Apr. 172009
 

„Ich bin natürlich ein Produkt meiner Zeit und der westlichen Moderne, ich bin ein Stiefkind der Aufklärung. Der dekadente Punkt ist, dass mich in der Auseinandersetzung mit dem Religiösen vor allem interessiert, daraus Kunst zu machen.“ So äußert sich Feridun Zaimoglu in einem Interview im neuesten Magazin tip Berlin 09/2009, S. 50, unter dem Titel: „Wo gärt das Böse?“ Allein schon deswegen musste ich mir Karten für morgen abend bestellen. Dann wird Zaimoglus neues Theaterstück „Nathan Messias“ unter der Regie von Neco Celik im Ballhaus Naunystraße aufgeführt. Ich bin selbst dort schon mehrfach mit der Geige aufgetreten – wie mag es sich seither verändert haben? Ich werde euch von der Aufführung berichten! Mir gefällt, dass endlich einmal jemand persönlich angeben kann, was ihn an den orientalischen Religionen Islam, Christentum und Judentum fasziniert! Pro-Reli-Unterstützer  – bitte hinschauen, gucken!

Das Foto oben zeigt die Knabenschule Bismarcks, die Plamannsche Anstalt, aufgenommen heute in der Stresemannstraße.

„Als normales Produkt unseres staatlichen Unterrichts verließ ich 1832  die Schule als Pantheist, und wenn nicht als Republikaner, doch mit der Überzeugung, daß die Republik die vernünftigste Staatsform sei, und mit Nachdenken über die Ursachen, welche Millionen von Menschen bestimmen könnten, einem dauernd zu gehorchen, während ich von Erwachsenen manche bittre oder geringschätzige Kritik über die Herrscher hören konnte.“

An diesem Anfang der „Gedanken und Erinnerungen“ Otto von Bismarcks gefällt mir, wie nüchtern er seine Bedingtheit einschätzt. Er sagt: Als junger Mann teilte ich die wesentlichen Überzeugungen, die man im Laufe der Jugend einfach so erwirbt. Und so erwarb Bismarck auch sein Nationalgefühl und wurde vorübergehend Anhänger der deutschnationalen, demokratischen Burschenschaften. Sein knochentrockenes Verdikt: „Ich hatte den Eindruck einer Verbindung von Utopie und Mangel an Bildung.“ Großartig, dieser Schriftsteller! Seine kleinen Boshaftigkeiten beweisen, dass er weitergedacht hat, dass er – nicht anders als Zaimoglu – die Fähigkeit und Ehrlichkeit aufbrachte, über die Determiniertheit, die sich der Erziehung schuldet, hinauszugehen.

Wir sind – einerseits – schlicht ein Produkt unserer Erziehung und unserer Zeit. Das wird niemand leugnen können. Aber andererseits besitzen wir die Freiheit, zu neuen Ufern aufzubrechen. Zaimoglu und Bismarck haben dies getan. Und dadurch wird die Sache so spannend.

Heute nahm ich an einer Führung der CDU durch Kreuzberg West teil. Der Herr Sielaff, durchtränkt mit Wissen über seinen alten Bezirk, zeigte uns das Haus, in dem einst die Plamannsche Anstalt untergebracht war. Dort ward Bismarck vom sechsten bis zum zwölften Jahre erzogen und genoß auch die turnerische Vorschule mit Jahnschen Traditionen. Mir fiel gleich der Anfang der Bismarckschen Autobiographie ein, und ich rezitierte ihn, wo nicht wort-, so doch sinngetreu. Und ich schloss keck an: „Auch wenn ich Demokrat und Republikaner bin: Die erste Seite von Bismarcks Lebenserinnerungen sollte jeder Politiker lesen!““Aber dafür haben die Politiker keine Zeit“, scholl es mir entgegen.

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Wie auch immer –  unser Viertel birgt so mancherlei kostbare Spuren – unter anderem auch das Wohnhaus von Konrad Zuse, in welchem der Erfinder des ersten funktionsfähigen Computers wohnte. War er auch nur ein Produkt Kreuzbergs? Oder hatte er die Kraft, der Welt mehr zu zeigen als das Produkt der Umstände, die ihn gemacht hatten?

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„Die Philosophie läßt alles, wie es ist.“ Und die Politik?

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Apr. 172009
 

Ein im besten Sinne bescheidener, mir höchst sympathischer Philosoph ist Ludwig Wittgenstein. „Die Philosophie lässt alles, wie es ist.“ „Ein philosophisches Problem hat die Form: Ich kenne mich nicht aus.“

Wie oft würde ich in politische Diskussionen gerne diese Sätze werfen: „Die Politik läßt zunächst einmal alles, wie es ist.“ „Ein politisches Problem hat die Form: Wir kennen uns nicht aus.“

Was meine ich damit? Die aktuelle Debatte über die Hamburger und Berliner Schulpolitik  mag als Beispiel dienen: Während einige Parteien einer größeren Vereinheitlichung das Wort reden, einer Abschaffung  des gestaffelten und gegliederten Schulwesens, reden andere Parteien einer Neustrukturierung von Hauptschule und Realschule unter Beibehaltung des Gymnasiums das Wort. In jedem Falle aber wollen die Parteien etwas machen. „Wir müssen die Strukturen ändern. So kann es nicht weitergehen.“ Keine Partei behauptet zutreffend von sich: „Wir kennen uns nicht aus. Und deshalb lassen wir alles, wie es ist.“

Was schlage ich vor? Ich persönlich nutze jede Gelegenheit, um mit Lehrern, Fachleuten aus der Bildungsverwaltung, mit Eltern und Schülern ins Gespräch zu kommen – oder ihnen zuzuhören. Nicht die großen Programmatiker, die meinungsbildenden Politiker sind es, nach denen ich mich richte, sondern die mittlere Ebene, die Fachebene. Mein Ergebnis: Wie so oft, läuft die öffentlich-erregte Debatte windschief zu den Erkenntnissen der „mittleren Ebenen“ – also der tausenden und abertausenden an Schulleitern, Schulräten und Elternsprechern, die den besten Einblick haben.

Ihnen ist es nach meinen Eindrücken recht egal, in welcher Schulform sie sich bewegen – solange das Klima stimmt, solange sinnvolles Lernen möglich ist, besteht kein Anlass, „die Welt zu verändern“. Und wenn kein sinnvolles Lernen möglich ist – dann liegt der Grund dafür nicht in der gegenwärtigen Verfasstheit unseres Bildungswesens. Die Parteien hingegen suchen sich häufig durch programmatische Aussagen ein Profil zu geben. Durch Reformvorschläge – und ebenso durch den Widerstand gegen Reformvorschläge und das Vorlegen eigener Reformvorschläge – erzeugen sie den Anschein, die Welt erklären und verändern zu können. Ein kurzer Ausschnitt aus der guten taz mag dies beleuchten:

Politologe Greven über Schwarz-Grün: „Frieden zu Lasten der SPD“ – taz.de
Ist die Schulpolitik ein weiteres Thema, von dem die GAL profitiert und das der CDU zu schaffen macht?

Erstaunlicherweise ja. Die GAL mit ihrer bildungspolitischen Programmatik in Richtung Einheitsschule, hat eine Wählerbasis, in der die Anhänger des Gymnasiums weit verbreitet sind. Das müsste für sie eigentlich ein Problem sein. Aber hier kann die Konfliktphase noch kommen. Die Dezentralisierung der Umsetzung über die Schulkonferenzen, ist eine geschickte Verlagerung des Konfliktniveaus von der Senatsebene auf eine dezentrale Ebene, doch die Probleme der Umsetzung der schulpolitischen Reformen werden wieder in die Fraktionen und den Senat zurückgespült werden. Hier gibt es nach wie vor eine konfliktträchtige Situation in den regierenden Parteien und zwischen ihnen.

