Was haben Jeffrey W., Andreas Baader und König Friedrich Wilhelm I. in Preußen gemeinsam?

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Feb. 172011
 

Einen unauslöschlichen Eindruck hinterließen mir gestern Theodor Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Da wir am Wochenende die Bahn nach Küstrin besteigen werden, las ich mich in dem Abschnitt über Küstrin fest, und hier fesselte mich insbesondere die Katte-Tragödie, welcher der Autor nicht weniger als 40 Seiten widmet. Kronprinz Friedrich versuchte 1730 vor dem herrischen, gewalttätigen und jähzornigen Vater, dem König Friedrich Wilhelm I., zu fliehen. Hier ein Ausschnitt der packenden Schilderungen Fontanes:

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg
Die Reise ging nun rheinabwärts. Am 10. war man in Bonn, am 11. in Wesel. Der »Arrestant« ward am Ufer von dem Oberstlieutenant von Borcke mit einem starken Kommando in Empfang genommen und in die Festung gebracht. Am anderen Morgen, den 12., erfolgte seine Vorführung vor den König.

»Warum habt Ihr entweichen wollen?«

»Weil Sie mich nicht wie Ihren Sohn, sondern wie einen gemeinen Sklaven behandelt haben.«

»Ihr seid nichts als ein feiger Deserteur, der keine Ehre hat.«

»Ich habe soviel Ehre wie Sie, und ich habe nichts getan, was Sie an meiner Stelle nicht auch getan hätten.«

Bei diesen Worten zog der König den Degen und wollte den Prinzen erstechen. Aber der tapfere Kommandant, Generalmajor von der Mosel, warf sich dazwischen und sagte: »Sire, durchbohren Sie mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes.«

Was war das für ein Mensch, dieser König Friedrich Wilhelm? Wie konnte es dazu kommen, dass er sich so oft an seiner Umgebung verging? Selbst ihm wohlgesonnene Schriftsteller  wie Theodor Fontane oder Jochen Klepper, die seine großen, unbestreitbaren Verdienste um die innere Festigung des Landes und die Sanierung der bei seinem Regierungsantritt heillos zerrütteten Staatsfinanzen rühmen, verfehlen nicht, seine häufigen Wutanfälle, sein rohes Treten, Schlagen und Einprügeln auf Diener, auf den Sohn, auf Offiziere und Angehörige zu erwähnen.

Als häufigste Erklärung für Rohheit, für Gewaltdelikte bei Männern wird meist Gewalt und Prügeln in der Herkunftsfamilie angegeben. Auch der jüngste, unfassbare Gewaltvorfall am U-Bahnhof Lichtenberg wirft viele Fragen auf. 4 männliche Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren haben einen Maler schwer zusammenschlagen, getreten und fast zu Tode zugerichtet. „Die Hauptursache von Gewalt unter Jugendlichen“ sieht die Präventionsbeauftragte der Polizei, Susanne Bauer, „in der häuslichen Gewalt“. So berichtet es heute die Berliner Zeitung auf S. 23. „Wer groß werde mit Schlägen in der Familie, für den gehöre Gewalt zum Leben. Dies betreffe vor allem Migrantenfamilien aus Kriegsgebieten.“

Das geschlagene Kind wird selber zum Schläger. So behaupten es immer wieder manche Psychologen, manche Sozialarbeiter und eben auch manche Präventionsbeauftragten. Die Legende von der Kriegstraumatisierung hält sich hartnäckig – auch dann, wenn die Kinder gar nicht aus Kriegsgebieten stammen, sondern aus Wedding, Lichtenberg oder Neukölln.

Ich kann dem so einfach nicht zustimmen. Denn – und hier schließt sich der Kreis zu zahlreichen anderen Einträgen dieses Blogs – die Gewaltkriminellen kommen häufig nicht aus Prügler-Familien, sondern ganz im Gegenteil aus verwöhnenden Familien. Sehr viele dieser Gewalttäter wuchsen ohne männlichen Einfluss auf, wurden verhätschelt und betüttelt. Auch die vier Gewalttäter von Lichtenberg bilden da offenbar keine Ausnahme. Lest selbst, Berliner Zeitung heute, S. 23:

