufgemacht hat. Und über sich“ (Die gute Schule, S. 75). „Lange Abwesenheit“, so fasste Brigitte Schwaiger bereits  im Titel ihres Buches ihre eigene Vater-Erfahrung zusammen. Und Kazim Erdogan berichtet heute aus seiner eigenen ehrenamtlichen Praxis ähnliches über die türkisch-deutschen Väter:

Türkische Männer: „Ein Ehrenmann schlägt seine Frau nicht“ – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Panorama
Erdogan: Sie stellen Regeln auf und bestrafen ihre Kinder – aber sie sprechen kaum mit ihnen. Manche wissen nicht einmal den Namen der Schule. Die sagen, mein Kind geht in einen Backsteinbau. In der modernen Welt aber müssen sie in der Kindererziehung am Ball bleiben, sie müssen wissen, wie es mit den Lehrern und Freunden läuft. In Neukölln lauern so viele Gefahren: Drogen, Gangs, falsche Freunde.

SPIEGEL ONLINE: Darum kümmern sich aber nur die Frauen?

Erdogan: Sie sind in den traditionellen, türkischen Familien für das tägliche Leben zuständig. Wenn dann die Ehen auseinandergehen, ziehen sie die Kinder meist alleine groß, und die Väter stehlen sich aus der Verantwortung. Gerade türkische Jungs brauchen aber ihre Väter, um zu lernen, dass es Grenzen gibt, die auch eingehalten werden müssen.

Das Fehlen von uns Vätern – darin erblicke ich eine der Ursachen für die hier in Kreuzberg weit verbreitete negative Grundhaltung gegenüber der Gesellschaft und dem Staat. Denn der Staat, vertreten im wesentlichen durch die Lehrerinnen, kann selbstverständlich die Vater-Rolle nicht ersetzen. Vater-Rolle aber scheint im besten Fall zweierlei zu bedeuten: Vorbild – der jüngere Sohn möchte aufschauen können, möchte den Wunsch hegen: „Später werd ich mal wie Papa!“

Und der Jugendliche muss sich später dann mühsam, mühsam abarbeiten können am Vater: „Der Vater macht alles falsch  – ich möchte später mal auf keinen Fall so werden wie Papa!“

Beide Haltungen – das kindliche Nacheifern und die jugendliche Empörung – halte ich für notwendige Stufen auf dem Weg zu gelingender Männlichkeit, zu echter Integration in die Gesellschaft der Erwachsenen.  Und wenn ein Kind ohne greifbaren Vater aufwächst? Dann, so meine ich, werden andere Wege beschritten. Ein Weg ist die stärkere Anlehnung an die Mutter oder an andere Vaterfiguren. Ein anderer Weg, aber nicht der einzige, scheint zu sein: Man sucht die streitige Auseinandersetzung mit dem abstrakten Vater – also dem Staat. Gesetzesübertretungen, kriminelle Taten führen den Jugendlichen in eine verwandelnde Begegnung mit der bisher fehlenden Vater-Instanz hinein. Die Jugendstrafanstalten, die Männergefängnisse sind gefüllt mit Männern, denen offensichtlich die gelingende  Auseinandersetzung mit dem Vater in der Kindheit verwehrt wurde. Dies ist sicher nicht die einzig mögliche Erklärung, aber für viele straffällige junge Männer dürfte sie zutreffen.

Schlussfolgerung: Söhne brauchen anwesende Väter. Der Staat kann nicht immer die Aufräumarbeiten hinterher machen. Das wird auch viel zu teuer. Besser sind Väterschulen, oder auch Elternschulen: also regelrechte Kurse, in denen Eltern aufgeklärt und, jawohl, belehrt werden.

Die Initiative des Neuköllner Sozialarbeiters Kazim Erdogan halte ich deswegen für wegweisend. Er versammelt türkische Väter, spricht mit ihnen, leistet HIlfestellung, damit die Väter ihre Verantwortung erkennen.

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Verantwortung statt Mitnahmedenken – Das Wort zum Abend

 Gute Grundschulen, Tugend  Kommentare deaktiviert für Verantwortung statt Mitnahmedenken – Das Wort zum Abend
Apr. 272009
 

Aus zwei Büchern, die ich kurz hintereinander gelesen habe, sprang mich vor drei Tagen geradezu erleuchtungsartig die Einsicht an, dass der zentrale, große Begriff der nächsten Jahre VERANTWORTUNG lauten wird. Worum geht es? Immer mehr merken wir, dass das Gute von unten wachsen muss, dass wir unser Geschick nicht mehr den anoymen Gesetzmäßigkeiten, dem Walten eines übermächtigen Staates, eines Kollektivs anvertrauen dürfen. Dafür heute abend zwei ähnlich lautende Belege aus diesen beiden Büchern!

Christian Füller: Die gute Schule. Wo unsere Kinder gerne lernen. Pattloch Verlag, München 2009, 285 Seiten, Euro 16.95

Füller untersucht: Was macht eine gute Schule aus? Er jammert nicht über den Bildungsnotstand, sondern er erzählt an 5 Geschichten, wie gute Schule gelingt. Ich greife einige Leitsätze heraus, die einen tragenden Grundton angeben: „Ich habe die Kraft, etwas zu schaffen, ich kann das. Ich bin Held!“ (S. 145), so reden sich die Schüler ein. „Alle diese Initiativen haben eines gemeinsam. Sie erwarten vom Staat wenig. Eigentlich nur, dass er sich möglichst heraushält mit Zentralabituren, Kopfnoten, neuen Schulfächern und ähnlichem Unsinn“ (S. 217).