Ich meine: Solange die Gründe für das Scheitern von Bildungskarrieren so eindeutig außerhalb des Schulwesens zu suchen sind – sollte man an den äußeren Strukturen der Schulen wenig ändern. Dies gilt natürlich vor allem für die fälschlich als Kinder mit Migrationshintergrund bezeichneten Schüler.

Die Politik lasse zunächst einmal alles, wie es ist. Das klingt resignativ, ist es aber nicht. Resignieren wird man, wenn sich die Lage an den Schulen trotz all des Bosselns und Werkelns nicht verbessert. Verbessern lässt sich die Lage, indem man die Lage der einzelnen Kinder in den Familien verbessert, nicht durch noch mehr Geld, sondern durch Aufklärung, durch Patenschaften und Partnerschaften, nötigenfalls aber auch durch Druck und Zwang.

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Apr. 172009
 

07042009.jpg Wer hat’s zuerst gesagt? Mohammed oder Moses? Die überwältigende Mehrheit der Moslems würde heute zweifellos dem Gelehrten Ali ibn Ismail al-Ashari (874-955) folgen, wonach Gottes Wort seit jeher bestand und besteht: nicht geschaffen, sondern offenbart. In seiner Gänze offenbart in arabischer Sprache erstmals und letztmals durch Gabriel dem Propheten Muhammad. In Teilen bereits vorher angedeutet den früheren Erwählten wie etwa Moses oder Jesus.

Unser Eindruck, das der Koran im wesentlichen eine Umformung und Fortführung der beiden vorhergehenden Offenbarungsreligionen Judentum und Christentum ist, widerspricht diesem Selbstverständnis nicht: Für den asharitischen Islam sprach Gott in Andeutungen bereits vor Mohammed. Diese Andeutungen, diesen Vorschein der vollen Wahrheit bezieht Mohammed auf sich selbst. Er sieht sich als den Vollender. Selbst in dieser Denkbewegung übernimmt Mohammed eine entscheidende Grundfigur christlichen Denkens. Denn auch der Jesus des Johannesevangeliums behauptet von sich, dass alle bisherige Offenbarung auf ihn zulaufe, und zwar von jeher. „Ihr befragt die Schriften [gemeint ist: die Tora], da euch dünket, in ihnen ewiges Leben zu haben; auch und gerade diese Schriften [die Tora] sind es, die über mich Zeugnis ablegen.“ (Johannes 5,39. Eigene Übersetzung dieses Bloggers). In der Selbsterhöhung zum alles entscheidenden Dreh- und Angelpunkt der Offenbarung gleichen sich der johanneische Jesus und der asharitische Mohamed wie ein jüngerer Bruder dem älteren.

Übrigens verschafft mir dieses Blog selbst oft Erlebnisse, wonach ich mich fragen muss: Wer hat’s zuerst gesagt? So erhob ich, betrübt durch die harten Anklagen unserer Migrantenverbände, am 03.03.2009 meine Stimme und rief aus:

Oh ihr meine lieben Türken, fragt nicht immer: “Was kann der deutsche Staat noch alles für uns arme benachteiligte Migrantinnen und Migranten tun, damit wir endlich in Deutschland glücklich werden?”

Fragt doch mal: “Was können wir für uns tun, damit wir endlich – nach drei oder vier Generationen – in diesem Land ankommen und glücklich werden?”

Und heute entdecke ich, dass Necla Kelek eine ganz ähnliche Frage formuliert hat – und zwar wohl vor mir:

„Was tut jeder einzelne Migrant für sich und die Familien für sich und für die Gesellschaft überhaupt, um hier anzukommen?“

Ihr könnt das Video ansehen:

YouTube – Politik direkt | Necla Kelek – Engagierte Kämpferin gegen Islamismus

Habe ich also bei ihr abgekupfert? Der Streit darüber wäre müßig. Nein, wir sind durch konkrete Erfahrungen – sie als Deutsche und Türkin, ich als Russenbräutigam und polyglotter Deutscher, dessen Sohn in eine Klasse mit fast ausschließlich türkisch-deutschen und arabisch-deutschen Kindern geht  – zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen gelangt. Schlussfolgerungen, die wir beide als Frage an die Türken gerichtet haben.

Morgen kommt ja Necla Kelek zum tazkongress 2009 – sie wird ab 14.00 Uhr mit Tariq Ramadan, dem berühmten Verfechter eines aufgeklärten, europäischen Islam, diskutieren. Ich erwarte mir ein Fest des Denkens und Streitens! So nach taz-art eben. Ich werde hingehen und in diesem Blog live vom taz-Kongress berichten. Meine Hoffnung ist, dass sich diesmal auch endlich die Berliner Moslems beteiligen und zu Wort melden – anders als bei unserem allerersten Beitrag, der überhaupt den Anstoß zu diesem Blog gab. Wenn morgen sich außer Ramadan und Kelek wieder kein Berliner Moslem, kein Berliner Türke an der Diskussion beteiligt, dann werde ich zweifeln, ob solche Diskussionen etwas bewirken, oder nicht doch im luftleeren Diskurs-Raum tänzeln und tazzeln. So recht nach taz-Art eben.

Meine Leitfrage beim Zuhören wird morgen sein: Wird sich durch all das Tazzen und Tanzen die Lage der Klassenkameraden meines Sohnes – Zakaria, Israa, Beyza-Gül, Oguzhan, Fahad, Rojhat, Baris, Furkan – auch nur um einen Deut ändern? Wird es ihnen helfen, in diesem ihrem Deutschland glücklich zu werden? Diesen Kindern fühle ich mich verpflichtet. Und wenn morgen niemand für diese Kinder ein Wort einlegt, dann werde ich das tun.

Unser Bild zeigt den Volkspark Hasenheide in Berlin-Neukölln.. Dort gibt es jederzeit Dinge zu kaufen, die man beim Krämer nebenan nicht bekommt.

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Apr. 172009
 

Der Prophet Muhammad war zutiefst eingetaucht in die Welt der jüdisch-christlichen Überlieferung. Über weite Strecken ist der Koran eine Auseinandersetzung mit den Juden und den Christen, deren Überlieferung Muhammad so genau kannte. Achmed A. W. Khammas hatte uns am 08.11.2007 in diesem Blog die Augen für diese Kontinuität zwischen Christentum und Islam geöffnet, indem er fragte: „War Mohammed Christ?“

Immer wieder entdecke ich beim Studium des Korans Aussagen, Sätze, Bilder, die mir bekannt vorkommen. Woher kannte Mohammed diese Bilder? Was war sein Hintergrund? Gestern zitierten wir Sure 22, Vers 11. „Wenn ihn eine Versuchung trifft, kehrt er seinen Blick ab.“ Heute lese ich einen ähnlichen Satz in der jüdischen Torah. Gott spricht zu Kain. Gott weiß nicht alles, aber er kann das Gesicht des Kain lesen – da gärt etwas in Kains Gesicht. Kain wendet den Blick ab, senkt ihn. Es ist das Gesicht dessen, der mit sich nicht im reinen ist. Gott spricht zu Kain, 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers: „Ist es nicht so: Wenn es dir gut geht, trägst den Blick hoch, und wenn du nicht gut handelst, dann lauert Fehltritt und nach dir ist sein Verlangen.“

Kaum ein anderer Satz hat mich in den letzten Tagen mehr beschäftigt als eben dieser. Ich halte diesen Dialog zwischen Gott und Kain für einen der schönsten überhaupt. Warum? Er zeigt etwas Grundlegendes: Kain, unser aller Vorfahr, ist weder völlig gut noch völlig böse. Er ist jederzeit hineingestellt in diese Entscheidung. Der Gott, der ihm begegnet, ist weder allmächtig noch allwissend. Es ist ein sprechender, ein suchender Gott. Wie der Gott des Korans auch, so lässt der Gott der jüdischen Bibel den Menschen in diese Freiheit hineingestellt. Der Mensch ist weder absolut gut noch absolut böse.