Er gilt als schwieriger Schüler, so wie viele in der Schule Am Rathaus. Sie liegt in einem Kiez, wo die meisten Kinder aus zerrütteten Familienverhältnissen kommen. Jeffrey W. wird als unruhig beschrieben, von einigen auch als hyperaktiv. Lehrer bescheinigen ihm, er sei „durchaus in der Lage, Leistung zu zeigen“, etwa in Biologie und Physik. Die Mutter, die alleinerziehend ist, habe sich kooperativ gezeigt und an den Elterngesprächen und Versammlungen teilgenommen. Schulleiterin Petra Jäger sagt nur: „Für den Schüler haben wir uns alle erdenkliche Mühe gegeben, dass er seinen Hauptschulabschluss macht.“

Also: Viele Frauen geben sich alle erdenkliche Mühe um Jeffrey. Dass er von den Frauen – der Mutter, der Rektorin, den Lehrerinnen – geprügelt wird, halte ich für äußerst unwahrscheinlich. Der Vater fehlt.

Jeffrey ist kein Geprügelter. Er ist eher der Prinz, der sich alles erlauben darf.

Wie schaut’s beim echten Prinzen aus, beim jungen Friedrich Wilhelm? Er wurde ebenfalls in früher Kindheit nur von Frauen erzogen, zunächst von seiner Großmutter, anschließend von der Hugenottin Marthe de Montbail, der späteren Madame de Roucoulle. Wie war er als Junge?  Hierzu las ich gestern die große Biographie des Berliner Autors Jochen Klepper.

Der junge Prinz schlief während des Unterrichts auf der Couch, rauchte Tabak, fluchte in einem fort, lärmte mit Hunden durch die Gemächer, ging statt der Türen durch die Fenster ins Freie. Jochen Klepper notiert: „Alle Frauen, auch die eigene Stiefschwester, nannte er Huren.“

Wikipedia sagt lakonisch zum Betragen des jungen Prinzen:

„Seine Mutter verwöhnte ihn. […] So vertrug er sich nur schlecht mit seinem fünf Jahre älteren Cousin und Spielgefährten, Georg August, dem späteren Georg II., König von Großbritannien, den er des öfteren verprügelte. Die beiden entwickelten aufgrund dessen eine lebenslange persönliche Feindschaft.“

Der Hohenzollernprinz zeigt also alle Anzeichen eines systematisch verwöhnten, nicht an Grenzen herangeführten Jugendlichen, der alle Merkmale eines gewalttätigen Jugendlichen unserer Tage aufweist: Jähzorn, Neigung zur Gewalt, Unbeherrschtheit, Verachtung des Weiblichen, des „Effeminierten“, wie es der junge Prinz Friedrich Wilhelm verspottete.

Von irgendwelchen Prügelexzessen seines Vaters ist nichts bekannt. Im Gegenteil!

Gerade aus verwöhnten, verhätschelten, weitgehend unter Frauen aufwachsenden Jungen werden oftmals die brutalsten Schläger und Gewalttäter – so wie etwa Jeffrey W., Friedrich Wilhelm I. oder auch der in diesem Blog mehrfach erwähnte verwöhnte RAF-Prinz Andreas Baader, über den Andreas Veiel ja gerade in diesen Minuten seinen neuen Film zeigt.

„Der Geschlagene wird selber zum Schläger“ – so einfach ist es nicht! Zum Schläger wird oft der verzogene, der launische Prinz.

Ich hatte als einfacher Kreuzberger Bürger ebenfalls Gelegenheit, den einen oder anderen wirklich schwer gewalttätigen Jungen kennenzulernen. Auch in diesen Fällen bemerkte ich stets eine alleingelassene, hoffnungslos überforderte Mutter und viele, viele wohlmeinende Frauen. Der Vater fehlt. Dieses Setting kann Gift für das Sozialverhalten unserer Prinzen werden. Die Sozialkosten dieser verwöhnenden, grenzenlos verhätschelnden Erziehung sind unermesslich hoch. Das Lichtenberger Opfer, der 30-jährige, ins Koma getretene und verprügelte Malermeister, aber ebenso auch das traurige Schicksal des Hans Hermann von Katte belegen dies zur Genüge.

Gute Präventionsarbeit scheint übrigens die Berliner Polizei zu liefern. Denn die Polizisten leisten genau das, was den Jungen fehlt: feste, durch einen erwachsenen Mann gezogene Grenzen. Nur reicht es oft nicht aus.