Oswald Metzger: Die verlogene Gesellschaft. Rowohlt Berlin Verlag GmbH, Berlin 2009, 223 Seiten, Euro 16.90

Metzger betrachtet den heutigen Zustand der deutschen Gesellschaft, der deutschen Politik. Auch er gelangt zur Einsicht: Wir schieben zu viel Verantwortung ab, wir überfordern den Staat.  Dafür ein Zitat:

„Im Laufe vieler Jahrzehnte haben wir offenbar vergessen, dass die Leistungsfähigkeit des Staates auch von uns selbst abhängt. Wenn wir den Staat überfordern, dann verlangt er uns im Gegenzug immer mehr ab – in Form von Steuern und Sozialabgaben, aber auch in Gestalt immer größerer Regelungswut“ (S. 117-118).

Füller und Metzger kommen in einer Aufforderung überein: Erwartet nicht zu viel vom Staat! Packt es selber an – ergreift die Verantwortung selbst! Ihr könnt das!

Aus gegebenem Anlass: Kurzer Rückblick auf Pro Reli! Worin lässt sich das Volksbegehren einordnen? Antwort: Eindeutig in die alte Denkschule, wonach der Staat immer mehr Leistungen erbringen muss. Zu einem hohen Preis. Denn wenn tatsächlich Religion als Wahlpflichtfach eingeführt worden wäre, hätte auch Ethik in alle Jahrgangsstufen erweitert werden müssen. Mit erheblichen Kosten von geschätzten 200 Millionen Euro.

Was wäre das neue, verantwortliche Denken? Vielleicht dies: Wenn euch der Glaube so wichtig ist, dann legt glaubhaft Zeugnis ab! Bewirkt etwas,  im Kleinen. Erwartet doch nicht vom Staat, dass er euch euer Kerngeschäft, die Verkündigung der Frohen Botschaft abnimmt! Werdet klein wie die Kindlein, bescheidet euch!

Das Scheitern des Volksentscheides Pro Reli hatte ich zutreffend bereits am vergangenen Freitag vorhergesehen und kommentiert. Um so erschütterter bin ich, wie wenig einsichtig sich die Förderer und Forderer von Pro Reli und die sie unterstützenden Parteien und die Kirchen zeigen! Darauf ruht wahrlich kein Segen – mit immer neuen Forderungen an den Staat heranzutreten.

Der Wind hat sich gedreht – auf die Verantwortung des einzelnen, der kleinen Gemeinschaften kommt es an! Der Staat wird es nicht richten.

Die neuen Bücher von Christian Füller und Oswald Metzger empfehle ich nachdrücklich zur Besinnung und als Antidot für die rückwärtsgewandten Staatsgläubigen.

Guten Abend!

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Apr. 252009
 

Ringsum ruhet die Stadt, still wird die erleuchtete Gasse, Und mit Fackeln geschmückt rauschen die Wagen hinweg, diese Verse warf ich in die Runde irgendwo in Berlin beim Italiener, als der Wein schon fast ausgetrunken war. Hell schimmerte die Kuppel des Deutschen Doms über dem Gendarmenmarkt. Es ging ums Grundsätzliche.

Hinwegrauschende Wagen, davontreibende Begrifflichkeiten – das sind auch die zahlreichen Begegnungen, Vorträge, Diskussionen, die ich den letzten Tagen geführt und gehört habe.  Was bleibt am deutlichsten haften? Wohl dies: ein neu erwachtes Gespür, dass den Menschen in diesen Wochen nichts so sehr am Herzen liegt wie das Aufbrechen der Kruste der Gleichgültigkeit, das Einstehen für sich und für andere, mit einem Wort: eine neue Verantwortlichkeit.

Beipiele für diese umfassende Sehnsucht nach Verantwortung? Es waren für mich in diesen Tagen: Der Kongress 30 jahre taz, die beiden neuen Bücher Die verlogene Gesellschaft von Oswald Metzger, Die gute Schule von Christian Füller. Und der Fluch „Fick dich!“, den mir gestern ein Radfahrer entgenschleuderte, als ich ihn durch höflichstes Klingeln und den Zuruf „Du fährst falsch“ darauf aufmerksam machte, dass er im Begriffe stand, mich über den Haufen zu fahren, da er den Radweg in der falschen Richtung benutzte und volle Kanne auf mich zusteuerte.

Alle diese Zeugnisse und Erfahrungen kommen überdeutlich überein: Wir müssen das gängige System der organisierten Verantwortungslosigkeit durchbrechen, das uns nicht weiterbringt. Ich möchte anfangen, diese Verantwortung mir selbst abzuverlangen. Dabei fange ich ganz klein an: etwa durch das Einhalten von Verkehrsregeln, durch Höflichkeit und Rücksicht im Straßenverkehr, auch wenn sonst kaum jemand sich drum kümmert.  Wer – wie so viele Radfahrer – in Anwesenheit von Kindern es nicht fertigbringt, bei Rot anzuhalten, bei dem glaube ich nicht, dass er in wichtigeren Fragen zu seiner Verantwortung steht. Ein solches Verhalten kann nicht vorbildlich sein.

Gehäufte Regelverletzungen, das ständige Übertreten von Normen des zivilisierten Umgangs zeichneten von Anfang an viele kriminelle Karrieren in der Politik des 20. Jahrhunderts aus. Das wird meines Erachtens viel zu wenig bedacht. Ein Hitler, ein Stalin, ein Lenin – sie und viele andere Verbrecher fingen ihre Laufbahn damit an, dass sie Fenster einschmissen, Graffiti auf unliebsame Geschäfte pinselten, grölend Versammlungen sprengten, fremdes Eigentum beschädigten und Körperverletzungsdelikte begingen – und zwar lange ehe sie in Regierungsämter gelangten. Sie verachteten den bürgerlichen Rechtsstaat und deshalb hielten sie sich nicht an seine Regeln.

Umgekehrt meine ich: Wer diesen Rechtsstaat will und bejaht, der muss sich an seine Regeln halten, auch im Kleinen. Das ist ein erster, winziger Schritt zur neuen Verantwortlichkeit, die doch alle so sehr wünschen.

Und jetzt gilt – still wird die erleuchtete Gasse.

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Wie kann man die Spaltung Berlins überwinden?