In genau diesem Sinne erklärte Yehuda Bacon, dessen Familie von den Nazis in Auschwitz umgebracht worden war, im Frankfurter Auschwitz-Prozess: „Niemand ist absolut böse, jeder hat einen Funken Menschlichkeit in sich. Jeder Mensch muss vorsichtig sein, denn jeder kann in seinem Leben in die Hölle abrutschen. Der Abgrund ist eine Gefahr für uns alle.“ Ich las dies in einem sehr profunden Artikel über die „Banalität des Bösen“ von Sebastian Beck in der Süddeutschen Zeitung vom 11./12./13.04.2009.

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Apr. 152009
 

13042009.jpg Erneut zitieren wir heute aus dem Koran. Heute aus Sure 22, Vers 11. An diesen Vers musste ich gestern nacht denken. Ich fuhr auf dem Rad die Stresemannstraße nachhause. Es war ein herrlicher lauer Sommerabend, ein letztes Spätlicht hielt sich noch in den Straßen. Plötzlich zuckte ich zusammen – mein Lenker schlug aus, ich zitterte. Dann erst merkte ich: Aus einem knapp an mir vorbeifahrenden Auto hatte mich ein Mann angebrüllt: HU! Sehr laut, völlig unvorbereitet, so plötzlich, dass ich erst erschrak und zusammenzuckte, fast stürzte, und dann erst bemerkte: aus dem offenen Fenster eines vorbeifahrenden Kleinwagens heraus lehnte ein junger Mann, lachte über mein Erschrecken.

Ich fing mich, stürzte nicht. Dann erwachte in mir stechend, heiß und unbeugsam der Wunsch nach Vergeltung. „Na, dich knöpf ich mir vor!“ Mein Wunsch nach Vergeltung verlieh mir Kraft, an der nächsten Ampel, vor der SPD-Parteizentrale hatte ich das Auto eingeholt.  Ich klingelte laut, rief zornig: „Hey, ihr da! Was sollte das da sein!“ Der Beifahrer kurbelte das Seitenfenster herunter: „Bitte, wie können wir Ihnen helfen?“ „Was hast du mich eben angebrüllt, ich wäre fast umgefallen!“, rief ich.

„Das war ich nicht!“, sagte der junge Mann und wandte sein Gesicht in die andere Richtung. „Aber ich erkenne dich, ich erkenne euer Auto wieder“, erwiderte ich. „Warum habt ihr das gemacht? Ich möchte wissen, was in euch vorgeht!“ „Wir waren das nicht, Sie müssen sich täuschen!“, erhielt ich als Antwort.

Und schon begannen in mir die Zweifel aufzusteigen. Hatte ich mich getäuscht? Vielleicht waren sie es doch nicht? Ich fasste einen Plan: „So, dann fahren Sie mal rechts ran – Papiere bitte, Fahrzeugschein und Führerschein!“ Und die List wirkte.

„Natürlich, wir waren es“, sagte jetzt der Fahrer. Er schaltete die Warnblinkanlage an und stieg aus: „Hey, mein Kumpel hat Stoff genommen, der ist high, der weiß nicht, was er sagt. Klar, er war es. Ich entschuldige mich für meinen Freund. Ich lebe schon seit 28 Jahren hier in Berlin, ich bin Deutschtürke. Ich bin mit einer Deutschen verheiratet. Ich will keinen Ärger mit der Polizei.“

Der Typ war mir sympathisch. Mein Zorn war schon verraucht. Ich verzieh ihm, wir verabschiedeten uns – als Freunde, wir gaben uns die Hand, und ich bin sicher, wir würden uns bei einem Wiedersehen gut verstehen. Dass er sich im Namen seines Freundes, der gerade auf auf Rauschgift war, entschuldigte, hat mich beeindruckt. Allerdings wird der Brüller, der mich fast zum Stürzen gebracht hätte, dadurch in seinem Handeln eher bestärkt werden. Denn er weiß: Es findet sich immer einer, der die Haftung übernimmt. Man kommt immer davon.

Was sage ich im Nachhinein dazu?

Ich habe immer wieder mit jungen Männern gesprochen, die was ausgefressen haben, mit den Steineschmeißern, mit Rauschgiftsüchtigen, mit den Jungs, die etwa ins Prinzenbad über den Zaun einsteigen. Was mir immer wieder auffällt: Sie wenden das Gesicht ab, sobald man sie anspricht, wie es im Koran so schön heißt. Wenn man sie fragt: „Warum machst du das? Mach das nicht!“, dann kommen immer Antworten wie: „Ich war das nicht“, oder: „Wir müssen das machen, wir haben kein Geld“. Jede persönliche Verantwortung wird abgeleugnet, es wird irgendeine Lüge aufgetischt, der Blick wandert in andere Richtungen. Sie verweigern letztlich die Antwort. Als Einzelpersonen kriegt man die Jungs so kaum zu fassen. Sie verweigern jede persönliche Verantwortlichkeit, verstecken sich im Wir. Sie werden nie sagen: „Ja, das habe ich gemacht.“

Ich halte diese Grundhaltung für verheerend. So werden diese jungen Leute nie lernen, zu sich zu stehen. Ein gesundes Selbstbewusstsein kann so nicht entstehen.

Was hören diese jungen Männer in der Schule, in den Familien? Etwa, dass sie arme Migrantenkinder sind, denen die böse, hartherzige Mehrheitsgesellschaft keine Chancen einräumt?

Sind sie arm? Nein, solange man mit einem Auto ziellos durch die Gegend kurvt, harmlose Radfahrer erschreckt und Rauschgift konsumiert, ist man nicht arm. Sind sie Migranten? Nein, sie sind hier in Berlin geboren und aufgewachsen, es sind unsere Kinder, es ist unsere nächste Generation. Sie sprechen einwandfreies Kreuzberger Türkdeutsch als Erstsprache.

Ist die deutsche Mehrheitsgesellschaft böse? Nein, denn diese Kinder aus türkischen und arabischen Familien sind bereits die Mehrheit in unseren Kreuzberger Regelschulen. Diese Jugendlichen sind nicht böse. Sie sind nur vollkommen verwöhnt und verhätschelt, orientierungslos, alleingelassen. Die deutschen Familien wenden ebenfalls das Gesicht ab, ziehen weg.

Die jungen Türken und Araber der dritten und vierten Generation  sind das Gegenstück zu einer anderen Gruppe deutscher Jugendlicher, die derzeit wieder verstärkt Autos anzünden, Läden einschmeißen, Steine schmeißen, Polizisten angreifen, Menschen zu vertreiben suchen. Die deutschen sogenannten autonomen Jugendlichen einerseits und die türkisch-arabischen sogenannten muslimischen Jugendlichen andererseits halten sich streng voneinander getrennt, sie haben nichts miteinander zu tun. Sie leben die Spaltung, auf die die deutsche Gesellschaft zuschreitet, bereits vor. Aber sie verbindet doch eine gemeinsame Grunderfahrung: „Mach, was du willst, hier in Berlin kannst du dir alles erlauben – aber lass dich nicht erwischen.