Quellen:

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Zweiter Teil. Das Oderland. Barnim-Lebus. Küstrin. Die Katte-Tragödie. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1997, S. 299-339, hier: S. 302-303

Andreas Kopietz: Hätten die Schläger gestoppt werden können?, in: Berliner Zeitung, 17.02.2011

Lutz Schnedelbach: Gewalt beginnt zu Hause, in: Berliner Zeitung, 17.02.2011

Jochen Klepper: Der Vater. Roman eines Königs. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1986, insbesondere S. 16 (Erstausgabe 1937)

heute Magazin, 17.02.2011

Bild: Schloss Sans-Souci in Potsdam, aufgenommen am 28.12.2010

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Feb. 172011
 

Jeder schwäbische Hausmann weiß: KaDeWe und Edeka sind viel teurer als NP! Gemüse der Saison, also derzeit Kohl in allen Variationen, ferner Obst der Saison in großen Gebinden kaufe ich persönlich bei Niedrigpreis (siehe Foto) oder bei Aldi. Das ist genauso gut, genauso schmackhaft und genauso gesund. Nur gibt es halt nicht immer alles zu jeder Jahreszeit. Statt Joghurt gibt es oft nur Quark, auf Gebäck verzichten wir meist.

Denn ich habe als Angehöriger der „Sandwich-Generation“ kein Geld und auch keine Zeit, um mir und meiner Familie täglich im Kadewe oder bei Edeka frisches Obst, Joghurt oder Gebäck zu kaufen. Sind wir deshalb arm zu nennen? Nun, wenn man die Nase in die heutige Berliner Zeitung, S. 25, steckt – ja!  Lest die neueste Erbarme-dich-Arie (Nr. 49) aus dem Lokal- und Sozialteil:

Besuch bei einer florierenden Branche – Berliner Zeitung
Einem der gut 600 000 Hartz-IV-Betroffenen in Berlin, die oft zu wenig Geld haben, um sich und ihrer Familie täglich im Kadewe oder bei Edeka frisches Obst, Joghurt oder Gebäck zu kaufen? Muss sich einer, der vom Steuerzahler sein Arbeitslosengeld II finanziert bekommt, mit einem Apfel zufrieden geben, der schon etwas runzelig ist?

Was tun, wenn man – wie dieser arme Blogger – nie genug Geld hat, um sich und seiner Familie täglich im Kadewe oder bei Edeka frisches Obst, Joghurt oder Gebäck zu kaufen? Nun, man kann Geld sparen, indem man

a) zur Berliner Tafel geht. Allerdings braucht man dafür Zeit, die ich als arbeitender Familienvater nicht habe.

b) sich vorwiegend von Gemüse der Saison ernährt, ergänzt um reichlich Kartoffeln, ferner Obst je nach Saison und je nach Angebot in großen Gebinden kauft und Joghurt beispielsweise durch Quark (500 g) ersetzt und auf Süßwaren weitgehend verzichtet. So mache ich das. Es geht uns gut damit. Beklage ich mich? Nein.

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Zitate und Plagiate – gilt in der Blogosphäre auch das Urheberrecht?

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Feb. 162011
 

Gilt im Internet, in der Blogosphäre, auch das Urheberrecht? Diese Frage stelle ich mir soeben beim flüchtigen Überlesen der Schlagzeilen. Meine Antwort lautet uneingeschränkt: ja!

In diesem Blog habe ich deshalb seit jeher folgende Regeln eingehalten: Alle Zitate sind eindeutig erkennbar, und zwar so, dass der Leser jederzeit die Quellen nachprüfen kann.

Längere Zitate, also etwa ganze Absätze, rücke ich samt Herkunftsangabe ein, so dass sie auch beim flüchtigen Lesen allein schon durch die Textanordnung als Zitate erkennbar sind.

Kürzere Zitate setze ich in Anführungszeichen.

Alle nicht als Zitate erkennbaren Äußerungen in diesem Blog sind eigenständige Hervorbringungen des Bloggers Johannes Hampel.

Allerdings gilt: Zahlreiche klassische Zitate Goethes, der Bibel, Homers, Platos usw. – etwa „ein jeder kehre vor seiner eigenen Tür, und rein ist bald das Stadtquartier“   – sind nicht durch genaue Fundstellen kenntlich gemacht. Dadurch genügen sie nicht den Anforderungen, wie sie etwa an eine wissenschaftliche Dissertation zu stellen wären. Sie bieten im Wortlaut möglicherweise geringfügige Abweichungen vom bezeugten Text, da sie aus dem Gedächtnis zitiert werden. Damit folge ich einer jahrtausendealten Übung, wonach die überragenden Texte als „immerwährender Besitz“ (Thukydides) dem Gedächtnis eingeprägt werden und dabei selbstverständlich gewisse unwillkürliche Überarbeitungen erfahren. So zitiert Platon „seinen“ Homer an etwa 200 Stellen oft ungenau, G.W.F. Hegel wandelt Goethe- und Schiller-Zitate höchst eigenwillig ab – sehr schön zu beobachten etwa in der Vorrede zur Phänomenologie des Geistes. Nach heutigem Urheberrecht hätte sich Hegel eines Vergehens schuldig gemacht.