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Apr. 242009
 

Guter Artikel zu Pro Reli in der heutigen Süddeutschen Zeitung auf S. 3, gutes Interview mit Frank Henkel in der Berliner Zeitung. Konstanze von Bullion stellt ihren wohlabgewogenen Bericht unter den Titel: „Die geteilte Stadt“. Sie fuhr nach Ost-Berlin wie nach West-Berlin, sie sprach mit muslimischen Jugendlichen, mit christlichen Gymnasiasten, mit linken Ethik-Befürwortern. Ihr Befund: Das Ringen um Pro Reli hat Indikatorwert für die ganze Republik. Na endlich eine auswärtige Journalistin, die sich über das Hickhack in der Berliner Landespolitik nicht nur lustig macht, sondern uns Berlinern zubilligt, dass wir bei aller Wuscheligkeit, bei aller teilweise komischen Aufgeregtheit eben doch wichtig sind, dass in dieser Stadt die entscheidenden Fragen aufgeworfen und dankenswerterweise nicht beantwortet werden. Befund: Der zum Scheitern bestimmte Volksentscheid Pro Reli hat Spaltungen in der Stadt sichtbar werden lassen und sie auch noch vertieft – zwischen Ost und West, zwischen Islam und Christentum, zwischen der säkular eingestellten Mehrheit und den konfessionell gebundenen Wagenburglern.

Frank Henkel kommt aus seiner Sicht zu einem ähnlichen Ergebnis. Er sagt:

„So aber wird die Stadt, wie schon im Fall Tempelhof, gespalten: in Gläubige und Ungläubige, Befürworter und Gegner.“

„Na, gehste wieder zu deinem Gott, beten“ – Berliner Zeitung

Gut gefällt mir auch, dass Henkel offen erzählt, dass er eine glückliche Kindheit in der DDR hatte. Das war überfällig, ich habe das bisher leider von kaum einem anderen CDU-Mann gehört.

Ganz wenige haben sich auf keine, sondern auf beide Seiten gestellt – so wie ich. Equidem sum pro religionibus et pro ethica! Ich bin dafür, dass in der Schule von Klasse 1 an zivilgesellschaftliche Werte und zusätzlich auch religiöse Inhalte gelehrt werden. Wie? Das wissen wir noch nicht.  Ein politisches Problem hat die Form: Wir kennen uns nicht aus, wie Gevatter Ludwig Wittgenstein sagen würde. Vielleicht ist die jetzige Lösung die beste erreichbare.

Pro Reli hat schwerste, ja unverzeihliche  strategische Fehler gemacht, ebenso die Berliner CDU in der vorbehaltlosen Unterstützung von Pro Reli.  Wie damals auch schon die Pro-Tempelhof-Recken. Wieder einmal hat man die Mehrheitsverhältnisse in der Stadt völlig falsch eingeschätzt und ein Thema zur Profilierung missbraucht, das viel zu wichtig ist, als dass es in einem Volksentscheid versemmelt werden dürfte. Jeder General weiß doch: Mustere deine Truppen, bevor du angreifst, wirb um Überläufer, sende Spione zum Gegner, sondiere das Terrain!

Aber Pro Reli kommt dennoch ein Verdienst zu: Die Stadt spricht über ein wichtiges Thema: die kulturprägende Kraft von Religionen, die Wichtigkeit von Werten, die im bürgerschaftlichen Diskurs außerhalb der religiösen Bindung gesucht werden müssen.

Volksentscheide über Pseudo-Alternativen sind der falsche Weg. Nach dem Scheitern von Pro Reli sollte in Berlin eine ernsthafte Wertedebatte begonnen werden. Ich freue mich darauf. Dieses Blog nimmt bereits seit längerem daran teil, versucht Anstöße zu geben.

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„Jud‘ und Christ und Muselmann“

 Hebraica, Islam, Koran, Novum Testamentum graece, Religionen  Kommentare deaktiviert für „Jud‘ und Christ und Muselmann“
Apr. 232009
 

Lächelt nicht! – Wer weiß?
Laßt lächelnd wenigstens ihr einen Wahn,
In dem sich Jud‘ und Christ und Muselmann
Vereinigen; – so einen süßen Wahn!

So heißt es im ersten Aufzug bei G.E. Lessing. Auch heute spricht man immer wieder von den „drei abrahamitischen Religionen“, die mehr oder minder miteinander verwandt seien und sich eben deswegen häufig so erbittert bekämpften. Adam, Abraham, Isaak, Gabriel, Zacharias – der Namen sind viele, die die drei Religionen gemeinsam haben. Der Koran etwa mutet über weite Strecken wie ein Blog an, in dem ein eifriger Nacherzähler in einer Art beständigem Abschreiben, Überschreiben, Umschreiben ein kontinuierliches Textband aus den Vorgängerreligionen Judentum und Christentum erzeugt. Lest ihn doch im Wechsel mit der Tora der Juden und dem Neuen Testament der Christen!

Mit Spannung besuchte ich Nathan Messias von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel am vergangenen Samstag im Ballhaus Naunynstraße. Hier taucht man hinein in eine hitzige, von Erlösungshoffnungen erregte Stadt – das heutige Jerusalem. Psychiater erzählen mir, dass der Wahn, selber der Messias zu sein, am häufigsten überhaupt auftrete. Nicht nur in Jerusalem, sondern weltweit.

In seiner Umarbeitung spinnt Zaimoglu den Grundansatz Lessings fort: Die drei Religionen als im Grunde strukturähnliche, austauschbare Ausprägungen desselben Grundgedankens. Gleichermaßen gegen die Schandpriester aller Religionen wendet sich der selbsternannte Messias. Es wird in dem neuen Text geflucht, verflucht und geschimpft als wäre man im Prinzenbad. Insofern sehr lebensecht!

Die Reden des Nathan Messias erinnern stark an die Erweckungspredigten der Al-Qaida-Führer, soweit sie mir aus Transkriptionen bekannt geworden sind.  Beklemmend.