Und wenn sie dich erwischen, leugne alles ab.“

Über diese Haltung sagt der Koran in Sure 22, Vers 11:

Und unter den Menschen gibt es manch einen, der Gott nur beiläufig dient. Wenn ihn etwas Gutes trifft, fühlt er sich wohl dabei. Und wenn ihn eine Versuchung trifft, macht er kehrt auf seinem Gesicht. Er verliert das Diesseits und das Jenseits. Das ist der offenkundige Verlust.

 Posted by at 23:20
Apr. 152009
 

Immer wieder beklagen sich Bürger und Politiker über die „schamlose Mitnahmementalität“ vieler Bankiers und  Topmanager, die trotz von ihnen zu verantwortender Milliardenverluste dann eben doch ohne mit der Wimper zu zucken die ihnen „vertraglich zustehenden“ Abfindungen und Vergütungen einfordern, ehe sie die Flatter machen und das Unternehmen sich selbst und dem Konkursverwalter  überlassen.  Sie behaupten, und viele reden ihnen dies nach: Ihr Noch-Arbeitgeber, den sie an die Wand gefahren haben, „schulde“ ihnen die „vertragliche Leistung“.

Da kommt mir beim kursorischen Lesen des BGB aber doch ein Zweifel! Lest selbst:

BGB – Einzelnorm
§ 242 Leistung nach Treu und Glauben
Der Schuldner ist verpflichtet, die Leistung so zu bewirken, wie Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte es erfordern.

Ich bin zwar kein Jurist, aber mir scheint, der Grundsatz von „Treu und Glauben“ sowie die „Verkehrssitte“ sind bisher viel zu wenig berücksichtigt worden!

Ein Beispiel mag dies verdeutlichen: Mein Fitness-Studio ist seit drei Wochen geschlossen. Es will Probleme mit dem Vermieter haben. Der Vermieter der Räumlichkeiten ist zahlungsunfähig, deshalb liefern die Wasserbetriebe kein Wasser. Der Betrieb des Fitness-Studios ruht auf unbestimmte Zeit. Ich habe die Leibesübungen aus dem Studio hinaus ins Freie – etwa in das Spreewaldbad oder den Tiergarten – verlagert.

Schulde ich dem Studio weiterhin den vertraglich vereinbarten Mitgliedsbeitrag, bzw. kann ich anteilsmäßig die Herausgabe des im voraus gezahlten Jahresbeitrags verlangen? Meine Antwort: „Nach Treu und Glauben“ schulde ich nicht. Mein Vertragspartner leistet nicht, also schulde ich ihm auch die Gegenleistung nicht. Ich werde die Rückzahlung des Mitgliedsbeitrags für die versäumte Zeit verlangen.

Ich rege die Juristen unter meinen Lesern an, über die folgende Frage nachzudenken: Schuldet der Arbeitgeber seinen leitenden Angestellten die Abfindungen zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses auch in solchen Fällen, in denen nach Treu und Glauben mit Rücksicht auf die Verkehrssitte dies nicht erwartet werden kann, etwa bei fahrlässig herbeigeführten Verlusten oder Insolvenz des Unternehmens?

Wie sagte der Meister zu Hans im Glück doch: „Wie dein Dienst war, so sei auch dein Lohn.“

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Es geht auch anders: Freie Bahn für Fußgänger

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Apr. 152009
 

Vielsprechend klingt ein Konzept, über das heute die Berliner Zeitung berichtet. Lest es euch durch: Es kostet viel weniger als Shared Space, es führt zu einer Gleichberechtigung zwischen Verkehrsteilnehmern. Allerdings müssten auch die Radfahrer sich an die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h halten. Ob wir das schaffen?

Freie Bahn für Fußgänger – Berliner Zeitung
Autos dürfen nicht schneller als Tempo 20 fahren, dagegen haben Fußgänger überall den Vortritt. Sie dürfen jederzeit und an allen Stellen die Fahrbahn überqueren. So geht es in den mehr als 300 Begegnungszonen zu, die es inzwischen in der Schweiz gibt. Was sich in dem Nachbarland bewährt hat, könnte auch in Berlin funktionieren, heißt es im Senat. Nach seinem Willen sollen Berliner Nebenstraßen ebenfalls zu Begegnungszonen werden – zunächst versuchsweise. „Wir werden die Bezirke nun bitten, uns Straßen zu nennen, die für Modellprojekte geeignet wären“, sagte Heribert Guggenthaler aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Ein Kandidat könnte die Bergmannstraße in Kreuzberg sein.

Der Senat will Berlin fußgängerfreundlicher machen. Schließlich wird hier rund ein Viertel aller Wege per Pedes zurückgelegt, in Innenstadtbereichen sogar mehr als die Hälfte. Begegnungszonen könnten dazu beitragen, Nebenstraßen, auf denen besonders viel flaniert wird, sicherer und noch attraktiver zu machen, so Guggenthaler. „Mehr Rücksichtnahme ist das Ziel“, sagte der Referatsleiter für die Gestaltung von Straßen und Plätzen. Die Bergmannstraße, die sich in Kreuzberg als Kiez-Boulevard etabliert hat, wäre ein gutes Versuchsgebiet.

Wo in der Schweiz das entsprechende blau-weiß-rote Verkehrszeichen steht, dürfen Fußgänger die gesamte Verkehrsfläche benutzen – inklusive der Fahrbahn. „Sie sind gegenüber den Fahrzeugführern vortrittberechtigt, dürfen die Fahrzeuge aber nicht unnötig behindern“, heißt es in der „Signalisationsordnung“ des Nachbarlandes. Alle Fahrzeuge dürfen nicht schneller als 20 Kilometer in der Stunde fahren. Parken ist möglich – aber nur dort, wo Verkehrszeichen oder Markierungen dies ausdrücklich erlauben. Das gilt auch für Fahrräder.

Größere Straßenumbauten sind nicht erforderlich. „Die Bordsteine bleiben, die Bereiche für Fußgänger und Fahrzeuge sind weiterhin voneinander getrennt“, so der Planer. Dadurch sind Begegnungszonen billiger als „Shared-Space-Bereiche“, wie sie in den Niederlanden und im niedersächsischen Bohmte zu finden sind. Denn in „gemeinschaftlich genutzten Räumen“ (so eine Übersetzung) gibt es keine Bordsteine mehr, stattdessen eine Verkehrsfläche für alle. Auch Ampeln, Verkehrsschilder und Markierungen passen nicht zu diesem Konzept. Der Senat sieht es nicht nur wegen der Kosten skeptisch, sondern auch deshalb, weil Parkplätze nach der reinen Lehre in solchen Bereichen nicht vorgesehen sind. Damit drohten „Akzeptanzprobleme“. In Großstädten könnten Begegnungszonen also „unter Umständen die bessere Lösung sein“.

Deshalb lehnt der Senat auch den Vorschlag ab, die Tauentzienstraße in der City-West als „Shared Space“ zu gestalten. Sicher müssten in diesem Fall die parkenden Autos verschwinden, sagte die Bürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Monika Thiemen (SPD). Dafür würde die Straße für Einkaufsbummler und Spaziergänger attraktiver. „Wir sollten hier mutig denken“, bekräftigte Thiemen gestern. Doch wenn „Shared Space“ dort nicht möglich ist, könnte die Tauentzienstraße auch eine Begegnungzone à la Schweiz werden.