Bei diesen von mir aus dem Kopf zitierten Autoren handelt es sich ausnahmslos um Texte, die mittlerweile gemeinfrei sind. Das Gleiche gilt für allgemein zugängliche Texte wie etwa die Grundrechteartikel des Grundgesetzes.

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Deine Eltern – der unerwünschte Störfaktor in Deinem Leben

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Feb. 162011
 

Im KiKa, den wir immer wieder sehen, kommen soeben in diesen Minuten lustige Tips, wie man den Anweisungen der Eltern  entkommen kann. In aller wünschenswerten Deutlichkeit wird von KiKa dargelegt, dass die Eltern Unrecht haben, wenn sie den Computerkonsum der Kinder beschränken. Am schlimmsten – so KiKA – ist es, wenn Eltern die Kinder nach draußen in die frische Luft zum Spielen schicken.

Die Kinder, so will es KiKA, sollen versuchen, die Eltern selber zum Computerspielen zu animieren.

Merke: KiKa weiß besser, was den Kindern guttut, als die Eltern.

Die Eltern sind halt doof. Die wahren Freunde der Kinder sitzen im Fernsehen.

ZDFtivi – pur+ – Familienexperiment

Meine Meinung: Verheerend, wenn die Medien den Kindern weismachen, die Eltern seien Störfaktoren im Leben! Es wird im KiKa der Anschein erweckt, dass jedes elterliche Gebot, jedes elterliche Verbot zu hinterfragen, zu verhandeln, zu umgehen ist.

Ich verstehe jetzt mehr und mehr die türkischen und arabischen Eltern, die der deutschen Gesellschaft mit Misstrauen und Ablehnung begegnen. Was ist das für ein Familienbild, das der öffentlich-rechtliche Kinderkanal vermittelt? Sicher nicht eines, das die Türken und Araber als nachahmenswert empfinden.

So kam etwa hier in dieser Sendung die Mutter herein und befahl den Kindern, den Tisch zu decken. Die Kinder weigerten sich, der Moderator sprang ihnen zur Seite. Die Botschaft des Moderators war: „Ihr braucht Mutter nicht zu folgen. Sie hat null Ahnung.“

Das halte ich für falsch. Die Botschaft hätte meines Erachtens sein müssen: Wenn die Mutter das Tischdecken befiehlt, dann müssen die Kinder grundsätzlich folgen. Sie können natürlich bitten: „Bitte dieses Level noch Ende, Mama.“ Aber wenn Mama nein sagt, dann ist es in diesem Fall ein Nein.

 Posted by at 20:44
Feb. 162011
 

„Wer räumt auf?“ Eine ungeliebte Frage, die uns vier Geschwistern in der Kindheit immer wieder entgegenschallte, wenn wir unser Kinderzimmer als lustiges Schlachtfeld hinterlassen hatten. Oft wurde dann von Mutti gesagt: „Heute räumst DU auf!“ „Wieso immer ICH?“ Klare Ansage, der wir uns (meist) murrend fügten. Kleine Kinder brauchen derartige klare Ansagen!

„Heyder räumt auf!“ Mit dieser klaren Ansage zieht ein NPD-Kandidat in den Bürgermeisterwahlkampf. „Unser Kandidat räumt auf!“ Eine typische NPD-Wahlaussage, mit der auch tatsächlich die Rechtsextremen in der ehemaligen DDR hohe Stimmenanteile erzielen. Auch gestern in frontal 21 war diese Ansage in der Berichterstattung über rechte Gewalt in der ehemaligen DDR zu sehen: „Der NPD-Kandidat xy räumt auf!“

de.indymedia.org | Sachsen-Anhalts NPD im Wahlkampf

Bildwechsel! Auf dem Tahrir-Platz in Ägypten ziehen Bürgerinnen und Bürger, Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Greise mit Schaufel und Besen auf und fegen buchstäblich die Hinterlassenschaften des tagelangen Ausharrens hinweg. Sie haben die ersten Früchte des politischen Kampfes eingefahren, die Revolution in Gang gebracht. Und jetzt räumen die Bürger auf!