Meine Sympathie galt dem säkularen Bürgermeister der Stadt Jersualem, der sich redlich bemüht, den Laden so weit zusammenzuhalten, dass er nicht in die Luft fliegt. Und seiner Tochter Rebekka, deren Liebe zu einem Muslim leider scheitert.

Den großen Bogen eines Lessing, das weit ausholende Entfalten eines Gedankens vermag die Umarbeitung allerdings nicht zu halten. Der Spannungsbogen wird vielfach gebrochen. Lessing im Zeitalter des Bloggens!

Und die Religionen erscheinen überwiegend als Geistesstörungen, als Zwangsphänomene, bei denen die eine gefährlicher als die andere ist. Der befriedende Charakter der drei abramitischen Religionen wird nicht gesehen. Und erneut wird die Lessingsche Fabelei von den austauschbaren Ringen aufgetischt. Dem steht – so meine ich – entgegen: Das Judentum war zuerst da. Christentum und Islam kommen danach. Sie stehen unter Begründungszwang, weshalb sie sich für vollkommener als das Judentum halten, nicht umgekehrt. Wir hatten am vergangenen Ostertag an der Johanneischen Thomasgeschichte das Moment der Entscheidung hervorgehoben. Der Grundgedanke des Bundes, des Glaubens besagt ja, dass niemand sich unterwerfen muss, dass jeder Gläubige zu jedem Zeitpunkt die Freiheit der Wahl hat.  Diese Tatsache, dass nämlich sowohl im Judentum wie im Christentum die Entscheidung zum Bund ganz zentral ist, wird bei Lessing wie bei Zaimoglu einfach unterschlagen.

Insgesamt aber: nachdenklich stimmend, sehenswert!

Projekt Gutenberg-DE – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Kultur

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Apr. 232009
 

Als Anhänger einer gut gemachten Jahrgangsmischung erweist sich der Hamburger Bürgermeister Ole von Beust. Die geplante Primarschule in Hamburg sieht jedenfalls die Zusammenlegung der Jahrgangsstufen 1 bis 3 voraus. Darüber berichtet die taz heute:

SCHULSTREIT: Schulstunde mit Symbolgehalt – taz.de
„Ich war über die Konzentration der Kinder erstaunt“, sagte der Bürgermeister, nachdem er eine halbe Stunde in der Klasse „die Wölfe“ zuguckte. In der Rellinger Straße tragen die Klassen Tiernamen. Hier werden die Kinder des 1. bis 3. Jahrgangs zusammen unterrichtet. Als der Bürgermeister kam, waren die Kinder mit individuellen Aufgaben beschäftigt, die in einer Planungsmappe dokumentiert werden. Manche rechneten, andere machten Deutsch oder zeichneten Musikinstrumente, bevor es, zusammen mit dem Bürgermeister, in die gemeinsame Musikstunde überging. „Es war nicht so ein Tohuwabohu, wie man es bei manchen Klassen mit Frontalunterricht erlebt“, sagte von Beust.

Ich selber hospitierte heute ebenfalls in einer ersten Grundschulklasse. Mein Eindruck: Die Kinder lernen konzentriert an sinnvollen Einzelübungen. Konzentration, eine gute, aufmerksame Lernatmosphäre, das fiel mir auf. Diese Grundhaltungen sind wesentlich. Sie scheinen aber nicht von der Schulform abzuhängen.

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Apr. 232009
 

Bereits im Oktober 2008 hatte ich mich mit einigen Eltern zusammengeschlossen und einen Entwurf zu einem Brief beigesteuert, der dann auch nahezu unverändert von allen Eltern unterzeichnet wurde.  Diesen Brief könnt ihr in diesem Blog unter dem Datum vom 09.03.2009 nachlesen. Wir wandten uns damals gegen die vom Senat angeordnete Zusammenlegung der Klassenstufen eins und zwei. Die Erfahrungen, die Lehrer, Schüler und Eltern mittlerweile reichlich mit dem jahrgangsübergreifenden Lernen (JüL) sammeln konnten, bestätigen unsere frühzeitig geäußerte Skepsis. Überall in Berlin flackert numehr der Widerstand gegen das JüL auf. Darüber berichtet heute die Morgenpost:

Gemeinsames Lernen – Berliner Grundschulen rebellieren gegen Reform – Berlin – Berliner Morgenpost
Beklagt werden zu große Klassen mit 24 und mehr Kindern. In diesen Klassen seien zu viele Kinder mit sozial-emotionalen Verhaltensauffälligkeiten, Lernbehinderung und Sprachförderbedarf, heißt es weiter. Die Zahl der verhaltensauffälligen Kinder würde zudem stetig steigen. Schließlich wird darauf hingewiesen, dass Erzieher für die Unterstützung während der Unterrichtszeit fehlten, weil sie die von den Eltern bezahlten Betreuungszeiten abdecken müssen. Auch gebe es zu wenig Sonderpädagogen.

Ihr seht: Gut gemeint ist nicht gut gemacht!

Ich meine weiterhin: Ehe man jetzt erneut großflächige Versuche anstellt, die den Glauben an die Schule noch weiter erschüttern, sollte man gezielt und nachhaltig die Eltern beeinflussen, und zwar in dem Sinne, wie das Christian Füller in dem gestern erwähnten taz-Interview anregt (und wie auch ich es schon mehrfach in diesem Blog gefordert habe). Ich halte die Familien beim Erfolg von Lernen für viel entscheidender als die Schulen. Die Kinder brauchen Eltern, die sich um die Kinder kümmern, Eltern, die den Kindern übermäßigen Medienkonsum und Techniksucht verbieten und ihnen  stattdessen sinnvolle Aktivitäten wie etwa Sport und Musik verordnen. „Verordnen“? Nun ja, zunächst einmal auferlegen oder auch befehlen – die Freude daran wird sich später einstellen. Beipiel: ein Instrument erlernen. Welches Kind übt gerne? Nur eine winzige Minderheit! Aber jedes Kind kann ermuntert werden, ein Instrument wie Geige, Ud oder Bajan zu erlernen. Zwang und Nachdruck sind nötig, nach einem Jahr stellt sich dann die Freude ein.