 Posted by at 14:59

Shared Space setzt einen Mentalitätswandel voraus

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Apr. 152009
 

Seit Januar 2008 verfolgen wir in diesem Blog das Konzept von Shared Space. Seit einigen Monaten wird es auch in Berlin breiter diskutiert. Überrascht war ich, in der aktuellen Radzeit die folgende, eher skeptische Einschätzung des Verkehrswissenschaftlers und Soziologen Andreas Knie von der TU Berlin zu lesen:

Sybil Henning-Wagener: Ist das Konzept vom Shared
Space, das Hans Monderman immerhin
schon vor 30 Jahren in die Welt gesetzt
hat, die Verkehrsutopie, die diese neue Urbanität
befördern könnte?
Andreas Knie: Shared Space ist unter anderem ein Versuch,
die alte funktionale Trennung ein Stück
weit aufzuheben. Doch darf man nicht vergessen:
Die praktizierten Formen der „Verkehrsfluss“-
Idee sind bis heute auch sehr leistungsfähig.
Mit Shared Space würde man diese Codierung
des Straßenraumes, diese rechtlich
verbindliche Regelungsform, wieder zurückschrauben.
Shared Space bedeutet, alles, was
festgelegt ist und ohne Nachdenken befolgt
wird, wieder verhandelbar zu machen. Man
fährt natürlich dann ganz anders. Der Autofahrer
oder die Autofahrerin müssen alle Sinne anstrengen,
um sich fortzubewegen. Andererseits
besteht Konsens darüber, dass die Vorgänge im
Verkehr zu 95 Prozent und mehr Routine sind.
In modernen hochdifferenzierten Großstädten
denken Sie über Ihre verkehrliche Aktivität
nicht nach. Shared Space ist sicher ein Beitrag
zu mehr Sicherheit, ein Beitrag zu einer vollkommen
neuen Verkehrskultur und einer Entschleunigung
der Städte, ich halte ihn aber, gemessen
an der eigentlichen Aufgabe der Städte,
schnelle Teilhabe zu organisieren, für keinen
funktionstauglichen Entwurf. Demokratie heißt
immer Teilhabe, das heißt auch immer: schnelle
Ortsveränderung, Beweglichkeit.

RadZeit-2-2009-72dpi.pdf (application/pdf-Objekt)

Umgekehrt wird nunmehr laut einem Bericht in der Morgenpost vom 14.04.2009 in Charlottenburg diskutiert, bei der Neugestaltung des Tauentzien-Platzes erstmals in Berlin Shared Space Wirklichkeit werden zu lassen:

Berlins Einkaufsmeile Nummer eins – die Tauentzienstraße – sorgt für Streit. Jetzt hat sich Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen (SPD) eingeschaltet. Sie schlägt vor, bei der ohnehin geplanten Umgestaltung der rund 600 Meter langen Shopping-Meile mutig etwas ganz Neues zu probieren: Alle Verkehrsteilnehmer sollen sich gleichberechtigt den öffentlichen Straßenraum teilen – ohne Bordsteine, Schilder oder Ampeln. Bekannt geworden ist das Konzept unter dem Namen „Shared Space“ (geteilter Raum). Vor rund zwei Jahren wurde das niedersächsische Bohmte (13.300 Einwohner) als „erste deutsche Stadt ohne Schilder“ berühmt.

Mein eigener Standpunkt:  Zu Beginn war ich hochbegeistert von dem Konzept. Ich warb eifrig bei meinen Mitstreitern, etwa in der Fahrradlobby, für Vorarbeiten und genauere Befassung. Mittlerweile ist mein Eifer schwächer geworden, weil die Idee offenbar nicht so recht zündet. Persönlich wäre ich schon froh, wenn wir mit den vorhandenen Regeln zu einem auskömmlichen Miteinander kämen. Doch so weit sind wir noch nicht. Ich wünsche mir einen Mentalitätswandel im Straßenverkehr. Ob er durch das neuartige Konzept von Shared Space kommt? Ich hege Zweifel. Denn unser Verkehrsverhalten hängt wesentlich von unserer Einstellung ab. Tugenden wie Rücksicht, Aufmerksamkeit, Regeltreue sind noch nicht weit genug verbreitet. Shared Space setzt den mündigen, den erwachsenen Verkehrsteilnehmer voraus, den wir in zu geringen Zahlen haben.

Umgekehrt würde sich die Lage sofort verbessern, wenn mehr Menschen sich rücksichtsvoll, regeltreu und aufmerksam verhielten.

Ganz ohne Kosten, auch ohne Shared Space.

 Posted by at 14:46

Radfahrer – bitte erwachsen werden!

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Apr. 142009
 

„Hey Mann, niemand in unserem Alter hält sich als Radfahrer an Verkehrsregeln!“, „die Regeln sind nicht für uns gemacht“, diese und ähnliche  Sätze höre ich immer wieder. Aber auch diesen: „Papa, warum soll man sich eigentlich an Regeln halten?“

Ich meine: Wer am Verkehr teilnimmt, muss sich den Verkehrsregeln unterwerfen. Ein Fahrrad ist kein Spielzeug, kein Spaßgerät, sondern ein Verkehrsmittel wie etwa ein BVG-Bus, ein VW Touareg oder ein Daihatsu Cuore auch.

Dass die Polizei über die Nichtbeachtung der Regeln schimpft, versteh ich. Ich tue es auch.

Verkehrskontrollen – Berliner Polizei schimpft über Radfahrer – Berlin – Berliner Morgenpost
Im sonnigen Frühling schwärmen die Radfahrer in Massen aus, aber bei der Polizei geben viele Berliner auf zwei Rädern kein gutes Bild ab. Nach intensiven Kontrollen beklagen sich die Beamten ungewohnt deutlich darüber, dass viele Radler „die Kontrollen für überzogen hielten und sehr häufig jegliche Einsicht vermissen ließen“.

 Posted by at 23:19

Der Stärkere gibt nach: Rücksicht, Respekt, Regeltreue beim Radverkehr

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Apr. 142009
 

Gleich zwei gute Artikel  zum Thema Fahrrad entdecke ich heute auf S. 33 in der Süddeutschen Zeitung – Auszüge daraus darf ich euch nicht vorenthalten. Ich lasse sie unkommentiert, da die Aussagen wohlfundiert sind und aus meiner Sicht keiner Klarstellung bedürfen. Bitte mehr davon – nicht oft findet man als Fahrradaktivist Artikel, die wirklich den neuesten Stand wiedergeben!

Zum Beginn der Fahrradsaison – Der Stärkere gibt nach – Zweirad – sueddeutsche.de
Endlich – die Sonne scheint, die Temperaturen steigen, der Frühling ist da. Und damit sind auch wieder viel mehr Radfahrer auf deutschen Straßen – auf dem Weg zur Arbeit, schnell ums Eck zum Einkaufen oder gut gelaunt unterwegs ins Wochenende. Eine Fortbewegung, die allen und allem dient, denn: Das Fahrrad – laut Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) gibt es in Deutschland rund 68 Millionen – fördert nicht nur die persönliche Gesundheit, sondern ist auch kostengünstig und mangels jeglicher CO2-Emissionen absolut umweltfreundlich. […]

„Die schwersten Verletzungen, oft auch mit tödlichen Folgen, erleiden Radfahrer am Kopf“, beklagt Welf Stankowitz, Fahrradexperte beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR). Deshalb sei „der Helm Lebensretter Nummer eins für Radfahrer“ – so wie der Sicherheitsgurt für Autofahrer. […]

Radfahrer, ohne Pufferzone, sind gerade bei Kollisionen mit Autos massiv im Nachteil. Die aktuelle Forschungsarbeit „Unfallrisiko und Regelakzeptanz von Fahrradfahrern“ hat deshalb untersucht, wo es im Straßenverkehr zu besonders kritischen Situationen zwischen Radlern und Autofahrern kommt. Die repräsentative Studie, die in Kürze veröffentlicht wird und der Süddeutschen Zeitung bereits in Auszügen vorliegt, haben die Planungsgemeinschaft Verkehr (PGV) in Hannover und das Institut Wohnen und Umwelt (IWU) in Darmstadt im Auftrag der BASt erstellt.