Was gefällt euch besser? Der Tahrir-Platz in Ägypten oder die rechtsextreme Propaganda in Sachsen?

Bei aller Liebe zu Sachsen: Bei der Ansage „Unser Mann räumt hier auf!“ schaudert mich.

Umgekehrt halte ich das bürgerschaftliche Engagement auf dem Tahrir-Platz in Kairo für vorbildlich. Tugenden wie Gemeinsinn, Freiheitsliebe, Verantwortung, Leistung, Geschwisterlichkeit, Fleiß, Umweltpflege – die brauchen wir! Die Ansage lautet: „Bürger, es ist eure Stadt! HOLT EUCH DIE STADT ZURÜCK! Bürgerinnen, holt euch das LAND zurück!“

Wir brauchen nicht den starken Mann, der in der Stadt aufräumt. Wir brauchen Gemeinsinn und Fleiß. Wir sind keine Kinder!

Ein jeder kehre vor seiner Tür,
und rein ist bald das Stadtquartier.

So liebe Kinder, das war … deutsch. Von Goethe. Goethe, kennt ihr den? Das war einmal  großer Dichter.

Das stumme Bild zeigt einen Blumenladen in Kreuzberg am Mehringdamm, aufgenommen vorgestern.

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Vom Zauber der Zahlen: German gentrification

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Feb. 152011
 

12022011329.jpg Etwa in Höhe der Inflation steigen die Nettokaltmieten durchschnittlich in den einzelnen Bezirken Berlins und in Berlin insgesamt. Das ergeben die Zahlen, die ich den regelmäßigen Mitteilungen des MieterMagazins entnehme. Wie passt das aber zu folgenden Aussagen aus dem aktuellen Economist?

Communes in Berlin: German gentrification | The Economist
Rows about rising rents and their effect on Berlin’s character are spreading. Because of the city’s isolation and its former wall, the population in the centre is a socioeconomic jumble, poor by the standards of west European capitals. Although rents are still enticingly low they have risen fast (by roughly 20% between 2007 and 2010). Housing subsidies to poor families are not keeping pace. The number of one-person households has soared, increasing demand for flats. Residents of Friedrichshain-Kreuzberg, which straddles the old border, pay 30-50% of their income in rent, says Franz Schulz, the district’s mayor. “That’s why gentrification is so intense.”

Nun, diese Zahlen des Bürgermeisters sind nicht falsch. Sie beziehen sich jedoch stets auf NEUVERMIETUNGEN in bestimmten Wohnlagen, nie auf die Gesamtheit der vermieteten Wohnungen in einem Bezirk, geschweige denn auf die Gesamtheit der Mietwohnungen in Berlin.

Wer will, findet weiterhin traumhaft niedrige Mieten in jedem Bezirk Berlins, nur eben nicht in genau dem Haus oder genau der Wohnlage, die sie oder er sich ausgekuckt hat.  So ist das nun mal im Leben.

Es wird einfach sehr viel geschummelt und getrickst mit Zahlen. Von massiven Verdrängungseffekten kann nicht die Rede sein. Das behaupten viele linke Politiker wieder und wieder, um ihren Schäfchen durch derartiges lautes Bellen tüchtig Angst einzujagen.

Unser Bild zeigt eine traumhaft lauschige Lage am Schleusenufer, hart an der Bezirksgrenze zwischen Friedrichshain-Kreuzberg und Treptow-Köpenick.

 Posted by at 13:10
Feb. 152011
 

Jede Menge Zahlen hat der Blogger an diesem Morgen schon verarbeitet. Hier kommen einige:

Wieviel kostete ein Liter Bier im Liebig 14? Der aktuelle Economist bringt auf S. 31 die Antwort: „Films were screened for free and half-litres of beer cost a euro.“

Ergebnis: Ein Liter Bier kostete im Liebig 14 zwei Euro.

Wieviel kostet ein Liter Leitungs-Trinkwasser in Berlin? Die aktuellen Hartz-IV-Tabellen sehen 2,99 Euro pro Monat für Mineralwasser in Flaschen vor.

Wieviel kostet ein Liter Trinkwasser in Berlin aus dem  Wasserhahn? Was glaubt ihr? Etwa halb so viel wie Bier, etwa halb so viel wie Mineralwasser vom Supermarkt? Na, wie sieht’s aus?

Schock! 1 Kubikmeter Trinkwasser kostet mehr als ein Liter Bier im Liebig 14! 1 Kubikmeter Berliner Trinkwasser kostet samt Entsorgung mehr als Hartz-IV-Empfänger vom Staat für Mineralwasser bekommen!