Aber an die Eltern traut man sich nicht heran. Man möchte sie nicht stören. Es sind ja auch Wähler.

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Die Eltern müssen ran

 Familie, Integration, Sprachenvielfalt, Tugend  Kommentare deaktiviert für Die Eltern müssen ran
Apr. 222009
 

Noch einmal überlese ich das gestrige taz-gespräch zwischen Christian Füller und André Schindler. Meine Sympathien liegen in diesem Fall auf Seiten des Fragestellers. Wundert euch das? Christian Füller verlässt hier sehr mutig die Rolle des Stichwortgebers und bringt die entscheidenden Fragen aufs Tapet: Was tun die Eltern? Welchen Anteil tragen die Eltern an der Bildungsmisere? Ich bin selbst mittlerweile zur Einsicht gelangt, dass die staatlichen Institutionen, also die Schule, die Ämter und auch die Lehrer, kaum mehr tun können als sie ohnehin tun. Der Staat kann mangelnde Sprach- und Lernfähigkeit bei den hier aufgewachsenen Kindern auch mit viel Geld nicht nachholen. Der Fehler liegt wohl darin, dass man den Staat stets von neuem auffordert, noch mehr für die angeblich Benachteiligten zu tun. Die derart Entmündigten verharren in ihrer Passivität. Die deutsche Gesellschaft zerfällt, zeigt sich peilungslos. Wieso sollte irgend ein Türke, irgend ein Libanese sich bei uns integrieren? Was haben wir denn zu bieten außer erklecklichen materiellen Vergünstigungen und einer üppigen Absicherung vor Hunger, Krankheit und Elend?

Oh ihr deutschen linksalternativen und ökobewegten Miteltern! Habt ihr denn nie – wie der Verfasser dieses Blogs – in einer Elternversammlung mit türkischen und arabischen Muttis gesessen? In eurer Kita oder eurer Schule? Nicht wahr, das Gefühl kennt ihr nicht, denn ihr haltet eure Kinder ja für etwas anderes als die Kreuzberger muslimische Mehrheit!

Am 27.06.2008 berichtete dieses Blog von einer Elternversammlung in der Kreuzberger Passionskirche. Damals meldete ich mich nicht in der Versammlung zu Wort, sondern sprach nur nachher mit einigen Leuten über unsere mögliche Verantwortung für dieses Stadtviertel, und  ich notierte damals:

Es herrschte eine insgesamt zwischen Ratlosigkeit, Empörung, Zuversicht und Entschlossenheit schwankende Atmosphäre. Niemand ergriff wirklich beherzt das Wort: “Wir leben hier in diesem Bezirk, wir stehen in der Verantwortung. Gemeinsam schaffen wir es. Was können wir zusammen tun?”

Und heute – bin ich dieser Niemand!  Ich halte es für schade, dass meine Kreuzberger deutschen Miteltern jeden Trick und jede Täuschung anwenden, nur um ihre Kinder nicht in eine Klasse mit türkischer und arabischer Schülermehrheit zu stecken. Ich lehne diese Ohne-mich-Haltung ab und deshalb geht unser Sohn jetzt in eine Klasse, in der überhaupt kein Kind mehr „ohne Migrationshintergund“ sitzt – dank der herrlichen linkskonservativen Eltern in unserem fröhlich-bunten, ach so alternativen Stadtviertel. Na und? Was ist so schlimm daran? Wovor habt ihr solche Angst? Ist dies nicht ein linker Stadtteil? Wo sind all die Ideale der Solidarität und des multikulturellen Miteinanders hin verschwunden? „Solidarität“ (ich sage lieber: Verantwortung) beweist sich zuerst in der eigenen Familie, im eigenen Haus, im eigenen Wohnviertel, gegenüber all den Menschen, mit denen man nun einmal zusammenlebt. Auswahl und Ablehnung darf es dabei nicht geben.

Warum nicht mal bei Staaten wie Türkei, Saudi-Arabien, Libanon und ähnlichen nachgucken? All diese Staaten pflegen ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, das mit massiver Propaganda durchgesetzt wird. Keiner darf sich ausschließen. Allerdings: Ich bin gegen Erziehungsdiktaturen, wie sie etwa die DDR, die Türkei oder die Sowjetunion darstellten oder darstellen. Wir leben in einem freiheitlichen Staat. Aber ich vertrete mit allem Nachdruck die Meinung, dass eine Gesellschaft von allen in ihr Lebenden die Bemühung um den eigenen Erfolg, eine gewisse Loyalität, ein Mindestmaß an Selbstverantwortung  einfordern muss – etwa in der Form, dass die Eltern die Kinder darauf vorbereiten, wie sie selbst ihr Lebensglück erarbeiten können. Und zwar hier in Deutschland, nicht im sozialstaatlichen Nirwana.

Die Äußerungen des Landeselternsprechers André Schindler geben keineswegs meine Haltung wider. Ich habe Herrn Schindler nicht gewählt und ich würde ihn auch nicht wieder wählen. Für besonders verhängnisvoll, ja fast unanständig halte ich seine Grundhaltung, mit dem Finger auf die Schulen, den Senator, die Lehrer zu zeigen, als wollte er sagen: „Nu mach mal, Staat, gib dir Mühe!“

In einer Leserzuschrift an die taz schrieb ich:

Die Hauptverantwortung für die in Teilen schwierige Lage in den Schulen liegt jetzt vor allem bei den türkischen, arabischen und deutschen Eltern und bei den Jugendlichen selbst. Nicht bei der Schule, nicht bei den Lehrern, nicht beim Staat, sondern bei uns türkischen, arabischen und deutschen Eltern als Bürgern. Die Schulen und die Lehrer sind weitaus besser, als sie meist – etwa von Herrn Schindler – dargestellt werden. Ich meine: Es ist falsch, die türkischen und arabischen Familien in ihrem Sonderbewusstsein zu bestärken, wie das heute immer noch geschieht, etwa durch amtliche türkischsprachige Elternbriefe oder durch das unselige Etikett „mit Migrationshintergrund“. Wir sollten nachdrücklich darauf hinwirken, dass alle hier aufwachsenden Kinder sich als deutsche Kinder auffassen. Dies schließt ein, dass die verpflichtende Erstsprache Deutsch von den ersten Lebenstagen jedes Kindes an gepflegt wird (gerne auch mit Türkisch und Arabisch zusätzlich).