Ausgewertet wurden rund 800 Unfälle; zudem wurden in zehn deutschen Städten mehr als 800 Radfahrer befragt und über mehrere Stunden täglich etwa 39.000 Radfahrer beobachtet. Zwei Situationen sind besonders gefährlich, so Studienleiter Dankmar Alrutz von der PGV: „Gibt es auf jeder Straßenseite einen Radweg, sind Radler oft auf der falschen Seite unterwegs und werden von Autofahrern übersehen. Aber auch beim klassischen Rechtsabbiegen achten viele Autofahrer zu wenig auf von hinten kommende Räder.“ […]

Denn die Wahl des richtigen und damit sichersten Weges führt immer wieder zu Diskussionen zwischen Bikern und Planern in Städten und Gemeinden. Radwege sind von der Straße getrennt und auf einem Niveau mit dem Bürgersteig; Rad- und Schutzstreifen dagegen verlaufen auf der Fahrbahn und sind von der Autospur nur durch eine Linie getrennt.Radweg und Radstreifen sind meist mit dem runden blauen Verkehrsschild gekennzeichnet – und damit benutzungspflichtig. Etwa 70 Prozent der Radwege in Deutschland sind so gekennzeichnet. „Diese Vorschrift ist nicht sinnvoll, denn oft sind die Wege zu schmal, haben Schlaglöcher, Baumwurzeln ragen heraus“, weiß Cibulski.[…]

Zu riskanten Begegnungen kommt es aber nicht nur wegen der mangelnden Rücksicht, sondern auch wegen Unkenntnis und Missverständnissen – zum Beispiel bei der Frage, nach welcher Ampel sich Radfahrer richten müssen. Eine Änderung der Straßenverkehrsordnung (StVO), die Anfang des Monats vom Bundesrat beschlossen wurde und am 1. September in Kraft tritt, schafft mehr Klarheit. Danach gelten für Radfahrer grundsätzlich Auto- und nicht Fußgängerampeln. „Damit wurde endlich anerkannt, dass Radfahrer keine Fußgänger sind“, freut man sich beim ADFC.

Doch auch Radfahrer selbst bringen sich immer wieder in Gefahr. „Die meisten kennen die Verkehrsregel sehr gut“, erläutert Alrutz ein Ergebnis der Studie. Aber: Etwa 60 Prozent der Befragten haben kein Problem damit, auf einem Radweg gegen die vorgeschriebene Richtung zu fahren, auf dem Bürgersteig zu radeln oder eine nicht für Radler freigegebene Einbahnstraße zu nutzen. Und 45 Prozent der Befragten geben zu, „mal bei Rot über die Ampel zu fahren“. Kaum nachzuvollziehen, denn: Wechseln dieselben Radler die Rolle, setzen sich also ins Auto, stellt keiner von ihnen das Stopplicht in Frage. In diesem viel praktizierten Rollenwechsel sieht Welf Stankowitz vom DVR aber auch eine große Chance für mehr Sicherheit: „Es ist wichtig, dass sich beide Gruppen besser verstehen, sich entsprechend verhalten und Rücksicht nehmen.“

Der wachsende Radverkehr müsse ernster genommen werden. Dazu gehöre auch, dass beim Bau von Radwegen die jeweils sinnvollste Lösung gewählt werde, die allen Verkehrsteilnehmern die größtmögliche Sicherheit biete. „Wer hier spart, gefährdet Leben“, so Alrutz. Aber auch ungewöhnliche Überlegungen könnten dem Rad zu einem positiveren Image und zu noch größerer Verbreitung verhelfen. Statt 2500 Euro Abwrackprämie schlägt der ADFC „250 Euro staatliche Förderung beim Kauf eines neuen Fahrrades“ vor.

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Festgemauert in der Erden ist sie: die migrantische Mentalität

 Männlichkeit, Migration, Theater, Unter Arabern, Vergangenheitsunterschlagung, Vertreibungen  Kommentare deaktiviert für Festgemauert in der Erden ist sie: die migrantische Mentalität
Apr. 142009
 

Gestern schlugen wir Theaterarbeit vor, um die türkischen, die arabischen Jungmänner aus ihrem selbstgewählten Mentalitätsghetto, das festgemauert in der Erden ist, herauszustoßen. Wir wählten dazu ein deutsches Werk, das in der Ferne liegt: Schillers Räuber. Kräftig schimpfen und fluchen in einem eigens arrangierten Umfeld – das wird helfen. Fast denselben Ansatz verfolgen auch die Schwulen- und Lesbenverbände in ihrer Arbeit mit den türkischen und arabischen jungen Deutschen. Allerdings wählen sie nicht einen fremdartigen Text der deutschen Literatur, sondern sie nehmen unverändert die Ghettomentalität als Material her.

Ich selbst bin übrigens ebenfalls ein Migrantenkind, allerdings nur der zweiten Generation, nicht der dritten und vierten wie die meisten Kinder hier in Kreuzberg. Mein Vater hat es mir erzählt: Mitten im Frieden, es war 1946, kehrte er aus amerikanischer Gefangenschaft in den Staat zurück, als dessen Staatsbürger er geboren und aufgewachsen war. Aber dieser Staat hatte nach Kriegsende beschlossen, dass ein Drittel der eigenen Bevölkerung von heute auf morgen nicht mehr dazugehörte. Sie mussten raus. Und alles, was sie hatten, das gehörte ihnen auch nicht mehr. „Volkseigentum“, stand am Hoftor des Bauernhofes, in dem mein Vater gelebt hatte. In tschechischer Sprache. „Národní majetek“. Hatten sie alles verloren? Nein! 20 kg durften sie mitnehmen. Also, mit 20 kg kamen die Migranten, darunter mein Vater, in den Jahren 1945-1946 zu Millionen nach Deutschland. Sie bekamen eine Starthilfe vom Staat und ab dann mussten sie sich selber eine neue Existenz erarbeiten.

Mach ich jetzt ein großes Gedöns daraus? Verlange ich, dass die Bundesrepublik mir und meinesgleichen eine Sonderstellung zuerkennt, weil ich ein Migrantenkind bin? Nein, mein Vater hat sich assimiliert, er hat die bäuerliche Existenzweise aufgegeben, hat in den USA und Deutschland studiert. Und genau dieser Weg steht allen „Migranten“-Kindern heute ebenfalls offen.

Allerdings sind sie im Nachteil: Der Staat schenkt ihnen zu viel. Sie fahren Autos, haben leichten Zugang zu Drogen, zu schnellem Sex, zu I-Pods und Netbooks. Ein herrliches Leben für das männliche Jungvolk! Es gibt für sie keinen Zwang zur Veränderung. Sie haben ja alles, um ein gottgefälliges Leben zu führen. Materielle Not haben sie in Kreuzberg oder Neukölln nie kennengelernt.