Hier die aktuellen Preise für Berliner Trinkwasser:

1 Kubikmeter Trinkwasser kostet derzeit in Berlin einschließlich des obligatorischen Schmutzwasserentgeltes 5,12 Euro! Ein Liter Bier ist billiger als 1 Kubikmeter Trinkwasser!

Quelle: Berliner Morgenpost, 15.02.2011, S. 11

Schlagzeile: Trinkwasser teurer als Bier!

Fußnote zur Mengenangabe: Wieviel ist 1 Kubikmeterchen Wasser? Na, wie schaut es aus? 10 Liter, 50 Liter, 100 Liter?

Antwort: Ein Kubikmeter Trinkwasser ist 1000 (eintausend) Liter Trinkwasser.

Strenggenommen kostet 1 Liter Trinkwasser den redlichen Berliner also den unvorstellbaren Betrag von 0,0051 Euro oder auch 0,51 Cent.

Das Bier im Liebig 14 war also rund 392 Mal so teuer wie das Berliner Trinkwasser.

Ergo: Im Liebig 14 waren die Bewohner aber reich! Denn die Wasserpreise in Berlin sind viel zu hoch, das sagen die Politiker mehrerer Parteien. Und die Politiker haben recht, wenn sie mehreren Parteien entstammen.

Ein klarer Beweis für „German gentrification“!

Communes in Berlin: German gentrification | The Economist
TUCKED behind the grand façades along the old Stalinallee in East Berlin „Germany“s „first socialist street“ was another Utopia. Graffiti-splashed Liebigstrasse 14 had ten flats, artists‘ studios, two washing-machines and 25 tenants who found room in Berlin for a way of life centred on sharing rather than striving. Films were screened free and half-litres of beer cost a euro. Hard-up residents could skip a few months‘ rent. „Collective living means you can share thoughts and emotions,“ says Jakob, a Liebig 14 denizen who gives only his first name. „You see how strong the connection between people can be.“

Bild: Herrlicher Blick auf die wasserreiche Umgebung Berlins, hier beispielhaft den Straussee, einen eiszeitlichen Rinnensee im brandenburgischen Landkreis Märkisch Oderland

 Posted by at 12:09

Response:ability – oder: Freiheit und Verantwortung

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Feb. 142011
 

„Meine zentralen Leitbegriffe in der Politik sind Freiheit und Verantwortung. Sie  sind für mich wie die zwei Seiten einer Medaille. Freiheit ohne Verantwortung für sich und die Nächsten führt zu schrankenlosem Egoismus, zu Gier, zur Ausbeutung der Natur und des Menschen, zur Spaltung der Gesellschaft! Umgekehrt gilt: Verantwortung ohne Freiheit der Wahl gibt es nicht. Wenn die staatliche Macht zu viel vorschreibt und sich um zu vieles im Leben der Menschen kümmert, erstickt letztlich die Verantwortung!“

So hausbacken und schlicht würde ich antworten, wenn man mich unter Androhung von Strafen zwänge, die Leitwerte meines politischen Engagements zu benennen. Ebenso sprach etwa kürzlich Cem Özdemir von „Ökologie und sozialer Gerechtigkeit“ als den Markenkernen der Grünen.

Was aber ist Verantwortung? Das Wort klingt so altväterlich! Kann man es auffrischen? Ja! Übersetzen wir es versuchsweise ins Englische:

Freedom and responsibility

Klingt schon besser. Aber noch nicht griffig, noch nicht vermarktungsfähig!

Was ist Verantwortung? Verantwortung ist die Fähigkeit, Rede und Antwort zu stehen für das, was man unterlässt und was man tut.

Grundform: „Was hast du da unterlassen? Was hast du da gemacht?“ Wer gut darauf antworten kann ohne rot zu werden, der handelt verantwortlich. Also: Wer gut antworten kann, wer gut Rede und Antwort stehen kann, der ist ver-antwort-lich.

Verantwortung ist die Fähigkeit, die Ability, auf eine Frage oder Anforderung eine gute Reaktion oder eine gute Antwort, eine gute Response, zu geben.

Responsibility = Response:ability

So auch das Motto der diesjährigen Transmediale!

Selbst bei einer Fruchtfliege stellten wir gestern eine geringe Fähigkeit zur Wahl fest. Keine Freiheit in unserem Sinne, aber doch eine wie immer beschränkte  Möglichkeit, zwischen Alternativen zu wählen. In sehr rudimentärem Sinne hat die Fruchtfliege ein Minimum an Reaktionsmöglichkeiten.