Berliner Elternsprecher über Schulen und Eltern: „Die Grundschulen bringens nicht“ – taz.de

 Posted by at 22:13

Wer ist schuld?

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Apr. 212009
 

In diesem Blog haben wir immer wieder auf die Situation der Kreuzberger Kinder hingewiesen. Wie passend kommt da ein Gespräch zwischen André Schindler und Christian Füller, das die taz heute bringt. Auszug:

Berliner Elternsprecher über Schulen und Eltern: „Die Grundschulen bringens nicht“ – taz.de
In den Hauptschulen der Stadt sind 7 von 10 Schülern praktisch nicht lesefähig. Ist das akzeptabel, Herr Schindler?

Das Problem ist nicht die Hauptschule. Unsere Grundschulen bringen nicht die Leistung, die sie bringen sollten. Wir haben eine sechsjährige Grundschule, alle Schüler lernen zusammen. Aber wir kümmern uns gar nicht um sie! Ich habe einen Fünftklässler gesehen, der das kleine Einmaleins noch nicht konnte.

Was tut der oberste Elternvertreter Berlins, um die skandalös hohe Zahl an Risikoschülern zu senken?

Ich weise auf die Schwachpunkte und die Defizite hin. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Schüler zur Schule kommen, die bereits großen Rückstand haben. Die Grundschule muss dafür sorgen, dass Schüler problemlos weiterlernen können.

Die Unterschiede werden auch schon vor der Schule gemacht – von den Eltern.

Wir können doch ein Kind, das mit fünf oder sechs Jahren in die Schule kommt, nicht als Risiko ansehen! Die Schule hat die Aufgabe, grundlegende Fähigkeiten zu vermitteln – und das schafft sie nicht. Die Kinder werden also in der Grundschule zu Risikoschülern gemacht. Unser Ziel muss es aber sein, dass auch Schüler gefördert werden, die keine Hilfe von Zuhause erhalten. Dies muss der Bildungssenator gewährleisten.

Wieso stellen Sie nicht dieselben Ansprüche an die, die Sie gewählt haben – die Eltern? Die haben eine Mitverantwortung.

Weil das unbestritten ist und weil das auch immer wieder gesagt wird. Aber wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, dass auch Kinder von Eltern, die nicht klarkommen, eine Chance haben.

Was meint ihr?

 Posted by at 16:49

NE MUTLU TÜRKÜM DİYENE

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Apr. 212009
 

Diesen Satz las ich oft in Stein gemeißelt und auch überlebensgroß auf Berghängen hingewuchtet bei meinen Reisen in der Türkei.

Interessanter Artikel über Abwanderungswünsche junger türkischer Deutscher in der heutigen taz. Nach einer Studie tragen sich viele hier lebende junge deutsche Türken mit Rückkehrwünschen. Ich verstehe das. Die Türkei ist ein wunderschönes Land. Ich verstehe, wenn man Sehnsucht  nach ihr hat – habe das Land mehrfach besucht, bin absolut fasziniert von Geschichte, Kultur und Natur. Und ich mag die Leute, ich komme prima mit ihnen aus. Auf den Straßen und Plätzen herscht insgesamt mehr soziale Nähe, es ist ein menschlich wärmeres Land als Deutschland. So habe ich das erlebt, und so erlebe ich die Türken eigentlich fast immer auch in Berlin: in der Schule, im Laden, bei Besuchen. Auch deswegen lebe ich gerne in Kreuzberg.

Jeder Türke soll dieses Land in seinem Herzen tragen, wo auch immer er sich befindet. So Premierminister Erdogan in Köln. Der türkische Staat hat es über all die Jahrzehnte hinweg geschafft, bei den meisten Türken ein starkes Familienbewusstsein, ja geradezu ein eingeschworenes Zusammengehörigkeitsgefühl einzupflanzen. „O meine geliebten Brüder und Schwestern“ – so redet der türkische Staat in Gestalt des Herrn Erdogan zu den Auslandstürken.

Dem dienen die allmorgendlichen Eide auf ein gemeinsames, staatlich verordnetes Ethos. Die Türken haben in der Schule jeden Tag Morgenandacht, eine Art ritualisierten Ethik-Unterricht.“Wie glücklich ist der, der sich Türke nennt!“ Wie toll wäre es, wenn unsere türkischen Schüler einmal einen Monat an einer türkischen Grundschule verbringen könnten und einmal erführen, was echte Disziplin für gute Türken bedeutet (nicht in Kreuzberg, sondern in der echten Türkei)!

Hier der verpflichtende Eid aller türkischen Schüler laut Wikipedia:

 „Ich bin Türke, ehrlich und fleißig. Mein Gesetz ist es, meine Jüngeren zu schützen, meine Älteren zu achten, meine Heimat und meine Nation mehr zu lieben als mich selbst. Mein Ideal ist es aufzusteigen, voranzugehen. O großer Atatürk! Ich schwöre, dass ich unaufhaltsam auf dem von dir eröffneten Weg zu dem von dir gezeigten Ziel streben werde. Mein Dasein soll der türkischen Existenz ein Geschenk sein. Wie glücklich derjenige, der sagt ,Ich bin Türke‘!“

O meine lieben türkischen Brüder und Schwestern, da können wir nicht mithalten! In Deutschland ist Familie Familie, Gesellschaft ist Gesellschaft, der Staat ist der Staat, und das sind wir alle. Wir sind in Deutschland keine einzige große Familie. Der einzelne muss selbst dafür arbeiten, dass er sich zugehörig fühlt. Etwa durch beruflichen Erfolg, durch soziales und politisches Engagement. Dieser Weg steht allen offen, die noch kein großes Heimatgefühl entwickelt haben.