Der Tagesspiegel berichtet heute über das herrliche Theaterspielen, wo man so richtig die Sau rauslassen darf:

„Wie, du bist schwul?“
Die Kinder hören interessiert zu. Blond ist hier nur einer, ein paar Mädchen tragen Kopftuch. Sie stammen alle aus Einwandererfamilien mit Eltern aus dem Libanon, der Türkei, Bosnien und dem Irak. Der Sonderunterricht macht deutlich: Über Sexualität wird bei den meisten zu Hause nicht offen geredet. Über Schwule und Lesben schon gar nicht, das Thema ist tabu oder kommt höchstens als Sünde vor. Wohl deshalb quillt die „Fragebox“ der Trainer über, ein Pappkarton mit Schlitz, in den Zettel mit Fragen eingeworfen werden können. […]

Am Anfang genieren sich die Siebtklässler noch, doch bald tauen sie auf, und es hagelt Schimpfwörter: „Schwuchtel“, „Transe“, „Homo“, „Tunte“ – die Kreuzberger Schüler rufen alle Beleidigungen für Schwule und Lesben durcheinander, die sie kennen. Schließlich haben die drei Besucher danach gefragt. Das Lieblingsschimpfwort der 29 Schüler der Carl-von-Ossietzky-Schule sei derzeit „schwules Opfer“, sagt ihr Lehrer.

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Apr. 132009
 

Vorgestern nannten wir, gestützt auf unsere Gespräche mit türkischen, arabischen und deutschen Jugendlichen, diese Generation eine Generation der verlorenen Söhne. „Ich ficke deine Mutter“, „hey du Schlampe“, „du Opfer“, „du Jude“ und ähnliches sind einige jener häufigen Kraftausdrücke und Flüche, wie sie mittlerweile an deutschen Schulen, in deutschen Schwimmbädern gang und gäbe sind. Ich habe sie selbst oft gehört. Ungelöste Nöte mit der eigenen Sexualität, traditionelle Judenfeindschaft, Verachtung für die Schwachen, eine Verachtung der als allzu freizügig empfundenen westlichen Gesellschaften, eine Verachtung des eigenen Selbst, panische Angst vor Homosexualität,   – dies und vieles mehr drücken sich darin aus. An der Wurzel scheint eine völlige Orientierungslosigkeit, eine nüchterne Einsicht in die eigene Chancenlosigkeit zu stehen, ein hilfloses Suchen nach Halt, nach einem wie immer gearteten männlichen Vorbild, – und vor allem möchte man der Dominanz der Mütter und Schwestern entkommen.

Die deutsche Schule reagiert darauf offenkundig nicht oder nur ungenügend. Sie ist überfordert. Die Politik schaut ohnmächtig zu. Welches kulturelle Angebot können wir den türkischen und arabischen, den deutschen Jungmännern machen? Gibt es in der deutschen Kultur ein Werk, das diesen muslimisch geprägten Jugendlichen eine Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Selbstbild ermöglicht? Ich sage: Ja! Ich schlage dazu vor ein Werk eines heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Autors, den aber noch die Generation meiner Tanten (die nur die Volksschule besucht hatten), auswendig kannte. Er gehörte früher einmal zu den Dichtern, die die Deutschen kannten und liebten.

Heute kennen die Deutschen ihre Dichter nicht mehr, lesen sie nicht mehr an der Schule, lernen sie nicht im Kindergarten kennen, und folglich können sie auch nicht wissen, was sie zu verlieren drohen. Man vertreibt sich die Zeit mit Einheitsbrei, mit Fernsehsülze und Dudelmusik. Im Deutschunterricht wird heute offenbar nichts Wesentliches aus der Vergangenheit mehr gelesen. Folglich wird den türkischen und arabischen Jungdeutschen auch kein brauchbares Identifikationsangebot gemacht.

In Friedrich Schillers Drama „Die Räuber“ können türkisch-deutsche und arabisch-deutsche Jugendliche eine taugliche Folie finden, in denen sie ihre eigenen Nöte wie in einem fernen Spiegel erkennen.

Zunächst einmal: In dem Stück wird kräftig und ausdauernd geflucht und geschimpft, es sind pubertäre Ergießungen, die den Kreuzberger Jungdeutschen im Prinzenbad sicherlich das Wasser reichen können. Und es wird geplündert und gebrandschatzt, dass die linksautonomen Brandstifter, die reihenweise Autos in Friedrichshain-Kreuzberg anzünden, ihre helle Freude hätten! Eine ganze böhmische Stadt wird durch die Räuber in Schutt und Asche gelegt – da können selbst unsere Jungs aus dem schwarzen Block nicht mithalten. Was den Schillerschen Räubern, den Jugendgangs aus Neukölln und dem schwarzen Block der Kreuzberger deutschen Linksautonomen gemeinsam ist: Jede individuelle Verantwortung wird abgelehnt, man versteckt sich im Dunklen, im schwarzen Block, im türkisch-arabischen Gruppen-Ich, das jede Selbstbefreiung verhindert. Man steht nicht zu dem, was man tut, sondern schiebt die Schuld auf andere.

Die Frauen werden  regelmäßig als Hure oder Metze bezeichnet – dies entspräche dem Ausdruck Schlampe im heutigen Neuköllner Männerbewusstsein. Der Räuberhaufen rühmt sich auch mit besonderer Inbrunst, wie er ein Frauenkloster überfällt, plündert und die Nonnen dann einer Massenvergewaltigung unterwirft. Grausamkeiten, wie sie viel später in deutschen KZs an der Tagesordnung waren, werden in Schillers Stück bereits vorweggenommen. So erzählt das Gang-Mitglied Schufterle, wie er ein Kleinkind in den Feuertod stürzt:

Armes Tierchen, sagt ich, du verfrierst ja hier, und warfs in die Flamme.

In der Gestalt des Banditen Spiegelberg wiederum haben wir das Zerrbild eines Juden vor uns, wie ihn die düsterste Phantasie eines rabiaten Berliner Antisemiten auf einer Al-Quds-Demo nicht besser ersinnen könnte.

Meisterhaft schildert Schiller sodann die Selbstrechtfertigung des Karl Moor: Seine Verbrechen rechtfertigt Moor damit, dass die Herrschenden, also die Gerichtsherren, die Fürsten, die Pfaffen erbarmungslos das Volk ausplünderten und bis aufs Blut aussaugten! Das ist leidenschaftlich erregte Kapitalismuskritik,  wie sie „im Buche steht“. Karl Moor sagt:

„Mein Handwerk ist Wiedervergeltung – Rache ist mein Gewerbe.“

Exakt dieses Grundmuster werden wir dann ab 1977 im deutschen Herbst wiederfinden. Die RAF – etwa Andreas Baader, Ulrike Meinhof und alle die anderen – hing bekanntlich ebenfalls dem pathologischen Wahn an, sich an der herrschenden Klasse rächen zu müssen für all das, was die herrschende Klasse dem Volk angetan hatte – auch in den Jahren 1933-1945. Was für eine Verblendung, was für eine Wiederkehr des Gleichen macht Schiller hier sichtbar!

Ein erster Titel, den Schiller für sein erstes Drama wählte, lautete übrigens: „Der verlorene Sohn oder die umgeschmolzenen Räuber“. Welches Stück könnte besser auf unsere verlorenen Söhne passen!

Ich nehme an, dass dieses Stück von Friedrich Schiller an Berliner Schulen ebensowenig gelesen wird wie die Gedichte Hölderlins oder Bismarcks Lebenserinnerungen, ebensowenig wie das Kommunistische Manifest, der Koran, der Talmud oder das Neue Testament. Kein Kleist, kein Sigmund Freud, kein Goethe. Kein Nazim Hikmet. Keine Hadith.

Dabei bieten Schillers Räuber ein ideales Laboratorium der unfertigen, mit sich selbst mühsam ins Reine kommenden Männlichkeit. Würden Hauptschüler sich damit auseinandersetzen – etwa indem sie dieses Stück selbst erarbeiten und dann auf die Bühne bringen – sie hätten die riesige Chance, einen vergessenen Schatz der deutschen Kultur dem Vergessen zu entreißen. Und zugleich würden sie in einer Art Probehandeln die eigenen, zutiefst destruktiven Impulse beherrschen und umwandeln lernen. Sie könnten sich selbst gewissermaßen – wie im urspünglichen Titel angedeutet – „umschmelzen“.