Freiheit und Verantwortung

Freedom and response:ability

So wird ein Schuh draus. Besser: zwei Schuhe.

Freiheit und Verantwortung sind die beiden Schuhe eines Paares. Beide Schuhe muss man sich anziehen! Wer nur einen Schuh anzieht, hinkt, hüpft oder fällt!

Freiheit ohne Verantwortung ist leere Selbstsucht, Verantwortung ohne Freiheit ist knechtische Lähmung.

transmediale

 Posted by at 14:13
Feb. 142011
 

Menschen- und Bürgerrechte gelten in Deutschland uneingeschränkt.

Aber ist dies auch in anderen Ländern so? Darüber wird heute Abend zu reden sein! Ich gehe hin!

Montag, 14.02., 19.30 Uhr „Freiheit, Demokratie und Menschenrechte“

Referentin: Ekaterina Sokirianskaia („Memorial“)

In der „Friedrichstädtischen Galerie“, Stresemannstraße 27,

10963 Berlin (gegenüber dem Willy-Brandt-Haus, bitte klingeln).

Startseite- www.memorial.de

 Posted by at 12:56
Feb. 142011
 

Auf Jahrzehnte hinaus eine unerschöpfliche Quelle von  politischen Diskussionen und wahlentscheidenden Skandalen: die Fehlsteuerungen im Sozialen Wohnungsbau. Durch den öffentlichen Wohnungsbau wurden über Jahrzehnte hinweg dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Die Zeche zahlen die Mieter und die Landeshaushalte, also letztlich die steuerzahlenden Bürger. Das Land Berlin hätte nie einen derart aufgeschwemmten öffentlichen Wohnungsbestand anhäufen dürfen! Das zeigt sich gerade jetzt, denn viele Sozialbauten, etwa in Kreuzberg, sind mit völlig überzogenen Renditeversprechungen für die Investoren behaftet. Die Berliner Senate haben also schlecht gewirtschaftet.

Im Gegensatz zur Wasserversorgung ist die Versorgung mit Wohnraum keine staatliche Aufgabe – außer in Zeiten echter Wohnungsnot, also etwa in Zeiten des Krieges bei Flächenbombardements oder in Nachkriegszeiten, wenn durch Vertreibungen sehr viele Menschen zusätzlich untergebracht werden müssen.

Aufschlussreicher Artikel von Daniela Englert heute im Tagesspiegel auf S. 8!

Mietrecht: Sozialwohnungen als Renditeobjekte – Berlin – Tagesspiegel
Denn nach seiner Rechtsauffassung darf der Vermieter im Sozialen Wohnungsbau keine Profite erwirtschaften, sondern nur die Miete verlangen, die seine Kosten deckt. Eigenkapital darf mit maximal 6,5 Prozent verzinst werden. „Dass hier Immobilien als Schnäppchen erworben werden, ist meines Erachtens vom Gesetz her nicht gewollt“, sagt Gellwitzki.

 Posted by at 12:18
Feb. 142011
 

Kleiner Nachtrag: Der Stimmzettel des gestrigen Volksentscheides enthielt tatsächlich 2 offenkundige Rechtschreibfehler.  Allerdings wäre die Schreibung „offen legen“ von 1991-2006 möglich gewesen. Lächerlich, dass man sich noch in der Wahlkabine Gedanken über die deutsche Rechtschreib-Reformunfähigkeit machen musste! Wie viele der Nein-Stimmen sind wohl durch die Rechtschreibfehler verursacht worden, etwa im Sinne: „Die können ja nicht mal richtig Deutsch schreiben!“? Ich glaube: keine. Denn mittlerweile kennt sich niemand mehr so recht mit der deutschen Rechtschreibung aus.

Was tut’s. Der Volksentscheid ist ein Erfolg. Darin drückt sich vor allem ein gewaltiges Misstrauen des Volkes gegenüber den Berliner Landesregierungen, einschließlich des amtierenden rot-roten Senats aus. Für ihn, aber nicht nur für ihn, ist es eine Klatsche. Ich werte es als eine Klatsche für die Berliner Landesregierungen der vergangenen Jahrzehnte.

Mal sehen, was jetzt alles zutage kommt! Der Blogger ist gespannt. Die taz hat schon mal mitten in der Nacht vorgelegt, als sie enthüllte, dass der Senator Harald Wolf sich für weit höhere Wasserpreise ausgesprochen hatte. Sebastian Heiser berichtete nämlich in der Online-Ausgabe der tageszeitung, der Linken-Politiker habe weit höhere Wasserpreise durchsetzen wollen als schließlich vereinbart worden seien.