Mir gefällt die Zuschrift eines Italieners zum heutigen taz-artikel:

Abwanderung der Deutschtürken: Braindrain nach Istanbul – taz.de
Ich als Italiener werde ständig auf meine Herkunft angesprochen und wurde auch schon oft dumm angemacht (wenn bspw. in der Videothek von einem Mitarbeiter lahme Witze à la „Willse tu einä Filmä ausleihe, meinä Freund“ gerissen werden oder bei der Fußball-WM oder oder oder). Aber: das tangiert mich nicht, ich lache darüber, solche „Nettigkeiten“ erreichen mich überhaupt nicht. Ich versinke nicht in Selbstmitleid und Mimosenhaftigkeit. Ich steigere mich nicht in diffuse Erwartungshaltungen hinein. Ich habe eine relativ große Verwandschaft, zum größten Teil einfache Leute aus dem armen Süden. KEINER von ihnen hat die Probleme, die sie hier beschreiben. Und wenn, dann pflegt er einen anderen Umgang damit. Die Besten studieren, von Ökotrophologie bis Germanistik. Wir machen unser Glück nicht von der Rückständigkeit anderer Leute abhängig. Wir schmieden es selbst. Wir geben das Tempo vor […]

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Online – offline: die Verlinkung macht’s

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Apr. 212009
 

Marlene Halser bringt in der tageszeitung vom 19.04.2009 eine schlüssige Zusammenfassung eines Workshops, den ich leider beim taz-Kongress nicht verfolgen konnte:

Politische Mobilisierung im Web 2.0: „Gutes Image für lau“ – taz.de
Seit Obama im Internet Millionen von Unterstützern für seine Politik mobilisierte, spielt das Web 2.0 zunehmend auch für den deutschen Wahlkampf und in der politischen Lobbyarbeit eine wichtige Rolle. Nach dem Vorbild Obamas melden sich auch deutsche PolitikerInnen wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier beim Sozialen Netzwerk Facebook an und lassen sich auf Twitter das Zwitschern beibringen.

Guter, sehr lesenswerter Artikel!

Was mich immer besonders fasziniert, ist, wenn Medienwelten zusammentreffen. So konnte ich den taz-Kongress besuchen und am selben Abend noch mich mit anderen Besuchern im Internet darüber austauschen. Man kann in solch einem Blog aus dem Koran, aus Platon zitieren und erhält über Nacht eine Antwort nicht zwar aus aus dem Grabe von den zitierten Geistesgrößen selbst, aber aus der „echten“ Welt.

So meine ich grundsätzlich: Wenn das Medium für die angezielte Gruppe wichtig ist, muss man es nutzen. Wenn man jüngere, digital gebildete Wähler ansprechen will, muss man zweifellos das Medium Blog und Homepage nutzen – möglichst interaktiv, also so, dass die Angesprochenen ihrerseits zu „Ansprechenden“ werden.

Soziale Netzwerke, wie etwa Facebook, oder auch das neue Twitter sollte man dann nutzen, wenn man Lust darauf hat – für obligatorisch halte ich diese Werkzeuge noch nicht. Sie sind derzeit noch ein nettes Extra.

Aber das Medium ist nicht die Botschaft. Das Medium ist letztlich auch nur ein Mittel, um Fragen zu stellen, Antworten zu geben, Botschaften zu senden und zu empfangen. Im Internet geht es zu wie in der Judenschul: Jeder, der vorbeigeht, hört ein unbegreifliches Rauschen. Wer drin ist und sich konzentrieren kann, wer Lesen und Schreiben gelernt hat, der wird mit großen Gewinn daraus hervorgehen. Es wäre eine Selbsttäuschung zu glauben, durch ein schickes Medium allein könne man den Wahlkampf entscheidend beeinflussen.  Das Internet ist ein Resonanzboden – es ist nicht die Musik selbst.

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Apr. 212009
 

Den obigen Ausruf mögen die älteren unter den Leserinnen noch kennen. Ich hörte ihn in höchster Erregung vorgetragen als Sechstklässler, als wir bildungsfernen Rabauken mal wieder Rabatz schlugen, ehe der erwartete Lehrer endlich erschien, um mit dem Lateinunterricht zu beginnen. Er schalt uns tüchtig: „IST hier jetzt gleich Ruhe, hier geht’s ja zu wie in der JUDENSCHUL!“

Was steckt hinter dieser Redewendung? „Schul“, das ist im Jiddischen der Ausdruck für Synagoge, also für das Versammlungshaus der jüdischen Gemeinde. Das jiddische Wort kommt aus dem deutschen Wort „Schule“, weil die Synagoge selbstverständlich nicht nur Versammlungshaus, sondern auch auch Lernort, eine Stätte der Wissensweitergabe war. Die Judenschul, das war die Synagoge. Unser deutsches Wort Schule wiederum stammt von lateinisch schola, die Schule, ab, welches seinerseits wiederum aus dem griechischen σχολή, die Muße, die freie Zeit stammt.

Die Juden lehren und lernen ihre grundlegenden Schriften bis zum heutigen Tage durch individuelles, halblautes Lesen, durch ständiges wechselseitiges Befragen, es wird häufig in einem vielstimmigen Stimmengewirr rezitiert, geredet,  gestritten. In Rede und Gegenrede wird um die rechte Auslegung gerungen. Der Lehrer schreitet durch die Lernenden hindurch, wird selbst zum beständig Lernenden. Für den draußen Vorbeigehenden ergab sich ein unerträgliches, chaotisches Durcheinander – die Judenschul ist ein vielstimmiges Klanggebilde, aus dem allerlei Unverständliches herausdringt.