Sie würden durch die praktische Theaterarbeit endlich auch eine gute, akzentfreie deutsche Aussprache lernen. Denn selbst das bringen die Berliner Schulen unseren Kindern nicht bei. Ich höre bei den arabischen und türkischen Jungdeutschen viel Nuscheln, Durch-die-Zähne-Sprechen, Stottern, Stammeln, Lallen.

Ich bin überzeugt: Durch die intensive Befassung mit Friedrich Schillers „Die Räuber“ könnte ein Beitrag zu dem geleistet werden, was Necla Kelek die „Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes“ nennt.

Die Boote liegen zur Abfahrt bereit.

Um mehr zu erfahren: Besucht das Prinzenbad und das Spreewaldbad in Kreuzberg! Sprecht mit den Jungs, hört ihnen zu!

Lest mehr dazu in: Friedrich Schiller: Sämtliche Werke. Erster Band. Gedichte. Dramen I. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 8., durchgesehene Auflage, Darmstadt 1987, darin: Die Räuber. S. 481-638

 Posted by at 18:03

Können Autos Demenzkranke pflegen?

 Geld  Kommentare deaktiviert für Können Autos Demenzkranke pflegen?
Apr. 122009
 

kolberg_bootshafen2009004.jpg Als einziges Land hat meines Wissens Japan in sein Konjunkturpaket auch einen gewichtigen Anteil für den Ausbau der Pflege für Alte und Kranke vorgesehen. Dies berichtete das ZDF gestern im Heute-Journal. Das finde ich sehr gut. In Deutschland hingegen hat man die Konjunkturpakte offen an den Bedürfnissen der Alten und der Pflegebedürftigen vorbei geplant. Denen ist es egal, ob die Pflegerin in einem 9 Jahre alten VW Polo oder einem nagelneuen Daihatsu Cuore anrollt.

Entscheidend ist: Viele Familien stecken ihre gesamten Ersparnisse, verführt durch die Abwrackprämie, in einen teuren neuen Wagen. Für Notfälle, etwa plötzlich eintretende Pflegebedürftigkeit, aber auch für demenzkranke Angehörige bleibt dann nichts mehr übrig. Auf etwa 5 oder sogar 6,5 Miliarden Euro wird der Umfang des staatlichen Ausgabevolumens für die Abwrackprämie nunmehr beziffert. Legen wir einen Durchschnittspreis von verbleibend 13.000 für ein neues Auto zugrunde, dann ergibt sich: Der Staat veranlasst die privaten Haushalte dazu, kurzfristig etwa 26.000.000.000 (in Worten: 26 Milliarden) Euro für ein neues Auto auszugeben. Für ein Auto, das zum jetzigen Zeitpunkt nicht angeschafft worden wäre. Dieses Geld fehlt der Volkswirtschaft für andere Zwecke, etwa für die Pflege und Betreuung von Kranken und Alten.

„Was hältst du eigentlich vom Weiterbau der A 100?“ So wurde ich in letzten Tagen mehrfach gefragt.

Meine Antwort: Autobahnen sind wichtige Verbindungsadern zwischen Städten. Der Güter- und der Personenverkehr sind auf funktionierende, schnelle Straßen und leistungsfähige Bahnverbindungen angewiesen. Städte sind gekennzeichnet durch ein kompliziertes System an Relationen zwischen vielen einzelnen Punkten. Städte sind polyzentrisch enstanden – ihre Struktur widerspricht dem Prinzip Autobahn.

Ich habe mich seit jeher gegen den Weiterbau der Stadtautobahn ausgesprochen. Denn ich trete seit vielen Jahren für einen Wandel in der Verkehrspolitik ein. Wir brauchen nachhaltige Mobilitätskonzepte, geprägt vom vernünftigen, intermodalen Miteinander. Autobahnen innerhalb von  Städten verstärken die vorherrschende Bevorzugung des PKW.

Und jetzt bin ich noch stärker gegen den Autobahnbau innerhalb der Stadt. Vor allem aus folgenden zusätzlichen Gründen:

In der jetzigen Wirtschaftskrise hat Deutschland bereits exzessiv in den Autoverkehr investiert. Aus ordnungspolitischen Gründen gilt es nun, mindestens dieselbe Summe zusätzlich zu den früher geplanten Ausgaben – also etwa etwa 5-7 Milliarden Euro – in die Förderung der nachhaltigen Verkehrsträger Bahnen, ÖPNV und Fahrrad zu investieren.

Die 2,3 km Autobahn mit Kosten von etwa 420 Millionen Euro würde ganz überwiegend durch den Bund finanziert – die vorherrschende „Mitnahmementalität“ des Bundeslandes Berlins würde dadurch noch einmal zusätzlich bestärkt.

Etwa zwei Drittel aller Autofahrten sind privat veranlasst. Etwa 50% der innerstädtischen Fahrten betragen weniger als 6 km. Hier gilt es anzusetzen.  Wir brauchen innerhalb der Städte eine massive Verlagerung des Verkehrs weg vom PKW hin zu Fahrrad, Bussen und Bahnen. Sobald dieses Verlagerung eingetreten ist, erledigen sich die Staus und Umweltprobleme der Anwohner von selbst.

Aber andererseits gilt: Die Messe ist gelesen. Politik heißt immer: Mehrheiten für realistische Ziele suchen.

Zwar mahnen durchaus einzelne Stimmen aus dem christdemokratischen Bereich wie etwa der Bundespräsident Köhler, wir müssten sparsamer und bescheidener leben. Und das heißt selbstverständlich: Wir sollen weniger Auto fahren. Die Bundeskanzlerin wiederum regt an, alle Staaten müssten sich langfristig auf die gleichen CO2-Verschmutzungsrechte pro Einwohner weltweit einigen – also etwa 4 Tonnen/Jahr. Und das lässt sich selbstverständlich nur erreichen, wenn wir unseren Lebensstil ändern und weniger Auto fahren, weniger Autobahnen bauen.

Hier in Berlin stemmen sich aber nur die Grünen gegen den Weiterbau der Autobahn. Für einen Stopp des fragwürdigen Projekts sehe ich deshalb keine politischen Mehrheiten. Wie soll man so gegen Rot-Rot ankommen?

So lasst uns denn lieber die frohen Nachrichten feiern, etwa diese:

Für die Radler läuft es rund
Mehr Radfahrer brauchen mehr Platz – und den bekommen sie in Berlin jetzt auch. Die Verkehrsverwaltung will auf lange Sicht sogar an allen 1500 Kilometern Hauptstraße Radspuren oder Radwege anlegen. Dies hat Heribert Guggenthaler, beim Senat zuständig für die Radplanung, angekündigt. Es gibt noch einiges zu tun: Bisher sind 950 Kilometer fahrradfreundlich ausgestattet. In diesem Jahr werden unter anderem in Schlüterstraße und Reichsstraße Charlottenburg, Müllerstraße Wedding, Annenstraße und Chausseestraße Mitte, Kniprode- und Greifswalder Straße Prenzlauer Berg sowie Streitstraße Spandau besondere Spuren auf der Fahrbahn markiert – was weit billiger ist, als Radwege auf dem Gehweg zu pflastern. Drei Millionen Euro stehen dafür pro Jahr zur Verfügung.

Unser Foto zeigt den Bootshafen im Flecken Kolberg im Märkischen Dahme-Seengebiet. Aufgenommen heute.

 Posted by at 22:34