Na, wenn die Grünen einen hohen Benzinpreis wollen, dann dürfen die Linken aber auch einen hohen Wasserpreis fordern. Nur sagen sollte man es.

Aus ökologischer Sicht ist Wasser immer noch wahnsinnig billig. 1000 Liter allerbestes Trinkwasser für unter 20 Euro! Davon können die Araber und Sudanesen nur träumen!

Mir fällt dazu einer meiner Lieblingsreporter ein, nämlich Herodot. Er schrieb: „Was ihnen zu tun verboten ist, dürfen sie auch nicht aussprechen. Das Entehrendste ist bei ihnen das Lügen. An zweiter Stelle steht das Schuldenmachen, dies aus vielen Gründen, namentlich aber, weil ihrer Meinung nach ein Schuldner notwendig in die Lage kommt zu lügen.“ Historien I, 138.

korrekturen.de | Wortliste: offenlegen / offen legen

Herodot: Historien. Deutsche Gesamtausgabe. Alfred Kröner Verlag, 4. Auflage, Stuttgart 1971, S. 69

 Posted by at 11:13
Feb. 132011
 

Dieser Kreuzberger Blogger hat soeben abgestimmt!  Genauestens las er sich die Fragestellung noch einmal durch. Und wieder einmal gewahrte er, ein wie schwierig Ding die deutsche Rechtschreibung doch ist. Entscheidet selbst – geht bei den Wasserverträgen alles mit rechten Dingen zu?

Berliner Wassertisch
Alle bestehenden und künftigen Verträge, Beschlüsse und Nebenabreden im Zusammenhang mit der Teilprivatisierung der Berliner Wasserbetriebe sind mit Ausnahme personenspezifischer Daten vorbehaltlos offen zu legen. Sie bedürfen einer eingehenden öffentlichen Prüfung und Aussprache unter Hinzuziehung von unabhängigen Sachverständigen und der Zustimmung des Abgeordnetenhauses von Berlin.

Sie sind unwirksam, wenn sie nicht im Sinne dieses Gesetzes abgeschlossen und
offen gelegt werden
.

Die Abstimmungsfrage lautet:
Stimmen Sie diesem Gesetzentwurf zu? (Ja/Nein)

Die Abstimmungsfrage lautet: Halten Sie diese Schreibungen offen zu legen und offen gelegt für richtig?

Ich meine: Nein, sie sind nicht richtig. Nach § 34 (2.2)  der amtlichen Regelung der deutschen Rechtschreibung muss das Partizip offengelegt und der Infinitiv offenlegen oder offenzulegen zusammengeschrieben werden. Es handelt sich nämlich um eine Zusammensetzung von Verb und Adjektiv, bei der der adjektivische Bestandteil eine neue, idiomatisierte Bedeutung bildet. Das amtliche Wörterverzeichnis führt demgemäß offenlegen als zusammenzuschreibendes Verb an.

Vergleichen wir folgende Schreibungen:

a) Die Wasserrohre können je nach Beschaffenheit des Untergrundes in Einhausung oder offen gelegt werden.

b) Die Wasserrohre können je nach Beschaffenheit des Untergrundes offengelegt werden, wenn Zweifel an ihrer Dichtheit bestehen.

c) Die Wasserrohre können je nach Beschaffenheit des Untergrundes offen gelegt werden, wenn Zweifel an ihrer Dichtheit bestehen.

a), b), und c) sind richtig geschrieben, denn dies ist ein resultatives Prädikativ; es kann zusammen oder getrennt geschrieben werden.

d) Die Wasserverträge müssen je nach Ausgang der Abstimmung offengelegt werden.

e) Allerdings sind sie im Haupttext bereits offengelegt.

f) Der Vertrag liegt aufgeblättert sichtbar auf dem Schreibtisch. Er ist also offen gelegt.

Der neueste Duden, 25. Aufl., 2009, schreibt ebenfalls offenlegen vor, während Wahrig Wörterbuch der deutschen Rechtschreibung von 2005 sowohl Zusammen- als auch Getrenntschreibung zuließ.

Gestimmt habe ich heute übrigens mit Nein.

Da die Wasserverträge bereits offengelegt sind, brauchen sie nicht noch einmal offengelegt zu werden. So scheint es mir richtig. Fragen?

 Posted by at 18:49