Was ist das Ergebnis der Judenschul, dieser Art des vielstimmigen Lernens in einem gemeinsamen Lernort? Man werfe einen Blick auf die Statistik der Nobelpreisträger, der Schriftsteller, Musiker und Wissenschaftler, und man wird erkennen: In allen Bereichen, wo es besonders stark auf die Weitergabe, Vermittlung und produktive Anwendung von Wissen und Erkenntnis geht, sind Juden seit Jahrhunderten weit überdurchschnittlich vertreten.  Ich führe das vor allem darauf zurück, dass bei den Juden seit der Antike höchst effiziente, selbstgesteuerte Formen des gemeinschaftlichen Lernens und Lehrens gehegt werden. Ein besonders beeindruckendes Monument dieses Lernens-Lehrens ist übrigens der Talmud. Und Talmud heißt auf hebräisch nichts anderes als Lernend-Lehren oder auch Lehrend-Lernen.

Neben der Akademie Platons halte ich die Judenschul für eines der großen wegweisenden Modelle des selbstgesteuerten, in Rede und Gegenrede sich entfaltenden Lernens, wie es neuerdings seit einigen Jahrzehnten wieder vermehrt gefordert wird. Zwischenfrage: Wieso sagt das Blog hier „neuerdings, seit einigen Jahrzehnten“? Antwort: Wir denken hier selbstverständlich in Jahrtausenden, nicht in Legislaturperioden. Selbst 30 Jahre taz sind noch nicht so arg viel. Wodurch wir zum gestern erwähnten taz-Forum über das heilige deutsche Gymnasium zurückkommen. Immer wieder wurde dort verlangt, die Schülerinnen sollten einander lehren, die Stärkeren sollten die Schwächeren mitnehmen und ähnliches mehr.

Mehrere Lernvorgänge sollen gleichzeitig ablaufen: Binnendifferenzierter Unterricht, so lautet das Gebot der Stunde. Der binnendifferenzierte, auf den indivduellen Lernfortschritt abgestimmte Unterricht wird unabweisbar, wenn Kinder aus verschiedenen Milieus aufeinandertreffen: der Schüler, der stundenlang an der Video-Konsole Ego-Shooter spielt, der deutsche Jugendliche mit seinen statistisch nachgewiesenen 213 Minuten täglichem Fernsehkonsum trifft auf die Schülerin, die mit 7 Jahren selbständig ganze Bücher in den beiden Erstsprachen Polnisch und Deutsch flüssig vorlesen kann.

Genau das scheint auch der Autor und Journalist Christian Füller, der sich gestern zu meiner großen Freude in diesem Blog zu Wort meldete, mit seinem Buch Die Gute Schule im Sinn zu haben. Denn es gibt gute Schulen! Füller schreibt:

Leseprobe Die Gute Schule
Die guten Schulen haben ihr Kerngeschäft reformiert: das Lernen der Schüler. Ihr großes Ziel ist es, die Machtverhältnisse des Lernens zu verändern. Sie versuchen, ihre Schüler aus der Rolle von Objekten der Beschulung zu befreien – und zu Subjekten ihres Lernens werden zu lassen. Schüler werden dort als kleine Forscher gesehen, die ihren Wissenserwerb, ihre Kompetenzfortschritte und ihre Lernprojekte selbst mitsteuern sollen. Dieser neue Lernstil hat einen Namen, er heißt individuelles und selbständiges Lernen. …

Da haben wir’s! Unabhängig davon, ob wir diesen Lernstil neu oder uralt nennen, ob wir ihn binnendifferenzierten Unterricht nennen oder in die alte Spruchweisheit Docendo discimus – Durch Lehren lernen wir – kleiden: Immer geht es darum, dass die Lernenden in die Freiheit des selbstständigen Fragens, Redens und Widerredens hinein entlassen werden.

Letzte Frage: Was kostet das? Antwort: Diese neue, uralte Art des Lernens ist viel billiger als der einseitige Frontalunterricht, weil sie weniger Räumlichkeiten erfordert, weil die Lernenden weniger Betreuung brauchen, weil insgesamt weniger „angeboten“ und mehr „verlangt“ wird. Ein üppiges Medienangebot ist ebenfalls nicht nötig.

Die entscheidenden Arbeitsmittel sind: geschriebene Texte, also Bücher und Hefte. Ferner: der eigene Kopf. Weitere Arbeitsmittel: Schreibwerkzeuge, also Papier und Stift. Wichtigste Techniken des Arbeitens: Vorlesen, Lesen, Einprägen, Erinnern, Schreiben, Zuhören, Sprechen, Fragen, Antworten. Wichtigste Grundhaltung: Aufmerken – Mitmachen – Selbermachen. Die neue Schule ist nicht teuer. Sie ist arm und sie soll arm sein. Mindestens in den Augen der heute allesamt sehr reichen Schüler mit ihrem vielfältigen Zerstreuungsangebot: Handys, Internet, I-Pod. Die heutigen deutschen Schulen sind unvorstellbar reich und teuer im Vergleich zu den Schulen anderer Länder und anderer Zeiten, die mit wesentlich weniger Geld bessere Lern-Erfolge erzielten (etwa in der multiethnischen Sowjetunion).

Also – ja zur Judenschul, ja zur Akademie, ja zum binnendifferenzierten Unterricht! Meinem Lateinlehrer aus der sechsten Klasse, einem Benediktinerpater, danke ich noch heute. Denn er hat meine Neugierde für Latein geweckt und gepflegt – und auch für die Judenschul. Er hätte nicht in Zorn geraten müssen ob unseres Rabaukentums. Denn es steht geschrieben in Psalm 112: Wenn Schlimmes gehört wird, so braucht er sich nicht davor zu fürchten. 

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